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Der Israelit · 1934-08-23 · Heft 34 (23.8.1934) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 34 (23.8.1934)
Date
1934-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. „33 Der Israelit 23. August •1934 ': kratisch zu, und von religionsgesetzlicher Gebundenheit sehen wir nichts? Jude: Inzwischen sind, seit 426, sicher aber seit 1800, die Unsrigen schon Opfer der Entwicklung zum Autoritätslosen hin geworden, die von Außenstehenden uns aufgenötigt wurde, und deshalb allein fehlt den Unsrigen jetzt der Wille zur Autorität, N i c h t j u d e :• Erklärt sich das Fehlen dieses Willens nicht schon aus der Ueberintellektualisierung der Ihrigen, aus dem Fehlen eines geistig religiösen Mittelstandes, weil bei Ihnen nur der zum Handwerk greift, der nicht genug Intelligenz für den akademischen Beruf oder das rabbinische Studium oder den Kaufmannsstand aufweist? Muß ich nicht mit Sombart in dieser Erscheinung, die grade in Ihren kompaktesten Siedlungen zu beobachten ist, ein Resultat der Erziehung durch ihre Gesetzeslehre sehen, und zwar ein für die nach anderen Prinzipien lebende Umgebung bedenkliches Resultat? Jude: Unsere ersten Tradenten: Propheten und Tannaim, gehörten zum großen Teile dem Handwerkerstande an. Das einzige nachbiblische Buch, . welches diesem Stande die Würde der Thoragelehrsamkeit abspricht, das Buch Sirach, hat bei uns keine offizielle Bedeutung erlangt. Erst gewisse kirchliche Verbote, vielleicht auch schon die Sklavenwirtschaft Alt-Roms haben uns aus den ländlichen Berufen geworfen. N i c h t j u d e : Auch lange nach dem Nachlassen solcher Zwangslage haben die Ihrigen immer schwer zu diesen Berufen zurückgefunden, und, was mir am auffälligsten erscheint, wo auch immer die Juden den Berufen der Umgebung gleichmäßig eingegliedert leben, sind sie Ihrem Gesetze ganz entfremdet, wie in Frankreich und Dänemark. Sollten also nicht doch gewisse Vorschriften Ihres Gesetzeslebens sich ungünstig auf das berufliche Leben auswirken? Jude: Pflichten Sie denn den Umstürzlern von links bei, welche die religiöse Geisteshaltung als so wirkungslos einschätzen, daß sie die Realitäten des Berufslebens nicht erfaßt? Nichtjude: Im Gegenteil! Die sonderbare Gemütskälte, die ich gerade an denen beobachtet zu haben meine, welche das Schächtgebot ausüben, läßt mich argwöhnen, daß Ihr Gesetz alle Quellen der Gemütsreligiosität und -ethik verschüttet und den Menschen so aktiv intellektualisiert, daß gegen ihn im Daseinskampfe dem Außenstehenden kein Aufkommen bleibt; und ich gestehe sogar frei, daß infolgedessen Mancher der Ihrigen uns wie ein „gehörnter Siegfried" erschien, dessen Besiegung unter Ausnutzung seiner ,.ungehörnten Schulter", d. i. seiner menschlichen Schwächen aucw dem nicht verargt werden darf, der sonst nur ritterlich kämpft. Jude: Es ist noch gar nicht so lange her, daß man unser Schächtgebot ebenso irrtümlich als Ausgeburt eines gar nicht intellektualistischen, eines rasenden Blutkultus ansah. Und Intellektualisten sind wahrlich nicht diejenigen, die dem G'ttesgesetze die Treue gewahrt und das Schächtgebot befolgt haben, sondern nur die Entfremdeten, die alle Bindung jüdischer Religion längst von sich warfen, Aber die „Zukaltschätzung" des Schächtens ist ebenso unsinnig wie die „Zuheißschätzung" und vor allem wie die ganz gleichgültige Unterschätzung des) Lebenswertes alles Religiösen, wie sie in der intellektualistischen Zeit des Kulturkampfes üblich war, Nichtjude: Da bliebe als vierte Möglichkeit wohl bloß die, daß das Gemüt dessen, der das Schächtgebot ausübt oder gar dessen, der als friedlicher Bürger ,,ganz fern vom Schuß" es durch bloße Einschränkung seines Fleischgenusses befolgt, eine ganz besondere Stählung erführe. Das aber widerstreitet meiner Erfahrung, und noch dazu