Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 35 Der Israelit 30. August 1934 Die Vorschrift, die junge Generation auf einen bürgerlichen Beruf lehrend vorzubereiten, ist also nur die pädagogische Konsequenz des Mischna-Wortes DJ? mm Tl»^n HS'' flKTH'wobei zu der ethischen Begründung der Mischna ('py nnSETO ÜiTJET RYTH?' das heißt die starke innere Inanspruchnahme durch Beruf und Lernen sei das sicherste Schutzmittel gegen die Sünde) die volkspädagogische der Gemoro hinzutritt. (müD'1? HO^Q I^KD' Mangel an Berufs Vorbereitung führt den Einzelnen zur Durchbrechung der Gesellschaftsordnung), Keine kürzere und treffendere Formulierung konnte S. R. Hirsch daher zur ersten Legitimierung seiner pädagogischen Forderung vor Religionsgesetz und Geschichte des Judentums finden, als das Mischna-Wort von *]TT DJ? min» das eine ganze halachische Diskussion in vier Worten zusammenfaßt.*) Vollzog sich nun die Wirksamkeit Rabbiner Hirschs, wie bereits bei der Betrachtung der zeitgeschichtlichen Voraussetzungen seiner Lebensarbeit angedeutet, im Kreise einer Bevölkerung, die — von Handwerk, Landwirtschaft und industrieller Lohnarbeit seit Jahrhunderten abgesperrt — ökonomisch vollkommen auf das Hineinwachsen in den modernen Handel, in die werdende internationale Großkaufmannschaft angewiesen war, und die dort allein auch die Möglichkeit finden konnte, die Sabbatbeobächtung für Unternehmer und Angestellte zu wahren, so war es klar, daß sein Erziehungssystem, gerade wenn und weil es sich auf das pK "pT das JilJölK und KpD57' des Talmuds gründete, die Form der Realschule mit ihrem vornehmlich auf den Kaufmannsstand berechneten Bildungssystem annehmen mußte. Nun war aber gerade Rabb. Hirsch selber, obgleich die hier dargestellten Gesichtspunkte eine der religiösen Voraussetzungen seines Bildungsprogrammes bilden, weit davon entfernt, Schule und Bildung überhaupt restlos als Vorbildung für den pN den praktischen Lebensberuf, zu betrachten. Er konnte sich im Gegenteil in den zahlreichen Programmschriften, die er als Leiter seiner Realschule veröffentlicht hat, nicht genug tun in der Betonung des Gedankens, welche tiefe innere Verwandtschaft zwischen dem naiPV des jüdischen „Lernens" und dem über allem Zweckhaften schwebenden Ideal der Persönlichkeitsbildung des Humanismus bestehe. Er war sich also auch durchaus im Klaren darüber, daß mit dem durch die px "pi-Devise des Talmuds einmal erschlossenen Erziehungsweg sich auf höherer Ebene unvermeidlicher Weise eine neue Problematik auftue, die zu ihrer Bewältigung auch die Heranziehung weiterer halachischer Gesichtspunkte erforderlich macht. Das wichtigste Gegenargument auf dieser höheren Ebene ist die dem Juden zur Pflicht gemachte absolute Fernhaltung von all dem, was man m^a nennt. Nun hat aber niemand den Begriff des mi>a' der Leugnung oder B e - zweiflung jüdischer Grundwahrheiten, nach der weltanschaulichen wie nach der halachischen Seite so tief und umfassend erforscht wie Rabb. Hirsch, Die Auseinandersetzung darüber gehört zu den glänzendsten Partieen der bereits erwähnten Austritts-Entscheidung, und niemand *) Die innere Bezogenheit der x'äid in f'Pnp über die Berufsvorbildung auf die Mischna rrn ns-> "pK "pi dpkommt charakteristisch durch den Gleichklang der Worte zum Ausdruck, mit denen der Talmud den als Halacha für die Allgemeinheit akzeptierten Standpunkt des Rabbi Jischmoel gegenüber demjenigen von