Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 33 1934 Meister Buchbinder. Erzählung von S, Kohn. (Fortsetzung.) Der Mann, der ihn so gütig und wohlwollend angesprochen,* konnte kein so grundschlechter, verderbter; — mochte wohl nur ein unglücklicher Mensch sein, der durch eine Verknotung unseliger Verhältnisse gegen seinen Willen zu dem Verbrechen gedrängt worden sein mochte. Je länger er sich damit quälte, sich das Bild des Mannes recht deutlich vor die Seele zu führen, desto weniger vermochte er zu glauben, daß dieser in der Tat ein Verbrecher sei! Vielleicht hatte man ihn ungerecht - verurteilt, der menschliche Richter ist ja oft beim besten Willen nicht unfehlbar; — und indem der Mann sich den Folgen eines irrigen und darum ungerechten Richterspruches entzog — hatte er in den Augen des allschauenden Richters nichts Strafbares getan, hatte er sich nur selbst sein Recht zu verschaffen gesucht! Während dieser Gespräche war die Zeit rasch dahin geflossen, und der Nachtwächter des Städtchens tutete zehn Uhr, was in jener soliden Zeit, namentlich in einem so elenden Neste, als der Superlativ von spät betrachtet würde. Der umsichtige Wirt erkannte, daß nicht nur die Krüge seiner Gäste, sondern auch ihre Beutel leer waren und ihr weiteres Beisammensitzen für ihn mit einer nutzlosen' Verschwendung des allerdings sehr bescheidenen Beleuchtungsmateriales verbunden wäre, und er forderte seine Gäste ziemlich kategorisch auf, die Nachtruhe zu suchen. Naftali Löwi zahlte zuerst seine Zeche, die in dieser billigen Zeit die mäßige Summe von zweieinhalb Kreuzer nicht überstieg; dann verständigte er sich mit dem Wirte über die Art des Nachtlagers und dessen Preis und war angenehm überrascht, als ihm der Wirt erklärte, daß der heillose, raffinierte Luxus von Extrazimmern bei ihm nicht gekannt sei, daß er aber jedem Gaste in der Wirtsstube einen Bund Stroh zur Benützung als Nachtlager überlasse, wofür die erste Nacht zwei, für jede weitere aber nur ein Kreuzer entrichtet würde. Nachdem die Wirtstische mit Hilfe der Gäste bei Seite gestellt und für die Männer vier Strohlager aufgeschüttet worden waren, wünschte der Wirt seinen begnüglichen Gästen eine grausame (er wollte wohl' sagen: geruhsame Nacht) und blies das Licht aus. Naftali Löwi warf sich völlig angekleidet auf sein Lager; aber trotzdem er müde und schläfrig war, vermochte er es doch lange Zeit nicht einzuschlafen; die Gedanken über den Mann, der ihm nachmittags begegnet war, die wir schon zu schildern versuchten, wirbelten durch sein Gehirn und als Endresultat ergab sich für ihn die moralische Ueberzeugung, daß' der Fremde unschuldig sei und er hielt es für seine Menschenpflicht, ihn, wenn er ihm durch einen Zufall begegnen sollte, zu warnen, so weit seine schwachen Kräfte reichten, zu schützen! — Erst spät nach Mitternacht forderte die Natur gebieterisch ihr Recht und Naftali Löwi verfiel in einen tiefen Schlaf. In seinen wirren Träumen sah er den Fremden bald als Buchbinder in seiner Werkstatt; bald, wie dieser ihm großmütig und edelherzig ein großes Geschenk in der zarten Form eines Darlehens anbot, später sah er ihn von einem Trupp Soldaten unter des Scherenschleifers und Seiltänzers Führung verfolgt, nach besiegtem Widerstande in Ketten geschlagen, in einen finstern, unterirdischen Kerker geworfen, endlich wie er — Naftali Löwi — alles aufbot, die Unschuld des unglücklichen Mannes zu erweisen; wie ihm dies endlich gelang, und der durch ihn