Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1934)
- Date
- 1934-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9. August 1934 Der Israelit Nr, 32 Seite 3 fleftoferproftfemafift im fietfigen fände. (Fortsetzung von Seite 1.) überhaupt umzuwandeln und "schließlich alle nicht organisierten jüdischen und arabischen Arbeiter auszusperren, die organisierte und die Löhne darum nicht mehr drückende arabische Arbeit aber als gleichberechtigt zuzulassen. Die der Histadruth gegenüberstehende rein nationalistische revisionistische Arbeiterpartei, die diesen, inneren Widerspruch nicht kennt, hat <es gleichwohl bisher erst auf 7- oder 8000 organisierte Köpfe bringen können, die gegenüber den 45.000 Mann der Histadruth naturgemäß keine ausschlaggebende Rolle spielen können. Einig jedoch sind, diese beiden Arbeiterparteien grundsätzlich in dem Prinzip, daß das in der Tat lebensgefährliche Eindringen der um die Hälfte billigeren arabischen Arbeiter in den jüdischen Wirtschaftsbezirk mit allen Mitteln verhindert werden muß, einig auch in der skrupellosen Wahl auch der gewaltsamsten Mittel des Terrors und der Zerstörung, wenn es .gilt, die eigenen sozialen und nationalen Ideale im öffentlichen oder im wirtschaftlichen Leben durchzusetzen. An Zahl und Einfluß erheblich geringer präsentiert sich als Vertreterin einer traditionell religiösen Weltanschauung neben der Histadruth und den Revisionisten der P o,e 1 Hamisrachi, der aus persönlich gesetzestreuen Arbeitern besteht, der aber dem Zwange der Verhältnisse folgend, sich genötigt glaubte, ein Wirtschaftsabkommen mit der Histadruth hoowdim zu schließen, das den Poel Hamisrachi — indem es ihm die Unterstützung der Arbeitsämter der Histadruth und damit den ungehinderten Zugang zum Arbeitsmarkt in Land und Stadt sichert — .zugleich an die klassenkämpferischen Grundsätze der Histadruth bindet und ihm somit die Anwendung des Thoragesetzes auf das Leben der. Arbeit und der Wirtschaftprinzipiellunmöglichmacht. Hier aber kommt die eigentlich historische Bedeutung des Problems zum deutlichen Ausdruck. Wenn in anderen Ländern, in Deutschland und Italien beispielsweise, aus der zum Untergang, zum nationalen Selbstmord führenden klassenkämpferischen Politik der Parteien kein anderer Ausweg mehr blieb als die mehr oder minder revolutionäre Zusammenschweißung der Unternehmer und Arbeiter zu nationalen Arbeitsfronten, so kann und darf im heiligen Lande diese Funktion des Ausgleichs und der Versöhnung nur einem geistigen Machtfaktor zufallen: dem jüdischen Thora-Recht, jenem Rechte, das in seinen friedensschöpferischen Grundzügen auf dem Sinai offenbart wurde, und das in vieltausendjähriger lebendiger Rechtsentwicklung bis zum heutigen Tage in den talmudischen Hochschulen und vor den Bothe Dinin der Rabbinen, in den Kodifikationen und Responsen der ^erleuchtetsten Geister des jüdischen Volkes sich erhalten und entfaltet hat. Zweitausend Jahre hat dieses soziale G'ttes- . recht gewartet, bis es seine menschenbeglückende Herrschaft wieder antreten könne auf dem ureigenen Boden seiner Verwirklichung. Klassenhaß und Parteileidenschaft wüten heute auf diesem Boden, setzen Gewalt und Terror ein, wo nur des Rechtes g'ttliche Stimme zu reden haben dürfte und gefährden so im Innern jedwede Spur nationaler Gemeinsamkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, nach außen aber die ganze Existenz der jüdischen Siedlung im Lande, die auf die Dauer nicht durch sturen Faustkampf gegen jedwede arabische Arbeit, sondern nur durch einen vernünftigen Interessenausgleich auf der Basis autoritativer Schiedssprüche gerettet werden kann« .'