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Der Israelit · 1934-08-16 · Heft 33 (16.8.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 33 (16.8.1934)
Date
1934-08-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 33 Der Israelit 16, August 1934 Probleme der Hachscharagemeinschaft. Aus einem Briefe von Rabbinatsassessor Dr. M. Schlesinger in Frankfurt a. M. (Hajischuw Haschlischi Tammus-Heft 5694.) . . . Sie haben mir von den Schwierigkeiten erzählt, die vielfach dadurch bei unsern Freunden auftreten, daß, vornehmlich auf Seiten der Mädchen, das rechte Verständnis für die notwendigen Einschränkungen im ungezwungenen Nebeneinanderleben von Jungens und Mädchen auf Hachschara-Stätten nicht genügend ausgebildet ist, und haben mich gebeten, mich dazu zu äußern. Es ist ja bekannt, daß der Din sehr weitgehende Einschränkungen auf diesem Gebiete vorschreibt. „Man muß sich sehr fern von Frauen halten," so beginnt das Kapitel 21 des Schulchan Aruch Ewen hoeser, welches sich mit diesen Vorschriften befaßt. Da werden der Berührung und der Unterhaltung, ja selbst dem Blicke strenge Grenzen gesetzt; das Wechseln von Scherzworten, von Verständigungszeichen, wie sie nur unter Vertrauten üblich sind, persönliche Bedienung durch Frauen und Mädchen, ja selbst das Anhören ihres Gesanges sind hier verboten. Durch den Zwang äußerer Verhältnisse sind heute in Deutschland Formen der Beziehungen vielfach üblich, die dem Wortlaut dieser strengen Vorschriften nicht in allem zu entsprechen scheinen. Entsprechend dem Geist dieser Dinim, die vor allem den Schutz der Reinheit und Heiligung, selbst der Gedanken, des jüdischen Mannes bezwecken, schien es nicht angebracht, gegen diese Uebung einzuschreiten, da ja eine vollständige Abgeschlossenheit der Geschlechter doch nicht durchgeführt worden wäre, und die Forderung danach sicherlich vielfach zu seelischen Konflikten führen würde, die der erstrebten Reinheit nur Abbruch täten. Eine solche Uebung findet auch im Din ihre Rechtfertigung; siehe Ewen hoeser 21, 5 im Remo auf Grund von Kiduschin 70 und 82, Tausfaus ebenda: Hakaul leschem schomajim. Ganz anders liegen aber die Verhältnisse bei den jungen Leuten, die heute in Hachscharoth und Bäte Chaluzim gehen. Es ist eben etwas anderes, ob man gelegentlich bei Veranstaltungen zusammen kommt, oder ob man täglich beim Essen und sonst oft sich sieht. Daher ist es notwendig, hier weit größere Harchakoth vorzunehmen. Von den Jungens, die guten Willens sind, wird das leicht verstanden und sogar gefordert werden. Die Reinheit der "tjedanken ist eine zentrale Forderung der ganzen Jüdischkeit, mit dem erfolgreichen Ringen um diese Tohorah steht und fällt die ganze Persönlichkeits-Entwicklung eines jeden echtjüdischen jungen Mannes. Eine Häufung von äußeren Reizen ist aber durchaus geeignet, auch den Besten und Reinsten in diesem Streben zu hemmen, ja seine ganze innere jüdische Entwicklung infolgedessen in Frage zu stellen, so daß die Forderung nach stärkerer Trennung der Geschlechter oder konsequenter nach dem Austritt aus der gemeinsamen Hachschara von unsern innerlich ehrlichen Jungens oft selbst erhoben wird. Eine gewisse Schwierigkeit muß aber dadurch entstehen, daß den Mädchen im allgemeinen das klare Verständnis für die Notwendigkeit dieser über das Gewohnte hinausgehenden Zurückhaltung und Trennung abgehen muß. Die Mädchen, besonders unsere gut jüdischen Mädchen, besitzen eine natürliche und unbewußte Reinheit der Gedanken und die 'Selbstverständlichkeit der Scham, des Zeniuth, die um so ungetrübter erhalten ist, je achtungsvoller und zurückhaltender die Jungens ihres Gesellschaftskreises ihnen gegenübertraten. Aber sie haben nicht den steten Kampf um die „Tohorah", um die Reinheit und Heiligkeit ihrer Gedanken zu führen. Sie können daher nicht wissen, und sollen eigentlich auch nur unbewußt ahnen, daß eine gedankenlos-unschuldige Verletzung der Forderungen, die an ihre Haltung, ihr Benehmen und ihre Zniuth-mäßige Kleidung gestellt v/erden, geeignet ist, bei einem nicht minder unschuldig-reinen Jungen das größte Unheil anzurichten und gar zu oft leider anrichtet. Daher finden die Mädchen nicht die rechte innerliche Beziehung zu der nun verlangten bewußt betonten stärkeren Zurückhaltung. Dieses Nichtverstehenkönnen aber gibt Raum für manche starke Schäden seelischer Art, die bei der notwendigen Erhebung dieser Forderung bei den Mädchen entstehen können. 