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Der Israelit · 1934-09-06 · Heft 36 (6.9.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 36 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 36 1934 Meister Buchbinder. Erzählung von S. Kohn. (Fortsetzung.) Wenn in tiefsten Friedenszeiten eine platzende Bombe in die A.'er Amtsstube gefallen wäre, hätte sie gewiß keinen größeren Effekt hervorgerufen als Novoczeks Denunziation. — Naftali Löwi glaubte in die Erde einsinken zu müssen; — der Aktuar griff sich voll Schrecken ins Haar, bloß Amtsdiener Klaus und zu Löwis Erstaunen auch der Beteiligte selbst hatten ihre Fassung bewahrt. Der Erstere setzte rasch eine Brille auf die Nase, nahm den Steckbrief zur Hand und las diesen langsam, von Zeit zu Zeit durch Anstarren des Wieners diesen mit der Personalbeschreibung vergleichend. Alter: achtunddreißig Jahre . . . Größe: mittelgroß- . . . Züge: regelmäßig . . . Stirne: hoch . . . Augen: blau . . . besondere Kennzeichen: die untere Lippe etwas hervorstehend , . . Herrg'tt Element, das stimmt fein gut! — Ich will nicht Sebastian Klaus heißen, wenn das nicht unser Mann ist; — den müssen wir festhalten!" — und er wollte auch sofort den Worten die Tat folgen lassen, aber der Wiener frug entrüstet: „Was soll denn das bedeuten? für wen hält tnem mich denn?" „Für wen anders," erwiderte Klaus, ,,als für Josef Brettermann, den Wiener Buchdrucker, der ui seiner Offizin falsche Bankzettel drucken ließ!" ,,A! . . . der Brettermann! — wahrhaftig, mein Bruder hat mir erzählt, daß ich in Wien einen Doppelgänger besitze, der mir wie aus dem Gesichte geschnitten sein soll!" „Hat sich was zu doppelgängern!" schrie der Aktuar triumphierend, „das könnte Jeder sagen!" Jetzt schien der Wiener doch schon die Geduld zu verlieren, die leichte Spur einer'Zornesader machte sich an der Stirne bemerkbar. „Ich will hoffen, daß man in dem Unsinn nicht zu weit gehen wird," sprach er, und seine großen blauen Augen schleuderten Blitze, „ich bin nicht der Buchdrucker Brettermann . . . übrigens habe ich hier einen Zeugen, der mich kennt. — Naftali Löwi, ich gestatte es Ihnen, ganz offen zu sprechen!" Naftali Löwi glaubte schier nichts anderes, als der Unglückliche hätte vor Schrecken darüber, daß er entdeckt sei, den Verstand verloren; er blickte den Wiener mit verglasten Augen an und blieb stumm. „Ein sauberer Entlastungszeuge das!" schrie der Aktuar giftig; sich vor Vergnügen die Hände reibend, „ein jüdischer Handwerksgeselle! . . . aber laß Er mal hören, was Er von dem Manne weiß — oder was Ihm derselbe am Wege, wo Ihr leise mitsammen getuschelt habt, eingeblasen hat." Naftali Löwi brach der Angtschweiß aus allen Poren. „Herr!" sprach er, endlich sich mit einem liehenden Blick an den» Reisenden wendend, „Sie haben meine wärmsten Sympathien, ich kann mir nicht denken, daß Sie ein Verbrecher sind, oder nur etwas Unedles begonnen haben — aber ich darf ja doch nichts anderes als die Wahrheit sagen" . . . Dann fuhr er, das Wort an den Aktuar richtend, fort: „Dieser Herr da, ist mir gestern Abend auf dem Wege hierher begegnet, wir kamen, ich weiß selbst nicht wie, ins Gespräch, und da erfuhr ich, daß der Herr — Buchbinderei gelernt hat, das Handwerk aber nicht betreibt und ein anderes Gewerbe ergriffen hat. Er hatte Mitleid mit mir, weil ich als Jude keinen Meister