wäre ich begierig, zu wissen, auf welchen Umwegen seelischen Geschehens ich mir das als vollzogen vorzustellen hätte. Jude: Autorisierter Schächtbeamter ist. noch niemand durch bloß intellektualistische Ausbildung in einer bestimmten Vorschriftengruppe, niemand durch bloße religiöse Begeisterung und gewiß niemand aufgrund philiströser Selbstzufriedenheit in religiosis geworden, solange die Erteilung dieser Autorisationen gewissenhaft gehandhabt wurde. Der Schächterberuf optima forma wurde immer als etwas Heiliges aufgefaßt, und die Gelehrtenschaft setzte schon seit den ältesten Zeiten alles daran, ihn 2U höchsten Idealen hinanzuziehen. Nichtjude: Auch wir haben in besten •und ritterlichsten Zeiten die Herrschaft des Menschen über das Tier in edle Passionen zu drängen getrachtet, nämlich in die des edlen Weidwerks, wobei der Mensch lernt, vor allem den Kampf gegen das Tier fair zu führen, es in seinen Lebensäußerungen hegend zu beobachten, bald ganz zu schonen, bald aber zu besiegen und ohne QuU zu töten. ■. Jude: Selbst wenn das immer ohne Rekordsucht und Qual abginge und z. B, die Parforcejagd in allen Kulturstaaten verboten wäre, so stammt doch die von unserem Schächtgebote angestrebte Herrschaft über das Tier aus viel tieferen seelischen Gründen und erstreckt sich ja auch auf solche Nahrung, die mit der Jägerei nichts zu tun hat: das zahme Vieh und Geflügel, Das sehen wir am einfachsten aus dem Namen und den Einzelgesetzen des Schächtgebotes. Die „Schechita" klingt an ein Wort an, mit dem sie grammatisch nichts, seelisch aber sehr viel zu tun hat: Schechida, das persönliche Gewinnen. Der andere Name desselben Aktes „Sebicha" ist ein Anklang an „Szeficha" Beigesellung (Hirsch). Diese Anklänge arbeiten, aller Philologie zum Trotz, in der Seele selbst dessen, der nicht mehr hebräisch spricht, ganz eindeutig in der Richtung, daß heute das ganze Thoravolk weiß: Nur durch diesen Akt gewinne ich in menschengemäßer Art die Tierkraft meinem Körper, nur durch ihn geselle ich die Tierseele meinem Geiste auf eine mein Menschentum schützende Weise bei. Und erst die Einzelvorschriften bestätigen mir das. Jede Gewalt, selbst die ritterlich angewendete, ist ausgeschlossen. Der Schächtschnitt ist nur an den Hauptorganen des Atems und der Nahrung vollzogen gültig, und er hat seinen vollen Sinn nur am unverletzten Tier. Nichtjude: Raubt der Schnitt nach Eurer Meinung durch Entbluten dem Tier augenblicklich die Besinnung? Jude: Das lehrt die Erfahrung und die physiologische Wissenschaft über allen Zweifel hinaus. Dennoch scheint dieses Humanitätsprinzip durchaus nicht der Hauptzweck des Schächtschnittes zu sein; eben so wenig wie irgendwelche bloß hygienische Ziele durch ihn verfolgt werden. Dieses schnelle Enden des Bewußtseins im geschächteten Tier ist ein Werk der Güte des Allgütigen, der ja selber der Schöpfer der Lehre und auch der Tierorganismen ist. Die 5 Grundregeln des Schächtens besagen über das, was es a n u n s vollziehen will, viel mehr als jede noch so edle humanitäre allgemeine Erwägung. Nichtjude: Welches sind diese Grundregeln? Jude; Hierüber lehrt uns S, R, Hirsch Deut. 12, 21 aus den Quellen das Folgende: „Ein über Luft- und Speiseröhre geführter Querschnitt gebietet der Fortsetzung der Lebensfunktionen Halt und bringt den Tierleib unter die Botmäßigkeit des der Fortsetzung des Tierlebens gebietenden Menschen. Es gehört aber nur die schneidende Trennung zu den den Menschen bekundenden mechanischen Kraftäußerungen, nicht aber 1, Druck oder 2. R i ß , die auch tierische Gewaltäußerungen bewirken. Der Schnitt ist auch 3, f r e i (ohne Bedeckung des Messers, z. B, durch die Tierhaut) und 4. ohne Anhalten zu vollziehen, wie es einem besitzergreifenden Herrscherakt entspricht, und er ist 5. da zu vollziehen, wo die Organe rein im Luft und Nahrung