Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1934)
- Date
- 1934-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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BÄon" Der Israelit NaomVu Meister Buchbinder, Erzählung von S» Kohn, (Fortsetzung.) „Vorgestern war ich in Elbogen bei einer meiner feinen Kundschafterinnen, der gnädigen Frau Kriminalrätin Linwinden . . . wißt Ihr, Frau Wirtin, dieselbige, von der ich Euch erzählt habe, daß sie voriges Jahr auf einmal zwei Zwillinge gehabt hat ..." Der Erzähler ward von dem etwas pedantischen Wirte unterbrochen und in maßvoller belehrender Art auf die Inkorrektheit seiner Ausdrucksweise aufmerksam gemacht, nämlich: daß Zwillinge schon an und für sich zwei Kinder bedeuten, und jedermann oder richtiger gesagt, jede Frau die Zwillinge hat, gehalten ist, sie auf einmal zu 'haben, da sie sonst durchaus keinen Anspruch auf den Titel Zwillinge erheben dürfte, „Nun ja," entschuldigte sich Hans Bladdig, ,,es is mir nur so aus dem Mund rausgefahren , , . also die nämliche gnädige Frau Kriminalrätin Linwinden — von der ich Ihr, Frau Wirtin, schon einmal erzählt habe, daß sie einmal auf ihren Herrn wegen dem hübschen Stubenmadel so schrecklich eifersüchtig war . . ." „Herr G'tt sapperment! was seid Ihr für langweiliger Erzähler!" wetterte der Wirt, „bleibt doch bei der Stange und laßt das hübsche Stubenmädel aus dem Spiel!" Der Scherenschleifer ward durch die barsche Unterbrechung etwas böse; aber nachdem eiserne Gedanken wieder wunderschön geordnet hatte, fuhr er fort: „Dieselbige Frau Kriminalrätin hat eine Köchin, der ich eine Schere umsonst geschliffen hab', weil sie mir dafür eine Kolatsche, eine halbe Hammelskeule — ja richtig, daß ich nit darauf vergaß, auch ein tüchtiges Stück Schinken geben hat." „Das heißt der Kerl umsonst schleifen!" brummte der Wirt ingrimmig, der, ohne ein persönlicher Gegner seines Stammgastes zu sein, doch dessen höchst abschweifende Erzählungsweise mißbilligte. „Dieselbige Köchin," fuhr Hans Bladdig unentwegt fort, „hat mir erzählt, daß ihr Herr, der gnädige Herr Kriminalrat, fuchsteufelswild und gar kein Auskommen mit ihm, weil ein Inquisitor (Inquisit wollte er ohne Zweifel sagen) nächtlicherweis ohne Erlaubnis der hohen Kriminalbehörde ausgebrochen und entflohen ist. Selbiger Hauptspitzbub soll, — wie mir selbige Köchin erzählt hat — sie hats beim Essenauftragen vom Herrn Kriminalrat gehört, soweit ein sehr braver, rechtschaffener Mann aus einer noblen Wiener Familie abstämmig und von höchst solider Aufführung sein bis auf den Umstand, daß er falsches Papiergeld fabriziert hat. Der Herr Kriminalrat hat gesagt, daß das Kreisamt an alle Bürgermeister- und herrschaftliche Aemter im ganzen Kreise Boten schicken und Briefe schreiben wird, jeden fremden Durchreisenden ohne Unterschied des Alters, Standes und Geschlechtes höflichst anzufragen, ob er nicht vielleicht der entsprungene Fälscher ist, und wenn der Betreffende der Wahrheit die Ehre gibt und offen sagt: „Ja, ich bin's," ihn mit schweren Ketten gefesselt nach Elbogen ins Kriminal einzuliefern und da möcht' ich ein Jurament ablegen, nix anderes als das is in der Schrift gestanden, die der Klaus dem Bürgermeister gebracht hat, — und weil der gestrenge Herr vielleicht hofft, daß der fremde Verbrecher morgen hier gefangen werden wird, will er das schöne Fest — nehmt mir's nit übel, Francesco Nowaccio — nit durch Eure dumme Vorstellung stören wollen." Wenn der geehrte Leser den Bericht des