Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1934)
- Date
- 1934-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 32 Der Israelit 9. August 1934 Gesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher Interessen von in Deutschland wohnhaften oder wohnhaft gewesenen Juden m. b. H. Berlin, 1. Aug. Die „Gesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher Interessen von in Deutschland wohnhaften oder wohnhaft gewesenen Juden m. b. H." in Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158, versendet folgenden Wirtschaftsbericht ohne Verbindlichkeit über die Lage am Im-, mobilienmarkt und im Realkreditwesen. Nachdem unsere Gesellschaft vor einigen Wochen ihre Tätigkeit aufgenommen hat, wird sie nunmehr in regelmäßigen Abständen über Wirtschaftsfragen, soweit sie für unsere jüdische Klientel bedeutsam erscheinen, berichten. Wir werden allen interessierten Stellen dankbar sein, wenn sie die Ausgestaltung dieser Wirtschaftsberichte durch Anfragen, Rat und Kritik fördern. Auf dem Grundstiicksmarkt. haben sich in den letzten Monaten erhebliche Wandlungen vollzogen. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Umsatztätigkeit außerordentlich gesteigert, und die Preise liegen 20 bis 30 Proz. höher als Ende 1933. Diese Bewegung ist aber noch nicht zum Stillstand gekommen. Die entscheidenden Ursachen für diese Bewegung liegen mehr auf Seiten des Angebots als auf Seiten der Nachfrage. Für eine gewisse Verstärkung der Nachfrage ist in erster Linie maßgebend, daß mit dem Fortschreiten einer organischen Zinssenkung in Deutschland gerechnet werden kann, während gute Zinshäuser eine verhältnismäßig hohe, dauernde Verzinsung auch noch auf der Grundlage der heutigen Preise zu gewährleisten scheinen, die durch eine Zinssenkung auf dem Hypothekenmarkt sich nur noch steigern kann, ganz abgesehen von der zum 1. April 1935 zu erwartenden Senkung der Hauszinssteuer um 25 Proz. So haben viele Kapitalisten ihre Anlagen von Renten und Effektenwerten in Grundstücke umgewandelt. Auf Seiten des Angebots haben mehrere Faktoren zur Verknappung des marktgängigen Materials beigetragen. Einmal haben die scharfen devisenrechtlichen Bestimmungen und die dadurch bedingte Schwierigkeit der Transferierung ausländischer Reichsmarkouthaben dazu geführt, daß seit dem Frühjahr ds, Js. von ausländischen Hausbesitzern Verakufsanträge in größerem Umfange zurückgestellt worden sind. Dieses Moment hat sich besonders in Berlin als dem seit jeher spekulativsten Markt mit verhältnismäßig gro^ ßem Anteil von ausländischen Grundbesitzern bemerkbar gemacht. Auf diese Art und Weise ist indirekt eine gewisse, seit langem erwünschte Konsolidierung am Markt eingetreten. Dem Hausbesitzer hingegen ist durch Reichszuschüsse verschiedenster Art die Möglichkeit gegeben worden, auf billige Weise die Rentabilität seiner Objekte zu steigern oder zum mindesten zu erhalten, so daß die Neigung zum Verkauf im allgemeinen gesunken ist; in derselben Richtung wirkt die schon erwähnte Aussicht auf Senkung der Hauszinssteuer. Auf dem Gebiete des Grundstücksmarktes haben sich also die Liquidationschancen im Vergleich mit der Zeit vor einem Jahr erheblich gebessert. Der Hypothekenmarkt dagegen ist noch verhältnismäßig ruhig. Allerdings machen sich auch hier bereits wichtige Anzeichen für eine gewisse Auflockerung bemerkbar. Zwar haben die Realkreditinstitute ihr Aktivgeschäft im allgemeinen noch nicht wieder aufgenommen, aber in beschränktem Umfange sind Hypotheken von Versicherungsgesellschaften, kleinen Pensionskassen und dergl. zu haben. Die Beschränkung des Angebots bedeutet, daß die Auswahl der Hypotheken außerordentlich streng ist, die Beleihungshöhe noch verhältnismäßig niedrig. Sie reicht nicht aus, um Hypotheken, die vor 1931 gegeben worden sind, umzuschulden, es besteht aber immerhin bereits die Möglichkeit der Umschuldung von