Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 36 Der Israelit 6. September 1934 roel, die den Sammelplatz für die jüdische Einheitsfront abgeben sollen, werden die politischen Spannungen nicht zu lösen imstande sein, solange nicht die Sanierung vom Geistigen und Weltanschaulichen kommt. Die Wunden, die der Bruderkampf zwischen Histadruth und Revisionisten dem Lande schlug und schlägt, werden durch einen äußeren Waffenstillstand, wenn er auch gelänge, nicht geheilt. Was in den letzten Monaten und Wochen im Verfolge der unseligen Stavsky-Angelegenheit in der hebräischen Parteipresse Palästinas hüben und drüben an Haß, Verdächtigung und Kampflust zur Entladung kam, trieb allen, denen Palästina Ideal, Sehnsucht und letzte Hoffnung ist, die Schamröte ins Gesicht. Der Kampf um Stavsky mußte, nachdem ein ordentliches Gericht ihn frei von Schuld gesprochen hatte, noch vor der offenen Thorarolle in der großen Synagoge von Tel-Awiw fortgesetzt werden und dieser ,,Stavsky-Sabbat" endete mit Gefängnisstrafe für die Exzedenten. Können, fragt man sich, in einer Zeit, da der Jude allüberall um ein Minimum von Recht und Ehre zu kämpfen hat, können zur gleichen Zeit im jüdischen Nationalheim sich Juden und Juden in dieser Art befehden? Antwort: Die Führer und Treiber dieser Fehde in der einen wie in der anderen Arbeiterpartei haben weniger mit jüdischen Interessen zu tun. Es liegt vielmehr den einen hauptsächlich daran, überlebte Methoden des sozialen Kampfes in Europa nach Palästina zu verpflanzen, den anderen, die in Europa heute überall aufflammenden nationalen Impulse im Lande der Väter als „das Licht und das Heil" zu verkünden. Da war der Zusammenstoß unvermeidlich, ein Fahnen- und Farbenkampf zwischen Blauweiß und Rot, indes die eigene jüdische Fahne, unter der wir ein Golusleben von zweitausend Jahren ertragen konnten, beiden Parteien mehr und mehr außer Sicht kam. Es wird nicht eher Friede sein, als bis Palästinas Arbeiterjugend die mitgebrachten Götzen zerbricht und im Lande der Schechinah, im Lichte dieser erkennt, daß fremde Schlagworte hier keine Resonanz haben, eigene und wahre jüdische Ideale aber keinen Streitpunkt und keinen Zankapfel zwischen Brüdern bilden dürfen noch können. Freilich setzt diese Einsicht eine gründliche innere Umstellung voraus, die von heute auf morgen kaum zu erhoffen ist. Eine Reform der Jugenderziehung, eine Einstellung zu yjn auch in der nationalen Schule, wie sie uns von je her selbstverständlich war, eine Abkehr von Marx zu den Sozialgesetzen der Thora und der Propheten, mehr Verantwortungsgefühl und Zukunftssinn im Verhalten der Zionistischen Or- Pin-Gedanken. Von Rabb. Dr. Ph. Frankl in Halberstadt. In Zeiten der Not wendet sich der Mensch mehr seinem Innenleben zu. Er hat ein feineres Gefühl dafür, wenn etwas in seiner bisherigen Lebensweise nicht gestimmt hat und sie daher einer gewissen Korrektur bedarf. Eigentlich weisen uns D'K'aa »mm und unsere D">aan darauf hin, in guten Zeiten über uns und unser Tun nachzudenken. Aber der Prophet klagt schon: •arynv itfi owaan nay So n« aa^s nbvxi Es ist dem Menschen nur selten gegeben, auf die gutgemeinten Ermahnungen bei Zeiten zu hören. Es müssen erst Schläge und Leiden kommen, um ihm zum Bewußtsein zu bringen, daß er nicht auf dem richtigen Wege gewesen ist. Aber auch diese Einsicht ist nicht so allgemein wie man annehmen möchte. Und daß sie auch in früheren Zeiten nicht in dem Maße vorhanden gewesen ist, wie es zu einer durchgreifenden Besserung nötig gewesen wäre, ist nur ein weiterer Beweis der Hartnäckigkeit, mit welcher sich die Menschen besserer Einsicht verschließen, naiwi mpmi u>an Twuni ' n hat 'W Iseinem Volke zugerufen, als es ins Exil wandern und die Bitterkeit der Fremdheit auf sich nehmen mußte. Wir wollen suchen, wir alle ganisation und ihrer offiziellen Organe gegenüber der Jugend in den Lehranstalten wie in den Arbeitsstätten; all das muß verlangt werden, wenn wir an einen Dauerfrieden ernstlich glauben