. So läge das Heraufkommen einer wahrhaft jüdischen Arbeiterpartei, die sich entschlossen auf den Boden des Thora-Rechtes stellt, im Interesse des gesamten jüdischen Jischuws, ja des ganzen Landes. Aber wie soll diese Arbeiterpartei entstehen und sich halten können zwischen den Schlachtreihen der bis an die Zähne bewaffneten feind-; liehen Brüder und angesichts des auf Terror gestützten Arbeitsvermittlungs-Monopols der Histadruth hoowdim? Die heute etwa 600 Chawerim zählende Poale Agudas J i s r o e 1-0 r g a n i s a t i o n mit dem Sitze in Tel-Awiw, die als solche bisher ihre Unabhängigkeit bewahrt hat und sich abmüht, ihre Genossen zu dem großen Gedanken des Thora-Rechtes als Wirtschaftsgestalter zu erziehen, steht noch ganz in den Anfängen und es fehlt ihr nicht nur die ausreich endefinanzielle Unterstützung für den Ausbau ihrer sozialen Institutionen und zur Begründung der wirtschaftlichen Wohlfahrt ihrer Genossen, sondern es fehlt ihr bis jetzt auch die entschlossene rabbinische Führung und Wegweisung, ohne die sie ihre geschichtliche Aufgabe nicht erfüllen kann. Diese Aufgabe ruft lauter noch als die Ar^, beiter die Thoragrößen Erez Isroels! auf den Plan. Der Zweckparagraph der Poale Agudas Isroel- Satzung lautet nämlich:;. „Die Ziele der Organisation und ihre Aufgaben sind; 1. Die Einigung ihrer Mitglieder zu einer lebendigen organisierten Gemeinschaft und die Begründung des gesellschaftlichen Lebens in Erez Jisroel auf den Grundlagen der Thora und ihres sozialen Geistes. 2. Die Schaffung von einheitlichen Siedlungspunkten für ihre Mitglieder in Stadt und Land.; 3. Die Beschaffung von Arbeitsgelegenheiten für ihre Mitglieder und die Fürsorge für deren wirtschaftliche Interessen. 4, Die Gründung von Kooperativ-Institutionen und Arbeitsübernahmegruppen für die Mitglieder. 5. Die Begründung sozialer Institutionen, wie z. B. Krankenkassen, Olimhäuser, Darlehenskassen usw. für ihre Mitglieder. < 6. Die Weckung des Pflichtgefühls bei den Arbeitgebern, .daß sie ihre jüdischen Brüder als Arbeiter beschäftigen. 7. Der Kampf gegen die wirtschaftliche Ausbeutung ihrer Mitglieder von Seiten der Arbeitgeber. 8. Die Schlichtung von Klassenstreitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf der Grundlage des Thoragesetzes und im seinem Geiste. 9. Die Entwicklung einer geistig-gesellschaftlichen Arbeit unter den Mitgliedern durch die Schaffung von Abendkursen, Veranstaltung von Vorträgen, Debatten, Gründung von Lesesälen, Bibliotheken usw. 10. Die Schaffung von Erziehungsanstalten für die Söhne der Arbeiter, um sie zu treuen Söhnen der Thora und der Ueberlieferung zu erziehen. 11. Die Schaffung einer Presse und einer Literatur, welche den Anschauungen der Poale A. J. entspricht und ihren Standpunkt in aktuellen Fragen vertritt." Es liegt auf der Hand, daß die Ziffern sechs, sieben und acht dieses Programms die aktive Mitwirkung der berufenen Vertreter des Thora-.. rechtes erfordern. Nur sie werden aus den Quellen dieses Rechtes den Weg der Wahrheit zu erkennen vermögen, der das "jny "pfiK TH auf dem Arbeitsmarkte verwirklicht, ohne die Gewalt an die Stelle des Rechtes zu setzen; nur sie werden sich allmählich eine so genaue Einsicht in die Bedingungen des wirtschaftlichen Produktionsprozesses zu erwerben vermögen, daß sie auf der Grundlage und im Geiste der thorarechtlichen Maßstäbe den Streit um den Arbeitsertrag in jedem Falle zu schlichten und auch den Interessenausgleich zwischen den beiden, zur gemeinsamen Erfüllung der bXW* pH JUSO berufenen sozialen Gruppen herbeizuführen imstande sind. Ihnen aber liegt auch die Pflicht ob, den Poale Agudas Isroel die moralische Kraft einzuflößen, die dazu gehört, der in der ganzen Situation liegenden Versuchung zur Preisgabe ihrer Selbständigkeit Widerstand zu leisten. Diese Versuchung ist überwältigend groß. Der größte Teil