Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-08-23 · Heft 34 (23.8.1934) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 34 (23.8.1934)
Date
1934-08-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450840--80663-2538508
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 Nr. 33 So bin ich zu jüdischem Bewußtsein erwacht! Ein Tischoh-beaw-Erlebnis von Julie Laßmann in Rimpar. Wenn ich heute mit geöffneten Augen zurückschaue auf raein früheres Leben, auf jenen Dämmerzustand in der Atmosphäre eines wohligen Geborgenseins, der vor dem jüdischen Erlebnis liegt, bin ich zu einer Feststellung gezwungen, die beschämend genug ist für einen jüdischen Menschen: Aus gesetzestreuer Familie stammend, Abkömmling eines Geschlechtes, das dem Judentum Männer von Namen schenkte — eine Abkunft, die verpflichtet —, habe ich bis dahiu doch mein Judesein mehr als private leligiöse Angelegenheit empfunden. Wie locker war aber doch im ganzen die Bindung an Volk und Gemeinschaft! Beschämend, ja. Erst des Geschehens der letzten Zeit hat es bedurft, der Wucht dieses Erlebten, um hineinzufinden zum jüdischen Volksbewußtsein. — Eine Stunde aber ist, die mir die Verbundenheit mit meinem Volke erst ganz und voll ins Bewußtsein gerufen hat, nicht nur die Verbundenheit durch das Gemeinsame des äußeren Erlebens, sondern durch das Teilhaben an einer g'ttlichen Gnade: Eine Stunde, in der ich erschauernd das Glück des Judeseins empfand. Es war am Morgen des neunten Aw, Vater war sehr früh zur Synagoge gegangen und noch nicht daraus zurückgekehrt; so war ich allein im Hause. Ich wanderte umher in den Räumen, die noch erfüllt sind von ihr, von der Seele des Hauses, von der teuren Mutter, die erst vor kurzem uns abgefordert wurde nach des Plimmels unerforschbarem Ratschluß. Es war ein Gefühl in mir, ganz eigen und sonderbar zerschlagen, ein unklares Gefühl, daß ich etwas suchen müßte, was mir fehlt, und daß ich es doch nicht würde finden können. Früh hatte ich in den Geschichtswerken gelesen, hatte mich in Bücher vertieft, die von den Ereignissen der schicksalsschweren Tage erzählen, an die der heutige erinnern soll, von der Belagerung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels, von Gefangenschaft und Flucht, von erneuter Belagerung der wiedererstandenen Stadt mehrere Jahrhunderte später, von heldenmütiger Verteidigung eines durch Hunger und Pest geschwächten Volkes, von der Einäscherung seines Heiligtums und dem gänzlichen Verlust der politischen Selbständigkeit. Drückend lastete auf mir die Schwermut des Tages. Da auf einmal, als ich wieder die Reihen der Bücher durdhsah, wurde mir klar, was ich hier eigentlich wollte: Das „Chumisch" der Mutter suchte ich, ihr Andachtsbuch, um mich mit ihm auf die Erde zu setzen und das Klagelied des Propheten zu lesen, wie sie es vordem alljährlich getan. Ich nahm es heraus aus dem Schranke, dieses Buch mit dem Lederrücken und den abgegriffenen Deckeln, das ich so oft ihr zugereicht hatte. Eine Fromme ist sie gewesen, die Mutter. Von jener echten tiefsinnigen Frömmigkeit war sie, die unentwegt auf G'ttes Hilfe vertraut, die unbeirrbar festhält an dem Zukunftsglauben, den kein auch noch so schweres Geschick erschüttern kann. Und aus diesem Vertrauen wuchs inneres Frohsein, blühte ihr eine Freudigkeit der Seele, die ein Dauerndes geworden war und die sich jedem mitteilte, der in rechter Bereitschaft zu ihr kam. Dies Andachtsbuch, wie oft hat sie es in den arbeitsmüden Händen gehalten, wie oft sich an seinen frommen Erzählungen und Gleichnissen erbaut und uns Kindern daraus vorgelesen. So am Vorabend des neunten Aw. Da mußten wir uns, ob klein, ob erwachsen, zu ihr auf die Erde setzen und hörten dann in wehmutsvoller Ergriffenheit des Propheten Klage um die Stadt, die eine Krone war unter den Städten, um das zerstörte Heiligtum, um die verlorene Heimat. Mit Tränen in der Stimme las sie. Wir Kinder sahen verlegen vor uns hin; wir konnten diesen Schmerz im letzten nicht verstehen. Warum immer noch einem verlorenen Lande nachweinen, wenn man doch in einem so schönen anderen leben darf, in dem es uns gut ergeht und das wir von ganzem Herzen lieben! O Mutter, Deine