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Der Israelit · 1934-08-30 · Heft 35 (30.8.1934) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 35 (30.8.1934)
Date
1934-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 35 Der Israelit 30. August 1934 See, Sand und Sonne, Scheveningen, im August. Raumtechnisch und verwaltungsmäßig gibt es kein Scheveningen. Scheveningen ist der Strand vom Haag, und Haag selbst ist das größte und schönste Dorf Europas. Denn trotz Halbmillionenbevölkerung, trotz Riesenverkehr in den Geschäftsteilen, bei all seinen Waren- und Wohnpalästen, trotz Königsschloß und Friedenspalast atmet diese park- und promenadenreiche Stadt sanfte Landluft, ihr Gesicht ist dörfisch-idyllisch, Mauern und Menschen haben etwas Geruhiges und Beruhigendes an sich. Das nahe Meer scheint mit seinen frischen Lüften alle nervöse Unsicherheit des Großstadtlebens wegzuwischen. Der Holländer, zuvörderst der Haager, gibt sich einfach, still, freundlich und heiter zufrieden. Anstand und Sitte sind Naturgesetze, zu deren Wahrung es kaum einer gesetzlichen Bestimmung bedarf. So kommt es denn, daß Hollands vornehmster Strand der ruhigste und dezenteste Strand der Welt ist, ein Strand ohne trübende Anstößigkeit. Wo ein Fremder nur Miene macht, heimatlicher Sitte oder Unsitte zu dienen, da genügt ein Zeichen mit der weißbekleideten Hand des Schutzmannes, ihn in holländische Denkart einzuordnen. Luxus- und Volksbad rechts und links sind nach Geschlechtern getrennt und der trockene goldene Sand davor und dazwischen ist nicht nur der sauberste, sondern auch der reinste Spielplatz für die tausend Kinder, die hier von früh bis spät mit Schaufel und Eimer sich der Freude an See, Sand und Sonne hingeben. Auch eine jüdische Gemeinde Scheveningen kann es nicht geben, sie ist integrierender Teil der Haager, Gemeinde und die Synagoge ist Haager Gemeindesynagoge Nr. 3. Der G'ttesdienst ist hier, wie überall in Holland, steif und starr, aber von einem Anstand und einer religiösen Disziplin ausgezeichnet, die nachahmenswerte Eigentümlichkeit aller holländischen Synagogen ist. Aber neben den alteingesessenen holländischen Juden gibt es noch andere Juden in Holland: 0 s t - j u d e n und deutsche Juden. Die holländischen 0 s t j u d e n haben ihr Zentrum in Scheveningen. Im Haag und in Amsterdam sind es nur Salonostjuden, die kaum organisiert sind, in Scheveningen sieht man die rot- und schwarzbärtigen Gestalten überall auf der Straße, in ihren kleinen Kramläden, den Händler-Handkarren schieben "und auf dem Rade mit ihren Milchkannen und Eierkörben, am Sabbat um ihre Synagogen herum. Scheveningen ist ein kleines Antwerpen, und Antwerpen bekanntermaßen ein kleines Whitechapel von London. Die Amsterdamer Jodenbreystraat hat ihre eigene einheimische Armut, auch ihr eigenes eingeborenes Proletariat. Zwischen Rembrandthaus und Portugiesensynagoge wird man oft von Bettlern begleitet, die auf gut holländisch, je nach der empfangenen Gabe, danken oder fluchen. Jüdische Leierkastenmänner Iocken aus den Höfen jüdische Kinder, die sich zum Tanze die Hand reichen und dabei holländische Lieder singen. In Scheveningen aber trifft man die armen, kleinen, arbeitenden Menschen, die am Sabbat in ihren Synagogen den atlasschwarzen Kaftan wie den Königspurpur und den Streimel wie eine Herrscherkrone tragen, ganz wie in Warschau, Lemberg oder Kolomea, woher sie gekommen sind. Sprache und Tonfall haben sich selbst bei den Kindern, die schon die holländische Schule besuchen, in nichts geändert. Tn einer Straße nahe dem Meere leuchten einem der hohen Fassade ein paar hebräische Worte : gen. Hier ist die polnische Schul, oder nichtiger die polnischen Schulen, unten eine und eine andere oben im ersten