Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-08-23 · Heft 34 (23.8.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 34 (23.8.1934)
Date
1934-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450840--80652-2538497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Der Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Franklin»t a, M. 23. .August 1934^ 12. Elul 5694 Nummer 34 Kampf um die illegale Einwanderung in Palästina. Ernste Zusammenstöße zwischen den illegalen arabischen Wachtcorps zur Verhinderung jüdischer Einwanderung und zwischen den von jüdischer Seite gebildeten Gruppen von Jugendlichen haben in den letzten Woche in der Nähe der jüdischen Kolonien N e t h a n i a und Chedera eingesetzt. Der High Commissioner von Palästina hat sich dadurch veranlaßt gesehen, deri Bildung von freiwilligen Grenzwachen energisch entgegen zu treten und strenge Maßnahmen gegen alle diejenigen Privatpersonen anzukündigen, die sich "weiterhin Befugnisse von Polizei- oder Gendarmerieorgane anmessen sollten. Das darüber soeben ausgegebene amtliche Communique berichtet zunächst Einzelheiten über die oben erwähn-- ten Zusammenstöße zwischen Juden und Arabern. Eine arabische Abteilung in Pfadfinderuniform habe unter Vorantragung einer Fahne die jüdische Kolonie Nethania in der Richtung zum Meeres- Oifer passiert und die Einwohner durch Absingung von Kampfliedern und sonstigen aufreizenden Manipulationen provoziert. Am Donnerstag Abend kam es zu einzelnen Zusammenstößen, die sich später zu einem offenen Kampfe am Meeresufer außerhalb der Kolonie steigerten. Eine Unlersuchung ist eingeleitet, jetzt herrscht Ruhe. Das Communique besagt weiter, daß der High Commissioner mit dem Minister für die Kolonien schriftliche Beratungen pflege bezüglich der Sicherung der Grenzen gegen jegliche illegale Einwanderung auf dem Land- und Seewege. Nach den Gesetzen Palästinas — so wird in dem Communique weiter ausgeführt — haben Personen, die keine amtliche Stellung einnehmen, nicht das Recht, illegal Einreisende zu verhaften. Die Tätigkeit einer solchen Organisation bedeutet für die Polizei ein tatsächliches Hindernis und eien Verlegenheit und trägt in sich die ständige Gefahr, daß es zu Friedensstörungen kommen könnte; die von Einzelpersonen und Körperschaften unternommenen Versuche, die Handhabung der Gesetze selbst zu übernehmen) müssen aufhören. Personen, die diese Verordnung außer acht lassen, machen sich auf Grund des Gesetzes zur Verhütung von Verbrechen strafbar. Gleichzeitig warnt der High Commissioner gewisse Presseorgane vor der Veröffentlichung von mutwilligen und irreführenden Mitteilungen über die Tätigkeit" dieser inoffiziellen Körperschaften und droht ihnen mit Einstellung, sobald sich dies als notwendig herausstellen sollte. ' Ernster als in Nethania scheinen die Zusammenstöße bei der jüdischen Kolonie Chedera gewesen, zu sein. Dort wurden zwei junge Araber, die zu den Angreifern gehörten, erheblich verletzt. Einer soll am 17. August seinen Verletzungen erlegen sein. Von Jerusalem sind Po- - lizeiverstärkungen nach Chedera abgegangen. Für die Jewish Agency sprach Ben Gurion beim High Commissioner vor, um über die illegalen arabischen Grenzwachen Beschwerde zu führen. In die Werbelisten für die Bildung jüdischer Wachtcorps gegen die illegale arabische Einwanderung hatten sich bereits 600 jüdische Sportsleute eingetragen aus dem Makkabi-Verband und den Jugendorganisationen der Arbeiterpartei. Vom 20. August wird gemeldet, daß die Zusammenstöße nunmehr infolge des energischen Regierungscommuniques aufgehört haben und daß absolute Ruhe herrsche. Der