Rabbi Schimon ben Jochai kennzeichnet: "pK -pn an:a tm amn" .Verhalte dich zu ihnen (den Worten der Tauroh) nach der Weise der irdischen Welt," das heißt: lerne nicht bloß, sondern ackere, pfHige, säe, ernte, um mitten i n und a n einem der Arbeit, dem irdischen Kulturaufbau geweihten Berufsleben die g'ttliche Lehre tätig zu verwirklichen. Das ist eben der p» TH der Mischna. hat auch den talmudischen Erfahrungssatz MKip' "NDWaT mr»' von: der gewaltigen verführe; r i s c h e n Kraft aller leugnerischen Theorieeh und Systeme für das Gemüt des Frommen mit solcher Energie auf das moderne Geistesleben angewandt wie gerade er, der Verkünder des 8*1 W fiTin-Prinzips. Harmlose Naivität, pädagogischen Leichtsinn oder mangelnde Würdigung der Halacha wird man also auf diesem Gebiet Rabb. Hirsch gewiß nicht zutrauen dürfen. Glückwunsch- Inserate für T]W7] twn in drei Größen zum Sondertari! | Allen lb. Verwandten u. Freund, herzl. | f mio nn\-mi mvrc l i Josel Kaufmann, Berlin N. Ohmsir. 2 { t Unserer werten Kundschaft wünscht? I v>'"> nnoEn naw n»T>m hitd ♦ 15 mm 2 sp- ♦ Adolf Hirschmann & Co. ♦ 4'5° ♦ Frankfurt a. M., Gwinnerstr. 6 ♦ J Allen Verwandten, Freunden und Bet 1 kannten nur auf diesem Wege die herzl. I \ tyrTD-Wünsche X | S. Feldstein und Frau, Regina ♦ | geb. Lichter ♦ ♦ Frankfurt a. M. Sandweg 56 f Die Beträge wolle man auf Postscheckkonto Nr. 19 802 überweisen, den Text durch Postkarte einsenden. Texte, die bis zum 5. September in unserem Besitze sind, werden in der Rosch-ha-schono-Nummer, später eintreffende in der darauffolgenden .veröffentlicht. Frankfurt a. M. Die Anzeigen-Verwaltung des Israelit Sammelinserat Ablösung für Erez Jisroel. Wer seine Glückwünsche zu Gunsten von Erez Jisroel abzulösen und keine Anzeige zu veröffentlichen wünscht, wolle dem nach Belieben festzusetzenden Ablösungsbetrag eine Gebühr von 1.50-Mark für die Veröffentlichung von Namen und Wohnort im Sammelinserat beifügen. Wenn er trotzdem für die frühzeitige Gewöhnung der jüdischen Jugend an die im naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Unterrichtsstoff mehr oder minder verborgenen mra-Bestandteile eingetreten ist, so muß vor allem auf die im ersten Teil dargestellten zeit-: geschichtlichen Voraussetzungen hinge-. wiesen werden: es war nichts mehr zu; verlieren. In den nicht jüdischen Schu- : len, die auch die jüdische Jugend zwangsläufig hätte besuchen müssen, wäre ihr nicht' die jüdische Realschule zur Stätte ihrer Bildung: geworden, würde das Gift dieses mra — ohne das Heilmittel des omp'BsV 2WI\W na 5H — mit tödlicher Sicherheit zum geistigen Tode geführt haben. Und über die Schule hinaus trugen Zeitungen, Zeitschriften, populäre Bücher und gesellschaftlicher Verkehr, die religiösnegativen Tendenzen in den oberflächlichen, vergröberten Formen des Halbwissens mit tausendfach gefährlicherer Wirkung in die Seelen hinein, als es die ernste Auseinandersetzung mit dem Zweifel unter der Leitung überzeugungstreuer Erzieherpersönlichkeiten auch im ungünstigsten Falle vermochte. Diese Anpassung der Erziehung an den für den Zögling vorauszusehenden künftigen Lebensweg mit all dem, was dieser Lebensweg an geistiger! Gefahren für die Reinheit der Emuno und die - Festigkeit 'der .religiösen Grundsätze notwendigen Weise ah ihn heranbringen muß, fand Hirsch als-religiöse Forderung in dem Weisheitswort des Spruchdichters niedergelegte lDm D"y "iinV *]lin„Erziehe, rüste