Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1934)
- Date
- 1934-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilletonf \ _ ¥^-^-^^154 Nummer 34 Beilage ISraCllt 1934 Meister Buchbinder, Erzählung von S. Kohn. (Fortsetzung.) Einen Augenblick war der Aktuar vor Schrecken und Ueberraschung wie Frau Loth, wie eine Steinsalzsäule stehen geblieben; in solcher Weise hatte noch kein Weibgeborener mit Thomas Weinert, Aktuar der königlichen Bergstadt AM gesprochen; er wurde kirschbraun vor Zorn, einen Moment drohte er vor Wut zu ersticken; aber als er durch kräftiges Husten und Pusten glücklich diese Todesgefahr überstanden, krähte er wie ein Verschnittener im höchsten Diskante: „Herr und G'tt! was erfrecht sich der jüdische Landstreicher! Er fügt seinem ersten Verbrechen noch ein zweites hinzu! Er sagt, ich habe ihn gröblich beleidigt . . . also war ich grob! also bin ich ein Grobian! he — habt Ihrs Alle gehört?! Er sagte, ich werde nicht schon am frühen Morgen betrunken sein; — aber am Mittag — am Abend, da bin ich vielleicht sternhagelvoll?! . . . also er hat gesagt, daß ich ein Erzgrobian und Erztrunkenbold bin . . . ich kann das heilig beschwören! —(der gereizte Aktuar wollte offenbar sagen, er könne beschwören, daß der Wanderbursche ihn in solcher Weise verleumdet habe) und das ist eine Verletzung des Amtsgeheimnisses," schrie der vor Wut sinnlose Mann; aber trotzdem bemerkte er doch, daß ihm ein sehr gefährlicher lapsus über die Zunge geschlüpft war, und er verbesserte, wenn auch etwas spät . . . „Teufel! was red' ich denn . . . Verletzung der Amtsehre will ich sagen! Klaus binde er den gefährlichen Verbrecher , , . und jetzt gehen wir gleich aufs Amt und dort werden wir mit dem Malefizkerl ein Protokoll aufnehmen, daß ihm Hören und Sehen vergehen soll!" Naftali Löwi wäre beinahe vor Scham in die Erde gesunken. Da er noch immer keine Idee von dem Verbrechen, das er begangen haben, sollte, hatte, glaubte er einen Wahnsinnigen vor sich zu haben; aber Amtsdiener Klaus, an Dienstzeit und Ueberlegung seinem Vorgesetzten weit voran, schien entweder das Crimen, das Naftali Löwi verübte, weit milder zu beurteilen, oder beabsichtigte er dem Aktuar etwas gebranntes Herzeleid zuzufügen — wir vermögen nach einem Jahrhundert nicht die Gedanken des Amtsdieners Klaus auf ein Haar zu erraten — jedenfalls aber wagte er zu remonstrieren und sagte: „Herr Aktuar! halten zu Gnaden, wir haben vom gestrengen Herrn Bürgermeister den Auftrag erhalten, den entsprungenen Bankozettelfälscher, auf dessen Habhaftwerdung ein Preis von hundert Gulden ausgesetzt ist, und nicht einen Wanderburschen einzufangen. Ich hab' nix dagegen, daß der Handwerksbursche seiner gerechten Straf nit entgeht, — aber daß wir jetzt wegen dem wie die Narren ins Amt laufen und mittlerweile der richtige Halunke durchbrennt und wir statt einer Belobung eine gewaltige Nase kriegen — das, Herr Aktuar, is fein nit meine Meinung. Herr Aktuar, Sie sind der Chef der Kommission, ich bin nur der Amtsdiener und muß das Maul halten . . . aber halten zu Gnaden, Herr Aktuar, ich habe Ihnen gleich gesagt, gehen Sie in den Mond, oder noch besser zu den Ochsen . . . wie kommen Sie in das silberne Hufeisen? Da is sein Lebtag noch kein nobler Lump gewesen . . . Sie sollten jetzt im Mond sein, dort gehören Sie hin — oder noch richtiger zu den Ochsen!" Das, was