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Der Israelit · 1934-09-06 · Heft 36 (6.9.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 36 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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i»;*(**t 6. September 1934 Der Israelit Nr. 36 Seite 9 Der Stadtschulrat für Wien hat an alle Unterrichtsanstalten einen Erlaß herausgegeben, in dem die Schulleitungen aufgefordert werden, bei der Zusammenstellung der Stundenpläne für das kommende Schuljahr auf das israelitische Gebot, am Sabbat des Schreibens, des Zeichnens, und überhaupt der Handarbeit sich zu enthalten, tunlichst Rücksicht zu nehmen; jeder direkte oder indirekte Zwang zur Uebertretung dieses Gebotes ist zu unterlassen. In einem weiteren Erlaß werden alle dem Stadtschulrat unterstehenden Unterrichtsanstalten in Kenntnis gesetzt, daß die israelitische Schuljugend an den Tagen des Neujahrs-, Versöhnungs-, Laubhütten-, Passah- und Wochenfestes verlangen kann, vom Schulbesuch befreit zu werden. Von der steigenden Not der Wiener Juden. Wien, 3 Sept. . Ein erschreckendes Bild von der Notlage der jüdischen Bevölkerung Wiens wird in einem Artikel entworfen, den der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, in der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht hat. In diesem Artikel heißt es: ,,Es zeigt sich immer deutlicher, wie sehr die Not der Juden in Wien im Steigen begriffen ist. Die Ansprüche, die an die soziale Fürsorgetätigkeit der Gemeinde gestellt werden, wachsen von Tag zu Tag, und die Aznahl der Personen, die von ihr ständig oder gelegentlich befürsorgt werden, ist bereits auf 50.000 gewachsen. Insbesondere häufen sich in der letzten Zeit Ansuchen von früher begüterten Leuten aus dem Mittelstande um Gewährung von Zinsaushilfen, die dazu dienen sollen, die Petenten vor der drohenden Delogierung zu bewahren. Durch diese starke Inanspruchnahme sind die vom Kultusvorstande für das soziale Hilfswerk bewilligten Mittel bereits in so außerordentlichem Maße in Anspruch genommen worden, daß in Erwägung gezogen wird, die Armenunterstützung auf die Verabreichung von Speisemarken, die Ausgabe von Lebensmittelpaketen und die Bewilligung von Beiträgen zur Vermeidung der Delogierung zu beschränken. Diese Maßnahme soll den Aermsten ihr Obdach sichern, sie vor Hunger schützen und ihre physische Existenz sicherstellen. Der Notstand der jüdischen Bevölkerung dokumentiert sich auch in dem Rückgang der Kultussteuern, sowie der bei verschiedenen Anlässen zu entrichtenden Taxen und Gebühren, wobei bemerkenswert ist, daß auch die Inanspruchnahme höher taxierter Leistungen abnimmt. Die Sprechtage des Präsidiums weisen eine noch nie dagewesene Anzahl von Besuchern auf, die sich aus den verschiedensten Anlässen um Hilfe an die Kultusgemeinde wenden. So erliegen gegenwärtig bei der Gemeinde 3600 Anstellungsgesuche von Angehörigen des Mittelstandes, Akademikern, abgebauten Bankbeamten usw., von Menschen, die bereit wären, jede, auch die untergeordnetste Dienstleistung zu übernehmen, und denen, da die Kultusgemeinde bestrebt sein muß, ihren Personalstand und ihren Gehaltsetat auf das Nötigste einzuschränken, auch nicht in bescheidenem Umfange Folge gegeben werden kann." „Das steigende Elend und die zu befürchtende Verschärfung der Not während der Wintermonate wird die Gemeinde neuerlich vor die Notwendigkeit stellen, eine großangelegte Winterhilfsaktion in die Wegß zu leiten." Nach einer weiteren Schilderung der dringlichsten sozialen Aufgaben der Wiener jüdischen Gemeinde bemerkt Dr. Friedmann: „Obwohl bereits 1927 von Seiten der österreichischen Regierung die Berechtigung des Anspruches der jüdischen Gemeinschaft, aus den öffentlichen Budgets für Unterrichts-, Wohlfahrts- und soziale Zwecke Beiträge zu erhalten, anerkannt wurde, hat bisher eine solche Beitragsleistung nicht stattgefunden. Die Gemeinde mußte daher die bedeutenden Mittel für ihre Leistungen