den Knaben auf Grund des Weges, den er als jüdischer Mann dereinst zu durchschreiten haben wird.";. Es will uns jedoch scheinen, daß Rabb. Hirsch bei der inneren Auseinandersetzung zwischen. dem ni^a-Verbot der Halacha und .der besten Methode des pädagogischen Schutzes vor diesem niJ'a einen wesentlichen Unterschied, machte zwischen den aus der nichtjüdischen Philosophie und Naturwissenschaft sich mittelbar ergebenden Konflikten mit der jüdischen. Wahrheit einerseits, und jener Art von m^a' das den Quell der Wahrheit selbst, die T.h o r a , verschüttet, das mit der Bibelkritik ins - Heiligtum selber frevlerisch eindringt und damit das Gefühl der Ehrfurcht, der ö'»8? JlKT»' schon von vornherein vernichtet, das nach jüdischer Auffassung die Voraussetzung für die Erkenntnis der wissenschaftlichen Wahrheit bildete •naDn n«v )>k dn So erklärt sich die bemerkenswerte Tatsache, daß Hirsch in seiner gesamten literarischen Tätigkeit sich . niemals unmittelbar mit der Bibelkritik auseinandergesetzt", sie niemals „angesprochen" oder zitiert, wohl aber — wie Dr.. Gugenheim-Kolin in einer gründlichen Aufsatzreihe in Hirschs Jeschurun kurz nach dem Erscheinen des Pentateuch-Kommentars nachwies — ständig berücksichtigt und positiv kommentierend widerlegt hat. Vielleicht hat das Gefühl, daß hier die Grenze liege, die aus halachischen Gründen wohl für diesen oder jenen Meister, nicht aber für die Jünger überschritten werden dürfe, mit dazu beigetragen, daß S. R. Hirsch Zeit seines Lebens offenbar gar nicht den Versuch unternommen hat — der an sich gewiß nahe lag —, seine Ott min pK pl-Devise praktisch auf die Heranbildung; von Rabbinern in Deutschland auszudehnen. Die geistigen Verheerungen, die die sogenannte „Wissenschaft des Judentums" in Deutschland angerichtet hatte und täglich anrichtete, standen seiner ü'öß> flX'V schreckend vor Augen. Es war ihm klar, daß dem Versuche^ überzeugungstreue jüdische Aerzte und Juristen,. Physiker ■ und Naturphilosophen, Alt- und Neuphilologen und Mathematiker als geschlossene Persönlichkeiten ohne allzustarke innere Risse und Narben heranzüerziehen, auch ohne ausgesprochenen Konflikt mit dem DD33^> "nriK Wlrin tibv Erfolg beschieden sein konnte, sofern der von ihm neu erschlossene Quell jüdischen Geistes aus T'nach undnsVjnWrnindem Jüngling. jeHen Tag; lebendig sprudelte und die in wissenschaftlichem Stoff und Universitätsmilieu etwa enthaltenen mra-Ingredienzien hinwegspülte. Wie .aber, wenn der Lernende, wie es bei der Bibelkritik der Fall war, sich einer „Wissenschaft'^ gegenüberbefand, die ihn zwang, das. njir» g eg e n ü b e r dieser Quelle s e 1 b e r — ehe erst ein Versuch der "Widerlegung nur beginnen konnte — jahrelang geduldig in sich aufzunehmen und damit eine Infektion seines gesamten , geistigen Organismus herbeizuführen, die für dert Durchschnitts-Studenten einerseits die tägliche und stündliche Uebertretung des "nifln N^l bedeuten mußte und andrerseits eine niemals mehr ganz zu überwindende Schwächung der naiatf; miriB an der Quelle herbeiführen konnte? Der Eindruck, daß hier für Hirsch in der Tat die Grenze seines "|YT DJT min -Programmes lag, verstärkt sich, wenn man nun noch den oben bereits angedeuteten dritten Gesichtspunkt ins Auge faßt, der das halachische Fundament seines Bildurigs- und Erziehungsprogramms bildete und der uns erst hinüberführt in das Verständnis des innersten Sinnes dieses Programmes.