Scherenschleifers Hans Bladdig auch nur mit'mäßiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird er sich doch rasch sein Urteil dahin gebildet haben, daß besagter Scherenschleifer von der Natur aus nur mit äußerst mäßigen Geistesgaben bedacht worden und auch sein Auffassungsvermögen, so wie sein Erzählungstalent nur sehr gering anzuschlagen, sein Bericht unklar und in den Detailangaben, wenn auch absichtslos gefälscht war; — daß aber alle diese wesentlichen Mängel des Referenten, doch den Hauptkern seiner Mitteilungen erkennen ließen; nämlich daß ein Verbrecher aus dem Kriminalgebäude der nächsten Kreisstadt ausgebrochen und derselbe steckbrieflich verfolgt würde. Franz Nowaczek war viel klüger als der Scherenschleifer (was doch auch schon daraus hervorzugehen scheint, daß jener diesem im Spiele Geld abgewonnen) und war auch ein praktischer Mensch, der viel in der Welt herumgekommen war. Er hatte oft genug gehört, daß auf das Einbringen eines Verbrechers ein Preis ausgesetzt zu werden pflegte und er beabsichtigte, wenn ein solcher auch in diesem Falle ausgeschrieben, um diesen zu konkurrieren, ihn wenn möglich, zu erlangen. „Sagt mir einmal, Hans Bladdig," frug der Seiltänzer, „was war denn der Flüchtling für ein Mann? alt, jurig, klein, groß, mager oder dick? Was für Landsmann ist er, was ist sein Gewerbe, seine Beschäftigung?" Hans Bladdig lachte höchst vergnügt, da war der Seiltänzer an den rechten Mann gekommen; er wußte hierüber die genaueste Auskunft zu geben! „Dieselbe Köchin hat mir erzählt," antwortete er, „daß dieser Hauptfilou ein schöner Mann, mittlerer Größe, so acht-, neununddreißig Jahre alt ist. Sie hat ihn ganz genau beschrieben: Hans Bladdig hat sie gesagt, er ist ja kein dummer Esel nit und kommt in aller Welt herum und sieht viele Menschen, wenn Er. den entflohenen Gefangenen sieht und ihn anzeigt, daß man ihn wieder erwischen kann, kriegt Er bare hundert Gulden aufgezählt, das is kein Spaß nit, — dann is Er ein gemachter glücklicher Mensch und kann sich fein ein braves, hübsches Mädel, was gut kochen kann und von der Wirtschaft was versteht und in einem noblen Haus gedient hat, als sein Weib nehmen . . . die Köchin hat damit sich selbst gemeint," interpolierte Hans Bladdig indiskret genug, und hierbei einen stolzen Blick ob seiner Beliebtheit beim schönen Geschlechte um sich werfend, — also paß Er fein auf, da Er nicht lesen kann, werde ich Ihm den Brief — sie hat gesagt Steckenbrief — den mein Bruder, der Tagschreiber beim Gericht ist, abgeschrieben hat, vorlesen, also paß' Er fein nur gut auf . . ." „Also, was steht in dem Steckbrief," frug der Seiltänzer gespannt. „Zuerst wie er heißt — sakkerlot! wie heißt der Kerl nur!" — Hans Bladdig rieb sich die Stirne, schnalzte mit den Fingern, stampfte endlich mit dem Fuße; — aber alle diese gewöhnlichen Mittel, sich etwas Vergessenes wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, blieben bei dem Schwachkopf vergeblich, er hatte den Namen rein vergessen, „aber tut nichts," schrie er, „ich möchte den Halunken doch sogleich erkennen — er ist ein geborener Wiener, mittelgroß, hat sein Haar gepudert und trägt einen Haarbeutel, hat eine hohe Stirne, blaue Augen, ist achtunddreißig Jahre alt, spricht sehr gebildet und fließend deutsch in der Art, wie die gebildeten Leute in Wien reden und war früher Buch . . . Buch . . . Buchhalter — nee, das is er nicht — ein Gewerbe hat er erlernt — er hats aber, nit ausgeübt, er hats nit gebraucht; er is ein