Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 33 > D -c r - 1 9 r f.;« 1 i t 16, AugustM934 VomjüdischeriLebento Die verschiedenen Veröffentlichungen über die Erleichterung der Einwanderung in den Vereinigten Staaten sind geeignet, den Eindruck zu : erwecken, daß die Vereinigten Staaten als Ziel für Juden, die aus Deutschland auswandern möchten, in Betracht kommt. Leider-trifft di aber nicht in dieser allgemeinen Form zu. Zwar sind die Vereinigten Staaten zugunsten einwan ' derungslustiger deutscher Juden von der in den letzten Jahren geübten Praxis weitgehendst ab gewichen. Wohl kein Land hat die Einwanderurig deutscher Juden im letzten Jahre so erleichtert wie Nordamerika. Dieses Verhalten verdient zweifellos höchste Anerkennung und Dank. Aber was sollen die Emigranten tun, wenn sie hier sind? Wie man hier immer wieder hört, befindet sich das Land in einer Krisis, wie sie nie zuvor in einem solchen Ausmaße'hier gewesen ist. Trotz umfangreicher Maßnahmen der Regierung zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit gibt es immer noch zehn Millionen Arbeitslose. Es ist selbstverständlich, daß bei Bewerbungen die Arbeitgeber zunächst auf ihre früherer! Angestellten und Arbeiter zurückgreifen, dann auf ge- > borene Amerikaner oder Leute, die schon mehrere Jahre im Lande sind und mit Sprache und Kultur vollkommen vertraut sindy und erst in letzter Linie Neuimmigrierte einstellen. Selbst etwas zu unternehmen ist wegen der Unsicherheit der Wirtschaftslage nicht ratsam. Man kann daher nur jungen Leuten im Alter bis etwa '25 Jähren' raten,!:vrin der Möglichkeit hierher auszuwandern, Gebrauch zu machen, aber auch das nur *dann\ wenn sie die bestimmte , Aussicht haben, bei Verwandten oder Bekannten eine Beschäftigungsmöglichkeit — in der Regel handelt-es sich in der .ersten Zeit um Arbeit in einer Fabrik oder, in einem Lagerraum — zu finden. Etwas günstiger, ist die Lage für Leute mit speziellen Fachkenntnissen von internationaler Bedeutung, z. B. Ingenieure, Chemiker, Aerzte, Reklamefachleute usw. D r i n g e n d muß man aber Schomrei Schabbos davor warnen, hierher auszuwandern. Es sei hier nochmals erwähnt, daß sich meine Kenntnisse vom jüdischen Leben in den Vereinigten Staaten aus Beobachtungen und Erfahrungen in Chicago ergeben, Vermutlich ist es aber in anderen Städten sehr ähnlich, mit Ausnahme vielleicht von Baltimore und New York. In Chicago leben ca. 350 000 Juden, also mehr als in Palästina und weit mehr als die Hälfte der in Deutschland wohnenden Juden. Die Hauptmasse der Juden wohnt in einem bestimmten Stadtteil, der sogen. Westseite zusammen. Aber auch die übrigen, die in den verschiedenen Stadtteilen zerstreut wohnen, führen ihr eigenes gesellschaftliches Leben und komirien nur selten mit Andersgläubigen gesellschaftlich zusammen. Rechtlich kennt man keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. "Man betont auf riiehtjüdischer Seite gerade jetzt inöffentlichen Veranstaltungen sehr 'gerne, wie. sehr man die Juden wegen ihrer Leistungen für die Menschheit ächte ' und daß in dem freien Amerika alle Religionen und Rassen gleichberechtigt seien. (Am ,,thanksgiving-day", dem Erntedankfest, fand in einem hiesigen jüdischen Tempel ein G'ttesdienst statt, in dem die Geistlichen von fünf verschiedenen Konfessionen neben dem „Rabbi" amtierten.) Dennoch hat man den Eindruck, daß die Nichtjuden im gesellschaftlichen Leben den Juden gegenüber eine gejwis'se Reserve beobachten. Viel unangenehmer isttaber, daß es Geschäfte gibt,-ja sogar ganze Geschäftszweige'wie z. B. Bänken, die grundsätzlich keine Juden anstellen. Auch antisemitische Aeußerungen im"geschäftlichen Verkehr kommen Vor, wenn