ausschließlich selbst aufbringen, Die Opferwilligkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, der allerdings durch die mißlichen Wirtschaftsverhältnisse Grenzen gesetzt sind, läßt den Vorstand in seinem Vertrauen nicht schwankend werden. Er wird Die Woche- Frankfurt a. M. Auf der in Cassel abgehaltenen ersten Tagung des Gaues Kurhessen der NS - Kulturgemeinde befaßte sich, wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, der Musikreferent Laugs in längeren Darlegungen mit der Frage des Judentums in der Musik. Laugs unterschied reproduktive und produktive jüdische Künstler, er sprach sich in diesem Zusammenhang gegen Meyerbeer, aber für Felix Mendelssohn-Bartholdy aus. — In wissenschaftlichen Kreisen erregt eine medizinische Erfindung des Frankfurter jüdischen Arztes, Dr. Ernst Homberger, großes Aufsehen. Nach langjährigen Forschungen über die künstliche klimatische Beeinflussung der Blutgefäße hat Dr. Homberger die sogenannte „Klimakammer" konstruiert, mit der in seiner eigenen Praxis im Nauheimer Kerckhof-Institut für Herzforschung und in der Frankfurter Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke große Erfolge bei der Behandlung von Nieren-, Herz- und Gefäßkrankheiten, bei Asthma, Blutarmut und Erschöpfungszuständen, bei rheumatischen Beschwerden, Erkrankungen der Schleimhäute und bei Komplikationen der Zuckerkrankheit erzielt wurden. Nach Ansicht der Fachleute stellt die Homberg'sche Erfindung eine äußerst wertvolle Bereicherung der physikalischen Behandlungsmethoden dar. Berlin. Wie dem „Völkischen Beobachter" von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, ist der für Monat September in Aussicht genommene „Antisemitische und pan-arische Weltkongreß ". vorläufig verschoben worden. Es werden Verhandlungen mit einer Gruppe, die in Brüssel einen ähnlichen Kongreß vorbereitet hatte, zwecks Zusammenlegung beider Veranstaltungen geführt. — In einer amtlichen Mitteilung der „Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands" heißt es, daß an den im Oktober von der Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung veranstalteten internationalen ärztlichen Fortbildungskursen „deutsche reichsangehörige Äerzte arischer Abstammung, sowie Aerzte ausländischer Staatsangehörigkeit" teilnehmen können. Demnach können an diesen Kursen wohl ausländische jüdische Aerzte, nicht aber jüdische Aerzte aus Deutschland teilnehmen. Köln. Im Alter von 76 Jahren ist in Köln der Ehrenvorsitzende des Landesverbandes Linksrhein des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Ehrenvorsitzende des Kölner jüdischen Glaubens und Ehrenvorsitzender des Kölner jüdischen Wohlfahrtsamtes, Bernhard Feilchenfeld, nach monatelangem Siechtum gestorben. Feilchenfeld war der unbestrittene Schöpfer des Kölner jüdischen Wohlfahrtswesens, wie es heute im jüdischen Wohlfahrtsamt organisatorisch zusammengefaßt ist. Frankfurt a. O. Seit geraumer Zeit fand wiederum in Deutschland eine Synagoge n-E i n w e i h u n g statt. Trotz mannigfacher Schwierigkeiten war es der kleinen Gemeinde in K ü s t r i n gelungen, den Bau ihrer Synagoge zu vollenden. Die Einweihung des Neubaus fand in besonders feierlichem Rahmen statt. Danzig. Ein Handelsangestellter, der im März in Zoppot auf der Straße einen Rabbiner überfiel und mißhandelte, wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Warschau. Die Postdirektion teilt mit, daß zu Roschhaschono Glückwunsch - Telegramme nach Amerika nach Abkommen mit der S.A.U. zu stark verbilligten Preisen aufgegeben werden Können. Die Depeschen können auch hebräisch geschrieben sein. — Am 30. August ist wieder ein Zug mit 300 Palästinafahrern, darunter 120 Chaluzim, nach Triest abgegangen, am Montag, den 3. September folgte ein zweiter Trupp von 600 Palästinawanderern über Constanza. Die letzteren treffen am Rüstetag zu Roschhaschono in Haifa ein. London. Der Propagandachef der englischen Faschisten erklärt die Mitteilung eines