Aufwertungshypotheken, die mit der 2^ fachen, äußerstenfalls 3fachen Friedensmiete auslaufen. Allerdings ist ein gewisser Disagioverlust bei der Umschuldung unvermeidbar. Die Golddispositionen der Hypothekengläubiger, insbesondere soweit es sich um Privatgeldgeber handelt, sind durch die gesetzlichen Abänderungen d,er Fälligkeits- und Kündigungstermine infolge der verschiedenen Notverordnungen durchkreuzt worden. Es hat sich daher für manche, insbesondere auch für auswandernde deutsche Juden die Notwendigkeit ergeben, ihre Hypotheken mit einem Abschlag zu verkaufen. Solche Hypotheken, soweit sie wirklich erstklassige Anlagen darstellen, d. h. auf marktgängigen Wohnhäusern ruhen und nicht höher als mit 3, äußerstenfalls 3}4facher Friedensmiete auslaufen, haben mit einem Abschlag von 8 bis 10 Proz. vom Nominale in letzter Zeit ohne weiteres Aufnahme gefunden, so daß auch in dieser Hinsicht eine Verbesserung der Liquidationsmöglichkeit für Auswanderer sich entwickelt hat. Schwierig ist immer noch die Beschaffung von Hypotheken für jüdische Hausbesitzer in der Provinz, insbesondere in kleinen Städten. Besonders ist in diesen Fällen die Beschaffung nachstelligen hypothekarischen Kredites als Ersatz für gekündigten Bankkredit, der zweitstellig hypothekarisch gesichert war, nur in Einzelfällen, wenn überhaupt möglich gewesen. In ländlichen Bezirken vollends sind die Möglichkeiten der Verwertung und Beschaffung von Hypotheken und anderen Darlehnsforderungen noch nahezu unmöglich. Allerdings schützen den Schuldner demgegenüber auch die in diesen Bezirken bestehenden weitgehenden Vollstreckungsschutzbestimmungen. Unsere Gesellschaft hat sich auch auf diesen Gebieten bereits mehrfach erfolgreich betätigen können, Ueber den Stand der Wirtschaftsfragen auf anderen Arbeitsgebieten, wie Verkauf von Unternehmen, treuhänderisches Inkasso, Revisionen, wirtschaftliche Betreuung von jüdischen Körperschaften und Organisationen wird in einem späteren Bericht ausführlicher Nachricht gegeben werden, Italien. Der alte jüdische Friedhof Roms wird auf Staatskosten verlegt. R o m , 1, Aug. Auf Befehl Mussolinis werden in Rom demnächst Ausgrabungen auf dem Terrain des berühmten Zirkus Maximus beginnen. Auf diesem Terrain aber hat schon seit mehreren Jahrhunderten die Jüdische Gemeinde von Rom ihren Friedhof gehabt, der erst 1894 geschlossen wurde. Alle angesehenen jüdischen Familien von Rom haben auf diesem Friedhof ihre Familien-Begräbnisstätten, die mit alten, oft wertvollen Denkmälern ausgestattet sind. Deshalb hat Mussolini angeordnet, daß außerhalb der Stadt ein neues Terrain für den alten Judenfriedhof angewiesen werde. Die Gräber werden geöffnet, die Gebeine der Toten werden in neue Grüfte transportiert, die auf Kosten des Staates errichtet und genaue Kopien derjenigen des aufzulassenden Friedhofs bilden sollen. Auf dem alten Friedhof ruhen u. a. die Gebeine von 30 Großrabbinern. Alle bisherigen Versuche der maßgebenden jüdischen Stellen Italiens, die Unantastbarkeit dieser historisch und religiös bedeutsamen Begräbnisstätte zu wahren, haben nichts gefruchtet, Polen. Die Ueberschwemmungskatastrophe in Polen. Warschau, 1, Aug. Der Vorstand der Warschauer jüdischen Gemeinde erließ einen Aufruf an die jüdische Bevölkerung Polens zur Hilfe an die Opfer der Ueberschwemmungskatastrophe in Galizien. In das allgemeine Rettungskomitee der Stadt Warschau wurden als jüdische Vertreter der Vizepräsident der Gemeinde, L e r n e r , der Präsident der Repräsentanz, Jakob Trockenh e i m und das Vorstandsmitglied Stückgold entsandt. Der Ausschuß des Verbandes polnischer Juden in Amerika hat ein Komitee zur Sammlung für die Opfer der Katastrophe eingesetzt. Ein gleiches wird aus Brüssel gemeldet, wo die landsmannschaftliche Vereinigung polnischer Juden einen Aufruf an die in Belgien lebenden polnischen Staatsangehörigen zur Beteiligung an der Sammlung