Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1934)
- Date
- 1934-08-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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23. August 1934 Der Israelit Nr. 33 Seite 9 sitzen. Die Beschäftigung von Arabern und Juden bei derselben Arbeit habe eher zu einer Erhöhung der Löhne der Araber, als zu einer Senkung der Löhne der Juden geführt. Eine Diskussion fand auch statt über die Frage der illegalen Einwanderung, wobei Mr. Hall Beschwerde führte, daß ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung mit diesen illegalen Einwanderern sympathisiere xmd der Polizei Informationen und Beihilfe verweigerte. Hall behauptet, die Berichte über die Einwanderung aus Transjordanien seien übertrieben. Die Zahl der illegalen transjordanischen Einwanderer sei nicht höher als 1000 zu schätzen. Bemerkenswert ist das Auftreten des Vertreters von Portugal, Graf Garcia, der mit Nachdruck darauf hinwies, daß es Aufgabe der Mandatverwaltung sein sollte, das zahlenmäßige Verhältnis von Juden zu Arabern durch starke Steigerung der jüdischen Einwanderung wesentlich zu verändern. Nur auf diese Weise könne auf der arabischen Seite Verständigungsbereitschaft hervorgerufen werden. Dabei sollten die Rechte der Araber in keiner Weise irgendwie gefährdet werden. Auch der Spanier P a - lacios äußerte sich kritisch über die Passivität der Politik der Mandatarmacht hinsichtlich der arabischjüdischen Beziehungen. Obersekretär Hall antwortete, es könne von einer Verschlechterung der arabisch-jüdischen Beziehungen keine Rede sein. In der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sei im Gegenteil eine Verbesserung zu bezeichnen. Daß auf beiden Seiten Unzufriedenheit mit der Einwanderungspolitik der Regierung herrsche, beweise noch nicht, daß diese Politik falsch sei. Polen. „Legionen" für Erziehungsschutz. Warschau, 15. August. Die Chaurew-Zentrale (Abteilung für Erziehungswesen) der polnischen ,,Agudas Jisroel" schleudert einen originellen Gedanken in die Massen. Es sollen, wie es in dem neuesten Rundschreiben der Zentrale heißt, an allen Orten Legionen von Agudo-Mitgliedern gegründet werden, die, in militärischer Disziplin organisiert, unter Führung eines Kommandanten stehen und die die Aufgabe haben, die öffentliche Meinung gegen die Auslieferung jüdischer Kinder an nichtreligiöse Lehranstalten des Ortes zu mobilisieren. Die Mitglieder der Legionen verpflichten sich, durch persönliche Beeinflussung und durch alle Mittel der örientlichen Propaganda dem angestrebten Zwecke zu dienen. Sie sollen außerdem positiv mithelfen, um die Chadorim und Beth Jacob-Schulen des Ortes auf eine feste organisatorische und finanzielle Grundlage zu stellen. Hoffentlich finden sich recht zahlreiche jugendliche Elemente, die ihre militärischen Neigungen statt in den Dienst des Brith Trumpeldor oder ähnlicher Organisationen in den des Kampfes für die Thora stellen. Gründung einer unpolitischen religiös-jüdischen Partei in Polen? Warschau, 19. August. Dieser Tage fand unter Beteiligung einiger Rabbiner aus Galizien und Kongreßpolen die Gründung einer neuen unpolitischen religiös-jüdischen Partei statt, die den Namen „Machsike Hadaß" führen wird. Für die neue Partei, die demnächst mit großen Volksversammlungen vor die Oeffentlichkeit treten will, setzen sich iiisbesondere Rabbiner in Galizien ein, die der Weltorganisation „ A g u d a s Jisroel" nicht angeschlossen sind. H. Farbstein über aktuelle Misrachi-Probleme. Warschau, 14. August. Das Mitglied der Exekutive des Misrachi-Weltverbandes, H, Farbstein, äußerte sich vor seiner Abreise nach Lemberg zur Konferenz des Misrachi- Zentralrates in einem Gespräch mit dem Vertreter der ITA, über eine Reihe von Problemen der künftigen politischen Arbeit des Misrachi, Auf eine Frage des ITA-Vertreters, welche Bedeutung der Spaltung der Misrachi-Organisation in Palästina durch Gründung des Misrachi Hawatik beizumessen sei, erklärte Farbstein: Die Frage ist in dieser Form