finden kann und wollte mir zehn Gulden Bankozettel schenken . . ." „Hoho! falsche Noten sind billig, die kann man leicht wegschenken!" höhnte der Aktuar, „aber er wird Buch d r u c k e r , nicht Buchb i n d e r gesagt haben?" „Nein," beharrte Löwi, „er ist ein gelernter Buchbinder, er ist ein Mann vom Fach, er kennt ja alle Arbeiten, alle Termini!" „Aber, was sprechen Sie denn da?" wandte sich der Wiener an den Handwerksburschen. „Sie sagten ja, daß Sie mich erkannt haben, daß ich von Jedermann hier leicht erkannt werden würde, daß man meine Ankunft avisiert hatte .. . Was soll denn das alles bedeuten?" Löwi drückte die Hände an die schmerzende Stirne. Zwei Dinge waren gleich gut möglich, entweder war der Buchbinder, Buchdrucker, Banknotenfälscher oder was der Wiener sonst sein mochte — oder was ihm noch viel wahrscheinlicher schien, war er selbst wahnsinnig geworden und hatte das Vermögen, Worte und Handlungen Anderer richtig aufzufassen verloren! Inmitten des größten Tumultes wurde wieder die Türe aufgerissen und der Kreisdragoner Jeralek stürzte staubbedeckt atemlos ins Zimmer. „Ist der Herr Bürgermeister nicht anwesend?" schrie er mit beflügelter Eile, — „also hat sein Stellvertreter die Depesche unverzüglich zu öffnen; ausdrücklicher Befehl des Herrn Kreishauptmanns!" Da der Bürgermeister abwesend und die Depesche höchst dringend war, sah sich der Aktuar veranlaßt, das Schreiben zu öffnen; aber kaum hatte er einen Blick in dasselbe geworfen, als er erbleichte, ein Zittern seinen Körper durchlief und er erschrocken ausrief: „Klaus — Um G'ttes Himmels Willen — der Herr — ist nicht — der Herr —" dann aber fiel er ohnmächtig zusammen. Klaus, der noch die Brille auf der Nase hatte, ergriff nun die Schrift, die der zitternden Hand des Aktuars entfallen war, und las, ohne sich um diesen im Geringsten zu kümmern, in halber Geistesabwesenheit laut vor: „Wie dem Bürgermeister schon gestern direkt und vertraulich angezeigt wurde, wird Seine Majestät, unser allergnädigster Herr, der römische Kaiser Josef, Mitregent von Oesterreich, wohl im Laufe des morgigen Tages, das ist am fünften hujus, auf seiner Fahrt A. berühren, doch hat Allerhöchst Derselbe den Wunsch ausgesprochen, incognito zu bleiben, und wird daher dem Bürgermeisteramte hiermit strengstens verordnet, nicht durch einen feierlichen Empfang in ungeschickter Weise den allerhöchsten Intentionen zuwider zu handeln. Auch ist es hier vorgekommen, daß seine Majestät der Kaiser in kleinen Orten mit Zurücklassung seines Gefolges allein angekommen ist, und um sich einen Einblick in die Geschäftsführung der Behörden und Gerichte zu verschaffen, sich unter einem Vorwande in den Amtslokalitäten einfindet. Wenn sich daher im Laufe des morgigen Tages ein Unbekannter, unter irgend einem Vorwande, bei dem Bürgermeisteramte der königlichen Bergstadt A. einfindet, so ist dieser mit großer Höflichkeit und Zuvorkommenheit, aber auch mit großer Klugheit und Umsicht zu behandeln; da in keinerlei Art und Weise verraten werden darf, daß man weiß, welche allerhöchste Person man vor sich hat, eben so wenig, als daß man hiervon im vertraulichen, behördlichen Wege benachrichtigt wurde, wonach man sich strengstens zu halten hat. Ferner wird bekanntgegeben, daß der entsprungene Josef Brettmann aus Wien, dank der lobenswerten Umsicht des Lucker herrschaftlichen