Befreite in heißem Dankgefühl an seine Brust stürzte. III. Als Naftali Löwi am nächsten Morgen erwachte, lachte schon die goldene Sonne in die von diversen, nicht gerade angenehm duftenden Dünsten erfüllten Wirtsstube, Der Seiltänzer war schon angekleidet; denn er beabsichtigte, seine Familie und seine Tiere, die er auf dem nächsten Dorfe gelassen hatte, zu besuchen, und nachdem ihm der Bürgermeister die Erlaubnis, in A. eine Vorstellung zu geben, grausamer Weise verweigert hatte — mit seinem Weibe zu besprechen, welchen Ort sie als das nächste Ziel ihrer Wanderung wählen und durch ihre künstlerischen Leistungen erfreuen und beglücken wollten. Er saß, ein Stück Brot kauend, ein Gläschen Branntwein vor sich, wohlgemut am Tische. — Der Scherenschleifer machte ungeniert Toilette, ohne eben durch den Glanz seiner Kleidungsstücke, auch den Neid des Allermißgünstigsten erregen zu können; der vagierende Schlossergeselle aber schnarchte noch recht gediegen. Naftali Löwi erhob sich nun rasch von seinem Lager und wusch sich, da erdröhnten plötzlich kräftige Männertritte im Hausflur, die Türe wurde gewaltig aufgerissen und der Gerichtsaktuar Weinert, der Amtsdiener Klaus und zwei handfeste Gerichtsdiener stürmten herein, der Wirt, das grüne Sammtkäppchen in der Hand, folgte in devoter Haltung. „Reisedokumente vorgewiesen!" donnerte der Gerichtsaktuar den Anwesenden so kräftig zu, daß selbst der Schlosser, der doch einen sehr schweren Schlaf hatte, erschrocken von seinem Lager empor fuhr. „Ja . . . die Reisedokumente vorgewiesen!" wiederholte der Amtsdiener Klaus, „wir sind auf der Suche nach einem höchst verwegenen Verbrecher, der aus dem Elbogener Kriminal entwichen und sich hier in der Umgebung herumtreiben soll!" „Halt Er doch das Maul!" unterbracht ihn der Aktuar, der im steten Antagonismus mit dem Amtsdiener lebte und diesen bei jeder Gelegenheit herabzusetzen suchte. „Kann Er denn sein verfluchtes Schwätzen nicht lassen?!" Amtsdiener Klaus unterdrückte seine schmerzliche Aufwallung über diese ungebührliche Zurechtweisung seines Vorgesetzten, strich sich den großen Schnurrbart, den er noch von der Zeit her, wo er Grenadierkorporal gewesen, hatte stehen lassen; und nahm sich im Herzen vor, den Angriff, den er soeben von dem Aktuar erlitten, in irgend einer, diesen verletzenden Weise zu vergelten. „Nun, Herr Aktüar," meinte er nach kurzem Bedenken, „hier hätten wir eigentlich fein nichts zu tun, den alten Nixnutz, den Franz Maklosch, der von Zeit zu Zeit hier erscheint, den kennen wir wie einen falschen Pfennig; — der hier mit der großen Kupfernase ist — das weiß ich ohne Reisedokument, der Hans Bladdig, das ist auch kein Bankozettelfälscher, weil er nit lesen und schreiben kann — und der Franz Nowaczek; den kennt ja jedes Kind hier; den hat ja erst gestern der gestrenge Herr Bürgermeister fein aus dem Amte n'ausgejagt . . . bleibt von sämtlichen Passagieren nur der junge Mensch da übrig, — aber da er höchstens neunzehn, zwanzig Jahre alt, ein ungewöhnlich langer Bengel ist, schwarzes Haar und schwarze Augen hat; der Malefikant aber, den wir suchen, achtunddreißig Jahre alt, mittelgroß ist, und blaue Augen hat, so wird der Aktuar wohl jetzt fein einsehen, daß ich wie immer recht gehabt hab', und es mit Permission zu sagen, sehr vergriffen war (diesen Ausdruck hatte Klaus einmal von einem Kreiskommissar aufgeschnappt und bediente sich desselben nun bei allen passenden und auch unpassenden Gelegenheiten) im