Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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6. September 1934 Der Israelit Nr. 36 Seite 5 Auf allen Lebensgebieten haben sich grundlegende Wandlungen vollzogen. Eine der bedeutendsten und stärksten Umwertungen erfolgte im Berufsleben. Es wurde offenbar, wie ungünstig die Ueberbetonung der geistigen Berufe sich auswirkte. Die Einsicht, daß eine Umstellung auf körperliches Schaffen zur Herstellung eines gesunden /Ausgleichs notwendig ist, dringt immer mehr in das Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft ein. Diese Erkenntnis gibt uns die Gewähr dafür, daß die Werbung der Beitragskarte für Hilfe und Aufbau im Monat September, die unter dem Motto „Ausbildung im Handwerk" erfolgt, gebefreudige Hände finden wird. Im Laufe der letzten Zeit hat sich ein großer Teil der jüdischen Jugend, der seinen früheren Beruf aufgeben mußte, dem Handwerk zugewendet, aber auch viele schulentlassene Jugendliche haben erstmalig diesen Berufszweig erwählt. Soweit es möglich war, wurden ordentliche Lehrstellen beschafft, doch reichten die Ausbildungsmöglichkeiten nicht aus, um alle, insbesondere die älteren Jahrgänge, zu erfassen. Die Einrichtung handwerklicher Lehr-Werkstätten wurde dringendes Erfordernis. In fast allen größeren Gemeinden finden wir heute Lehrbetriebe für die verschiedensten Zweige des Handwerks. Neben Schlossereien und Tischlereien gibt es Kurse in Feinmechanik, im Malerhandwerk, in der Polsterei, im Bauhandwerk (Mauern, Zimmern, Fließenlegen). Die Einrichtung dieser Betriebe war nur möglich unter III. Thora und Wissenschaft. Solange sich die Erweiterung des jüdischen Bildungsprogramms über die nationale Thora- Wissenschaft hinaus auf die notwendige Berufsvorbildung erstreckt — also das eigentliche *]T7 D37 min im engeren Sinne verwirklicht — konnten, wie dargelegt, religionsgesetzliche Bedenken aus dem Gesichtspunkt des «Hin ^103 diesem Programm nicht entgegenstehen. Dem Verbot und der Gefahr intensiver Beschäftigung mit nim wird, wie ferner nachgewiesen, von System und Praxis Hirschs Rechnung zu tragen gesucht, einmal durch die systematische Ueberwindung und Ausscheidung dermiPÜ" Bestandteile aus solchen Erkenntnisgebieten, bei denen sie kein grundlegendes, das Ganze b e - Lebens und zu höchster Vervollkommnung führen will. Dieses a^by 'JW'Van bedeutet daher eine schwere Verpflichtung, und wenn wir an diesen Tagen die Verwirklichung der prophetischen Verheißung: nns inwi tn« 'n nTr Kinn ava pisn bs bs "]bnb 'n rrm ganz besonders innig ersehnen und erflehen, so bedeutet auch dieses Gebet eine Aufgabe, die darin besteht, daß auch Wir unser Teil dazu beizutragen haben. Man kann diesen Gedankengang vielleicht so formulieren: -\bn inwa 'm — gleichfalls ein Vers der xmaVa — ist die Vorbedingung des "Ol "]bnb 'fi mm G'tt muß von seinem Volke, dem er sich offenbart und dem er die schwere Aufgabe mit auf seinen Weg in die D'M tma gegeben hat, seinen Namen und seine Herrschaft einer widerstrebenden Welt zu bringen, anerkannt werden. Von hier führt dann der Weg '131 *mx 'n n\T Kinn ava, von unserer Anerkennung nicht durch Worte allein, sondern durch unser ganzes Leben in seinem Sinne. Es ist derselbe Gedanke, der im pnnKl 'S 'ISO in der Erklärung des yap Ausdruck gefunden hat: •maisn 'pS>R ins 'n nvnb vns «in nn* u'j^K kwc 'n Das U'p^K 'n ist unsere Aufgabe und bleibt unsere Aufgabe über alle Schwierigkeiten hinweg. Ist G'tt U'pVtf im wahren Sinne des Wortes,- so wird Er sodann auch roaiKn 'j?VK werden. Dies ist und sei der Sinn unserer n^Bn an den ersten Tagen des Jahres. "7133 in "|J3WV "'S «V- Nicht uns gilt In erster Reihe unser Gebet in diesen Tagen, als vielmehr der Ehre Deines Namens. Dieser Königsgedanke G'ttes beherrscht alle unsere fii^sn des mvn Ob es der *)pin nanav die nnaicn nisviaT >nirDVft oder die andern d'üvs sind. Alle werden von der einen Idee getragen, alle geben der Sehnsucht Ausdruck, daß der Name des Höchsten baldigst von der ganzen Welt großen finanziellen Opfern. Die Anschaffung