Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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.16, (August 1934 Der Israelit :rTTT" Fehlt es der Orthodoxie an (Haubiejij? (Forisetzung von Seite 1.) Wenn die Herren; Radler-Feldmann und Ernst , Simon, die im Jerusalemer „Hahed" und in der Berliner „Ründsöhaü" den Prozeß 'Misrachi contra' Orthodoxie führen, sich mit den ' Herren Dr., Breuer und Rosenheim herumschlügen, es wäre wahrlich nicht der Muhe wert, sich darüber aus-: einanderzüsetzen, wer; recht hat. ' ';: Aber es -handelt: sich hier um viel Ernsteres. Es handelt sich um die Frage, ob die thoratreue J.udenkeit ehren f a Ischen., ein en unjüdi- s c h en , v ond er Vo r s eh un g s elb st jetzt desavouierten, als Irrtum V e T; u r t e 11 t e n W e g gegangen ist, als sie ihren ^berufenen; Meistern, als. sie' den ' . D"n ' DiTÖä f: '.pb$$ '^"^i r^ty, folgte und sich weder dem Chowewe-Zionismus der; Pinsker und Genossen, noch dem! politischen Zionismus 1 der ' Herzl und Nor dau verschrieb;! :;;;;Es fhandelt sich um die Frage, ob 'die. thoratreue Judehheit als solche, die , östliche wie die westliche,.; die Vorwürfe pRadler-iFeldmahns unjd; Ernst Simons — die, -wenn sie berechtigt, "wären,, die ewige Sache; der Orthodoxiev; nicht ihre; Tr^geir' allein träfen ^— auf sich sitzen lassen muß' ■-oder nicht. ir;^';iS :":; '. Wir führen hierbei nicht unsre Sache, sondern die der Thora, denn der.1 Gehorsam gegenüber den niinn ^TiX beruht nicht auf Laune und Willkür einer Generation/ sonAenr-ist ein "kdnstituUver- Grundfaktor des geschichtlichen Judentums.;; Radler-Feldmann behauptet, ' die * «ablehrieriäe Haltung der. w e s t liehen Orthodoxie sei, auf ihre Verhaftung in der europäischen Kultur zurückzuführen, gewesen, die der '• ö s 11 i c'hie n auf ihren „übertriebenen Konservativismus", ihre Unfähigkeit,. den großen Gedanken zu verstehen und endlich auf ihre Furcht, der Begriff der wunderbar e n Erlösung könne notleiden. Beide Teile der Orthodoxie hätten ihr bisheriges Leben fortsetzen wollen und die! radikale Umwälzung gefürchtet. :; Simon wiederum greift das Breuer sehe Wort .auf, das thoratreue jüdische Volk m ü s s e eigentlich immer, bei allen [ Neuerscheinungen großen Formats, spät,, um nicht zu sagen; zu spät kommen und wirft,uns spottend diese „Theologie des Zurspät" an den;. Köpf, die ihre letzte Ursache babe im — M a n g e l an G 1 a u b e n. Der Misrachi aber heil ihm — er h a t den Glauben —-•• ihm gelingt es, „im Strom gegen den Strom zu schwimmen." Herr Rädler-Feldmann scheint von all den zahlreichen Kundgebungen der westlichen Führer'der Orthodoxie zur Frage des Zionismus entweder nichts zu wissen oder nichts wissen zu wollen, wenn er eine so unhistorische Behauptung aufstellt wie die oben, erwähnte. Wohl mag die Erklärung der Isogenannten j,Protestrabbiner" aus! der Zeit des ersteh Zionistenköngresses eine Deutung zulassen,,' die im Zionismus einen Widerstreit ••zum Messiasglauben! ^erblickt und ^aiich; Untertöne mitschwingen läßt, die an poliüscn^emanzipato- rische Aengste erinnern, aber diese Erklärung war unter dem starken Miteinfluß liberaler Rabbiner zustandegekommen und ist für die Haltung der Orthodoxie nicht maßgebend. Grade aus dem Kreise S. R. Hirschs, den die Herren Misrachisten ja immer am meisten auf dem Strich haben, ist stets nur der prinzipielle Gesichtspunkt geltend gemacht worden, daß der Zionismus mit innerer Notwendigkeit die Verweltl ichun g d e s j ü d isehen Volkes herbeiführen müsse, daß er die Religion zur Privatsache degradiere, und daher das eigentliche, historische Wesen des nVlXO DSTvon innen heraus verfälsche und-umstürze, ' Möge Herr Radler-Feldmann die Aufsatzreihe Mendel Hirschs ^"ST über dieses Thema lesen, möge er die unter Führung Rabbiner Salomon B r. e ,u e rjs;if?wST wiederholt erlassenen Kundge-: büngen.ijder orthodoxen Rabbiner studieren — nirgends wird er auch nur eine Spur von Anhalt ,idafür, find£hi: daß die Einstellung zum Zionismus durch andere Momente, etwa durch die assimilatorische Verwachsenhäitjl'm^ Kultur, bestimmt worden jjwäre. .