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Der Israelit · 1934-08-23 · Heft 34 (23.8.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 34 (23.8.1934)
Date
1934-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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23. August 1934 Der Israelit Nr. 33 Seite 3 Das Bildungsideal S. R. Hirschs und die Gegenwart. (Fortsetzung von Seite 1.) det mindestens seit Jahrhundertbeginn, in Preußen prinzipiell schon seit 1717 keine Ausnahme mehr — die obligatorische allgemeine Volksschule besucht, die ihnen mit der Sprache und Schrift ihrer Umgebung den Zugang zur Gesamtkultur ihrer Zeit, und sei es auch nur auf dem Wege über die sich mehr und mehr popularisierende Zeitung und Zeitschrift, erschließt, und wenn ihre Eltern ihnen etwa die „Wohltat" rein jüdischer Schulbildung — unter Befreiung von - der staatlichen Zwangsschule — erweisen wollten und konnten, dann waren es die paar Reform-Gründungen vom Schlage des Frankfurter Philantropin, in denen rascher und unfehlbarer noch als in der Volksschule die völlige Ertötung altjüdischer religiöser Anschauung und Lebenspraxis an den jungen Seelen sich vollzog. Und der junge Talmudschüler, dessen Herz und Hirn bis zum Bersten übervoll sind von den Herrlichkeiten weltüberwindenden jüdischen G'ttesgeistes, wie er ihm, dem Begnadeten, aus jeder Zeile des Tnach, aus jeder talmudischen Halacha und Agada in überwältigender Einheitlichkeit entgegenleuchtet; der junge Student, dem die Offenbarungen des wissenschaftlichen Zeitgeistes auf der Bonner Universität und die Zusammenstöße mit dem Kommilitonen Abraham Geiger nichts, kein Jota seiner flammenden religiösen Ueberzeugungstreue rauben konnten — er steht nun inmitten des Trümmerfeldes des jüdischen Deutschland und fragt sich: Tlbxn DIBXyn nJ^nnn — gibt es .einen Weg der Wiederauferstehung für das dem Untergang geweiht scheinende deutsche Judentum?, Tief ist er von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Quelle alles Uebeis nicht draußen Jiege auf dem Markte des Lebens, nicht an den äußeren Verhältnissen, nicht einmal an der Macht der von draußen auf die jüdische Seele wirkenden Kultureinflüsse. „ Jissroels ganzes Wesen beruhet auf Thauroh; sie ist sein Boden und sein Ziel und Lebenssaft in seinen Adern. Ist's da gesund — kann Jissroel nicht kranken; ist's da aber krank — kann Jissroel nimmer gesunden. Es gibt darum keine Mißgestaltung, die nicht ■durch Sünde in Thaur oh erf assun g erzeugt werde — oder mindestens Dauer erhalte." Und er schreibt jene lapidare Kritik der jüdischen Geistesgeschichte im achtzehnten seiner „Neunzehn Briefe", in dem er sich — niemals ist es in den achtzig Jahren seines Lebens gegenüber irgend einem pWN*i wieder geschehen — sogar an die Riesengestalt des Rambam heranwagt und ihm vorhält, er habe im Mc-re Nebuchihi; aus a r a.bi s c h - g i e.c h i s c h e m e 1;t b e g r i f f h e r a. u s das Judentum mit der Wissenschaft der Umwelt ausgegli c h e n, statt es s c hö pf e r i s c h aus sich s el b s t hje raus zu e n t w ick ein " , . dasselbe Judentum, das ihm doch im „Mischne Thora" fjiir die Praxis eine,; objektiv gegebene, g;anz in ihrer eigenen L e b.e nsgesetzlichkeit ruhende, geradezu autarke geistige Größe war. Diese geistige Autarkie der G'ttesstiftung ,des Judentums gegenüber, aller wissenschaftlichen Kultur der Umwelt mit unerbittlicher Selbstkritik zu wahren, nichts Jüdisches anzugleichen und auszugleichen, sondern das Judentum ,, a u s sich selbst" und zwar aus der Gesamtheit seiner Quellen aus T h n a c h und Agada, aus der bis in ihre feinsten Verästelungen als bedinge nde Tatsache anzuerkennenden Halacha heraus