silbernen Hufeisen einen so noblen Lumpen zu suchen ... wir hätten halt fein gleich zum Mond, oder zu den Ochsen gehen sollen; — während wir hier mit Dummheiten die Zeit vertrödeln, ist vielleicht der Vogel aus einem der andern Gasthöfe ausgeflogen — aber der Herr Aktuar haben manchmal ..." „Silentium! Halt Ers Maul!" schrie der Aktaur, um so erboster, als er einsah, daß sein Untergebener eigentlich vollkommen recht hatte.. Das Polizeiwesen war damals auf dem flachen Lande in Böhmen sehr wenig ausgebildet, ein Fall von so außerordentlicher Wichtigkeit war dem gesamten Personale des Bürgermeisteramtes in A. noch zeitlebens nicht vorgekommen, und die Maßregeln, die das in solchen Dingen unerfahrene Amt, über Requisition des Elbogener Kreisamtes ergriffen, waren — wenn wir offenherzig sprechen sollen, so schlecht als nur denkbar. Der Aktuar fühlte sich, durch die schon hart die Grenze der Insubordination tangierende Kritik, welche sein Untergebener über seine Amtstätigkeit übte, nicht nur erbittert, sondern auch in den Augen der Anwesenden herabgesetzt, und da ihm seine Ehre weit über seine Pflicht und das Gemeinwohl ging, war vorläufig sein Bestreben darauf gerichtet, durch eine seine Machtvollkommenheit &lar erweisende Tat, sein tiefgesunkenes Ansehen bei allen Anwesenden wieder herzustellen. Die drei — wir dürfen sie wohl, ohne ihnen Unrecht zu tun, so nennen — Vagabunden, der Schlosser, der Scherenschleifer und der Seiltänzer boten kein Objekt zu imposanter Entfaltung ehrfurchtgebietender Tätigkeit; da fiel unglücklicherweise des Aktuars Blick auf Naftali Löwi, der schon aus unerklärlicher Sympathie für den Verfolgten, von der ganzen Szene peinlich berührt, bei Seite getreten war, „Wer ist man?" schrie ihn der Aktuar an. „Ein Buchbindergeselle," entgegnete Löwi höflich und reichte dem Aktuar sein Wanderbuch hin; aber dieser hatte kaum einen Blick auf dasselbe geworfen, als sich sein Gesicht purpur fürbte. „Herr und G'tt!" schrie er, „Er Sakramenter Er! Er . . . Er . . . hat sich unterstanden, hier im silbernen Hufeisen zu übernachten?! Und Er pflichtvergessener Mann und ehrvergessener Bürger!", wandte sich der ergrimmte Beamte an den erbleichenden Wirt. „Er hat dem schrecklichen Unfuge noch in sträflichster Weise Vorschub geleistet?! ... Er Lump!" — diese fremdliche Exklamation galt wieder dem Buchbindergesellen — „Er Halunke, Er ..." Naftali Löwi war ein ehrliebender, und wie wir wissen, nicht ungebildeter Mensch. Die rohen Schmähungen, mit denen ihn der Aktuar überhäufte, und für die er keinen Grund aufzufinden vermochte, mußten einen jungen Menschen im hohen Grade reizen und er vergaß für einen Moment jene Schüchternheit, die ihm nicht angeboren, die ihm nur durch seine Stellung angewöhnt worden war; seine Wangen röteten sich, er trat lebhaft an den keifenden Aktuar heran, so daß dieser erschreckt einige Schritte zurückwich und sprach: „Mein Herr! Mein Wanderbuch ist von meiner Heimatsbehörde ausgestellt, in demselben werden die hohen Behörden dienstfreundlichst ersucht, mich nötigenfalls zu unterstützen . . . Zu meinem größten Erstaunen aber überhäufen Sie mich mit den gröblichsten Insulten! Wenn Sie nicht — was ich bei einem Beamten nicht voraussetzen will — schon am frühen Morgen betrunken sind, muß ich Sie ganz ergebenst, .aber auch dringendst bitten, mich nicht weiter zu beschimpfen; ich bin vollkommen überzeugt, keine straffällige Handlung ausgeübt zu haben." (Fortsetzung folgt.)