Stock. Verschiedene Riten, etwa Aschkenasim und Sephardim? Nein! Es ist der gleiche Ritus, sogar die gleiche Observanz innerhalb des chassidischen Ritus. Aber, so erklärte mir einer in allem Ernste, man ist sich nicht einig über G a b b e und Schamesch. Das Einheitsprinzip in der Führung hat sich hier noch nicht durchgesetzt, und so betet man unten und oben und hat Platz für doppelte Ehrenstellen und Ehrenfunktionen. „Getrennt marschieren und vereint schlagen" ist eine Parole, die hier — hinsichtlich des zweiten Teiles — leider oft wörtlich eingehalten wird . . . Die Streitigkeiten gehen zumeist um Ehrenfunktionen, um Verordnungen, die von einem despotischen Gabbe erlassen und von rebellischen Mitgliedern nicht anerkannt werden. Das alles sticht so sehr von der gemessenen, kaltsteifen Art des Holländers und seiner fast puritanischen Vorstellung vom G'ttesdienst ab, daß der Kreis dadurch ein bißchen in Verruf kam. Wer aber verstehen will, kann's verstehen: Diese an sich braven und arbeitsamen Menschen von starken jüdischen Impulsen, die nach endlosen und leidvollen Odysseen hier am Meere auf freundlichen, aber durchaus fremden und kalten Boden unter netten, aber absolut reservierten und zugeknöpften Menschen fremder Art und fremder Sprache gelandet sind, müssen einen Platz, eine Insel auf dieser kalten Erde haben, wo sie sich eine Stunde im Tag und einen Tag in der Woche wenigstens selber wiederfinden, wieder festen Boden unter den Füßen spüren, sich ganz ausleben können nach heimatlicher Art und Unart. Tief gehen'die Differenzen nie, der kleine Konflikt kommt spontan zum Ausdruck und ist damit auch schon liquidiert, Behörden und Gerichte haben sich nie mit ihnen zu befassen. Die Holländer, deren Tag zwischen dem Frühstückshering morgens und der Tasse Kaffee in Verbindung mit dem Nachtgebet in geordneten, ruhigen und von Generationen her festgelegten Bahnen sich abspielt, wird nie für solche Spontanität Verständnis aufbringen, eher schon die hier domizilierenden deutschen Juden, besonders deren jüngere Generation aus der neuen orthodoxen Bewegung. Diese finden sehr oft den Weg zu der polnischen Schul, um statt eine Stunde stramm zu stehen, hier, oben oder unten, mit ihren Brüdern ein feuriges chassidisches Lecho daudi zu singen oder in der Dämmerstunde vor Sabbatausgang des Rebben Niggun in hochschlagenden Wellen auf sich einwirken zu lassen. (Schluß folgt.) Juden in Algerien. Die blutigen Judenverfolgungen in Algerien lenken die Aufmerksamkeit der Welt nach diesem dunklen Erdteil in Nordafrika. Die Tragödie der algerischen Juden ist nicht von heute. Die Katastrophe der letzten Tage ist nur ein Akt in dem jahrhundertelangen Drama. Daß es auch unter der französischen Fahne nicht gelungen ist, jenem fürchterlichen Drama ein definitives Ende zu bereiten, bedrückt am meisten. Constantine ist eine der ältesten jüdischen Gemeinden Algeriens, mit einer jüdischen Bevölkerungszahl von 6800 Seelen. In früheren Jahren existierte dort sogar eine Talmudhochschule, eine Jeschiwa. Im Ganzen befinden sich in Algier nach der Volkszählung von 1921, etwa 74 000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen. Juden sollen in Algerien schon vor der Zerstörung des zweiten Tempels gelebt haben, nach der Zerstörung und im Verlaufe der Judenwanderungen kamen noch mehrere dazu. Schon unter der römischen Herrschaft hatten dort die Juden viel zu leiden, der Islam, der sonst überall den Juden Recht und Freiheit brachte, bedeutete für die fanatische algerische Bevölkerung Kampfansage gegen die Juden, in denen sie Ungläubige und Feinde des Koran erblickten. Unter den Almohaden im 13. Jahrhundert litten sie stark unter den Zwangsbekehrungen und der nachfolgenden Inquisition. Nach der Austreibung der