zu erkennen und von diesem festen Standorte aus nun die ganze Fülle des menschlichen Denkens und Lebens draußen in der geschichtlichen Welt zu erfassen, zu meistern, gestaltend zu beherrschen — das war die gewaltige Aufgabe, die sich der mittlerweile ein Dreißigjähriger gewordene Landrabbiner zu Oldenburg stellte. Kein Zweifel: Der Grundriß jüdischer Welt- und Lebensanschauung, auf der von Thnach und Agada durchleuchteten Halacha als dem eisernen Fundamente des Ganzen aufgebaut, stand fix und fertig vor dem Auge dieses Dreißigjährigen, als er hintereinander die Neunzehn Briefe, den Chaurew und die Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel in die Welt sandte. ,; Die nächsten fünfzig Jahre seines reichen Lebens waren lediglich der Begründung aus den Quellen, dem Ausbau und der Anwendung der Lehre aufs öffentliche Leben des jüdischen Volkes gewidmet. Daß aber während dieser langen Periode die zeitgeschichtlichen Bedingungen sich wiederholt änderten, unter denen nun das aus sich selbst erkannte Judentum seinen Kindern Auge und Ohr öffnen sollte, um die Welt als G't t e s w e 11, ,die Geschichte als Erziehung des Menschengeschlechts zur Thauro zu erkennen, liegt auf der Hand. Schon als die drei oben genannten Erstlingswerke erschienen, war es im Bewußtsein der deutschen Kulturwelt mit der Herrschaft der Leibnitz und Wolff längst zu Ende gegangen. Aber ihre Erbschaft hatten in Verbindung mit dem Kant der praktischen Vernunft, mit Fichte und Hegel der an Goethe orientierte deutsche Humanismus angetreten. Diese Welt- und Lebensanschauung des deutschen Humanismus —: er war seinem Wesen nach mehr Humanism u s als nationales Deutschtum —, sie ist es eigentlich, die für Rabbiner Hirsch in der großen Zeit der Empfängnis seiner grundlegenden Gedanken der Repräsentant der allgemeinen europäischen Geist es w'e 1-t war, mit der er sich vom Standpunkte des autarken Judentums auseinanderzusetzen hatte./ . Nicht als Inspirator, ja nicht einmal .als, irgendwie wesentlich b e e in f 1 u s sender Faktor kommt diese Geisteswelt für das geistige Schaffen Hirschs in Betracht — dazu war er sich viel zu sehr der unbedingten Gebundenheit an die judischen Quellen bewußt und dazu war sein Horror vor jedem „Ausgleichen" und „Angleichen^ wie wir gesehen 'haben*'viel zu stark ausgeprägt. '■!' .Wohl aber muß man diesen Charakter der geistigen Umwelt mit ins Auge fassen, wenn man, was wir jetzt tun möchten, die Frage beantworten, will, woher dem jugendlichen S. R. Hirsch der Mut zu der großen, ihn vor den rabbinischen. Führern seiner Zeit auszeichnenden Tat s e, i nje s L e b e n s kam: „Schulen für Juden" zu fordern, jüdische Schulen, in denen „die Sprache Th'nachs, wie die Sprache ihres Landes" gelehrt, das „Auge geöffnet wird zur Anschauung der Welt," das Ohr der Geschichte geöffnet als Erziehung aller Menschen zu solchem ■ G'ttesdienst"! Da ist denn ein Doppeltes festzustellen. Einmal die Tatsache, daß — wie sich aus der hier gegebenen Schilderung der Lage ohne weiteres ergibt — mit der Proklamierung dieses zur Meisterung der Wissenschaft und des Lebens bestimmten Judentums und mit dem Weckruf zur; ,Gründung jüdischer Vollschulen nichts meh|r riskiert war für Emuno und Lebenstat. Es:konnte ohnedies kein jüdisches Kind mehr in Deutschland vor dem vorbehaltlosen Eintritt in die Kultur der Umwelt geschützt werden. Durch das Medium der Sprachgemeinschaft war — im Gegensatz zum Osten —-I [prinzipiell auch dem Volksschüler schon der Geisamtbereich der nichtjüdischen Geisteswelt erschlossen, sieben oder, acht Jahre lang in den entscheidenden Jahren des geistigen Wachstums, war mit dem Schulzwang der min (gemessen!an dem rr?