1. Sie fühlen sich ausgestoßen und als Menschen zweiter Klasse behandelt. 2. Sie fühlen ein Mißtrauen gegen ihre sittliche Zuverlässigkeit und Harmlosigkeit u. a. m. Nach dem Gesagten ist dies alles ganz unberechtigt. Es kommt darauf an, daß unsere Mädels v e r s t e -. h e n, daß letzten Endes alle Maßnahmen der Harchakoth aus tiefster Achtung vor dem Menschentum der Frau entspringen, das nicht durch sie, sondern durch den Mann in Gefahr ist. Nicht aus Mißtrauen gegen die Frau, sondern aus Mißtrauen des Mannes gegen sich selbst bittet er die Frau, noch zurückhaltender zu sein, als es ihrer Gewohnheit entspricht, damit er, der Mann, nicht strauchle auf seinem nie vollendeten Weg zur jüdischen Reinheit und Selbstheiligung. So lautet das Tachanun-Gebet jenes Mädchens, dessen Frömmigkeit in Sota 22 gerühmt wird: „0 möge es G'ttes Wille sein, daß andere Menschen nicht an mir zum Straucheln kommen." Schließlich ist es auch gut, nicht zu viel über diese Dinge zu reden, sondern zu versuchen, im Rahmen der Harchakoth, die wir doch, wie alle Vorschriften unserer Thora mit Selbstverständlichkeit erfüllen werden, gerade ein störungsloses und ungezwungenes vergeistigtes Verhältnis heranzubilden, etwa durch gelegentliche, unter autoritärer Führung von sittlichem Ernst getragene Aussprachen über jüdische Themen und dergl. Die Jungens und auch die Mädchen, die sich anschicken, sich in den agudistischen Hachscharoth auf ein Leben im Heiligen Lande G'ttes ganz unter der Herrschaft des „Heiligen, gelobt sei Er", vorzubereiten, werden sicherlich gern und willig auch diese von dem „Bildner aller Herzen" dem „Prüfer der Nieren und des Herzens", diktierten Vorschriften auf sich nehmen, zumal wenn ihnen klar gemacht wird, daß diese Vorschriften allein dem natürlichen Streben des jüdischen Jungen nach Reinheit entgegenkommen, und dem ererbten Zeniuth der jüdischen Töchter aufs Höchste entsprechen, dessen tiefste Bedeutung ist, daß die Frau vermittels dieser Zniuth-Vorschriften zur Hüterin der Reinheit und Heiligkeit des Mannes erhoben wird. Ein zeitgemäßes Dokument- Das seinem Ende zuneigende Jahr 5694, das der deutschen Judenheit neben vielen anderen tief einschneidendem Erleben auch die Gewißheit der definitiven Beendigung ihrer Beteiligung am akademischen Leben der Umwelt gebracht hat, läßt ein schon zwei Jahre altes kleines Buch besonders aktuell erscheinen, das uns die Geschichte eines der ersten jüdischen Universitätsprofessoren, die auf deutschen Lehrkanzeln dozierten, ins Gedächtnis zurückruft. Der Mann, dem dieses Büchlein gilt, Jacob Bernays,*) der älteste Sohn des Chacham Isaak Bernays s. A„ des berühmten Lehrers, und man darf bis zu einem gewissen Grade sagen, Inspirators Rabbiner Samson Raphael Hirschs, entstammte nicht nur dem Kreise der gesetzestreuen deutschen Judenheit, sondern ist während seiner ganzen glänzenden akademischen Laufbahn bis an sein Lebensende bewußter orthodoxer Jude geblieben, wenn er auch seiner Natur nach mit dieser seiner religiösen Lebensüberzeugung in Schrift und Wort nur selten an das Licht der Oeffentlichkeit trat. Der Hauptteil des Buches, in dem der Herausgeber, Michael Fraenkel, seinem Helden ein würdiges Denkmal der Pietät gesetzt hat, ist dem Abdruck zahlreicher Briefe von und an Jacob