Unfug der arabischen Wachtcorps hatte in den ersten Augusttagen unerträgliche Formen angenommen. So wurden bei Rosch-Pina drei jüdische Arbeiter von 11 Arabern überfallen und gezwungen, zur Polizei zu gehen und sich dort zu legitimieren. Nahe Kapernaum wurden auf einem Spaziergang befindliche jüdische Mädchen von vier Arabern mit der Aufforderung, die Pässe vorzuzeigen, attackiert und schwer bedroht. Drei jüdische Mädchen, die sich nicht mit Einwanderungserlaubnissen ausweisen konnten, wurden in Haifa verhaftet, ausgewiesen und auf einem italienischen Dampfer gebracht. Die italienischen Behörden gestatteten ihnen jedoch nicht, in Italien zu landen, so daß die drei Mädchen auf den Dampfern dreimal die Reise zwischen Palästina und Italien zurücklegen mußten, bis der italienische Kapitän bei den palästinensischen Behörden die Landungserlaubnis für sie durchsetzte. Sie befinden sich jetzt im Gefängnis zu Bethlehem, wo über ihr weiteres Schicksal entschieden werden wird. -Ans dem Inhalt: Gestattung der Schechita in OberscMesien Seite 2 Die Wise-Goldmann'sche Konferenz . Seite 2 Die Lage in Algerien........Seite 2 Antisemitische Ausschreitungen in Marokko Seite 2 Die Mandatskommission und die Orthodoxie Seite 4 und 8 Um die Seele des Gesetzes. Von B. Cohen. Seite 4 Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel Seite 7 Kinderecke ............Seite 12 Das Bildungsideal S. R. Kirschs und die Gegenwart. Zeitgeschichtliche Voraussetzungen. Es sind gerade 106 Jahre her, da saß in „seinem Stübchen in Mannheim" der zwanzigjährige Talmudjünger und Schüler Rabbi Jakob Ettlingers b"11> Samson Raphael Hirsch aus Hamburg, Kummer und Betrübnis im Herzen ob der Gegenwart im Judentum. Jünglinge sah er, ,,ohne Weisung,- ohne Leitung, mit Thnachs Geist kaum vertraut, Talmud aus Gewohnheit lernend, ohne Liebe, weil ohne Licht, hineilend zu den Hochschulen der Wissenschaften, um dort aus klassischem Heidentum, aus dogmatischer' Philosophie, aus historischer Kritik, aus neutestamentlichen Einleitungen ins alte Testament und aus christlicher Kirchenlehre sich ein Surrogat des Judentums ZU holen und Ekel am Judentum — das sie nimmer erkannt."*) In den Schilderungen der geistigen Haltung der hochgebildeten spanisch-jüdi- *) Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel von Ben Usiel. Altona 1838. S. 67. sehen Kreise des 15. Jahrhunderts, wie er sie in einem kleinen hebräischen Büchlein des Rabbi Joseph Jaawez findet, erblickt er ein getreues Spiegelbild der eigenen Zeit. Was damals Aristoteles war — der Repräsentant der außerjüdischen Geisteskultur — das sind jetzt L e i b n i t z , W o 1 f f und Schleiermacher und die von Eichhorn und de Wette inaugurierte Bibelkritik, die demnach schon tief in die Reihen der ,,höheren" Schichten der deutschen Juden eingedrungen und für die Geistesbildung der Führer bestimmend geworden waren. Während die Vclksmasse, insbesondere auf dem Lande, an einer praktisch mehr oder minder gewissenhaften, aber geistlosen, schon nicht mehr durch Jeschiwobesuch erleuchteten Frömmigkeit festhält, fallen in den Städten die Jünglinge und Mädchen haufenweise der mit „Exegese und Kritik das zweitausendjährige Märchen von Traditionen" über den Haufen rennenden Reform zum Opfer und „bis auf Herrn Löwenstein und Herrn Sutro" regt sich im Lager der Treugebliebenen keine Stimme, die es wagt, der Lüge die Wahrheit in einer das Ohr der Jugend findenden Sprache entgegenzusetzen. Diese Jünglinge und Mädchen haben schon samt und sonders — das Staatsgesetz dul- (Fortsetzung au! Seite 3.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.