der Amtsdiener Klaus sprach, war in der Form höchst ungeschickt; aber der Aktuar mußte sichs gestehen, daß er in der Hauptsache Recht habe. Aktuar Weinert war genau so wie sein Chef der Bürgermeister, gegen unter ihm stehende brutal, gegen Vorgesetzte kriechend, dabei war er ein rachsüchtiger Mensch, der dem armen, verlassenen Wanderburschen seine Gewalt, seine schwere Hand fühlen lassen wollte; er konnte es nicht erwarten, mit diesem ein regelrechtes Protokoll aufzunehmen, ihm eine mehrtägige Gefängnisstrafe bei Wasser und Brot, wenn möglich auch eine tüchtige Tracht Prügel zuzuerkennen; — aber er durfte sich andererseits doch nicht die Gelegenheit, sich auszuzeichnen, den entflohenen Verbrecher aufzugreifen, entgehen lassen, und nach kurzem Bedenken befahl er, daß sie sich sofort in die beiden andern Gasthöfe begeben und Naftali Löwi sie auf ihrer Wanderung zu begleiten hätte. Dieser hoffte auf dem Amte, etwa in dem Bürgermeister einen billig denkenden Beamten zu finden, der ihm von den Uebergriffen*seines ausschreitenden Untergebenen schützen würde, und ergab sich um so beruhigter in seine unangenehme Lage, als der Amtsdiener keine Miene " machte, den erhaltenen Auftrag, ihm die Hände zu binden, zu vollziehen und der wutschnaubende Aktuar, jetzt von andern Gedanken beschäftigt, ganz daran vergessen zu haben schien. Der Aktuar und die drei ihn begleitenden Männer setzten sich nun in Bewegung. Klaus deutete Löwi durch einen Wink an, neben ihm herzuschreiten und die anwesenden Herbergsgäste, der Schlosser, der Scherenschleifer und der Seiltänzer und auch der Wirt begleiteten sie. Daß ein solcher Aufzug in dem Städtchen kein kleines Aufsehen machte, braucht wohl gar nicht gesagt zu werden. Das bei dem Auszuge der Kommission aus dem silbernen Hufeisen aus vier Personen bestehende Publikum hatte sich bald lawinenartig vergrößert und bildete schon einen stattlichen Haufen, als man bei dem goldenen Mond angelangt war; aber schon die oberflächlichste Einvernahme des erstaunten Wirtes bewies zur Genüge, daß auch dieser Weg ein verlorener gewesen sei; denn der Wirt behauptete in voller Wahrheit, seit drei Tagen keine fremde Katze, vielweniger einen Durchreisenden, mithin — es lag gesunde Logik in des Mondwirts Worten — auch nicht den vielgesuchten Bankozettelfälscher beherbergt zu haben. Der Aktuar, dessen böse Laune sich in dem Maße verschlimmerte, als sich die Hoffnung des entflohenen Verbrechers gerade in A. habhaft zu werden, verminderte, kommandierte seinen Leuten nur mürrisch „Ochsen!", was von jenen richtig dahin gedeutet wurde, daß sie nach dem. Einkehrhause, auf dessen Schild fünf rote Ochsen prangten, ihre eiligen Schritte lenken sollten. Dort leuchtete ihnen ein Moment ein Hoffnungsstern auf. Die Wirtin — sie war eine Witwe, der Mann war ihr vor einigen Monaten gestorben — gestand sofort, zwei Anwesende zu beherbergen, was bei der Kommission eine erfreuliche, aber leider nicht lange anhaltende Stimmungsbesserung hervorrief, denn bei näherer Beleuchtung ergab sich, daß ein Reisender, ein Kaplan aus der Umgegend, der zweite aber, die* Urgroßmutter der Frau Seifensiederin sei, welche — die Frau Seifensiederin, nicht die Urgroßmutter — in die Wochen gekommen —; zur Taufe ihres ersten Ururenkels angelangt sei und da das Haus ihrer Urenkelin mit Taufgästen überfüllt war, den „Fünf roten