Tränen verstehe ich jetzt. Wie würden sie heute fließen! Mutter, liebe fromme Mutter, Dir ist dies erspart geblieben, diesen bitteren Schmerz hast Du nicht erleben müssen. Das Buch Eicho liegt aufgeschlagen vor mir. Ich lese darin, meine Augen sehen die Linien, und meine Hand wendet die Blätter um. Doch was ich sehe, sind nicht Zeilen und Blätter, ist nicht Papier. Tränen verdunkeln mir den Blick, denn ich schaue die. Geschichte meines Volkes. Eine Geschichte von Leiden Jahrtausende hindurch, eine Kette von Bedrükkungen und Verfolgungen. Jede Zeit, jedes Jahrhundert brachte anderes Leid, ewig wiederkehrend, ewig sich ablösend und erneuernd. Ewig gleichbleibend aber, einziges lichtes Wunder, ist Beharren. Geschlechter kamen, litten, vergingen, Zehntausende ereilte der Opfertod: Das Judentum blieb. Keine Macht, kein Zeitgeschehen, kein noch so unerbittlicher Zerstörungswille hat es auszurotten vermocht. Nicht „zufällig" ist das Geschehen von heute; di® Geschichte offenbart uns den Zusammenhang, zeigt uns das Walten eines höheren Sinnes in den Vorgängen, in der Entwicklung. — So lese ich in dem Buche vor mir, das so mächtig zu mir spricht: „Darum gebe Der Israelit ich die-Hoffnung nicht auf: Daß Deine Gnade nie endet, Dein Erbarmen nie aufhört. Deine Gnade erneuert sich jeden Tag, groß ist Deine Treue." Spricht nicht unerschütterlicher Zukunftsglaube aus diesen Worten des Propheten, schimmert nicht tröstende Verheißung durch? O hohe Stunde, was lehrst Du mich! Glaubensstärke und G'ttvertrauen, Wille zum Leben, freudiges Bejahen, Zukunftswollen: Das ist's, was auch diese Zeit von uns fordert. Und erstarken müssen wir in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, im jüdischen Bewußtsein. — Mutter, wie sprichst Du zu mir, wie höre ich mit der Stimme des Propheten machtvoll Deine Stimme! Dein Geist ist es, der in diesen Worten lebt, in diesen Worten des Trostes, der Stärkung, des Zukunftswillens! — Und so gelobte ich ihr, die mir das Leben gab: Daß in diesem Geiste ich dies Leben führen will. Vertrauen haben auf den Höchsten; Vertrauen auch darauf, daß der, der uns solche Leiden schickt, auch die Kraft gibt, sie zu ertragen; unerschütterliche Festigkeit und Treue bewahren, Treue der Gemeinschaft, zu der ich freudig mich bekenne: Das gelobte ich in dieser verpflichtenden Stunde. Und mit tiefer Beglückung wurde ich es gewahr: In dieser Stunde habe ich heimgefunden, heimgefunden zu meinem Volke. Kinderecke. HiÜel. Von Dr. med. J. Weigl s. A. (Fortsetzung.) Der Nassi war der geistige Führer der Jakobsfamilie; weit über die Grenzen des heiligen Landes hinaus reichte sein Einfluß in die Kolonien der jüdischen Zerstreuung; in zweifelhaften Fällen frug man von dort in Palästina um Rat. Der Nassi war zugleich der Mittelpunkt, um welchen sich die Lehrer der Thora scharten. Die Hochachtung vor ihm sehen wir in jenem Satz des Traktats Bikkurim des Talmud Jeruschalmi wiedergegeben, in dem es heißt: ,,Wenn der Nassi eintrat, erhob sich das ganze Volk, und niemand durfte sich setzen, bevor er es befahl." Vor die Schranken des Synedriums rief der. Nassi Alle, die Uebles getan, ohne Ansehen der Person, und als beispielsweise Hyrkan, der Herrscher aus dem Hause der Hasmonäer, sich seiner Rechtfertigung sitzend entledigen wollte, forderte der Nassi ihn auf, vor dem hohen Synedrium sich stehend zu verantworten. „Denn wisse," sagte er, ,,Du stehst vor einem Gerichtsr hofe, der von G'tt eingesetzt ist." Die Würde des Nassi fand seitens der Römer Anerkennung; ihre Kaiser haben sie des öfteren bestätigt. Sie blieb bis zum Jahre 425 d. g. Z. in Bestand. Der letzte Nassi war Gamliel VI. IV. In schwierigen Zeiten trat Hillel sein Amt an. Der Idumäer Herodes der Erste war unter der Oberhoheit der Römer König. Er drückte die Juden und verfolgte ihre hervorragenden Männer. Viele ließ er töten. Denn er lebte in beständiger Furcht, daß man ihm seine Herrschaft nehme. Außerdem war damals in der Judenheii eine tiefe Kluft nach der religiösen Seite: Die gesetzestreuen Männer, die am jüdischen Bekenntnis in seinem ganzen Umfang festhielten, waren bestrebt, die Abfallsbewegung nach besten Kräften einzudämmen; ihnen