| Das ist lediglich eine': fr|eie Erfindung Rabbi Bjanjamins, darauf berechnet, die pietätvolle Verehrung, der ithörätreüen Jügend!' für die großen Meister der Vergangenheit zu zerstören und sie reif ztr machen für die misrachistiscHe Lehre der ' Gegenwart. .;■ > Aber noch mehr. .^X/ir ,können,bezeugen, daß .in;den führenden Kreisen der Orthodoxie Deutschlands nach ,einem der ersten Kongresse .unter dem Ejhfluß von Ähron Marcus V''ST die Frage, ob und u n t e r,w e 1 che n!;V o.ra uss e t z u n g e n eine Verbindung mit dem jungen Zionismus mög- ..lich' sei, sehr ernst und gewissenhaft erwogen •wurde, ,''3 , j;' \J|-'_; , Dies^J^Erwägungen waren schon deshalb zu einem negativen Ausgang verurteilt, weil auch die deutschen orthodoxen Rabbinen in. einer Solschen Schicksalsfrage .des ganzen jüdischen Volkes, niemals etv^as unternommen haben, würden gegen die Entscheidungsjder inn 'Vnx.im Osten.*) Diese aber Istanden w i.e e i'nie eiserne M au e r — von den drei aus der Reihe gesprun-;geiien; ffi^LTl Rabbi Izchak Reines, Rabbi. Rabbinowitz und Rabbi Gedalja Schmelkes abgesehen — g e g e.n eine,Bpwegung, die ihnen schon nach; dein Grundsatze u 'ij,;! v t. '3«n >r bv , naim nqr^srmDrj'toi» al!s W e g aus d e m" J u d e n t u m heraus, als :E.m a n z i p a t i o n y o m . G;e s e t z e über die 'Brücke der nationalen Emanzipation erscheinen mußte.;; Es ist geradezu kindlich, zu behaupten, Männer wie der Kownoer, der Lodzer, der Brisker Raw oder ein philosophischer Kopf wie Rabbi Elieser Gordon hätten nicht die Weisheit besessen, um die1 „Größe der zionistischen Idee" ZU erfassen! > Grade weil sie sie in ihrer sprengstoffartigen Triebkraft für die Jugend erfaßten< erblickten sie darin ein lebensgefährliches Gift für den jüdischen Volkskörper, mochten auch ein paar halb abgestorbene Glieder an dieser giftigen Arznei genesen können. .!• . Und es ist denn doch eine wirklich unerlaubte Unterschätzung des Thorawissens jener Geistesriesea, wenn der Benjamin unter den palästinensischen ,,Räbbis"; unsrer Tage ihnen als Drittes noch die Dummheit unterstellt, sie hätten vom Zionismus die Zerstörung des messianischen Wunderglaubens gefürchtet! Sie haben wahrhaftig die i . *) Will man wirklich den immer höchst phantastischen Weg .nachträglicher Rekqnstruktion geschichtilicherj Möglichkeiten beschreiten; so ergibt 'sich, gesetzt j den Fall, die Orthodoxie hätte vor 40 Jahren in tot'ö den Weg des „Misrapfri" akzeptiert, folgende Alternative. Entweder sie hätte..trotz ihrer ungleich größeren moralischen utwd numerischen.^Stärke das Schicksal des heutigen Misrachi erlitten und wäre den auflösenden Kräften des religionsfeindlichen europäischen Kulturgeistes auf dem' Boden des demokratischen Parlamentarismus zum, Opfer gefallen. Oder aber sie hätte sich kraft äußerlicher Mehrheit durchgesetzt, hätte die ganze Parteimaschinerie unter die Hoii-£.chaft des Thoragesetzes gebracht — dann wäre dexa Zionismus von vornherein gerade d a s genommen gewesen, was den Zauber seiner Anziehungskraft für Zehntausende von Jugendlichen und das Geheimnis seines wirtschaftlichen Erfolges ausmachte: seine volle Uebereinstimmung mit dem „zeitgemäßen" religionsbefreiten modernen Nationalismus, wie sie dem Geiste Herzls und Nordaus entsprach. Er hätte dann . vermutlich auch nicht die historische Möglichkeit gehabt, im Westen, wo der Assimilationsprozeß schon so ungeheuer weit fortgeschritten war, jüdische Menschen vor dem Aeußersten, der. Taufe, zu retten und für die entjudeten Kreise eine Konzentrationsbewegung einzuleiten, während er im Osten allerdings . der vom Unglauben erfaßten Jugend die bequeme Brücke