Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. September 1934 Der Israelit Nr, 36 Seite 3 «(Fortsetzung von Seite 1.) durchlebte Jahr verstanden? Jüdische Menschen, begreifen wir zumindest heute, was dieses eine Jahr von uns wollte, wozu es über uns kam, was sein höherer Sinn und sein Ziel war? Gewiß, das Menschliche drängt sich da zunächst der Betrachtung auf, die Bestürzung, die über uns kam, die Sorgenfülle, die uns überfiel Wer, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt, vermag sich und wird sich der Bewegtheit und Rührung verschließen, die das Erlebnis dieses Jahres auslöste? Aber nicht zu klagen und nicht zu zagen sind wir da. Niehl' um Mutlosigkeit zu bekunden, kehren wir Rosch-Haschono ins G'ttes haus und in unser Inneres ein. Das wäre nicht der Haltung und Würde angemessen, die einem vieltausendjährigen erprobten Volke zusteht. Nein, nicht um dessentwillen ist das Packende und Aufrüttelnde erlebt und durchkostet worden, sondern um eines anderen Größeren und Höheren willen, um uns zu starken Gefäßen eines g'ttbe wußten Inhaltes zu formen, um uns zu eisenfesten Pfeilern der Judentumserhaltung zu schmieden, um uns am Amboß stahlharter Gesinnung zu Juden einer felsenfesten Treue zu hämmern, um dessentwillen ist, von einer höheren Warte aus gesehen, alles geschehen. Unsere Weisen sagem 'fiv»j^a nasa nnv ötk *?v 13^3 nnx nina mit? ^Besser eine einzige Züchtigung im Herzen des Menschen, als viele Geißelhiebe" (Berakhot 7 a). Propheten, Mahner und Moralisten in großer Anzahl sind schon durch Israels lange Zeitenreihe gegangen, aber sie haben, bei aller ihrer Bedeutung, nie soviel erzielt, wie oft ein einziger Züchtigungssturm, der über uns kam und unser Herz erfaßte. Dieses Jahr war stärker und eindringlicher als viele andere Jahre zusammen, weil es uns aus unserer Gemächlichkeit und Ruhe riß und uns in einer mächtigen Schau des Sturm und Dranges G'tt und Judentum wie noch selten zuvor erleben ließ. Die Weisen zitieren zu dem erwähnten Ausspruch: „Besser eine einzige Züchtigung im Herzen des Menschen, als viele Geißelhiebe", das Wort des Propheten Hosea: 'nrwa m iw "o |wmn hm nmwKi mbx ,,Ich will gehen und umkehren zu meinem ersten Herrn, denn besser erging es mir damals als jetzt," Sie beziehen das Wort auf die Herzensregung der Umkehr zu Ctt. Ja, Umkehr halten, zu unserer ursprünglichen jüdischen Bestimmung zurückkehren, das ist, in der Sprache der Zeit gesprochen, auch der wahre Sinn alles Geschehens um uns. Kehre um zu G'tt, Jude, und wisse, daß du Jude bist, das ist der einfachste, aber innerste Kern deines gegenwärtigen Erlebens. Einst ist allerdings Elia belehrt worden, daß G'tt nicht gerade im Sturm, nicht im Beben und nicht im Feuer erlebt zu werden braucht, sondern viel eher in der Stimme sanften Säuseins, .Aber es muß offenbar doch, wie sich schon einst am Sinai zeigte, G'tt zu Zeiten auch im Sturmesdrängen sich offenbaren, um mit Unwiderstehlichkeit in das Bewußtsein der Menschen einzudringen. Nun bleibt es allerdings eine Frage, ob es nützen wird. Wird jetzt wirklich das nötige G'ttbewußtsein in uns eindringen, wird sich aus allem heraus jetzt eine veredelnde jüdische Einwirkung zeigen? Um darauf einzugehen, mag an ein Wort angeknüpft sein, das wir im erhabenen Gebete des Unessane Taukef lesen. Da heißt GS! tras^ai yattp npn naan ^ipi ypn1» nawm 'Inn dt» mn vhd8*i prörr» ,,In die große Posaune wird gestoßen und eine Stimme leisen Flüsterns wird vernommen, und die Engel sind bestürzt, es ergreift sie Zittern und Beben und sie rufen: Siehe da, der Tag des Gerichts," Wenn, so könnte man