stand die große Zahl der Anhänger jener Richtung gegenüber, welche, angekränkelt von freigeistiger Gesinnung, das Gesetz als überlebt bezeichneten und in der Ausübung der jüdischen Pflichten 'eine Störung ihrer Auslebung im Sinn des Lebensgenusses nach der griechisch-heidnischen Auffassung sahen, den Sabbat nicht hielten, die Speisegesetze mißachteten und auch sonst ihr Judentum möglichst bequem sich einrichteten. Bei diesen Verhältnissen war Hillel derrechte Mann am rechten Ort. Allen Schwierigkeiten erwies er sich gewachsen. Sein gewinnen- _____23. August 1934 des Wesen machte ihn geeignet als den Mittler zwischen den strenggläubigen Führern des Volkes und zwischen der Hofpartei. In seiner Lebensklugheit .beherrschte er jede Lage. Besonnen und weise wahrte er stets die Mittellinie; er wehrte den freigeistigen Strömungen und trug gleichzeitig in ganzer Treue zur Thora stets den praktischen Anfordernissen seiner Zeit sorgfältig Rechnung. Zu einem solchen Wirken befähigte ihn die weihevolle Macht seiner Persönlichkeit. Zwang diese doch selbst den übermütigen Heredes in ihren Bann und rang ihm Ehrfurcht, ja sogar, soweit das bei einem derartigen Charakter überhaupt möglich war, Zuneigung ab. V. Was wir mit seinen Zeitgenossen an Hillel vor allem bewunder,n ist die innere abgeklärte Ruhe, die durch nichts erschüttert werden konnte. Sie hat ihre nie versiegende Quelle in der Frömmigkeit des Großen. Diese gab ihm jene starken Antriebe des Lebens, welche Hillels gesamtes Handeln zum G'ttesdienste formten. Für den Israeliten beginnt der G'ttesdienst mit dem ersten Augenaufschlag und schließt erst, wenn sich das Auge zum letzten Mal schließt. Alles, was dazwischenliegt, ist G'ttesdienst. Speise und Trank, Geschäft und Vergnügen, Tätigkeit und Ruhe sind Teile des G'ttesdienstes. Welche heiligende Auffassung des Lebens! Wie ging Hillels Sein vollständig in dieser Weihe auf! Herzensfrömmigkeit ist ein Wort, das im jüdischen Leben doch wohl seinen besonderen Klang hat. Wie glücklich, wer solcher Art seiner Tage Inhalt von Jugend auf zu ordnen lernte! Aus dieser Begriffsumschreibung des G'ttesdienstes verstehen wir denn auch Hillels Gebet: „Gepriesen sei der Ewige Tag für Tag!" Nicht nur in den kurzen Gebetstunden, sondern aus dem ganzen Tagewerk soll der Ewige gepriesen werden. Darum sagt der Große weiter: „Ich habe einen Gast zu Hause und will mich eilen, ihn zu bedienen. Unsre Seele ist es, die heute noch bei uns ist, vielleicht aber schon morgen nicht mehr." Zur G'ttesverehrung im öffentlichen Kult mahnt er durch die Worte: „Das tägliche Morgenopfer und Abend-Opfer sühnen unsere Sünden." Erschütternd lehrt er uns ein andermal G'ttes Gerechtigkeit. Einst sah er, wie ein Schädel auf dem Wasser dahergeschwommen kam. Da brach er in die Worte aus: Weil Du ertränktest, hat man dich ertränki; und das Ende derer, die dich ertränkten, ist, daß sie ebenfalls ertrinken. Felsenfest war Hillels G'ttvertrauen. In jeder Lage machte es ihn zuversichtlich auf des Ewigen Walten. So ruft er uns zu: Bekümmert Euch nicht ob des morgigen Tages! Für ihn gab es kein ängstliches Sorgen und nicht das kleinliche Verlieren in die Trivialitäten des Lebens, das uns so oft hemmt. Eines Tages kam er von einer Reise zurück; von weitem bereits vernahm er in der Stadt ein großes Klagen; aber ruhig sprach er: „Des bin ich versichert, daß es in meinem Hause nicht ist. Wahrlich; von ihm gilt, was im 112. Psalm geschrieben steht: „Vor schlimmer Nachricht fürchtet er sich nicht. Fest ist sein Herz. Es vertraut auf den Ewigen." (Fortsetzung folgt.) Auflösung des Rätsels aus Nr. 32. ••»aiS -5 -oaK -4 :ewV -3 «pnX -2 .VikW i- ••T^TÄ «10 •f]Dl') -9. «8 -M -7 ^Wm'* «6 •natztf 45 -ni^p «14 -asT -13 «oO 42 .mmT1 -n •srasK -20 •er»'' -19 •O'il -18 «n .pp* «16 •TüD -25 -QU1? -24 «nl «23 «»tO -22 -D^B .21 Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter ergeben einen Satz aus der Sidroh Haasinu II: nam -pjpT *px Vkip Richtige Lösung sandten ein: E. u. Ph. Pfeffer, Dresden. Richtige Lösung des Rätsels aus Nr. 30 sandte nachträglich noch ein: Nathan Carlebach, Frankfurt am Main.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.