Blattes, die englischen Faschisten hätten die Absicht, mit Kundgebungen an den hohen jüdischen Feiertagen jüdische G'ttesdienste zu stören, als böswillige Verleumdung. auch weiterhin seine Aufgaben im Rahmen der gegebenen Bedürfnisse und Notwendigkeit zu erfüllen bestrebt sein. Schweiz. Ein „mohammedanisches Zentrum" in Genf? Genf, 2. Sept. Der Genfer ITA-Vertreter erfährt aus den dortigen arabischen Kreisen, daß in der mohammedanischen Kolonie die Absicht besteht, ein internationales Zentrum des Islam in Genf zu begründen. Die Vorbereitungen hierzu scheinen schon ziemlich fortgeschritten zu sein. Dieses Zentrum soll dazu dienen, einerseits „die brüderlichen Beziehungen und das kulturelle Band zwischen den verschiedenen Ländern des Islam enger zu gestalten und auszubauen" und andererseits „zum Verbindungsstrich zwischen Orient und Okzident unter den Zeichen des Völkerbundes" werden. In diesem Zusammenhang wird in den gleichen Kreisen schon seit Monaten der Plan der Einberufung eines Kongresses der in Europa lebenden Mohammedaner nach Genf erwogen. Dem Völkerbund gehören vorläufig zwei mohammedanische Staaten — Persien und Irak — an. Indien, das ebenfalls Mitglied des Völkerbundes ist, zählt sowohl unter den Mitgliedern seiner zu den verschiedenen Völkerbundkonferenzen entsandten Delegationen, sowie unter den im Völkerbundssekretariat und im internationalen Arbeitsamt ständig angestellten indischen Beamten eine beträchtliche Zahl von Mohammedanern. Anläßlich der diesjährigen Neuwahlen zum Völkerbundsrat hat Persien seine Kandidatur für einen nicht ständigen Sitz — der jetzt von China besetzt wird — aufgestellt. Persien hatte bereits während dreier Jahre einen Sitz im Völkerbundsrat und seine Vertreter haben z. B. in Palästinafragen im Rat häufig interveniert. Professor Ludwig Köhler als Zeuge und Sachverständiger im Baseler Prozeß um die Protokolle der Weisen von Zion. Zürich, 31. August. Der Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion", in dem der Präsident des Israelitischen Gemeindebundes der Schweiz, J. D r e y f u s-B r o d s k y und der Präsident des Schweizer Zionisten-Verbandes, Dr. Marcus Cohn als Kläger auftreten, wird am 22. und 23. Oktober vor dem Strafgericht in Basel durchgeführt werden. In der am 8. Juni 1934 stattgefundenen Vorverhandlung hatte der Strafgerichts-Präsident den Klägern und dem beklagten ehemaligen Redakteur der nicht mehr erscheinenden Zeitschrift „Der eiserne Besen", Dr. A. Zander, der in einem im vorigen Jahr erschienenen Artikel behauptet hatte, die „Protokolle" seien echt, einen Vergleich vorgeschlagen, wonach Dr. Zander anerkennen sollte, daß er die Echtheit der „Protokolle" nicht beweisen könne. Da Dr. Zander diesem Vergleich nicht zugestimmt hat, muß das Gericht in die materielle Prüfung des Prozeßgegenstandes eintreten. Auf Ersuchen des Baseler Strafgerichtes ist nun der Professor der Theologie an der Züricher Universität und ehemalige Rektor Dr. Ludwig Köhler, der schon im Jahre 1924 in öffentlichen Vorträgen und in Zeitungsartikeln erklärt hatte, daß nach seiner Ueberzeugung diese „Protokolle" nichts als Fälschungen sind, vom Züricher Richter als Zeuge und Sachverständiger vernommen worden. Das Gericht wird in seinem Urteil zum ersten Male zu entscheiden haben, ob die besonders in letzter Zeit stark verbreiteten und immer wieder zitierten „Protokolle der Weisen von Zion" oder „Zionistischen Protokolle" eine Fälschung darstellen oder nicht. Die Kläger verlangen, daß die seinerzeit auf Verfügung des Strafgerichts-Präsidenten in Baseler Buchhandlungen beschlagnahmten 780 Exemplare dieser Bücher konfisziert und vernichtet werden. Ein zweiter Prozeß in gleicher Sache ist in Bern im Gange. Die dortigen Kläger verlangen, daß die beiden Bücher als Schmutz- und Schundliteratur in der Schweiz verboten werden. Das Gericht hat dort ein aus einem jüdischen, einem christlichen Sach-

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