Ochsen" die Ehre ihres Besuches angedeihen ließ; — zwei Personen, von denen ohne vieles Kopfzerbrechen angenommen werden konnte, daß sie nicht mit dem entsprungenen Fälscher identisch wären. Als nun der Aktuar jede Hoffnung schwinden sah, wurde er, wie der Amtsdiener später im Kreise der Seinen erzählte, „fuchsteufelswild" — und suchte einen Abieiter für seinen Zorn. Sie schritten, noch immer von einer zahlreichen Volksmenge begleitet, über den Marktplatz, als dem Aktuar wieder einfiel, daß der Amtsdiener seinem Befehle nicht gehorsamt, dem renitenten Wanderburschen nicht die Hände am Rücken gebunden hatte, und dieser ganz ruhig, wie ein Gleichberechtigter, neben den Gerichtspersonen einherschritt. „Sakkerment, Klaus! Wie läßt Er denn den Gefangenen neben sich gehen?!" schrie er, „als wenn der Jud' ein Gevatter und guter Kamerad wär' — gleich faß' Er ihn beim Kragen, daß er nicht Reißaus nehmen kann!" Der Volkshaufe brach in höhnisches Gelächter aus, und Klaus diesmal gehorsamer, wollte den erschreckten, erbleichenden Löwi am Kragen fassen. Der junge Mensch wurde purpurrot. „Lieber Herr!" sprach er zum Aktuar, „ich versichere Ihnen, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, zu entfliehen, ich hätte ja gar keinen Grund dazu; — auch wüßte ich in der Tat nicht, wohin ich entfliehen könnte, ich werde ganz ruhig mit Ihnen aufs Amt gehen." Diese Worte hatten statt den Aktuar zu beruhigen, wie in helle Flammen gegossenes Oel gewirkt. „Der Teufel ist sein lieber Herr!" krähte der Aktuar und erhob seinen Stock, um Löwi zu schlagen, der junge Mensch ergriff nun den Arm des Zornigen, der laut schrie: „Gewalt gegen die Behörde, — auf offener Straße!" Naftali Löwis Situation war in dem Momente eine höchst peinliche geworden, er hatte nicht anders handeln können und wenn es sein Leben gekostet hätte, aber er erkannte, daß er sich in eine sehr schlimme Lage gebracht, dem bösen Aktuar eine Handhabe geboten, ihn in empfindlicher, sein Ehrgefühl verletzender Weise zu bestrafen. Das Gefühl der Ohnmacht bei erlittenem schwerem Unrecht und ebenso das Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit ist — Gewissensbisse ausgenommen — das Allerhärteste, was eine Menschenseele bedrücken kann, und Naftali Löwi lernte in dem Moment deren volle Bitterkeit kennen. In dem Städtchen, wo heute gewiß, wie allerorten in Böhmen, Toleranz und auch ein gewisser Grad von Bildung herrscht, wo die Bürger der Jetztzeit die Dummheit ihrer Voreltern belächeln und bedauern, gab es damals wohl keinen Menschen, der sich eines armen jüdischen Wanderburschen einem Beamten gegenüber, angenommen hätte. In seiner Verzweiflung ließ er seinen Blick über den Marktplatz schweifen, als etwas eintrat, was er von allem Menschenmöglichen am allerwenigsten erwartet hatte. Durch das Tor, das er selbst gestern Nacht passiert hatte, war der Wiener Reisende von gestern, elegant gekleidet, ein Spazierstöckchen in der Hand, über den Marktplatz geschritten, und hatte sich in dem für Löwi bedenklichsten Momente der Gruppe genähert, so daß der Amtsdiener zurücktrat, der Aktuar den erhobenen Stock sinken ließ. „Darf ich Sie vielleicht bitten, mir zu sagen, weshalb Sie den jungen Menschen, der ganz ruhig neben Ihnen herschritt, auf offener Straße zu schlagen beabsichtigten und weshalb er arretiert wird?" frug der Fremde. (Fortsetzung folgt.)