^l Ö»V> 13 fl'Jim der alten Zeit) zur unentrinnbaren Voraussetzung aller Erziehung geworden, und eine nach der anderen hatten auch die Jeschiwos in Deutschland ihre Pforten längst geschlossen — man bedurfte ihrer nicht mehr. Die jüdische Schule konnte also, selbst wenn sie sich in vielem dem Rahmen staatlicher Vorschriften anpassen mußte, nur noch Besserung bedeuten, indem sie immerhin größere Bruchteile der Zeit dem Lernen zu reservieren gestattete, vor allem aber an die Stelle des chaotisch-zufälligen Zusammenstoßes nichtjüdischer und jüdischer Kulturelemente in der Seele des reifenden Kindes die durchdachte Einschmelzung jener in diese an der Hand g'ttesfürchtiger jüdischer Lehrer setzte — soweit solche Lehrer schon zu finden waren. Strittig konnte nur sein, ob man — gleichsam um lülSTöl snn zu wählen — sich auf die Volksschule beschränken oder durch die höhere Schule die geistige Auseinandersetzung von vornherein auf ein höheres Niveau schieben sollte. Daß Rabb. Hirsch die erstere Einschränkung nicht machte, lag gewiß nicht nur in der praktischen Notwendigkeit, den Bildungsbedürfnissen der im wesentlichen kaufmännischen Bevölkerung Rechnung zu tragen und den Stätten des Abfalls wie dem Philantropin usw. eine gleichwertige Konkurrenz zur Seite zu stellen. Er glaubte vielmehr wirklich in tiefster Seele an die leichte Möglichkeit harmonischer Einordnung aller beherrschenden Kulturinhalte seiner Zeit in sein zeitüberlegenes objektives Thora- und Talmudjudentum — und er hatte das Recht zu diesem Glauben, weil die Trias „G'tt, Freiheit und Unsterblichkeit" das humanistische Weltbild in der Tat in weitem Maße assimilationsfähig machte für ein Judentum, dessen überlegener Wahrheitsgehalt von dem Feuergeiste eines S. R. Hirsch den Seelen verdolmetscht und eingeglüht wurde. Die Bibelkritik Eichhorns und de Wettes aber, für die Rabbinatskandidaten zwar eine tödliche Gefahr, brauchte auch in der höheren Schule keine, Rolle zu spielen. Freilich: als 15 Jahre später Hirsch seine Realschule in Frankfurt eröffnen konnte, da war das geistige Klima in der Welt draußen schon im Begriff, stark umzuschlagen — die humanistische und von ihrem Geiste erfüllte spekulative Philosophie erlag den wuchtigen Streichen Schopenhauers; auf Comte und dann auf Darwin gestützt, überflutete grade die bürgerliche Welt bis in die Feuilletons der Zeitungen hinein eine Welle des philosophischen Materialismus, der die Ladenschwengel und Gymnasiasten aller Konfessionen widerstandslos zum Opfer fielen, und die das Grab aller Religion bedeutete. Büchners „Kraft und Stoff", die Bibel des Materialismus, erschien 1855, zwei Jahre nach Eröffnung;der Schule. 1 In jenen Jahren war es, daß Rabb. Hirsch, wie dem Verfasser dieser Zeilen aus mündlicher Tradition bekannt, auf einem seiner abendlichen Spaziergänge von der Schönen Aussicht am Main-Ufer entlang dem vertrauten Freunde sagte: „Lieber Herr B., die Welt draußen ist heute sö ■ beschaffen, daß wir jede einzelne Seele,1 die wir dem Abfall entreißen, als ein 02 betrachten und G'tt dafür danken müssen." In jener Zeit ist der herrliche Jeschurun-Aufsatz: „Die Natur und die Bibel in der Hand der materialistischen Weltauffassung" entstanden. In der Tat zeigte eine 1903 beim 50jährigen Schuljubiläum vorgenommene Durchsicht der seit April 1853 genauest geführten Schülerlisten der S. R. Hirsch-Schule, daß von jenen in den sechsz i g e r Jahren — während der Hochflut des Materialismus und der Reform — aus der Schule entlassenen Jahrgängen, soweitihr Lebensweg sie aus dem heimischen Milieu hinaus in die Fremde führte, kaum einer der Tradition die Treue hielt.

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