der Werkzeuge verursachte zunächst erhebliche Kosten neben den laufenden Spesen für das Lehrmaterial und die Betriebsausgaben (Licht, Heizung usw.) Gute Lehrkräfte müssen zur Leitung herangezogen werden; sie sollen unserer Jugend, die ohne Tradition in diesen Berufen ist, nicht nur die technischen Fertigkeiten aufs beste beibringen, sondern sie auch geistig aufschließen für den neuen Beruf, damit echte Freude am selbstgeschaffenen Werk jeden einzelnen erfüllen kann. Leider körinen viele Familien ihre Kinder bei Beginn der Berufsausbildung nicht mehr mit den erforderlichen Sachen ausstatten. Immer wieder fehlt es an der notwendigen Berufskleidung, an gutem Schuhwerk, ausreichender Wäsche; daneben sind die Kosten für die sozialen Aufgaben aufzubringen. Das begonnene Werk muß erhalten und, wo erforderlich, weiter ausgestaltet werden. Es ist lebenswichtig für die jüdische Gemeinschaft, denn diese Jugend, die sich mit allen guten, aber auch harten Konsequenzen umgestellt hat, ist der Wegbereiter der jüdischen Zukunft. Wo aufgebaut wird, müssen wir alle helfen! Die neue Jugend soll uns alle bereit finden! — Wir geben diesen Aufruf hier wieder und empfehlen die Aktion der Beachtung unserer Leser, unter der Voraussetzung, daß sowohl in den Betrieben wie bei der Vermittlung der Lehrstellen Bedacht auf den Sabbat und die sonstigen Religionsgesetze genommen wird. dingendes Element bilden, dann aber durch grundsätzliche Ablehnung solcher wissenschaftlicher Disziplinen, die wie die Bibelkritik, im kontradiktorischen (nicht bloß im konträren) Gegensatz zur Emuno stehen. Aber es bleibt ein jedem gewissenhaften jüdischen Denker — und sicherlich einem S. R. Hirsch — schwer auf der Seele lastendes Bedenken gegen alle Hinwendung zu den längst nicht mehr auf die klassische. Siebenzahl beschränkten Wissenschaften „Edoms" zurück, ein Bedenken zumeist psychologischer, letzten Endes aber wiederum halachischer Natur. Dieses Bedenken betrifft die geradezu entscheidende Einstellung der Seele zu den Dingen, die wertende. Wie kann das Licht der offenbarten G'tteslehre, diese Wissenschaft aller Wisanerkannt werden möge. Und wahrlich, es kann keinen schöneren Auftakt zu einem neuen Zeitabschnitt geben. Ein Volk, das ein Martyrium sondergleichen trägt, das doch begreiflicherweise den Wunsch hegt, daß sein Schicksal sich freundlicher gestalten möge,- dieses Volk tritt an diesen heiligen Tagen vor G'tt hin und fordert und erbittet nichts für sich. Was es erfleht, was sein sehnsüchtiger Wunsch ist, seine Gebete künden es. Und wir könnten alle Gebete und alle Piutim der r-ttwn w»n-Tage zitieren, sie enthalten alle den einen hohen und hehren Gedanken, daß das Reich G'ttes sich baldigst erfüllen möge. Daß die gesamte Welt sich zusammenfinde in dem einen Gedanken, daß G'tt allein Herr der Welt, Er der Schicksalsgestalter aller Menschen auf Erden ist. Wir kennen keine heißere Sehnsucht, wir hegen keine höhere Hoffnung als die Erfüllung der prophetischen Verheißung des im? iapi im 'n n\T Kinn ava. Diese hohen und hehren Gedanken lehren uns unsere rupn crsn m^an- In ernster Zeit, in der Schwierigkeit unserer Situation, die zu seelischer Einkehr uns führt, wollen wir uns eingestehen, daß wir diese Lehren unserer Gebete nicht immer genügend verstanden und beachtet haben. Daran sollen wir denken, wenn wir in den ernsten Tagen der nniwri die d'*13T »vn nixn erfüllen. Sie soll uns anregen, über uns und über unser Innenleben tiefer nachzudenken. Sie soll uns zu jener hohen Auffassung unserer o'asn hinführen, die uns in den mbah gelehrt haben, an den Anfang unserer Wünsche und Sehnsüchte nicht unser eigenes Wohl zu setzen. Die tiefste Sehnsucht unserer Seele soll vielmehr darauf gerichtet sein, daß die Zeit sich erfüllen möge, dapttn 5>3 bv jblib 'n und die ganze Welt die alleinige Herrschaft G'ttes auf Erden anerkennt. senschaften, die das jüdische Denken und Sinnen zu erfüllen hat beim Aufstehen und Niederlegen, im Hause und auf der „Wanderschaft", die Herz und Hirn und Hand und Wohnkreis erfassen und