auch selten. Mischehen sind verpönt, kommen aber dennoch häufig vor. Die Juden'leben also mehr oder weniger isoliert. So sollte man meinen, das Judentum habe i sich in religiöser Beziehung,;, .wenigstens ' im Grundsätzlichen, erhalten. Ganz das Gegenteil ist aber der Fall. :> .. Wenn man hier von Juden spricht, dann denkt man im allgemeinen; an'die Juden der Sonntagsgemeinden-, diesen gehört der größere Teil der jüdischen Bevölkerung an," Es würde zu weit füh reny hier auf die ideologischen Grundlagen der Gemeinden einzugehen; es'sei hierriur einiges von dem erwähnt, wie sich das religiöse Leben nach außen hin zeigt. Der Hauptg'ttesdienst ist Sonntag Morgen. Der wesentliche Bestandteil der Liturgie ist ein „lecture", - ein Vortrag - des „rabbi" über ein Thema aus der modernen' Weltliteratur, aus politischem-oder gesellschaftlichem Leben, aus einem ethischen Gebiet oder;ähnlichem. Dieser Vortrag' ist umfrähirit' von Orgel- Vor- und Nachspielen; es werden" einige Gebete in englisch und hebräisch gesprochen^ ebenso sag^t der Rabbi Kaddisch. Männer und Frauen ^sitzeii beisammen, die Männer - ebenso wier der-glattrasierte „rabbi" ohne Kopfbedeckung.-Ein" ähnlicher ,,service" findet Schatbosmorgen —-' für Frauen und nicht berufstätige ältere Herren — statt. Dann wird auch ausgehoben und'einige Psukim werden vorgelesen,' auch dies wieder ohne Kopfbedeckung, Häufigfinden gesellschaftliche Veranstaltungen in den Gemeindehäusern statt mit humoristischen oder fachwissenschaftlichen Vorträgen; bei dem dann anschließenden Imbiß werden u. a. Butterbrote mit treifenem Fleischbeläg gereicht. Einerdieser Gemeinden führtaber nichtsdestoweniger in ihre'riv Stempel die Worte: Talmud taüröh keneged 'kulbffiV' Zu diesen Gemeinden gehörende „Ostj'uden" genau; so gut wie die „Westjüden'v' \ Eine gerechte Beurteilung'verlangt aber, auch eine gute Seite dieser Gemeinden hervorzuheben. Die ersten Anhänger dieser Gemeinden waren Leute, die vor etwa 40 bis 50 Jähr'eri 4n jugendlichem Alter auswanderten und jahrelang als Pioniere an Orten'lebten, in denen die Gründung; einer jüdischen Gemeinde praktisch 'nicht mög- - lieh war. Sie hatten sich vollkommen assimiliert: und ihr Judentum so-gut wie vollkommen vergessen.. So ist esschon ein wesentlicher Fort- schritt, daß diesen Menschen wieder ein jüdisches Zentrum gebildet wurde und daß man sich seines - Judeseins wieder bewußt'geworden ist, wenn auch tatsächlich dieses Judentum 'mit dem Judentum der alten Welt wenig mehr als die Rasse gemein hat. Die zweite Gruppe sind die Konservativen. In ihren Gemeinden wird nach polnischem Minhag geort; jeden Schabbos wird eine englische Predigt gehalten. Aber man macht gewisse Konzessionen. Die wesentlichste ist; wohl die, daß jauch hier Männer und Frauen, in der Synagoge zusammen sitzen. (Für diejenigen, denen" das nicht, paßt, ist rechts und links Platz,; getrennt, zu sitzen.) ' Schwuoth ist Mädchenkorifirmation. Das lecture. findet auch in diesen Gemeinden statt, allerdings am Freitag-Abend. Orgel kennt nian jedoch nichts Ob die Mitglieder dieser; Gemeinden , wirklich Schabbos halten, ist mehr als zweifelhaf.tr . ,:. . \; . ' Praktisch sind diese Gemeinden dazu da, um. unseren östlichen. Brüdern den Weg . in die Reformgemeinden , zu erleichtern. (Die sogen. Westjuden haben diesen Weg in der Regel nicht nötig.) Nur ganz wenige Westjuden sind in diesen Gemeinden zu finden. Schließlich; gibt'.es.;auch noch orthodoxe Gemeinden, jnit polnischem Minhag; jiddischerVPredigt, täglichen öffentlichen Schiurim usw. Leider scheinen diese, aber;auch-nicht geeignet zu sein,, das Judentum'in id.er .neuen Welt ü zu erhalten. Man.hat-.idie richtige Verbindung-:'von