fragen, in die große Posaune, und das will doch heißen stark und mächtig gestoßen wird, wie kommt es, daß nur eine Stimme leisen Flüsterns gehört wird, warum sind die Engel bestürzt und erfaßt sie Zittern und Beben? Allein das heilige Gebetsstück ist offenbar im Sinne der Resignation zu verstehen und meint das vielleicht folgendermaßen: In die große Posaune wird allerdings mit Macht und Eindringlichkeit gestoßen, und zwar zu dem Zwecke, mit dem starken Tone der Aufrüttelung das Ohr und das Herz der Menschen, die es aufzurütteln, zu erwecken gilt, ZU erreichen. Aber o wehe, denen es gilt, sie werden leider nicht immer erfaßt, sie bleiben auch dem mächtigsten Rufe gegenüber noch: immer kalt und gleichgültig; sie hören nicht den starken Weckruf, sie vernehmen nur ein leises Flüstern, d. h, sie bleiben unberührt und verschließen sich der Mahnung. Darüber sind die Engel bestürzt, sie erbeben und erzittern ob soviel beschämender Gleichgiltigkeit und soviel stumpfer Unbekümmertheit und voller Staunen rufen sie aus: Wie ist das nur möglich, siehe doch da, der Tag des Gerichts, sehen und fühlen das denn die Menschen nicht? Man muß nicht erst zu den Engeln gehören, um mit ihnen ähnlich erstaunt zu sein, daß es jetzt noch immer, wie es scheint, Lässige und Judentumsgleichgültige in Israels Mitte gibt. Hat denn das Schofar der Zeit nicht laut und vernehmlich genug gerufen? Wann hatte ein QY> l'liT' ein Tag, ja ein Jahr des G'ttesgerichts für uns alle, alle eine mächtigere, nachhaltigere Stimme? Statt darum zu fragen: Wird es nützen, wird man es hören, wird es beherzigt werden?, müssen wir vielmehr fragen: Wie sollte es nicht nützen, wie kann das sein? Wie kann es überhaupt noch Juden geben, die jetzt nichts hören, die jetzt nicht beherzigen, die jetzt nicht finden zu ihrem G'tte und ihrem Volke, Der ärmsten und -unglücklichsten einer auf verlorener Flur müßte der sein, der jetzt den Ruf nicht hört, den Weg nicht sieht, der ihn seinem G'tte und Glauben wiedergeben will. 0, jüdische Brüder, jüdische Schwestern, ist es möglich, daß man die Zeichen der Zeit unserer Tage noch immer nicht im religiösen Sinne versteht? Wer kann noch abseits stehen und G'tt ist uns so nahe? Worauf warten viele noch zu kommen und Juden zu sein, ganz, wie G'tt es will? Kann es ihnen noch deutlicher gemacht werden, daß sie Juden sind, unentrinnbar Juden, daß sie dorthin gehören, wiederum dorthin gehören, von wo sie sich entfernt haben, von wo sie sich niemals hätten entfernen dürfen? Man ist betroffen von dem Erlebten, aber wer wird da schmerzlich der Tatsache nachtrauern, daß man mit vielem, was da geschieht, uns im Grunde genommen nur zur vollen Umkehr dorthin zwingt, wohin wir gehören, zu Israel, Nein, keine Trauer, Freude müßte in diesem Punkte einziehen in unsere gläubigen Reihen, daß es jetzt kein Ausweichen mehr gibt vom Pfade Israels, Farbe bekennen, Judesein, hier stehen und nicht anders mehr können, als Judesein, siehst du denn darinnicht die vorsehende G'tteshand zur Rettung und Erhaltung deines alten Volkes?1 Alle sanften Rufe von früher haben dich, Jude, nicht vermocht, wiederum dorthin zu bringen, wohin du -seit jeher gehörst, die mächtige Rufstimme des ^VU IDIW' der großen Posaune des Zeitgeschehens, die harte Sprache, die die Geschichte jetzt zu dir redet, hat erst laut werden müssen, um dich zu gewinnen, dich zu erfassen. Nun denn,,laß dich gewinnen, Jude, laß dich erfassen! Und mußt du auch mitunter in manchem ertragen, verschmerzen, entbehren, tue es nicht verdrossen, nicht mit Groll, tue es, Israel, Knecht G'ttes, mit wonniger Seele, mit