sollen, eine Zusammenarbeit im Sinne des upjpi nrra nru« t^i> _ Minderheitskongreß — ohne Juden» Wie bereits mitgeteilt, werden sich diesesmal jüdische Delegierte am Internationalen Minoritätenkongreß, der vom 6, September ab in Bern tagt, nicht beteiligen. So wird man wenigstens von jüdischer Seite nicht in die Versuchung kommen, sich überall, wo das jüdische Recht bedroht ist, gleich auf das M i - noritätenprinzip festzulegen und damit die Gefahr einer Stabilisierung jüdischer Rechtsminderung auch in den Ländern, wo man bislang zweierlei Recht nicht kannte, heraufzubeschwören. Immerhin wird auch der judenreine Minoritätenkongreß aus seinen Postulaten und Rechtsforderungen die Juden, wo sie einmal als nationale oder konfessionelle Minderheit gelten, nicht ausgeschlossen wissen wollen. Darum ist sein Programm auch für uns nicht ohne Interesse. Im Mittelpunkte der Verhandlungen steht der polnische Antrag auf Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes. Vom Generalsekretariat des Kongresses wird zu diesem Antrag wie folgt Stellung genommen: ,,Eine solche Verallgemeinerung ist auch vom Nationalitätenkongreß verlangt worden. Es ist jedoch zu befürchten, daß in Verbindung mit dem Antrag — besonders wenn er, was anzunehmen ist, in dieser oder jener Form abgelehnt wird — Versuche unternommen werden, die Geltung der bestehenden Minderheitenrechte und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen der Staaten in Frage zu stellen." Einen weiteren Punkt der Tagesordnung soll die Frage der Uebernahme von Minderheits-Schutzverpflichtungen durch die Sowjet-Union als einen eventuell neu in den Völkerbund eintretenden Staat bilden. Es wird bei diesem Anlaß darauf hingewiesen, daß Estland, Lettland, Litauen und andere später dem Völkerbund beigetretene Staaten bei diesem Anlaß besondere Erklärungen über ihre Minderheitenschutz-Verpflichtungen abgeben mußten. Es heißt dann in der Mitteilung: „Ferner wird der diesjährige Kongreß zu der Entwicklung in der Nationalitätenfrage auf dem Kontinent Stellung nehmen. Es ist heute unzweifelhafter denn je, daß die vom Kongreß seit seinem wollen gründlich nachforschen, wo wir gefehlt haben, und wir wollen versuchen, uns zu unserem G'tte zurückzufinden. Denn dadurch allein können wir uns itavor bewahren, in die Fehler vergangener Zeiten zurückzuverfallen. Es ist wohl keine Uebertreibung, wenn wir sagen, daß unser Tun in der Vergangenheit unserem eigenen Wohl, unseren Wünschen auf den verschiedensten Gebieten gegolten hat, und daß der B'öff TIM dabei zu kurz gekommen ist. Wir haben unserem Wohlergehen gelebt und haben wohl auch auf unsere "Ehre geachtet. Dies wäre an und für sich kein Unrecht, wenn dabei die Rücksicht auf die Ehre G'ttes und seines in der min niedergelegten Willens immer gewahrt worden wäre. Können wir dies mit gutem Gewissen behaupten? Haben wir uns nicht häufig von unseren eigenen Wünschen bestimmen lassen? Haben wir uns nicht häufig betäubt und uns im besten Falle eingeredet, daß wir gegen die Ehre G'ttes nicht verstoßen haben, während unser Tun nicht selten ein üvn btin gewesen ist. Ist nicht die Klage des Propheten allzu berechtigt: nVx 'n av onV *vwxa, Sie wollen das Volk G'ttes heißen? Eine solche Ueberlegung ist schmerzhaft. Es fällt den wenigsten Menschen leicht, geschehene Fehler einzugestehen. Ist doch der Mensch seiner Natur nach eher geneigt, tausend Entschuldigungen für sich in Anspruch zu nehmen, als offen und ehrlich zu bekennen: „Ich habe gefehlt und bin fest entschlosesn, in der Zukunft die begangene Fehler nicht zu wiederholen." Dies ist schließlich der Sinn und die Bedeutung der 'in/ die kleine Geister nur allzu gerne als äußerliches Lippenwerk darzustellen versucht haben. Die O'aan wollten damit erreichen — und sie basierten mit ihrer 'in nixa auf dem mm pi des nmun n* ninm — daß die D'"m ■>vn den Menschen empfindsamer für ersten Zusammentritt vertretenen Grundsätze der Anerkennung der nationalkulturellen Entwicklungsfreiheit für