Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1934)
- Date
- 1934-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 32 Der Israelit 9. August 1934 Maßnahmen und Entschließungen in der Tat geeignet seien, der Herrschaft des Thoragesetzes im wirtschaftlichen Leben zum Siege zu verhelfen. Man darf der weiteren Entwicklung der Dinge mit Spannung entgegensehen. Viel wird davon abhängen, inwieweit es gelingt, den Zustrom wahrhaft gesetzestreuer Arbeiter in das Land dauernd zu steigern und so der Poale Agudas Jisroel-Organisation vor allen Dingen auch numerisch zu Wochenrundschau, „Erwachsenenbildung"* Die Erwachsenenbildung als solche ist nichts Neues. In der deutschen Judenheit hat es während des letzten Jahrhunderts — auch nachdem die große Mehrheit sich dem erzieherischen Einfluß der G'tteslehre und des G'ttesgesetzes durch das tägliche „Lernen" und Forschen längst entzogen hatte — tausend Formen des Gemeinschaftslebens gegeben, die auf die geistige Beeinflussung und Formung der im Leben stehenden Erwachsenen berechnet waren. Literaturvereine, Logen, Lehrhäuser, Volkshochschulen waren die bekanntesten dieser Formen, wenn man von der Kanzel absieht, die ja eigentlich die klassische Form der Erwachsenenbildung sein sollte. Das Neue ist nur, daß ein Mann wie Martin B u b e r sich in den Mittelpunkt des Ganzen gestellt und daß er seine Hoffnung auf nachhaltigeren Erfolg seines Bildungswerkes nicht mit Unrecht auf die geistige Situation gründet, in der sich die deutsche Judenheit befindet. Diese Situation grundstürzenden Erschüttertseins ist an dieser Stelle oft genug geschildert worden. Es kann auch keinem Zweifel unterliegen, daß Buber die gegebene Persönlichkeit ist, um der ungeheuren Mehrheit der aus völliger Assimilation heimwärts Strebenden ebensowohl wie denen, die im religionslosen Nationalismus des Schekelzahlens kein Genüge mehr finden, ein ihren geistigen Voraussetzungen adäquates Judentum zu deuten. Es ist ein Judentum, das den oberflächlichen kritischen Rationalismus durch einen kritischen Mystizismus ersetzt, das die Fülle der geschichtlichen jüdischen Wirklichkeit des Judentums be- Die Sidra spricht zu uns . , . i. „Siehe, Ich gebe heute vor Euch hin Segen und Fluch" (Kap. 11, V. 26). Der Schwerpunkt des Satzes scheint in den beiden Worten "Ois und ovr> zu liegen und der Sinn ist dann folgender: Dem beschränkten menschlichen Verstände ist es nur in den seltensten Fällen möglich, gleich von vornherein zu beurteilen, ob ein Ereignis oder ein Erlebnis letzten Endes zum Segen oder zum Fluche führen wird. Nur das von der Thora erleuchtete Auge vermag, indemes sich ganz vom G'tteswort lenken läßt, schon von vornherein, schon heute zu ermessen, was schließlich Segen oder Fluch bringt. Nur Ich, G'tt, kann Dir heute schon enthüllen, was Segen und was Fluch sein wird. So beginnt auch der Sänger des 119. Psalms sein achtfaches Alphabet mit dem Satze: „Heil denen, die vollendeten Weges sind, die gehen in der Thora G'ttes". Wenn jemand auf dem W-e g e sich befindet, ist er nicht am Ziel. Solange er geht, hat er seinen Weg nicht vollendet. Wer aber sein tägliches Werk ganz nach dem Willen G'ttes gestaltet, in all seinem Tun eine Mizwah erblickt, der ist jeden Tag fertig, hat den Weg vollendet, auch wenn er scheinbar unterwegs sich befindet, und einem stärkeren Gewicht im Lande zu verhelfen. Dann wird ein Bruder den anderen stärken und es darf sich die Hoffnung regen, daß es einer Kerntruppe zielbewußter junger Kämpfer für G'tt und sein Gesetz gelingen wird, der Versuchungen, denen sie gegenüberstehen, Herr zu werden und in furchtloser Treue das Banner der Thoraherrschaft im Wirtschaftsleben des heiligen Landes, geführt von