Bernays gewidmet. Nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten ist es dem Verfasser geglückt, an 1000 Briefe dieser Art zusammenzubringen und aus ihnen das Wichtigste und Interessanteste zusammenzustellen. Vorangeschickt ist jedoch eine knappe Lebensbeschreibung von Jacob Bernays, an deren Hand man den Inhalt der Briefe erst recht zu würdigen vermag. Einiges aus Lebensbeschreibung und Briefen, das besonders für den Leserkreis des „Israelit" Interesse bietet, sei hier mitgeteilt. Das Leben des Gelehrten, der einer der glänzendsten Sterne der klassischen Philologie auf deutschen Universitäten war und als solcher reiche Anerkennung nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern über dessen Grenzen hinaus besonders in England fand, spielte sich äußerlich in einfachen Formen ab. Zuerst als Privatdozent in Bonn tätig, lehrte Bernays eine Reihe von Jahren klassische Philologie am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau, worauf ihn nach langen Kämpfen seiner Freunde um die Ueberwindung der Vorurteile im Berliner Kultusministerium ein Ruf der Universität Bonn dorthin als außerordentlichen Professor und Bibliothekar zurückführte. Hier ist Jacob Bernays 1881 im Alter von nur 56 Jahren gestorben. Einen Höhepunkt des Bonner Lebens in der ersten Bonner Zeit bildete für Bernays der Winter 1850/51 im Kreise des Fürsten zu Wied, dessen Tochter, Prinzessin Elisabeth, die spätere Königin von Rumänien, unter dem Schriftstellernamen Carmen Sylva bekannt geworden ist. In den von ihr veröffentlichten Jugenderinnerungen widmet sie Bernays ein besonderes Kapitel, in dem es u. a. heißt: „Ein vertrauter Freund unseres Hauses war der große Gelehrte Bernays. Er brachte manche Stunde bei meiner Mutter zu, die an seinen Lippen hing und unablässig von ihm lernte. Aber gegessen hat er nie bei uns, was mich als Kind oft betrübte. Er erklärte, da er Jude sei, so wolle er an seinen Gebräuchen festhalten. Er kannte das Neue Testament besser als wir, seine Gedanken waren von außerordentlicher Tiefe . . . Bernays hatte es sehr schwer, er konnte als Jude damals keine Professur haben und war vielleicht der größte Gelehrte, den Bonn aufzuweisen hatte. Schade, daß ich noch zu jung war, um seinen Gesprächen lauschen *) Jacob Bernays. Ein Lebensbild in Briefen. Herausgegeben von Michael Fraenkel, Breslau 1 9 3 2. Verlag von M. u. H. Marcus. Preis geb. Mk. 4.80. zu dürfen! Ich bekam nur einzelne Brocken davon und die ganze Verehrung, die meine Eltern ihm zollten. Sie unterhielten sich stundenlang mit ihm und hatten unglaubliche Freude an der Größe und Weite seiner Anschauungen. Noch Jahre nachher wurde er oft in unserem Hause zitiert: „Bernays dachte so, Bernays sagte immer". In jener Zeit entstand auch das überaus innige Freundschaftsverhältnis, das Bernaus sein ganzes Leben lang mit. Georg B u n s e n verband, dem tiefschürfenden alttestamentlichen -Theologen. Bunsen unternahm später, wie sich aus dem außerordentlich interessanten Briefwechsel mit ihm ergibt, als alle Bemühungen, für Bernays eine ordentliche Professur zu erlangen, zu scheitern schienen, einen kunstgerechten brieflichen Bekehrungsversuch an Bernays, der stark an die berühmte Aufforderung Lavaters an Mendelssohn erinnerte. Aber er fand natürlich auch die entsprechende Ablehnung, ohne daß hierdurch das innige Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden großen Männern im mindesten getrübt wurde. Schon in jungen Jahren schreibt Georg Bunsen seinem Vater, dem preußischen Ministerresidenten beim päpstlichen Stuhl in Rom: „Wie wohltuend wird Bernays mit Dir ausschlagen, wie genußreich für Dich die nähere Berührung mit diesem seltsam heterogenen Orientalen, der den sichtenden Scharfblick des neuen Juden mit dem großartig majestätischen seiner Voreltern zu verbinden scheint . . . Ueber seine Stellung zum