Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 35 1934 Meister Buchbinder, Erzählung von S- Kohn. (Fortsetzung.) Der Aktuar blickte zuerst verwundert auf. Der Fremde war heute elegant gekleidet, und sein energisches, wenn auch höfliches Auftreten imponierte dem Beamten des kleinen Städtchens. Der Mann hatte das Aussehen eines Großstädters, etwa eines Bewohners der Haupt- oder gar der Residenzstadt. Die nächstliegende Vermutung des Aktuars war die, daß der Fremde sich zur Kur in einem der böhmischen Kurorte, die in der Nähe lagen, befunden, und aus irgend einem Grunde einen Abstecher nach A. gemacht hatte; wie leicht konnte dieser nicht einflußreiche Verbindungen oder Bekanntschaften haben? — Eine grobe abweisende Antwort mochte ihm der Aktuar nicht erteilen — sich auf offener Straße vor aller Welt ins Verhör nehmen lassen, wollte er auch nicht, und so schlug er, zweckmäßig genug, einen glücklichen Mittelweg ein und antwortete in einer Weise, die eben so gut als gutmütiger Scherz, wie als verbissene Ironie gelten konnte. „Wenn Sie so neugierig sind, kommen Sie mit aufs Amt, dort werde ich mit dem Burschen ein Protokoll aufnehmen, ich werde Ihnen gestatten, demselben anzuwohnen; da sollen Sie alles haarklein hören." „Ich war eben im Begriffe, den Herrn Bürgermeister zu besuchen," entgegnete der Fremde nach kurzem Besinnen; „also wenn's gefällig ist, gehen wir; doch bitte ich Sie recht sehr, lassen Sie den jungen Menschen unbehelligt neben uns gehen, das Ehrgefühl der jungen Leute wird durch allzuharte Behandlung abgestumpft, ich versichere Ihnen, der Wanderbursche wird nicht entlaufen . . . nicht wahr?" wandte er sich an diesen. „Gewiß!" war das Einzige, was der Bursche hoch erregt zu antworten vermochte, — und die so eigentümlich kombinierte Gruppe setzte sich neuerdings in Bewegung. Naftali Löwi glaubte zu träumen; der Mann da, der scheinbar ruhigen Gemütes neben ihm herschritt und sich jetzt schon das zweitemal so menschenfreundlich gegen ihn benommen, war ja offenbar derselbe, den die Behörden suchten; er entsprach ja Zug für Zug dem Bilde, das der Steckbrief von ihm entworfen und Löwi konnte weder die totale Blindheit des Aktuars und seiner Begleiter, und fast noch weniger die Verwegenheit des Fremden begreifen, der sich toll-; kühn in eine eminente Gefahr begab. Nach kurzem Bedenken hatte er wohl für jene, aber nicht für diese einen ausreichenden Grund gefunden. Es konnte ja keinem mit gesunder Vernunft begabten Menschen einfallen, daß ein dem Gefängnisse Entsprungener, ein steckbrieflich Verfolgter, die Aufmerksamkeit irgend einer Behörde in der Nähe des ihn verfolgenden Gerichtes auf sich ziehen, sich demselben geradezu in die Hände liefern sollte; das konnte doch nur ein Mensch' tun, dessen Gewissen rein war, ünd er — Löwi selbst hatte ja nicht daran gezweifelt, daß der Unglückliche unschuldig verurteilt worden war! Mit dem Opfer seines Lebens wollte der junge dankbare Jude den gutmütigen Menschenfreund vor dem offenbaren Verderben retten, in das er mit offenen Augen rannte. „Lieber Herr!" . sprach Löwi leise zu dem Wiener, „ich begreife Ihr Benehmen nicht! Seien Sie vorsichtig, man kann Sie unendlich leicht hier erkennen!" Der Wiener sah überrascht auf und warf Löwi einen Blick der Befremdung zu, während ein ärgerlicher Zug über seine schönen regelmäßigen Züge huschte. „Das wäre mir unangenehm!" meinte er dann ebenfalls leise. „Das glaube ich selbst," erwiderte Löwi jetzt seinerseits erstaunt, „aber" — er senkte seine Stimme zu einem fast unhörbaren Flüstern herab — „Ihre Personalbeschreibung ist hier bekannt, und es ist, wie ich zufällig erfahren habe, von der Kreisbehörde dem Bürgermeisteramte die Anzeige erstattet worden, daß Sie diese Richtung eingeschlagen haben, möglicherweise heute hier anlangen würden ..." „Ah, das ist fatal!" murmelte der Fremde. „Merkwürdigerweise hat Sie bisher außer mir noch kein Mensch ei'kannt; ich würde Ihnen raten, sich jetzt, so lange, als Ihnen dies noch möglich ist, unter irgend einem Vorwande zu entfernen." „Nun, ich bin nicht feige," hatte der Wiener, sogar mit einem leichtsinnig erscheinenden Lächeln zu entgegnen, „manchmal verschwindet die Gefahr, wenn man ihr kühn ins Auge blickt! Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mich nicht verraten haben, denn man würde Ihnen dafür sehr erkenntlich sein." „Nein, nein!" entgegnete Löwi bewegt, „ich werde Sie nicht verraten, auch wenn man mich auf die Folter spannen würde! . . ." Die Mienen des Wieners verfinsterten sich einen Augenblick, dieser Ausdruck großer Anhänglichkeit schien ihm gar zu übertrieben, um aufrichtig zu sein; aber schon im nächsten Momente replizierte er lächelnd: „das wäre zu viel von Ihnen verlangt, in einem solchen Falle würde ich es Ihnen unbedenklich gestatten, mich zu verraten, aber ich will es Ihnen doch nicht verhehlen; wenn Sie mich, wie ich jetzt allerdings annehmen muß, erkannt haben, so wundert es mich, daß Sie keinen Anstand nehmen, mit mir — wie soll ich mich nur richtig ausdrücken? — so f r e u n d. s c h' a f 11 i c h zu sprechen." „Ich habe Sie nur zweimal in meinem Leben gesprochen, aber Sie haben meine Sympathien gewonnen, — ich ~ glaube nicht, daß Sie ein schlechter Mensch sind ..." Das leise geführte Gespräch wurde unterbiochen, man war an dem Tore des Amtshauses angelangt.; IV. Der Bürgermeister war nicht im Amtshause; er hatte sich inwohlwollendster Weise bereit erklärt, bei dem jungen Seifensieder, dessen Geburt wir im vorigen Kapitel erwähnt hatten, Pate zu stehen, aber er hatte sich, da er angeblich Nachmittag wichtige Geschäfte vorhatte, bedungen, daß die Taufe in den Morgenstunden vorgenommen würde, und hatte im Amte versprochen, um 10 Uhr dort zu erscheinen. Es fehlte jetzt hierzu nur noch eine halbe Stunde, und der Aktuar lud den Fremden ein, die Ankunft des Stadtchefs zu erwarten. Nun nahm er eine strenge Amtsmiene an und begann das Verhör des Wanderburschen. Der Wiener hatte sich auf einen Stuhl in die Ecke der Amtskanzlei gesetzt, der Amtsdiener Klaus hatte sich hinter Naftali Löwi postiert. Obwohl sich Name,, Alter, Stand und Religion aus dessen Wanderbuch ergaben, frug ihn der Aktuar doch danach; dann inquirierte er ihn. „Wo hat er heute übernachtet?" „Im silbernen Hufeisen." „Also hier in der Stadt; also das weiß er nicht, daß wir hier in A. keinen Juden über Nacht dulden? . . . Er . . ." Jetzt war das Verbrechen, das Naftali Löwi begangen, offenkundig, und dieser war selbst überrascht und erstaunt; aber auch der Fremde hatte sich heftig, den Stuhl weit zurückschiebend, erhoben, und hatte wohl nur dadurch die neue Insulte, die der Aktuar aussprechen wollte, verhindert. „Das also ist das ganze Vergehen des jungen Mannes?" frug der Wiener erregt. „Er hat gewiß keine Ahnung davon gehabt, er kommt ja weit her, ist, wie Sie schon aus seinem Wanderbuche ersehen mußten, aus Mähren gebürtig; und konnte das ja nicht wissen! . . . Nicht wahr, Löwi, Sie hatten keine Ahnung davon, daß in A. kein Jude übernachten darf?" „Gewiß und bestimmt nicht," erwiderte der Wanderbursche mit voller Wahrheit, „woher sollte ich denn das wissen?" „Und deshalb sollte der junge Mensch am Kragen gefaßt wie ein Dieb über den Marktplatz geschleppt werden?" sprach der Reisende gereizt. „Herr Aktuar, das scheint mir nicht in der Ordnung! Ich an Ihrer Stelle würde den jungen Menschen sofort entlassen!"' „Unkenntnis des Gesetzes bildet keinen Entschuldigungsgrund!" entgegnete der Aktuar, nunmehr schon etwas in Hitze geratend. „Des S t a a t s gesetzes — zugegeben!" hatte Löwi's eifriger Verteidiger zu replizieren. „Wenn Sie das kostbare Privilegium besitzen, keinen Juden über Nacht in Ihrer Stadt zu dulden, und sich dieses Privilegiums nicht gerade schämen, so müssen Sie dies an Ihren Stadttoren anschlagen, so wie man zu sagen pflegt: hier ist das Betteln und Rauchen verboten! . . . Sie werden den jungen Burschen, der durch Sie Beschämung und Kränkung erlitten, sofort entlassen! Der arme Junge dauert mich — ich will ihn entschädigen," — er nahm eine große Note aus der Löwi wohl bekannten Brieftasche und reichte sie ihm, — „heute, wo Sie mich kennen, werden Sie sich wohl nicht weigern, sie anzunehmen!" Naftali Löwi glaubte einen Moment verrückt geworden zu sein; jetzt, wo ihm der Wiener offen gestanden, daß er nicht erkannt werden wolle, und dadurch indirekt auch, daß er der als Bankzettelfälscher verfolgte Flüchtling sei, — sollte er sich nicht weigern, eine Note von ihm anzunehmen? Der Aktuar war durch das rücksichtslose Benehmen des Fremden in so hohem Grade gereizt, daß seine Erregung einen Moment den Respekt vor dem unbekannten Großstädter zurückdrängte und er heftig rief: „Mein Herr! ich muß doch bitten, mir bekannt zu geben, wer Sie sind, daß Sie mich in so sonderbarer Weise in meiner Amtstätigkeit unterbrechen." Aber bevor noch der Gefragte zu antworten vermochte, ward plötzlich die Türe des Amtszimmers aufgerissen und der Seiltänzer Francesco Novacow, recte Franz Nowaczek, stürmte in höchster Aufregung herein: „Herr Aktuar, Herr Aktuar!" schrie, er daß die Fenster klirrten, „nicht wahr, auf das Ergreifen des Bankzettelfälschers sind hundert Gulden ausgesetzt? also — wenn ich sag', wo er is, daß man nur die Hand auszustrecken braucht, um den Flüchtling zu ergreifen, so krieg' ich den Haufen Geld?" „Was schwätzt er denn für dummes Zeug!?" schrie ihn der Aktuar an, „ist Er betrunken?" „Ich bin nit betrunken, ich schwätz nit, . . . kurz von der Sach' . . . der Bankzettelmacher — steht da!" und er zeigte auf den Wiener. (Fortsetzung folgt.)