den Größen der Thora, zu entrollen. jaht, ohne jedoch der Glaubensüberzeugung und der tätigen Lebensform der Juden von heute jene unbequemen Bindungen aufzuerlegen, die das glaubenstreue, gemeinhin orthodox genannte, Judentum seinen Bekennern nicht ersparen kann. Daraus ergibt sich schon die Stellung, die wir zu der Buber'schen Mittelstelle für Erwachsenenbildung einnehmen, die bis jetzt in Herrlingen, Kreuznach und Lehnitz Lehrtagungen abgehalten hat und mehrere hauptamtliche Dozenten, liberale und konservative, beschäftigt. Das Judesein, das hier gelehrt wird, bedeutet für die halb oder ganz entfremdeten jüdischen Brüder zweifellos einen erheblichen Fortschritt zur jüdischen Wahrheit hin, und wenn man bedenkt, daß wohl kaum jemand aus diesen Kreisen das Maß von gläubiger Entschlossenheit besäße, um mit beiden Füßen in den Kreis des unverfälschten historischen Judentums hineinzuspringen, so darf man — bei aller leider gebotenen Skepsis — den Bestrebungen Bubers und seiner Mitarbeiter besten Erfolg wünschen. Freilich wäre es ein Unglück, wenn Volljuden — jugendliche oder ältere — die ihre Kraft aus den Quellen der Thora zu schöpfen vermögen, etwa aus der Lust am Neuen oder aus der Freude an Buber'scher Sprachgestaltungskraft heraus wähnten, sich ebenfalls als Schüler zu Füßen der neuen Propheten setzen zu sollen. Nur Rabbi Meir war es, der, nach talmudischer Ueberlieferung, es wagen durfte, bei Elischa ben Abujah in die Schule zu gehen, und selbst wenn der Einzelne glaubte, die gleiche kritische Unterscheidungskraft zwischen Wahrheit und Wahn wie Rabbi Meir sein eigen zu wissen, er könnte es weder verantworten, durch sein Beispiel andere, ungefestete Genossen mit sich zu ziehen, noch auch die ganze providentielle Aufgabe des thoratreuen Judentums, Siegelbewahrer der unversehrten Offenbarungswahrheit zu sein, durch mittelbare Mitarbeit an der Herausarbeitung eines neuen Einheitsjudentums zu gefährden, das zwischen Bibelkritik und wann immer G'tt ihn abruft, er geht ,,vollendeten Weges" von dannen. Aehnlich der 74. Psalm: „Durch Deinen Rat (eben das Thorawort) geleitest Du mich (durchs Leben) und nachher nimmst Du mich auf in Deine Herrlichkeit." II. Eine der merkwürdigsten Stellen in der ganzen Thora ist das in unserem Wochenabschnitt, Kap, 13, V. 2 bis 6 enthaltene Gesetz über den falschen Propheten. Das G'tteswort setzt hier voraus, daß ein Lügenprophet aufstehen könnte, der Zeichen und Wunder tut, und dessen vorausverkündete Zeichen und Wunder auch wirklich eintreffen, obgleich die Aufforderung, die er an diese Zeichen und Wunder knüpft, anderen Göttern zu dienen, ihn doch unter allen Umständen als Lügenpropheten kennzeichnen. Wie ist das möglich? Die Thora gibt die Antwort darauf in V. 4; „Denn es will Euch auf die Probe stellen G'tt Euer G'tt, um zu erkennen, ob Ihr G'tt Euren G'tt liebt mit Eurem ganzen He r z e n und Eurer ganzen Seele." In eindringlichen Worten knüpft die Thora dann im folgenden Verse noch die Mahnung daran, unser ganzes tätiges Leben ausschließlich von G'ttes Befehl bestimmen zu lassen und demgegenüber irgend welchen Zeichen und Wundern, irgend welchen wunderbaren Erlebnissen keinen Einfluß auf unsere Weltanschauung zu gestatten. Es mag auch heute Menschen geben, die sich von dem wunderbaren Aufblühen des zionistischen Siedlungswerkes im heiligen Lande zu der. falschen Vorstellung verführen lassen, es sei darum auch die Weltanschauung, die der religionslose Zionismus vertritt, die wahre! Auch dieser gefähr- Mystik schwebt. Es ist erfreulich, daß man; auch in den beteiligten Kreisen die reservierte Haltung der Orthodoxie durchaus begreift und würdigt. So finden wir beispielsweise in einem, hübschen Artikel