Taufoh im. deiechi'erez noch nicht gefunden,-- Es hat den Ansehein, daß es sich bei diesen Gemeinden meist um Eltern handelt; welche ihren früher ausgewanderten Kindern nachgefahren sind. Die — .amerikanisierten--Kinder lassen ihVe Eltern so weiterleben, wie ,sie es>;gewöhnt waren. Es sind auch einige jüngere Leute in diesen Kehillos, aber wenn auch die..zweite Generation noch orthodox leben mag, so zeigt doch-die Erfahrung, daß die dritte Generation trotz Cheider usw. den Weg in die Reformgemeinde mit größter Wahrscheinlichkeit findet. Wie' bedeutungslos die- Orthodoxie hier praktisch ist,, zeigt am besten die Tatsache,. #afi äußer einigen kleirienf*,GeschäffenJ"die';so: gut wie ' keine..An^,^s|ellten 'hoch Jßeine^ fujif größer,en^JGeschäfte in Chicago!, sind, Hie^Schabljös'gesch Tm' ,,Loöp" (das ist die Geichäftsstädt, ejn.vefhältnismäßig kleiner Teil im Zentrum der Stadt, in dem sich das geschäftliche Leben^in der Hauptsache konzentriert)' besteht seitPessach keine Möglichkeit mehr, koscher zu essen; nicht einmal eine Frühstücksstube ist vorhanden. Dabei sind in den Hochhäusern des Loop" vielleicht, zejintausende Juden beschäftigt. Interessant ist eine .Aeußerung,, die. mir mal ein hiesiger Rabbinatskandidat (!) machte: Man unterscheidet hier zwischen theoretischen und praktischen Orthodoxen;, die theoretischen seien zwar orthodox, lebten aber nicht so. Die Hauptursaqhe an diesen.Zuständen scheint das vollkommene Fehlen, vor profanen jüdischen Schulen zu sein. Die orthodoxen Rabbiner, vor allem der Leiter des hiesigen Räbbinersemin.ars Dr. Silber wissen, um. was. es geht. Sie bemühen sich um Schaffung orthodoxer " Institutionen, Hospitäler usw. und auch um Schulen. Aber die Arbeit ist nicht leicht, vielleicht ganz undurchführbar. L. Sott jüdische ^gen Eine Erwiderung von Dr. Werner Cahnmann. Unter dieser Ueberschrift'hat. Herr S. Mannheimer--in Dettelbach (Unterfranken), in der Nr. 31. des „Israelit" geschrieben. Er kommt zu dem Ergebnis, daß es eine Zeit gäbe, Wandersport zu treiben und eine Zeit, daheim zu bleiben, und daß man gegenwärtig der Jugend raten müsse, „das Letztere" zu wählen. Ich möchte'hierauf in einigen kurzen Sätzen antworten. Ich wohne in München und bin mit der bündischen Jugendarbeit gut vertraut; auch gehöre ich dem- Landesausschuß Bayern "der judischen Jugendverbände an. Ich glaube also, daß ich.schon das Recht habe, Herrn Mannheimer auf seine überaus gutgemeinten Ratschläge zu antjworten. Die jüdische Jugend hat es nicht nötig, zu Hause zu sitzen und die Schönheiten der Landschaft iiicht mehr zu genießen. Der Widerspruch lt' söwbhl im Hinblick auf die seelischen MoL mente, wie auf die5 realpolitischen Erwägungen, von., denen Herr,.Mannheimer,^ausgejbti;Seelisch: Es istmir und meinen Freunden nicht verständlich, wie man sagen kann, daß die Ereignisse jdes vergangenen Jahres die, Freude an der Natur und die Liebe zur Heimat in .jungen jüdischen Menschen ertötet haben. Wenn wir im Frühling die ersten Blumenblüten, wenn wir den Glanz des Regenbogens, den Duft der Blumen, den Anblick der Berge und vieles andere mit einer Brochoh begrüßen, so' kann das Lob der Schöpfung, das wir damit aussprechen und die seelische Bewegung, die uns dabei , erfüllt, von äußeren Umständen nicht abhängig sein "und eben so wenig gibt es eine Abhängigkeit von Ereignissen der Umwelt, und mögensie uns noch so schwer getroffen haben, die in gesund gewachsenen, Menschen die Liebe zur Heimat ersticken könnte. Was aber die reäipolitischen Bewegungen betrifft, so*1 ist gerade für Bayern zu sagen, daß' die Bayrische politische Polizei nach reiflicher Erwägung die Arbeit der genehmigten Jugendbunde7 nicht nur