Judentum habe ich viele Betrachtungen angestellt, von denen ich hier nichts sagen will: beim Mittagessen (denn frühstücken, d. h. Tee oder Kaffee trinken kann er mit den Christen) hilft er sich in jüdischen Garküchen, oder, was wahrscheinlich ist, bei seinen unzähligen und anhänglichen Landsleuten.. Er ist ein seltener Mensch . . ." Der Vater schrieb dann über Bernays an seine Mutter: „Ganz gewiß irre ich mich nicht, wenn ich seinen Verstand bewundere, wie auch seine religiöse Ansichten, trotzdem sie nicht die unseren sind. Dir wird zweifellos die feine Intelligenz gefallen, die sich im Gespräch kundtut. Am Sonnabend darf er weder abreisen noch ankommen, also reisen wir am Sonntag." An Bunsens großem Bibelwerk und für die Bearbeitung der historischen Bücher des Alten Testament nahm Bernays tätigen Anteil und er konnte zahlreiche Irrtümer berichtigen. Ein Band der Freundschaft von noch tieferer Art umschlang Bernays und den Dichter Paul H e y s e. Der Briefwechsel mit diesem nimmt einen großen Raum unter den hier abgedruckten Dokumenten an. Obgleich Bernays dem Lehrkörper des Breslauer Jüdisch-theologischen Seminars angehörte, scheint er sich dort doch vollkommen auf sein Spezialgebiet beschränkt und an der eigentlichen theologischen Arbeit, die seinen Grundsätzen wohl nicht entsprach, nicht beteiligt zu haben. Zu bedauern bleibt, daß man, wie bereits oben angedeutet, eigentliche literarische Zeugnisse für Jacob Bernays religiöse Anschauungen nicht besitzt. Sie können nur aus seinem praktisch gewissenhaften religiösen Leben als gesetzestreuer Jude und aus gelegentlichen Aeußerungen geschlossen werden, die er in Unterhaltungen Dritten gegenüber tat. Sein Biograph berichtet, daß Bernays mit unwandelbarer Treue an den Traditionen seines Vaters festhielt und daß er auch im Verkehr mit seinen Lehrern, Kollegen, Schülern und Freunden diese Treue grundsätzlich rückhaltlos offenbarte. Sein ganzes Leben lang habe er, nach dem Zeugnis seiner Hausgenossen, täglich seinen Schiur gelernt und Bibel und Tradition bildete für ihn ausgesprochenermaßen ein noli me tangere. In einer 1889 im Ozar Hasifrut von Fabius Mieses veröffentlichten Studie wird eine Unterhaltung mit Bernays wiedergegeben und dann folgende wörtliche Aeußerung von Bernays über die Bibelkritik e'r wiedergegeben: „Diese Leute," so sagte der große Philologe, versündigen sich aufs äußerste an der Methode der wahrhaftigen Forschung bei ihrem Bestreben, die altgeheiligten Texte zu interpretieren und abzuändern. Wir Philologen nehmen es aufs äußerste genau, bevor wir ein Wort oder auch nur einen Buchstaben bei Homer, Hesiod oder anderen verändern. Und nun kommne diese sich klug Wähnenden mit grobem Handwerkszeug über das uns in Heiligkeit Ueberlieferte — von Geschlecht zu Geschlecht im Verlauf von 2000 Jahren — und wollen die Texte nach ihrem Wollen und Gutdünken abändern." Diese Worte sprach Bernays in großer Erregung. Interessant ist in diesem Sinne auch der Eindruck, den Bernays auf einen ganz anders gearteten jüdischen Zeitgenossen, . den ultraliberalen Berthold Auerbach machte. In einem Briefe an Jacob Auerbach setzt er Bernays ein schönes Denkmal und bemerkt dabei: „Wenn ich mit ihm über seine Orthodoxie sprach, so sagte er nur kurz, man habe kein Recht, die Tradition aufzulösen. Mit der religiösen Innigkeit eines alten Rabbiners betrieb er die Philologie und war überhaupt in seinem ganzen Wesen ein Exemplar jener unbeholfenen, still in sich gekehrten Professorennaturen, wie sie zwar selten sind, aber in Deutschland nie aussterben werden." Das kleine Büchlein Michael Fraenkels wird mit meinen 170 Seiten manch einem heute in einer stillen Stunde, in der er über den Wechsel und Wandel der geschichtlichen Entwicklung nachsinnen möchte, eine reizvolle, anregende Lektüre sein.

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