Amtes aufgegriffen, und heute anher abgeliefert wurde, und daher, der gegen Vorbenannten unter dem ersten hujus erlassene Steckbrief hiermit widerrufen wird! Elbogen, am 4. Oktober 1779. Der Kreishauptmann." „Warum lesen Sie geheime Berichte, die an Ihren Chef gerichtet sind?" frug der Fremde jetzt streng, „und warum springen Sie dem Aktuar nicht bei? Bringen Sie augenblicklich ein Glas frisches Wasser und besprengen Sie das Gesicht des Ohnmächtigen; — und Ihr" — er wandte sich an den Kreisdragoner und den Seiltänzer, „legt den Aktuar aufs Kanapee!" In dem Momente richtete der Kreisdragoner einen Blick auf den so gebieterisch auftretenden Fremden, Löwi ließ vor befangender Verlegenheit seinen Blick über die Wandflächen hingleiten, mit einem Male riefen der Kreisdragoner und Löwi zugleich: „Seine Majestät der Kaiser!" Der Kreisdragoner hatte ihn in Elbogen gesehen, Löwi hatte ihn an der Aehnlichkeit mit dem Bilde des Kaisers, das neben jenem der Kaiserin Maria Theresia die Amtsstube schmückte, — natürlich noch weit mehr durch den Inhalt des Briefes und das Zusammentreffen der Umstände erkannt. Nun entstand eine Szene, die wir auch annähernd nicht zu beschreiben vermögen. Der Amtsdiener und der Seiltänzer fielen auf die Kniee. „Ich hätte bald Hand an den Gesalbten des Herrn gelegt!" schrie jener und schlug sich an die Brust, daß es nur so dröhnte; — der Seiltänzer begann zu heulen, daß ihm das grenzenlose Unglück passierte, den römischen Kaiser, den höchsten Herrn auf der irdischen Welt als . . . das Wort wollte gar nicht über seine Zunge, „zu denunzieren;" — der Aktuar, dem der Amtsdiener in Folge des kaiserlichen Befehles Wasserquantitäten — ins Gesicht spritzte, als gälte es, ein brennendes Haus zu löschen, war wieder zu sich gekommen; aber er war so fassungslos, daß er kein Wort zu sprechen, nichts zu tun vermochte, als wie ein kleines Kind die Hände zu falten. „Beruhigen Sie sich alle!" sprach der Kaiser. „Stehen Sie auf," befahl er den Knieenden, „es war dies ein qui pro quo, wie das im Leben häufig vorkommt, und mag jenen Schmeichlern und Speichelleckern, welche behaupten, daß den Fürsten die angeborene Majestät ins Antlitz geprägt ist, sowohl als.jenen, die eitel genug sind, das zu glauben, zur heilsamen Lehre dienen . . . also ich sehe genau so aus, wie ein Buchdrucker, der falsche Bankozettel erzeugte! . . . Die beste Meinung schienen Sie von mir gehabt zu haben," wandte sich der Monarch gütig an den jungen Juden, „nach Ihrer Ueberraschung zu schließen, haben auch Sie mich jetzt erst erkannt . . . und doch haben Sie es schon früher gesagt, Sie hätten mich erkannt!" Eine flüchtige Röte überzog Löwis Wangen. „Euer Majestät," sprach er lächelnd, „ich hielt Allerhöchstdieselben nicht für schuldig; wahrhaftig nicht — aber ich bitte für meine Kühnheit fußfälligst um gnädigste Verzeihung; aber die Wahrheit kann Kaiser Josef nicht verletzen . . . ich hielt Allerhöchstdieselben für einen unschuldig Verfolgten . . . und meine Sympathien galten dem Manne, der gestern dem armen verlassenen Juden freundlich begegnete, der den Schutzlosen heute in so edler Weise vor entehrender Mißhandlung schützte . . . Ich konnte mir nicht denken, daß ein solcher Mann eine Tat begangen, die er nicht verantworten könnte!" (Fortsetzung folgt.)

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