jede Volksgruppe in jedem Staate, die einzige Grundlage sind, auf der Völker gedeihlich zusammenleben können." Ueber Bedeutung und Tragweite des polnischen Antrages haben wir in unserer Nummer 22 vom 31. Mai eingehend referiert, und wir dürfen unseren Lesern aus den Schlußfolgerungen jener Betrachtung in Erinnerung rufen, daß die polnische Regierung mit ihrer diplomatischen Weilherzigkeit den Minderheiten gegenüber lediglich die gleichmäßige Behandlung; aller Völkerbundsstaaten in der Minderheitsfrage, im Effekte also eine Abschaffung der Minderheitschutzklausel überhaupt erreichen will.. Die. Verhandlungen* des Minoritätenkongresses haben weder für den Völkerbund noch für irgend, einen Staat bindende Kraft, aber §ie werden dem Aktenmaterial des Völkerbundes einverleibt, darum wäre es sehr erwünscht, wenn der Kongreß, der den Antrag zum Mittelpunkt seiner Verhandlungen nimmt, die Sache im richtigen Lichte sieht. Was die Frage der jüdischen Minorität anbelangt, so wird es für die durchwegs nichtjüdischen Delegierten nicht leicht sein, zu begreifen, daß für uns Juden die Dinge ganz anders gelagert sind, und daß aus der Frage: „nationale oder konfessionelle Minderheit" sich Probleme ergeben, die gemeiniglich mit dem Begriffe des Minderheitsschutzes kaum zu verbinden sind. Doch warten wir mit der weiteren Bewertung der Genfer Zusammenkunft für die Frage des jüdischen Rechtes, insbesondere auch der Freiheit der jüdischen Religionsübung in Sowjetrußland, bis der Kongreß seine Tagung beendet und in seinen Verhandlungen und Beschlüssen gezeigt hat, von welchem Geiste er getragen war und von welch praktischem Nutzen er sein kann. Grundsätzlich begrüßen wir in den Tagen, da wir mit r"VPSV» G'ttes Rechtsstaat proklamieren, alle Bestrebungen, die sich um Menschenrecht und Gewissensfreiheit finden, aufs Herzlichste. Hilfe und Aufbau im neuen Jahr» Im Auftrage des Zentralausschusses der Deutschen Juden für Hilfe und Aufbau veröffentlicht die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden folgenden Aufruf: Die jüdische Jahreswende läßt uns zurückblicken auf das Vergangene und Vorschau halten für künftige Ziele. begangenes Unrecht mache. Dnw> arsn miai/ Wer aufrichtig seine Fehler bekennt, der wird sie eher nicht wiederholenj als derjenige, der seinen Mund verschließt und die o»na*i »vn für unwesentlich hält. Und es braucht keinem, der die Gedankengänge von b'tn kennt, erst gesagt zu werden, daß die D'"m 'ml nicht Selbstzweck ist. Sie will vielmehr verstanden sein als notwendiges Vorstadium der seelischen Umkehr, deren wir alle bedürfen. Wir wollen uns dadurch bewukt werden, daß wir gefehlt haben und daß durch unsere Fehler nicht nur wir selber Schaden genommen haben, sondern auch der D'Bt? naa gelitten hat. Unsere Gebete an den o'Kiito D'öv besonders am itton wtn weisen uns auf dieses Moment des Q'aw "i 12 besonders hin, und die B'3ts"s haben diesen Grundgedanken der Gebete in ihren Dichtungen aufgenommen und weitergeführt. An der Spitze unserer rti^an an diesen Tagen, die in gewissem Sinne vorbedeutend für das ganze Jahr sein sollen, steht das Gebet um die Wiederherstellung des D1»«? xvo^n- Ist die tratt TOS gewahrt, haben wir um die ni'apn "naa Sorge getragen, dann erst dürfen wir dazu übergehen, auch an uns und an unsere Wünsche zu denken. Dieser Gedanke des Primats des TU'awn liaa ist auch deutlich enthalten in den Worten von b"m mit denen die /ivpa^n nnsiffi nunar begründet werden: nai&a naai pns» bv imp? oaV iiatse? ^a oa^y »na^an n*apn *ia» Lasset die Schofarstimme ertönen, die in die Herzen dringen und sie erschüttern soll- Wir sollen durch den isi» daran erinnert werden; B3^J> "»iw^an« Wir sollen G'tt restlos als unsern König anerkennen. König nicht in dem Sinne des irdischen Herrschers, der bei aller Fürsorge für das ihm anvertraute Volk auch an seine eigene Machtstellung denkt. König vielmehr in dem Sinne, daß wir ihn als unseren "pbia. als unseren Wegweiser anerkennen sollen, der uns den Weg des