überhaupt nicht richtig gestellt. Von einer Spaltung des Misrachi in Palästina kann man nicht sprechen. Rabbi Ostrowsky, der trotz des Beschlusses des Misrachi, seine Vertreter aus dem Waad Leumi zurückzuziehen, in dieser Körperschaft verblieben ist, hat mit noch einigen Personen den Misrachi Hawatik gebildet. Dieser Gruppe haben sich dann einige Misrachisten aus Deutschland angeschlossen, die jetzt in Palästina leben. Unter Fortsetzung seiner loyalen Haltung gegenüber den zionistischen Fonds wird der Misrachi gegenüber der Zionistischen Exekutive eine Oppositionspolitik führen. Die Möglichkeit einer Beteiligung des Misrachi an der Exekutive oder irgend einer anderen allgemeinen Körperschaft der Zionistischen Organisation — und diesen Körperschaften ist der Waad Leumi gleichzuhalten — ist unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht aktuell. Der Misrachi, fuhr H. Farbstein fort, fordert die Durchführung von Neuwahlen in der Knesseth Israel, wobei dem Bürgertum der ihm zukommende Einfluß in der Repräsentanz des Jischuw gesichert werden soll. Diese Wahlen werden vermutlich in fünf bis sechs Monaten stattfinden. Die Zahl der in der Histadruth organisierten Arbeiter schätzt Farbstein auf rund 45.000 und glaubt, daß der übrige Teil des Jischuw bei den Wahlen eine viel größere Zahl von Kandidaten durchbringen wird als die Histadruth. Auf Grund einer zwischen allen Parteien getroffenen Vereinbarung soll die Zahl der Mandate zur Assefath Haniwcharim von 70 auf 100 erhöht werden. 30 Mitglieder sollen von den Stadt- und Landgemeinden und den Vorständen der Religionsgemeinden nominiert werden. Doch fordert die Histadruth 40 Proz. dieser neuen Sitze, eine Forderung, die vom Misrachi abgelehnt wird. Die Tagung des Misrachi-Zentralrates in Lemberg. Lemberg, 19. August. Die Tagung des Zentralrats des Misrachi-Weltverbandes konnte nicht zeitgerecht eröffnet werden, da infolge eines technischen Versehens die behördliche Bewilligung am vorgesehenen Eröffnungstag noch nicht eingetroffen war. Dagegen fanden im Anschluß an ein zu Ehren der Exekutive des Weltverbandes veranstaltetes Bankett inoffizielle vertrauliche Besprechungen statt, in denen vor allem folgende Themata behandelt wurden: 1. Das Projekt Rabbi Amiels-Antwerpen, betreffend eine gemeinsam mit der Agudas Jisroel zu bildende interterritoriale religiöse Organisation. 2. Die Frage des Austritts aus dem Waad Leumi. 3. Die Stellung der „Thora we'Awodah-Bewegung" innerhalb des Misrachi und andere organisatorische Probleme. Nach Eintreffen der behördlichen Genehmigung wurde eine Permanenz-Kommission gebildet, die in ihrer ersten Sitzung eine Reihe von Resolutionen zu organisatorischen und politischen Fragen ausgearbeitet hat. In der Organisations-Resolution wird strengste Wahrung der organisatorischen Geschlossenheit des Misrachi in allen Ländern gefordert. Gegen die Einschränkung der Palästina-Einwanderung und das System der arabischen Patrouillen, die jüdischen Einwanderern auflauern, wurde eine scharfe Protest- Entschließung gefaßt. Eine weitere Entschließung .spricht sich gegen das Projekt der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina aus und weist auf die politischen Gefahren hin, die mit der Schaffung einer solchen Einrichtung verbunden sind. In einer anderen Resolution wird die Durchführung des Grundsatzes jüdischer Selbstarbeit in Palästina gefordert. Die Gründung eines misrachistischen Sonderverbandes in Palästina durch Rabbi Ostrowsky veranlaßte die Permanenz-Kommission, eine Reihe besonderer Maßnahmen zum Schutze der Geschlossenheit des Misrachi-Verbandes in Palästina zu treffen. Die Permanenz-Kommission stellte fest, daß Rabbi Ostrowsky nicht mehr als Vertreter des Misrachi im Waad Leumi anzusehen ist. Es wurde beschlossen, Rabbi Ostrowsky wegen Disziplinbruchs vor ein Ehrengericht zu zitieren. Zu diesem Zweck wurde eine besondere Kommission, bestehend aus Rabbi Berlin, Rabbi Gold und Rabbi Brodt gebildet. Diese Kommission wird nach Rückkehr