vornehmer Mann gewesen, na . . . ein Buch . . ." „Vielleicht Buchdrucker oder Buchbinder?" mischte sich der Wirt wieder in das Gespräch. „Ja, — ja — weiß G'tt, Ihr habt recht, so etwas war's, Buchdrucker oder Buchbinder!" Naftali Löwi, vom weiten Weg ermüdet und auch schläfrig, hatte die Erzählung des Scherenschleifers, wie man sich bezeichnend auszudrücken pflegt, nur mit halbem Ohre angehört; aber bei der Schilderung, die dieser von dem entsprungenen Verbrecher entwarf, zuckte er erschrocken empor. Das Bild paßte nämlich vollständig auf den rätselhaften Fremden, der ihm heute nachmittag auf der öden Straße begegnet war. Dieser war, wie er ihm offen gestanden, ein Wiener, mochte ächtunddreißig Jahre alt sein, hatte kastanienbraunes Haar und auffallend schöne blaue Augen, sprach fließend und gebildet deutsch; aber mit einem leichten Wiener Akzente, war früher Buchbinder gewesen, hatte dann einen Erwerbszweig ergriffen, den er offenbar vor ihm verheimlichen wollte, und als er ihn gefragt, ob sein neues Gewerbe ein besseres, lohnenderes sei, hatte er unerklärlicherweise fast unmerklich gelächelt, und eine dunkle Antwort erteilt. Mit einem Male ward ihm auch die unbegreifliche Großmut desselben gegen ihn, einen ganz Fremden, sein überraschender Gleichmut bei der Wiedererlangung der großen Summe Geldes, die er verloren hatte, erklärlich. Wenn er Papiergeld erzeugen konnte, dann hatte der falsche Zehnguldenzettel, den er ihm schenken wollte, ebensoviel oder so wenig Wert als die Brieftasche voll nachgeahmter Blankozettel; — ja sogar die Chiffreschrift in seinen Notizen wurde erklärlich, diese sollten, wenn sie zufällig in die Hände eines Fremden fielen, eben nicht verstanden, nicht entziffert werden können. Er hatte das Gefühl, als wenn er plötzlich mit einem Topfe siedenden Wassers übergössen würde! .. . wie entsetzlich unglücklich hätte er werden können, wenn er, der armselig gekleidete Handwerksbursche, in dem Besitze eines falschen Zehngulden-Bankozettel befunden worden wäre, über dessen redlichen Besitz er sich nicht auszuweisen vermocht hätte; — hätte es ein mit Vernunft begabtes Wesen auf der ganzen Welt geglaubt, daß er ihn von einem ihm völlig Unbekannten, dessen Namen, Stand, Geburts- und Aufenthaltsort und Reiseziel er nicht anzugeben vermochte, zum Geschenke erhalten hatte? — Der zweite Gedanke, der nun bei Naftali Löwi an die Reihe kam, war weniger angenehm, der Unbekannte, wie er jetzt annehmen mußte, der dem Gefängnisse entflohene Verbrecher, hatte seinen — Naftali Löwis — Namen in sein Notizbuch eingetragen, wenn der Verbrecher nun doch ergriffen wurde und die Wahrscheinlichkeit dafür lag ja nahe — so würden wohl dessen Schriften durchsucht werden, und man würde seinen Namen in den Notizen des Verbrechers finden und das konnte ihm, der ohne Schutz, ohne Freund, ohne Bekannten, ja ohne Erfahrung, allein und verlassen im fremden Lande stand, sehr gefährlich werden; — und plötzlich begann er mit dem Unbekannten Mitleid zu fühlen . . . der Seiltänzer und der Scherenschleifer, beide schienen die Absicht zu haben, den Unglücklichen, wenn er ihnen zufällig im Wurf kam, anzuhalten und den Behörden zu übergeben. Naftali Löwi war ein zu gebildeter, denkender Mensch, um nicht die volle Strafwürdigkeit des Verbrechens, der Fälschung öffentlicher Staats¬ oder Kreditpapiere zu erkennen; aber nicht für eine Welt voll irdischer Seligkeit hätte er es vermocht, den bedauernswerten Mann ins Unglück zu stürzen! (Fortsetzung folgt.)