Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1934)
- Date
- 1934-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 33 Der Israel i t 23. August 1934 :. Zur Gestattung der Schechita in Oberschlesien Zu der in der vorigen Nummer gemeldeten Freigabe der religiohsgesetzlichen Schechita in Oberschlesien auf Grund des Minderheitenschutzes wird noch gemeldet, daß für die Ausführung der Schächtungen von Großvieh die Schlachthöfe in Beuthen und Gleiwitz freigegeben worden sind, während die Schächtung von Geflügel in Genf, 21. August. Zum dritten Male ist hier die von dem bekannten amerikanischen Reformrabbiner Stephen Wise und von Dr. Nachum Goldmann propagierte sogenannte „Jüdische Weltkonferenz" zusammengetreten, die sich '■— im Gegensatz und Widerspruch zu allen maßgebenden jüdischen Organisationen und Führern — dauernd mit der Vorbereitung eines jüdischen „Weltkongresses" beschäftigt. Den Vorsitz führte, wie im vorigen Jahre, wiederum Dr. Nachum Goldmann, der nach Mitteilung der schweizerischen Presse in einem einleitenden Referat sich mit der Lage der Juden in Deutschland befaßte und die Wiederherstellung ihrer früheren Rechte verlangte. Für die Juden im Saargebiet will man einen besonderen Minderheitenschutz verlangen. Im Zusammenhang mit den Plänen, Rußland in den Völkerbund aufzunehmen, soll auch die Lage der Juden in Rußland und die Ausdehnung des Minderhei- Berlin, 20. August. Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Breslau telegraphiert: Die soeben erschienene Nr. 32 der Wochenschrift „Der Stürmer" beschäftigt sich ausführlich mit dem Breslauer Mordfall Fehse, der im Jahre 1926 weiteste Kreise der Oeffentlichkeit in Aufregung hielt. Wie erinnerlich, waren damals zwei Kinder im Alter von 8 und 12 Jahren auf bestialische Weise ermordet worden. Die Tat ist nie aufgeklärt, ein Mörder nie ermittelt worden. Die genannte Nummer des „Stürmer" veröffentlicht jetzt einen mehrere Spalten langen Brief der Großmutter der Kinder und überschreibt ihn, auch in der Hauptüberschrift, mit den Worten „Der Ritualmord zu Breslau". Eine sehr ausführliche Schilderung des Mordes kommt zu dem Schluß, daß die beiden Kinder geschächtet worden sind. Mehreren Personen in Breslau wird in einer geheimnisvollen Andeutung die Mittäterschaft unterstellt. < Die Lage in Algerien. Versöhnung in Algier. — Austausch von Freundschaftsbriefen zwischen den Führern der Araber und der Juden, Algier, 16. August. Arabische und jüdische Führer in Algerien haben Briefe ausgetauscht, in denen sie ihr Bedauern über die letzten Vorfälle zum Ausdruck bringen und sich gegenseitig ihrer Sympathie und Freundschaft versichern. Unter der Anklage des Mordes sind in Constantine 4 Personen verhaftet worden. Die Zahl der anderer Verbrechen Beschuldigten geht in die Hunderte. An Feuerversicherungs-Gesellschaften sind im Zusammenhang mit den Brandstiftungen in jüdischen Geschäften 200 Schadenersatz-Forderungen gestellt worden. sämtlichen Gemeinden des Abstimmungsgebietes erfolgen darf. Zur Ueberwachung des Kaschrüth wurde ein gemeinsamer Ausschuß der Synagogengemeinden Gleiwitz, Beuthen und Hindenburg gebildet. Der Synagogerigemeindeverband hat darüber zu wachen, daß keinerlei Fleischversand über das Abstimmungsgebiet hinaus erfolgt. tenschutzes auf sie erwogen werden. Der bekannte Anthropologe,,J. Zollschan, sprach über die R,assenfrage und machte den Vorschlag einer öffentlichen Diskussion mit den Gegnern der jüdischen Rasse vor einem Forum von Wissenschaftern. Ueber das Minderheitenproblem verbreitete sich der slovakische Zionistenführer Marguli es, der für die Konstituierung der Juden, als nationaler Minderheiten in den europäischen Ländern eintrat. Wie die schweizerischen Blätter melden, habe der Leiter der Konferenz betont, daß diejenigen amerikanischen Juden, die an dem Wirtschaftsboykott gegen Deutschland beteiligt sind, nicht Gegner des deutschen Regimes und der gegenwärtigen Regierung seien, sondern lediglich die deutsche Judenpolitik zu bekämpfen beabsichtigen. Die ganze Konferenz ist übrigens bedeutungslos, da ihr, wie bereits erwähnt, sämtliche großen Organisationen ferngeblieben sind. Der Leiter der Mordkommission des Breslauer Polizeipräsidiums, Regierungsrat von Külitz, erklärte auf die Fragen Ihres Korrespondenten mit aller Bestimmtheit, daß die Behauptungen der Zeitschrift unsinnig seien und daß sich der tragische Mordfall keineswegs in dieser Richtung deuten lasse. Der Fehse-Mord sei von ernster kriminalwissenschaftlicher Seite stets als Sexualmord bezeichnet worden. Der stellvertretende Polizeipräsident hat die Nummer des „Stürmer" beschlagnahmen lassen. In der amtlichen Begründung, heißt es, daß der Bericht des Blattes in allen wesentlichen Punkten völlig unzutreffend und außerdem geeignet sei, das Ansehen der P o 1 i z e i b e a m t e n in erheblichem Maße herabzusetzen. \. Wir uns mitgeteilt wird, ist die Reichsvertretung der deutschen Juden wegen der erneuten Erhebung der Ritualmordbeschuldigung durch den „Stürmer" beim Herrn Reichsminister des Innern vorstellig geworden. Kundgebung für Rassen- und Religionsfrieden in Algerien. Algier, il, A^ikst.j.';.' Sämtliche mohammedanischen Mitglieder des Gemeinderats,;von Gran, Algerien, haben die folgende Kundgebung erlassen: „Die moslemitischen Vertreter' im Gemeinderat von Oran bekräftigen nach den Ereignissen von Constantine noch einmal ihren Willen, daß Frieden zwischen den Rassen und Religionen herrsche. Sie erfahren mit Bedauern den Entschluß des Generalrats Ghighi, des einzigen jüdischen 'Stadtrats von Oran, bei den nächsten Wahlen nicht mehr zu kandidieren. Sie versichern ihn ihrer Dankbarkeit für die von ihm uneigennützig geleisteten Arbeit und sprechen den Wunsch aus, daß ein jüdischer Kandidat mit echt menschlichem und französischem Geist für den frei werdenden Posten des Generalrats sich zur Verfügung stelle/' Da Ghighi bei seiner Weigerung verblieb, wurde der jüdische Advokat Karsenty, zum Mitglied des Stadtrats nominiert. Vor Entsetzen über die Vorfälle in Constantine: wahnsinnig geworden. 1 . P a r \ s , n. August. Der aus Constantine stammende jüdische Friseur Adolphe Guedj' erfuhr in Paris, daß sein. Friseurladen in Constantine während des Pogroms ausgeplündert und zerstört worden ist. Er - begab sich soiort auf die Heimreise, wurde jedoch, in Marseille infolge der Aufregungen wahnsinnig. Er erlitt auf offener'Straße einen Tobsucntsanfall, zertrümmerte mehrere, Fensterscheiben und' mußte in eine Anstalt eingeliefert werden/ Nach den Unruhen in Algerien. — Sicherheitsforderungen des Bürgermeisters von Constantine.. Paris, 15. August. . Der Bürgermeister von Constantine Maririaud, hat der französischen Regierung die For- .. derung vorgelegt, eine Reihe.von Maßnahmen zu. treffen, durch die eine Wiederholung von Unruhen, wie sie sich in letzter Zeit in Algerien ereignet haben, unmöglich gemacht werden soll. In erster Reihe verlangt der Bürgermeister, daß einmilitärisches Luftgeschwader von 500 .Flugzeugen dauernd in Algerien stationiert werde. Ferner soll die anläßlich der Unruhen vergrößerte Garnison von Constantine in ihrer jetzigen Stärke aufrecht erhalten werden. Schließlich soll eine Verordnung erlassen werden, die das Recht zursofortigen Bewaffnung aller in Algerien ^ansässigen französischen Bürger bis zum 60. Lebensjahr zur Verteidigung bei neuen Unruhen einführt. Gleichzeitig möge eine amtliche Kommission eingesetzt, werden, die eine offizielle Schätzung der Verluste vorzunehmen und einen großen - Hilfsfonds zu schaffen hätte. Den jüdischen'Käufleuten, deren Läden zerstört wurden, soll sofort ein Moratorium eingeräumt werden. 1 Wie die ITA, erfährt, haben sowohl Generalgouverneur Carde als auch die Regierung diese. Forderungen gebilligt. Antisemitische Ausschreitungen in Marokko* .Tanger , 20, August, In der marokkanischen Stadt Oudschda ist es zu einer Reihe von kleineren Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern gekommen, Polizei: stellte Ruhe und Ordnung wieder her. Es sind: keine Todesopfer" zu beklagen. Antijüdische Ausschreitungen in Litauen. Kowno, 19, August, In der litauischen Stadt Schaulen ist es zw ernsten antijüdischen Ausschreitungen gekommen, wobei acht Juden durch Messerstiche und . qteinwürfe erheblich verletzt wurden. Fünf der Verletzten müßten ins Krankenhaus transportiert werden. Die'Ausschreitungen haben die' folgende Vorgeschichte:; Einnichtjüdischer Apotheker war mit einem Juden'auf einer Straße in Schaulen in Streit geraten. Es kam zu einer Schlägerei, bei der der Apotheker durch Messerstiche am Kopf verletzt worden sein soll. Aufgehetzte jugendliche Litauer drangen dann am Abend des folgenden Tages mit Messern und Steinen bewaffnet in eine jüdische Versammlung ein und griffen die Versammlungsteilnehmer an. An dem gleichen Abend wurden im Stadtpark von Schaulen an mehreren Stellen Juden übei'fallen und mißhandelt, wobei auch Schüsse fielen, die jedoch niemanden trafen. Als die Polizei erschien, waren jdie Täter bereits geflüchtet. Die Polizei leitete eine strenge Untersuchung ein. Unter der jüdischen Bevölkerung; herrscht wegen dieser Vorgänge große Erregung- Die Wise - Goldmann'sche „Welt -Konferenz" - Der „Stürmer" in Breslau beschlagnahmt.