ihrer Mitglieder nach Palästina Rabbi Ostrowsky auffordern, sich einem Verbandsgericht zu stellen. Sollte er dieser Aufforderung nicht entsprechen, so würde gegen ihn mit schärfsten verbandsdisziplinären Mitteln vorgegangen werden, Ferner faßte der Permanenz-Ausschuß eine scharfe Protest-Resolution gegen den Waad Leumi, weil dieser es unterlassen habe, Oberrabbiner Kuk gegen die von der Linken gegen ihn erhobenen Angriffe zu schützen. Die Beratungen waren stark gestört durch den scharfen persönlichen Gegensatz zwischen Meir Berlin und Heschel Farbstein. Erste Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polnisch-Litauen. Wilna, 17, August, Die erste Konferenz der Agudas Jisroel, in den „Kressen", d. h. in dem ehemals litauischen, jetzt polnischen Wilnaer Gebiet, hat in den weitesten Kreisen des religiösen Judentums großes Interesse hervorgerufen. Es waren über 100 Delegierte, 48 Rabbinen und zahlreiche Gäste anwesend. Sowohl unter den Delegierten, als unter den Rabbinen spielte die Jugend eine hervorstechende Rolle. Von der Warschauer polnischen Agudo-Zentrale waren die Herren Vorsteher A. S. Friedmann, Rabbiner Hirschhorn und Redakteur Eckermann anwesend. In einer breit angelegten Eröffnungsrede begrüßte Rabbi Josef Schub die Konferenz im Namen des Organisationskomitees und gab dabei einen Ueberblick über die ganze politische, wirtschaftliche und geistige Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora, die mehr als je die zielbewußte Arbeit einer starken orthodox-jüdischen Organisation verlange. Während der Rede von Rabbiner Schub erschien Rabbi Chajim Oser Grodzenski, von der ganzen Versammlung, die sich von ihren Sitzen erhob, mit stürmischen Ovationen begrüßt. Für die Wilnaer Gemeinde sprach Vorsteher A. Victorczik, für die Welt-Zentrale der Agudas Jisroel Dr. N i e m c z e - w i t z, für den Wilnaer kaufmännischen Verband Herr W. Krinsky, im Namen der Zeirim-Gruppen Rabbiner H a 1 p e r n , Rakow, namens der religiösen Lehrerschaft Herr T a 1 e r , für den Tiferes Bachurim- Verein Herr Beininsohn. Eine große Zahl schriftlicher Begrüßungen gelangten zur Verlesung. Dann erhielt das Wort Vorsteher A. S. Friedmann aus Warschau, der durch seine temperamentvollen Ausführungen die Versammlung immer wieder zu stürmischem Beifall hinriß. Er kennzeichnete vor allem die Bedeutung des litauischen Judentums innerhalb der Agudas Jisroel. Wilna sei eigentlich die zentrale Instanz der Organisation als Sitz des Präsidenten des Allweltlichen Mauezes Gedaule Hathauro. Leider hätten daneben bisher in den Kressen nur die Massen gefehlt, ein Manko, das jetzt ausgeglichen werden müsse. Er glaube nicht, daß an diesem Manko etwa die besondere kritische Einstellung der litauischen Juden schuld gewesen sei, sondern eine gewisse Furcht vor einem offenen Heraustreten gegenüber den gegnerischen Organisationen. Es sei ein Glück, daß man sich endlich entschließe, das Banner der Agudas Jisroel auch im litauischen Teil Polens frei und offen zu entfalten. Redner schließt mit einem geistreichen Wort des Gerer Rabbi zu dem Posuk vnwn wwai pmn isi Tarn miN... (10, 20). Diese Worte erscheinen im Wochenabschnitt in der Einzahl, werden aber dann in dem darauffolgenden Wochenabschnitt nm (13, 5) in der Mehrzahl wiederholt und zwar im Zusammenhang mit den Abschnitten über die Verführung durch einen Einzelnen (den ipff N'a*) durch .Familienbeziehungen oder durch Massenpsychose (nnun "py). Das will besagen, daß in Zeiten, in denen die G'Uesfurcht den schwersten Versuchungen durch Autorität, Familienbande und Massensuggestion ausgesetzt ist, der Einzelne seine Treue nur erhalten kann durch Zusammenschluß mit den Vielen. So braucht man auch heute, um die zitierte Mahnung der Tauroh in Wahrheit erfüllen zu können, eine große starke Organisation. Redner schildert die verschiedenen Zweige der politischen Tätigkeit der Agudas Jisroel und widmet seine besondere Aufmerksamkeit der Erez Jisroel-Arbeit, Die wichtigste Aufgabe sei, den Gegensatz zwischen