zuführenden Dienste des Gesamtkörpers stehen, nicht aber, wo sie bereits in ein anderes spezielles Orj gan münden ... Nichtjude: Entweder empfindet man alle diese Auslegungen als Befolger des Schächtgebots gar nicht; dann wären es nichts als schöne Auslegungen und hätten keinen Anspruch auf Beachtung, gar noch von außenstehenden Völkern. Oder sie beherrschen Euch wirklich; dann . wäret Ihr gewiß Intellektualisten! Jude: Es handelt sich gewiß nicht um Erwägungen, wie man sie täglich von Neuem anstellt. Aber unschwer erkennt in ihnen auch der oberflächliche Kenner unseres Gesetzeslebens, - daß dieses Leben von ihnen aus tiefster<-Seele täglich und stündlich beherrscht wird. Eines. Mittlers zwischen G'tt und Mensch zu bedürfen,. hat der Jude noch nie empfunden; um so mehr eines Mittlers zwischen Welt und Mensch, der ihm das G'ttst rebende der Welt zuführt und das G'ttfre^mde der Welt fern hält. Und dieser Mittler mußim Gesetze als solchem und seinen Vorschriften erblickt werden, besonders in denen, welche lehren, die Materie dem Menschenwesen in menschlicher Art einzuordnen. Gewiß sind das Alles,, insbesondere die Schächtgesetze, Stärker und Stützer des Intellekts. Ihre volle Wirkung tun sie jedoch, mithilfe der ganzen, also auch der außerintellektuellen Seele. Wohl müssen und sollen hierbei diejenigen Strebungen innerhalb der Seele verkümmern, die den Menschen auch im; Daseinskampfe behindern, nämlich die vielen, kleinen Sorgen des Selbst, Aber diese Eignung in irdischen Dingen ist nur der Neben-Effekt der Treue zum Gesetze. Und noch dazu ist auch denen, an welchen die Thora sich nicht wendet, auch dem Noachiden außer Israel dieser Weg zu irdischem Erfolge gar nicht versperrt, ' Nichtjude : Weshalb richtet sich denn dieses groß angelegte Erziehungswerk als Ganzes nur an Eurem Stamm und nicht auch an alles, was Menschenantlitz trägt? Jude: An uns allein richtet sich wohl der größte Teil der einzelnen Gebote. Weshalb, — darüber ist uns nichts gesagt. Wir mögen vielleicht vermuten, das liege an der Art, wie sich disee Gebote zwischen Menschen am Leben erhalten oder vererben, wobei dann zunächst eine wirkliche Familie von Befolgern vonnöten sein mag, im weiteren eine Volksfamilie. Nichtjude : Soll das eine Anerkennung nationaler Wesenheiten sein? Jude: Es dürfte Aufgabe jeder Nation sein», ihre Einzelnen nach diesem Prinzip in ihrem eigenen Kreise zu erziehen. Nichtjude: Unter Uebernahme Eurer Thora? Jude : Nein! Nur ihrer sieben für alle Menschen (Noachiden) geltenden Grundgesetze, zu denen allerdings auch das Verbot des Götzendienstes gehört. Für uns selber allein verschärft sich dieses Verbot zur Ausschaltung aller der Mächte aus unserem Leben, welche den dunklen Strebungen unseres Innern so zugeordnet sind wie es andererseits der freie Wille dem einzigen wahren G'tte ist, und Sie werden bemerkt haben, daß d<e anfangs erwähnten Einzelvorschriften des Schächtgesetzes nur Ausdrucksformen dieses Gedankens sind. Nichtjude: Gilt das denn auch für den ganz unbeteiligten Fleischkonsumenten? Jude: Dieser wird durch die Prozeduren zur Entfernung des aus ganz ähnlichen Motiven verbotenen Blutes und Unschlitts, die in den Privathäusern vorzunehmen oder mindestens zu kontrollieren sind, — also durch Verbote, deren Verwandtschaft mit dem Schächtgebot selbst der Ungelehrte mitfühlt, — auf dieselbe Bahn des Denkens gestoßen. Nichtjude; Wenngleich ich einsehe, daß" ein Blutkultus, der meinem geläuterten G'ttesr begriff widerspräche, mit dem Schächten nicht gemeint ist, so möchte ich doch gern die Gegend und die Zeit kennen lernen, in der die große Chaiakterfestigung verwirklicht wäre, die Sie als Wirkung des Schächtgebotes erhoffen. Jude: Eine solche Hoffnung kann nur erfüllt werden, wo dem Juden von Kindheit auf

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