umprägen und dem Juden die alleinige Geburtsstätte warmen Gefühles und kräftigen W i 1- 1 e n s bleiben soll — wie kann diese Thora der oberste, ja der alleinherrschende Wert bleiben, wenn neben ihr die zahllosen Erkenntniskomplexe menschlicher Wissenschaft, oder* erst recht eine einzige davon, d^c der Einzelne gerade zur tiefsten geistigen Aneignung sich erwählt hat, als Nebenbuhlerinnen voll gefährlichster Reize thronen? Was schon in der Schule zum religiös-psychologischen Problem ward: diese verwirrende Vielfalt und Parität der Wissensstoffe: von acht bis neun Thora, von neun bis zehn Englisch, von zehn bis elf Physik, von elf bis zwölf hebräische Grammatik — das nimmt auf den Höhen der wissenschaftlichen Kultur für den aufrichtig glaubenstreuen Juden den Charakter eines Problems von ernstester Entscheidungsschwere an, auch wenn kein Stundenplan den Ernst dieses Wertungs problems: „Thora" gegenüber „Wissenschaft", mit elementarer Eindringlichkeit enthüllt. S. R. Hirsch hat auch diese Seite der Bildungsfrage nicht übersehen und ist auch hier der Halacha und der Verantwortung vor ihr nicht ausgewichen. Er zitiert in seinem Kommentar zum III. B. M., Kap. 18, V. 4 den DnrD min — der in ähnlicher Form auch im '»ISO zu yatf 'S wiederkehrt — und setzt sich mit dieser gewöhnlich als ausgesprochene Negation des „Thora im Derech Erez"-Prinzips betrachteten Stelle auseinander. Wir schalten die ganze Ausführung ihrer Wichtigkeit wegen hier ein: •pnai *]KB>a Kn> kbv ans nbb ,nbsv bpwi bxi *i?'y dp? mm robb naan vnnb inun «bv ,aVi?a B'nnK cian ana anyn *bv ans rVk <T3wa *n?a'l> ■'«ri "ja'K ans aa^ abivn mal« naan itsbx bxw d. h. ana robb: in ihnen soll das Ziel deines Strebens liegen, sie sollen dir das Hauptsächliche, Absolute, nicht aber das Nebensächliche, Bedingte rein; es bewege sich all dein geistiges Aufnehmen und Schaffen nur in ihnen, daß du nimmer fremdartige Dinge in sie hinein mischest, daß du nicht sagest: ich habe nun die jüdische Wissenschaft gelernt, jetzt will ich die Wissenschaft anderer Völker lernen, darum heißt es: ana na^t du darfst nicht aus ihrer Sphäre weiche n." Verstehen wir diese Sätze recht, so ist durch den an die Spitze derselben gestellten Satz: n^Bö n&srr, ^Knp'!7 WD? der Auffassung vorgebeugt, als ob durch die folgenden Sätze ein völliges Ignorieren aller in außerjüdischen Kreisen gewonnenen und gepflegten oder nicht direkt auf die Gesetzeskunde sich beziehenden Kenntnisse und Wissenschaften gefordert werde. Indem awy nVaa apre Vki geboten wird, ist ja bereits die Beschäf- Eines wünschte ich und dies erbitte ich mir ... Zur ersten Jahrzeit für den Chofez Chajim am Dienstag, dem 24. Elul. Im Psalm 27 ms mV. der fast überall in der Welt der „Elulpsalm" genannt wird (in vielen Gemeinden wird dieser Psalm vom ersten Tag Elul bis einschließlich Schmini Azereth nach dem G'ttesdienste gebetet) lesen wir u. a. tfj?3K nniK 'n naftv&mp rn»„das Eine verlangte ich von G'tt, dieses wünsche ich mir." Chofez Chajim macht darauf aufmerksam, daß in diesem Satze zwei" verschiedene Zeitformen gebraucht werden: tiVkp in Vergangenheit und dann tz?j?3K in der Zukunftsform. Es kann diese Abweichung in den ffttpn m*i3 gedichteten Liedern kein Zufall sein. Der Rabbi gibt dann folgende Erklärung: König David, der G'ttessänger, hat Wandlungen durchgemacht wie kaum einer sonst im Leben. Ein Hirtenknabe, ungenannt und unbekannt, sang er seine Jugendlieder zum blauen Himmel hinauf. Und auf einem Königsthrone saß er später mit der Harfe in der Hand, um G'tt ein Lied zu singen. Können König und Hirtenknabe die gleichen Gedanken denken, die gleichen Gefühle empfinden, die gleichen Sehnsüchte und Wünsche haben, die gleichen Lieder singen? In einem Pünkte kannte David keine Wandlung, keine Veränderung: in seinem Verhältnis, in seinem Aufblick, in seinem Aufschrei zu G'tt. Was sich damals der Brust des kleinen Hirtenjungen entrang, es war die gleiche Inbrunst und die gleiche sehnende Liebe, die später seine Leier führte, als er Das Bildungsideal S. R. Hirschs und die Gegenwart.