Sonne im Herzen. Zürne keinem, danke es deinem G'tte, daß ejr dich, wenn auch durch Prüfung,, zu ihm hat heimfinden lassen. Siehe, Israel, mein Volk, alles Philiströse von früher ist zusammengebrochen, aber was tut es, wenn du das Höchste wiederfindest, den Heimweg zu G'tt. Was hat es ,den Immerklugen, den siebenmal Gescheiten genützt, daß sie sich um nichtiger, vergänglicher Vorteile willen, von G'tt und seinem Gebote entfernt haben? Es ging ja nicht anders, meinte man, man mußte sich angeblich, auch über das Maß hinaus, durchsetzen, überall mußte man sein, alles mußte man mitmachen, Religion aber, Judetnum, ward gering geachtet. Sagt, was hat es genützt? Ist nicht viel wohler dem, und sein Gewissen ruhiger und sein Stolz gehobener, der wohl auch von der Erschütterung nicht ausgenommen ward, der sich aber sagen kann, ich bin innerlich nicht getroffen, ich habe meinen Glauben auch sonst nicht hingeworfen, meine Judentumstreue nie preisgegeben, O, wenn das^die Folge der prüfungsreichen Zeit wäre, daß diese Besinnung durch die entfremdeten Herzen zöge, daß wieder gläubige Inbrunst über uns käme, daß Sabbat und Festtag uns wiederum heilig sein würden, daß der religiöse Familiensinn uns wieder erfaßte, die jüdische Ehe wiederum ihre heilige Weihe zurückerlangte, die Erziehung der Kinder in den Häusern ein echtjüdisches Milieu fände, und Gebet und Wohltun und Studium der G'tteslehre und Erfüllung des G'tteswillens in allem und jedem, und Friede und Liebe uns beseelen, und Opferwillen füreinander und alle gemeinsam uns erfüllen würden; mit einem Worte, wenn die alten jüdischen Ideale und ererbten Tugenden wieder in uns aufleben und etwa gar der große Gesamtheitsweg der alten Prophetenverkündigungen jetzt seine tatkräftige Anerkennung fände, dann war nicht umsonst dieses Jahr der Jahre. Schwer ist es gewesen, wer wird das verkleinern wollen. Manche Träne hat es gekostet und manchen Seufzer. Aber es war auch groß und bedeutsam gewesen. Es war ein Jahr der Aufraffung und Ermannung. Das Schwere und das Hohe hielten sich die Wage. Das darf nicht vergessen werden für das neue Jahr, das noch verhüllt. vor uns liegt. Wir wollen es nicht mit Zagen betreten. Dort über den Sternen droben wohnt ein großer erbarmungsvoller Vater. Immer hat er uns aus dem Dunkel zum Lichte geleitet. Wie sagt doch David im Psalm 91: „Kein Unheil wird dir widerfahren und keine Plage sich deinem Zelte nahen. Denn seine Engel wir der dir entbieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Der nach mir begehrt, dem will ich helfen. Er soll mich anrufen und ich erhöre ihn, mit ihm bin ich im Leid, ihc rette ihn und bringe ihn zu ehren." Verheißungsvoll trägt das neue Jahr den Zahlenwortnamen »Y'jnjvWohlgefallen. 5695 möge ein Jahr des Wohlgefallens sein für G'tt und Menschheit, ein Sinnbild des Glückes und Friedens, des Segens und Wohlergehens für Israel und die Welt! Wochenrundschau. Friedensappelle« Die Arbeiterpartei Palästinas müht sich, nachdem ein Friedensaufruf der Revisionisten vorangegangen ist, um einen Frieden unter den Parteien in Erez Jisroel. In ihrem Friedensappell, den wir in jüngster Nummer veröffentlichen konnten, legt sie die Prinzipien fest, unter denen sie einen Dauerfrieden zwischen den Arbeitern untereinander, zwischen Arbeitern und Arbeitgebern und zwischen den einzelnen Faktoren des Jischuw sichern möchte. Wir hören die Botschaft — und es fehlt uns nicht der Glaube an den guten Willen des Merkas der Arbeiterpartei, wohl aber bezweifeln wir, ob das Manifest den Kern der Sache trifft. Denn zionistische Organisation und Kneses Jis-