Juden aus Spanien fanden viele jüdische Familien den Weg nach Algier, so daß sich dort die jüdische Bevölkerung bald in zwei Teile spaltete: die alten Algierer und die spanischen Flüchtlinge. Die letzteren überflügelten kraft ihrer kulturellen Ueberlegenheit die ersteren sowohl in wirtschaftlicher wie in sozialer Beziehung. Alle Rabbiner und geistigen Führer stammten aus Spanien. In der türkischen Zeit, die 1519 begann, erlebten die Juden in Algerien eine Aera der Blüte. Viele Juden aus Italien und Frankreich verkehrten bei Hof und nahmen große Stellungen ein, während die jüdische Masse in der Mullah (Ghetto) immer noch das jüdische Abzeichen teils aus Zwang, teils aus Gewohnheit trug. Trotzdem trat damals schon ein gewisser Assimilationsprozeß ein, der mit der französischen Machtergreifung im Jahre 1830 neuen Auftrieb bekam. Die Juden in Algerien feiern am 6. Aw, dem Tage des Einmarsches der Franzosen, einen nationalen Festtag, denn sie erfreuen sich seit 1870 aller bürgerlichen Freiheiten und auch des allgemeinen Wahlrechtes. Eine jüngere Generation, die aus den Schulen der Alliance Israelite Universelle hervorgegangen ist, denkt und fühlt mehr französisch als jüdisch. Von der derzeitigen Lage der Juden in Algerien ist noch zu sagen: Reiche Juden mit großem Landbesitz trifft man nur in kleiner Anzahl, die jüdischen Massen bestehen aus Handwerkern, vorwiegend Schustern, Schneidern und Tischlern. Es gibt auch jüdische Lastträger, große kräftige Gestalten, die mit ihrer traditionellen wehmutsvollen Melodie die schwere Arbeit begleiten. Ihre Sprache ist ein Gemisch von Arabisch, Spanisch, Französisch und Hebräisch. Mit der Landarbeit befassen sich nur wenige. Der Ausbruch des Pogromes wird auf die verzweifelte ökonomische Lage der arabischen Bevölkerung zurückgeführt. Den französischen Behörden wird Mangel an Achtsamkeit vorgeworfen, während ein Teil der französischen Presse in Algerien mit Angriffen auf die Juden viel dazu beitrug, daß der angesammelte Groll von den französischen Behörden auf die Judengasse abgewälzt wurde. Man darf nun hoffen, daß von Paris aus Wandel geschaffen wird und nicht allein die unmittelbar Schuldigen, sondern auch die fahrlässigen Beamten ernstlich zur Rechenschaft gezogen werden. Der alte Jischuw. Von einem uns unbekannten Mitarbeiter in V i n - c e n n e s in Frankreich geht uns unter der Ueberschrift: „Offener Brief an Rabbiner Dr. Prinz in Berlin" das folgende Schreiben zu, das wir seines immerhin bemerkenswerten Inhaltes und seiner interessanten Form wegen wiedergeben: „Sehr geehrter Herr Dr. Prinz! Ihre Bemerkungen über den „alten Jischuw" im heiligen Lande dürfen nicht unerwidert bleiben. Es sei zuvor bemerkt, daß ich leider kein orthodoxer Jude bin. Wenn ich. Sie richtigstallen will, so geschieht es deshalb, weil ich durch persönliche Kenntnis des Landes im Verlauf von 40 Jahren zu einer anderen Ueberzeugung gekommen bin. Es ist nicht richtig, daß der alte Jischuw nicht, produktiv sei. Ein ganzef Jahr hindurch von 1927 bis 1928 habe ich mich Tag für Tag damit beschäftigt, unproduktive Elemente im alten Jischuw zu finden und habe sie nicht gefunden. Was ich hier behaupte, kann mit Zahlen bewiesen, erwiesen werden, daß der alte Jischuw absolut und relativ viel produktiver ist, als der neue Jischuw, den Sie sozusagen „kennengelernt" haben während einer Reise von 4—6 Wochen. Die Wohlfahrtsanstalten des alten Jischuw wagen es leider nicht, an die Oeffentlichkeit mit solchen Prätentionen heranzutreten, wie der neue Jischuw: schauen Sie sich mal ihre Leihkasse in der Altstadt Jerusalems, ihre Krankenhäuser, die mit Pfennigen erhalten werden, an, die Jeschiwos, wo es zwei Kategorien von Lernenden gibt, ausschließlich Lernende und Lerner aus der