aus dem Beshamedrasch in die' bindungslose Ersatzreligion des Nationalismus baute. Nr. 33 Seite 3 / - ' ■ T ■ "-.):■ Stellen des jüdischen Schrifttums, die das langsame Wachstum der Erlösung verkünden, und haben die „Hilchoth Melochim" des Rambam so gut gekannt und verstanden wie Herr Radler-Feldmann, aber sie waren nicht nur bessere Psycho log e n, sondern haben, auch, weiter in die Zukunft geschaut als die modernen Geister, die sich einreden, man könne „im Strom gegen den Ström'' schwimmen oder es ' könnte überhaupt aus momentanen h i s t o r i s c h e n K o ns t e 11 a t i o n e n heraus gegen Glaubens- ' Überzeugungen argumentiert werden, denen Mtaüserid Jahre wie ein Tag" sind. Wir sind noch beute, tmerschütterlieh davon .^überzeugt, daß die Orthodoxie der Welt, indem sie den Größen der G'tteslehre die Treue hielt, nicht nur den einzigen Kurs verfolgte, den G'ttes Wille in seiner Lehre ihr vorschreibt, sondern daß jene; Größen der Thora selber den Weg der Wahrheit und der höchsten, an der Thora gereiften Weisheit gewandelt1 sind.— Wir haben für ihre Rechnung keine Sündenbekenntnisse abzulegetn und werden ihr strahlendes Andenken nicht durch die zeitgebundenen Argumentationen des Tagesjournalismüs schwärzen lassen.;, : . :.: Ihre zitternde,Furcht vor der Sünde und. ihre; Voraussicht haben sich als lautere Weisheit bewährt — gerade das Schicksal des ,,Misrachi''; und. die geistige Situation in, Erez lsroel erweisen es mit überwältigender Deutlichkeit. Der Zionismus tut — sicherlich, wie alles , Seiende, durchaus, im Dienste der. Vorsehung —. Kärrnerdiejiste zum Aufbau des G'tteslandes: : °. ^»plöW^pa '33; : i Ob dieses Land aber h e i 1 i g sein wird oder u n heilig, das hängt — mit Verlaub, Herr l>r,. Simon — nicht von der Entsumpfung noch so. weiter Strecken und der Pflanzung früchttragender Felder ab, sondern davon, wie es in dem Seelen seiner B e w o h n er aus schaut. Die reine, g'ttgehörige Seele eines einzigen wahrhaften 7! föNa und die 11 Millionen Pfund in den palästinensischen Banken — das sind incommensürable Größen. Wir lassen uns von den 11 Millionen eben so wenig blenden wie von den ausgetrockneten Sümpfen oder von der angeblich endgültigen rationalen Lösung der Judenfrage durch den Zionismus, und die ganzen 17 Jahre, die seit dem 2. Dezember 1917 verflossen sind, spielen nicht die leiseste Rolle in dem Kalkül ü n s r,e r Zeitrechnung, der Zeitrechnung des tbltia miHil inip* Wenn wir trotzdem in der Konstellation der Zeit einen Weckruf; nach Z i o n erblicken, wenn wir uns im vollen Bewußtsein der tragisch ernsten Aufgabe in die Schlachtreihe 'für G'tt und sein Gesetz auf dem Boden seines jeden Tag entheiligten Landes stellen, so geschieht es nicht aus der verzehrenden Ungeduld derjenigen heraus, die, weil sie ohne Glauben dastanden, weil sie in der jammervollen Verzweiflung ihrer gefährdeten nationalen und ihdividü.elleri geistigen Existenz sich von einem inneren Dämon getrieben, auf den R e'■'{ t u n'g;s - ip l aink e n „Zion" stürzen mußten,'sondern weil, wir cUii'Weg dorthin heute dareh eine seit der Balfour-Deklaration endlich < z u r umfassendsten Erfüllung erschlossene Mizwa, durch p1* aiC XliSö' wie nie zuvor unzweideutig gewiesen sehen. Die Orthodoxie folgt dem „Muß" einer Mizwa, nicht dem eines Dämons. Der Orthodoxie eilt es nicht und h a t e s nie geeilt,'nicht weil es ihr an Glauben fehlt, sondern gerade weil sie glaubt —! Aber sie hält vorüberräUschende geschichtliche Ereignisse nicht für primäre Gewißheitsquellen im Ringen um die religiöse Wahrheit, sie glaubt nicht an die erfolgreichsten Politiker und Diplomaten und an die Heiligkeit einer von ihrem Dämon getriebenen idealistischen Jugend, nicht an entgiftete Sümpfe, Bankdepositen und Bodenreserven als Bedingungen jüdischer Ewigkeit,1 sondern an. den Offenbarer des e w i g e n G e s e t z e s und an die