von Dr. Paul Eppstein über die Problematik der jüdischen Erwachsenenbildung in der „Jüdischen Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" von vornherein die Feststellung, daß „von der besonderen Struktur der gesetzestreuen Gruppe, die unmittelbar in der Tradition wurzelt", abgesehen werden könne, so daß sich zwei. Gruppen, die deutsch-jüdische und die zionistische, zur metaphysischen Vereinheitlichung iu der Sphäre der „jüdischen Lebenswirklichkeit" darbieten. Eppstein polemisiert dann gegen das „Unter-Sich-Sein-Wollen" der Orthodoxie, aber er begreift, daß dieses Alleinsein hier strukturell gegeben ist in dem tiefen Sinn, in dem „religiöse Aufhebung Verankerung in einem ewigen Gesetz bedeutet". Damit sind wir ganz zufrieden und müssen uns damit bescheiden bis zu jenem Tage, an dem spätere Denker den Weg konsequent zu Ende gehen werden, der Rosenzweig und nach ihm zum Teil auch seinen Lehrer B u b e r weit hinaus über die liberale Negation doch einstweilen wenigstens in die Reichweite der sinaitischen Wahrheit geführt hat. Vers ammlungen. Wir haben vorige Woche eine Kundmachung des Vorstandes der „Jüdischen Gemeinde" in Berlin mitgeteilt, in der auf Veranlassung des Geheimen Staatspolizeiamts die Pflicht zur schriftlichen vorherigen Anmeldung aller Zusammenkünfte von Organisationen eingeschärft und insbesondere darauf hingewiesen ward, daß solche Zusammenkünfte auch dann anmeldungspflichtig sind, wenn sie in Privaträumen stattfinden. Aehnliche Bekanntmachungen sind auch außerhalb Berlins durch die Gemeindevorstände an die Vereine ergangen. Der Vorstand der Berliner Gemeinde hat aber ein übriges getan und auch noch der Auffassung Ausdruck gegeben, die Leiter der jüdischen Organisationen und Vereine sollten „auf eine Verminderung der Versammlungen und Zusammenkünfte" bedacht sein. Wir kennen weder die Motive dieser Ermahnung, noch wissen wir, ob der vom Gemeindevorstand geäußerte Wunsch etwa ebenfalls von der Polizei veranlaßt ist, die möglicher Weise eine allzustarke Inanspruchnahme ihres Beamtenstabs durch die Ueberwachungstätigkeit vermieden sehen möchte. Jedenfalls muß aber darauf hingewiesen werden, daß eine allzuweit gehende Einschüchterung liehen Versuchung gegenüber gilt das G'tteswort, das alle Entwicklungen der Zeiten voraussah: „G'tt Euer G'tt will Euch auf die Probe stellen, um zu erkennen, ob Ihr G'tt Euren G'tt liebet mit Eurem ganzen Herzen und Eurer ganzen Seele." Im Sifre zur Stelle ist es Rabbi Akiba, der — im Gegensatz zu Rabbi Jischmoel — die Möglichkeit des Eintreffens der Zeichen Und Wunder einschränkt auf den Fall, daß ein echter Prophet sie verkündet hat, der dann später erst sündigt und abfällt und zum Abfall verführen will. Vielleicht ist darum, infolge dieser seiner Auffassung, Rabbi Akiba der Versuchung des Bar-Kosiwa (Bar Kochba) zum Opfer gefallen. Er hielt Bar Kochbas Wirken für so wunderbar, daß er den Messias in seiner Person erblickte und hat seinen Irrtum dann mit dem Märtyrertode besiegelt und gesühnt. Ezechiel 35. 6» Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O.-S. Im 35. Kapitel Ezechiels, das eine Weissagung über E d o m enthält, hat Kommentatoren und Uebersetzer besonders Vers 6 beschäftigt: •'131 "\t>TV> Dil D-r? 'D Man vergleiche hierzu die Erklärungen Raschis und Redaks. Die griechische Bibelübersetzung, die sogenannte Septuaginta, hat die beiden Sätze des Verses in einen zusammengezogen bezw. den ersten Teil unübersetzt gelassen. Luther übersetzt: „Weil du Lust zum Blute hast, sollst du dem Blute nicht entrinnen." Buber-Rosenzweig und ähnlich auch andere, übertragen: „Ja, zu Blut mache ich dich, Blut soll dich verfolgen: Hast du Blut nicht gehaßt, Blut soll dich ver-