Schicht der produktiven Elemente, die es für ihre Pflicht halten, jeden Tag um die Mittag- oder Abendstunde nach einem leichten Armenessen zwei Stunden in der Jeschiwoh zuzubringen. Diese Jeschiwos verschaffen ihren Zöglingen kleine Darlehen ohne Zinsen, um sich ein Häuschen in Schaare Chesed zu errichten. Diese Elemente, welche durchaus produktiv sind, kosten das Volk ein Hundertstel von dem, was eine unbekannte Größe von Chaluz kostet. Sehen Sie, werter Herr Dr. Prinz, noch der Gründer der Kolonie Rechoboth, Lewin Epstein, den die Orthodoxie bestimmt nicht als den ihrigen angesehen hat, erzählte, daß seine erste Handlung beim Eintreffen im heiligen Lande war, ny'V zu reißen. So hat es Montefiore gemacht und so haben es im ideellen Sinne die ersten Pioniere vor 50 Jahren im heiligen Lande gemacht. Sie beugten sich im Geiste vor der Opferfreudigkeit der früheren Geschlechter. Ich will Ihnen noch ein weiteres Geheimnis verraten, das manche Chaluzim, trotzdem sie ihren Kopf mit Alltagswahrheiten vollgestopft haben, wenn sie Gelegenheit fanden, sich in die jüdische Gasse in Jerusalem hineinzustehlen, erschüttert waren von der einfachen Größe des alten Jischuw. Bevor wir dem alten Jischuw Lehren erteilei, sollten wir ihn wenigstens kennenlernen. Für heute genug. M. Weiner." (Eine Hindenburg-Reminiszenz.) Im Jahre 1928 wurde eine jüdisch-amerikanische Journalistin, Frau Mirjam Steiner, vom Feldmarschall von Hindenburg empfangen. Sie erzählt in einem französischen Blatte, daß Hindenburg ihr damals folgendes erklärte: „Die Juden haben der Menschheit viele große Persönlichkeiten geschenkt. Deutschland ist stolz darauf, unter seinen Söhnen einen Gelehrten wie Einstein zu zählen. Ich halte es für überflüssig, hinzuzufügen, daß Ihre Glaubensgenossen einen beträchtlichen Anteil an der Entwicklung der deutschen Kultur haben." (Seminar für jüdische Wissenschaft an der philosophischen Fakultät der Universität Tartu [Estland].) Zum Wintersemester sind an diesem staatlichen Institut folgende Vorlesungen vorgesehen: 1. Hebräische Grammatik (Entwicklung und Prinzipien der Sprachbildung); 2. Aramäische Grammatik (Die Sprache des babylonischen Talmud); 3. Hebräische und aramäische Inschriften; 4. Interpretation des Buches Hosea auf Grund der jüdischen Tradition; 5. Interpretation des Traktates Sanhedrin in Misna und Tosefta; 6. Der Chassidismus. (Wertvolle Bibeln auf dem alten Judeinfriedhof in Rom gefunden.) Bei den Ausgrabungsarbeiten auf dem aufzulassenden und nach einer anderen Stelle zu verlegenden alten Judenfriedhof in Rom wurden tausende alter hebräischer Bibeln, von denen viele aus der Zeit der Erfindung des Buchdrucks stammen, gefudnen. Auf Bitte der jüdischen Behörden hat Ministerpräsident Mussolini die sofortige Wiederbestattung der Bibeln erlaubt. Aus diesem Anlaß wird eine feierliche Zeremonie stattfinden. Nur einige Exemplare von besonderem Seltenheitswert sollen aufbewahrt werden. (Auffindung eines unbekannten Manuskripts Leon da Modenas.) In Ancona wurde von dem bekannten Historiker und Bibliographen Prof. Jesaja Sonne, der vom Verband der Jüdischen Gemeinden Italiens beauftragt wurde, die-alten Bibliotheken in allen Jüdischen Gemeinden des Landes zu ordnen, ein bisher unbekanntes Manuskript des berühmten Historikers Leon da Modena, der von 1571 bis 1648 lebte, entdeckt. Das Manuskript enthält mehrere Arbeiten des großen venezianischen Rabbiners, die von hohem Wert für die jüdische Geschichtswissenschaft sind und eine Reihe bisher unbekannter Tatsachen über die Arbeiten Leon da Modenas und die Verhältnisse in seiner Zeit beleuchten. Prof. Sonne arbeitet an einer wissenschaftlichen Beschreibung des aufgefundenen Manuskripts.

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