der Arbeitgeberschaft kann es angesichts des Terrors der Histadruth hoowdim nicht wagen, ohne deren ausdrückliche Genehmigung jüdische Arbeiter, die nicht der Histadruth angehören, in seine Betriebe ein- : zustellen. Er muß sonst befürchten, daß ihm durch Terrorgruppen der Histadruth die empfindlichsten Betriebsstörungen bereitet oder die ganze Fabi-ik kurz und klein geschlagen wird. Das gilt insbesondere für Fabrikbetriebe, auch für Bauunternehmungen in den Städten, in denen die größten Löhne bezahlt werden, weniger in den Kolonien auf dem Lande mit ihrem minimalen, ikaum zum knappsten Lebensunterhalt ausreichenden Lohn. Kommt hinzu, daß der Arbeiter in den sozialen und sanitären Institutionen der großen Arbeiterorganisation, in ihren Kranken- und Darlehenskassen, ihren Lesehallen und sonstigen Kulturinstitutionen einen mächtigen Rückhalt für sein ganzes privates und familiäres Leben findet, so kann man die Größe der Versuchung ermessen, der sich der agudistische Arbeiter gegenüber befindet, wenn er seinem Lebensideal und seiner Organisation die Treue wahren will. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich, wie bereits angedeutet, in dem Kampfe um die Abwehr der um 50 Proz. billigeren arabischen Arbeit. Hier sind an sich die Lebensinteressen aller jüdischen Arbeiter identisch. Nichtsdestoweniger aber bedeutet es vom Standpunkt der Thora eine prinzipielle Unmöglichkeit, irgend welchen wirtschaftlichen Interessenten, seien es auch die Arbeiter; das Recht zu geben, nach eigenemErmessen Gewaltmittel anzuwenden, oder sich bei der Anwendung solcher Gewaltmittel der zwingenden Weisung einer Klassenbehörde, also in diesem Falle der Histadruth hoowdim zu unterwerfen. Wenn dieser Streitpunkt auch durch das Regierungsverbot des Streikpostenstehens einstweilen ausgeschaltet ist, verliert er doch nichts von seiner prinzipiellen Bedeutsamkeit für die ganze weitere Entwicklung dieser Arbeiterproblematik. Der letzten Zentralratssitzung der Agudas Jisroel lag ein ausführliches Memorandum der agudistischen Arbeiterpartei Erez Jisroels vor, in dem die hier nur skizzenhaft geschilderten Verhältnisse dargelegt und die Fragen an die höchste Instanz der agudistischen Organisation gerichtet wurden, ob und unter welchen Bedingungen für die Poale Agudas Jisroel der Abschluß eines Wirtschaftsübereinkommens mit der Histadruth hoowdim, ähnlich wie es der Poel Hamisrachi*) geschlossen hat, in Betracht kommen könnte. Die vom Zentralrat zur Lösung dieser Frage eingesetzte Kommission hatdieFragenach ernster Prüfung des Für und Wider grundsätzlich verneint und im übrigen die Einsetzung eines Besdin in Erez Jisroel selber beschlossen, das die agudistische Arbeiterorganisation sowohl bei der jetzt vorliegenden aktuellen Frage, als auch weiterhin beraten und führen soll, damit ihre *) In den drei letzten Nummern der offiziellen Misrachi-Zeitschrift. H a t o r werden aus der Feder von Avigdor Bauminger, Daniel S i r k i s und Jakob Rimon eine Reihe von eindringlichen Aufforderungen an den Poel Hamisrachi veröffentlicht, sein Abkommen mit der Histadruth hoowdim zu k ü n d i g e h und es werden dabei die unheilvollen Konsequenzen dieses Abkommens für das religiöse Bewußtsein und für die ganze geistige Autonomie der religiösen Arbeiterbewegung durch Tatsachen erhärtet. Sirkis führt außerdem aus, daß eine zwingende Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung des Abkommens heute nicht mehr vorhanden sei, denn es bestehe, wie das Beispiel der Revisionisten beweist, durchaus die Möglichkeit, auch ohne Hilfe der Histadruth Arbeitsstellen zu finden. In welchem Umfange diese Behauptung insbesondere für die städtischen Betriebe zutrifft, scheint uns allerdings nicht vollkommen sicher,