erläßt. Polnische Wirtschaftspolitik bedroht jüdischen Mittelstand. Warschau, 2. Aug. Ministerpräsident Kozlowski befaßte sich in einem Expose vor den Mitgliedern des Parlamentsklubs der Regierungspartei mit der wirtschaftlichen Lage des Landes. Der Ministerpräsident wies darauf hin, daß zwischen Großhandels- und Kleinhandelspreisen ein übergroßer Unterschied besteht. Diese Erscheinung sei auf die große Zahl der Mittelsleute zurückzuführen, durch deren Hände die Ware auf dem Weg zum Verbraucher geht. Der Ministerpräsident kündigte an, daß die Regierung Maßnahmen ergreifen wird, um den Vermittler im Handel auszuschalten; sie werde das Kooperativwesen fördern. Mit dieser Erklärung des Ministerpräsidenten wird eine weitere Verschärfung jenes Wirtschaftskurses in Polen angekündigt, der, ohne von antisemitischen Erwägungen diktiert zu sein, zur Vernichtung jüdischer Existenzen führt, deren Wiedereinordnung in das Wirtschaftsleben auf größte Schwierigkeiten stößt. In jüdischen Kreisen wird mit Bedauern darauf hingewiesen, daß die Regierung auf wirtschaftlichem Gebiet bisher noch keine Maßnahmen getroffen hat, um die zunehmende Verelendung der jüdischen Massen aufzuhalten. Türkei. Judenfeindliche Propaganda in Smyrna. — Türkische Behörden entschlossen, Antisemitismus nicht zu dulden. Konstantinopel, 5. Aug, Aus Smyrna wird berichtet, daß sich dort in den letzten Tagen eine verstärkte judenfeindliche Propaganda bemerkbar gemacht hat, die zu einer Anzahl kleinerer Zwischenfälle führte. Die Gründe für die Bewegung sollen im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf liegen. Der Konstantinopeler Korrespondent des „Daily Telegraf" hat Mitteilungen über angebliche antitürkische Kundgebungen auf der Insel Rhodos im Aegäischen Meer erhalten. Italiener und Juden sollen Steine gegen das türkische Konsulat geworfen haben. In gewissen türkischen Kreisen wird der Befürchtung Ausdruck gegeben,, daß diese Vorfälle zu einem Wiederaufflammen der antisemitischen Bewegung in der Türkei führen könnten. Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß die türkischen Behörden ihre Entschlossenheit kundgetan haben, antisemitische Hetze und Ausschreitungen im Lande nicht zu dulden. Japan. Japan wünscht Ansiedlung deutscher Juden in Mandschukuo. Tokio, 5. Aug, In einem Gespräch mit Presse-Vertretern erklärte der führende japanische Diplomat Sugimuro, Japan würde es begrüßen, wenn 50.000 Juden aus Deutschland sich in dem neuen unter japanischem Einfluß stehenden Staat Mandschukuo dauernd niederließen. Die Erklärung des japanischen Diplomaten erhält einen besonderen Beigeschmack, wenn man bedenkt, daß die Mandschurei an das von der Sowjet-Union als autonomes jüdisches Gebiet proklamierte Biro- Bidschan grenzt. Bekanntlich wurde seinerzeit von der Aufstellung einer besonderen, für Grenzschützzwecke bestimmten Truppe in Biro-Bidschan gesprochen. Diese Meldungen wurden später von sowjetrussischer Seite dementiert. Palästina. Emir Abdullah fordert Revision der arabischen Politik gegenüber England. Jerusalem, 1. Aug. Emir Abdullah von Transjordanien, dem von der arabischen Bevölkerung Palästinas und Transjordaniens nach seiner Rückkehr aus England, wo er sich sechs Wochen lang aufgehalten hatte, ein begeisterter Empfang bereitet worden war, erklärt in einem Presse-Interview, er sei von den Ergebnissen seiner Mission in England vollkommen befriedigt. Die ihm seitens des Königs, der königlichen Familie und der englischen Staatsmänner entgegengebrachte Herzlichkeit habe tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er rate den Arabern, ihre Politik der Non-Kooperation gegenüber' England aufzugeben und für ihre Beziehungen zu England ein positives Programm auszuarbeiten. Hierbei betonte der Emir, wie groß der Einfluß sei, den die Juden infolge ihrer andersartigen politischen Haltung auf die öffentliche Meinung. Englands ausübten.