Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1934)
- Date
- 1934-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr, 32 Der Israelit 9. August .1934 Die Tragödie der illegalen Einwanderer. Jerusalem, 1, August. Vor dem Haifaer Gericht sind 32 jüdische Mädchen und 4 jüdische junge Männer wegen illegaler Einwanderung zu 3 Monaten Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung verurteilt worden. Bei der Urteilsverkündung spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Die Mädchen brachen in lautes Weinen aus und viele fielen in Ohnmacht. Die Verurteilten waren seit dem 7, Juli im Gefängnis in Tiberias unter menschenunwürdigen Verhältnissen interniert gewesen. Ebenso klagen die in Bethlehem internierten jüdischen Frauen, daß sie gezwungen waren, auf Steinfußböden zu schlafen und ungenießbare Nahrung anzunehmen. In dem für 60 Gefangene eingerichteten Gefängnis sind jetzt über 100 weibliche Häftlinge untergebracht, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als daß sie zu ihren in Palästina lebenden Familien gelangen wollen. Das Gericht in A k k o verurteilte 12 Juden wegen illegaler Einwanderung zu drei Monaten Gefängnis und Landesverweisung und weitere 11 illegal Eingewanderte, unter ihnen zwei Mädchen, wurden neuerdings verhaftet. Wie die ITA, aus polnisches Diplomatenkreisen erfährt, hat das polnische Außenministerium die Vertreter Polens in London und Jerusalem aufgefordert, Schritte zu unternehmen, um die Lage der in Haifa verurteilten Juden polnischer Staatsangehörigkeit zu mildern. Die nationalistische arabische Jugend betrachtet es neuerdings als einen besonderen Sport, auf illegale jüdische Einwanderer, die an der Küste in Booten landen oder über die Nordgrenze hereinzukommen, Jagd zu machen und sie der Polizei zu übergeben. Es entspricht dies einer auf der letzten Konferenz des nationalistischen arabischen Jugendverbandes gefaßten Entschließung. Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß die illegale Einwanderung vieler Tausende von Arabern aus dem H a u r a n , aus Transjordanien und Aegypten ungestört weitergeht. Ganze Züge von Aegyptern sind auf der Wanderung durch die an Palästina grenzende ägyptische Oase El-Arisch, um in Palästina Arbeitsstellen anzunehmen. Köln, 6. August. Der Gauwirtschaftsberater der NSDAP, des Gaues Köln-Aachen teilt im „Westdeutschen Beobachter" mit: ,,Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß die grundsätzliche Einstellung der NSDAP, zur Warenhausfrage nach wie vor die gleiche ist, die auch im Programm der Bewegung eindeutig festgelegt ist. Es ist deshalb der Einkauf im Warenhaus mit wahrer nationalsozialistischer Gesinnung nicht zu vereinbaren. Diese Einstellung des Nationalsozialismus zur Warenhausfrage gilt für das Warenhaus schlechthin. Damit, daß gewisse jüdische Warenhäuser eine sogenannte Gleichschaltung vorgenommen haben, deren Wert zudem zumeist zweifelhaft ist, kann an der grundsätzlichen Einstellung selbstverständlich nichts geändert werden." Diese Erklärung des Gauwirtschaftsberaters dürfte im Zusammenhang mit einer Klage stehen, die die Westdeutsche Kaufhof A. G., (ehemals Leonhard Tietz A, G.) gegen den „Westdeutschen Beobachter" wegen zweier Aufsätze, die in diesem Blatt anläßlich des Saisonschlußverkaufes erschienen sind, erhoben hat. Zu dieser Klage, durch die eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln beantragt wurde, nimmt der „Westdeutsche Beobachter" in seiner letzten Nummer in längeren Ausführungen Stellung. Er weist darauf hin, daß in dem betreffenden Aufsatz die in Haifa, 6. August. Der von Arabern und Beduinen versehene „Geheimdienst" zur Ausforschung illegal ins Land kommender Gruppen jüdischer Einwanderer zwecks Auslieferung an die Polizei wird von einer ständig wachsenden Zahl arabischer Spit- .zel hauptberuflich ausgeübt. In den letzten Tagen wurde eine Gruppe von 75 Juden bei Wadi Ha warith abgefangen, als sie mit einem Segelboot landeten. Die Schiffer ließen ihre Passagiere am Strande im Stich und flüchteten aufs Meer hinaus, als Beduinen in Begleitung von Küstenpolizei herankamen. An dem Häscherdienst hatten sich insbesondere Araber aus Tulkarem beteiligt. Andere Gruppen wurden, wie gemeldet wird, zwischen Haifa und Akko festgenommen. Die Behörden sind zwar bemüht, das schändliche Handwerk dieser „freiwilligen Wache" zu unterbinden, sind jedoch bisher außerstande, dem Treiben Einhalt zu tun. Jerusalem, 6. August. Der High Commissioner hat eine Zählung der in Palästina arbeitenden landesfremden Araber, die verdächtig sind, in den letzten Monaten eingewandert zu sein, angeordnet. Die Presse von Damaskus veröffentlicht Berichte über die ernste Wirtschaftslage im Hauran und stellt in diesem Zusammenhang fest, daß 30.000 bis 35.000 Einwohner dieses Gebietes nach Palästina gegangen sind, wo sie soviel verdienen, daß sie im Laufe der letzten Monate an ihre zurückgelassenen Angehörigen etwa 40.000 Pfd. senden konnten. Viele haben übrigens Frauen und Kinder mit sich gebracht. Auch unter den Bauern des Dschebel Drus-Gebietes herrscht große Not. Es heißt, daß rund 10.000 von ihnen nach Palästina gegangen sind. Zu dieser Einwanderung von Arabern aus Syrien und dem Hauran kommt noch diejenige asu Aegypten und Transjordanien, von wo ununterbrochen neue Einwanderer unbemerkt die palästinensische Grenze überschreiten, hinzu. letzter Zeit von Nichtariern als Geschäftsinhabern oft ausgenutzten Möglichkeiten, ihren Namen zu verbergen, angeführt waren, sowie die gesetzlich erlaubte Möglichkeit bei Aktiengesellschafter., die Hinterleute dem Publikum zu verbergen. Die Zeitung hält der Behauptung des Anwalts des Kaufhofs, dieses Unternehmen sei arisch, entgegen, daß dem Vorstand, der aus sechs Mitgliedern besteht, noch immer die Nichtarier Franz Levy und Julius Schloß angehören. Daß diese ihre Aemter grundsätzlich zur Verfügung gestellt haben, sei unwesentlich. Im Aufsichtsrat seien von acht Mitgliedern drei Nichtarier, nämlich Dr, Eiiel, Dr. Frank und Dr. Tietz (Amsterdam). Aus dem Artikel erfährt man weiter, daß vom Personal am 1. Juli 1934 nur 3,85 Proz. Nichtarier waren. Hierzu bemerkt der „Westdeutsch.e Beobachter", daß dieser Prozentsatz die leitenden Stellen umfaßt. Auch 47 jüdische Lehrlinge seien noch im Betrieb vorhanden. Daß Dr, Tietz im Vorjahre einstimmig in den Aufsichtsrat gewählt wurde, sei zwar kein rechtsgültiger Beweis für die Annahme, daß er stärker als mit den angegebenen 7,5 Proz. an dem Gesamtkapital seines alten Unternehmens beteiligt ist, lasse aber den Schluß zu, daß die Besitzer der Aktien Juden oder Judenfreunde sind, ,,Jud' oder Judenfreund ist bei uns dasselbe!", schreibt der „Westdeutsche Beobachter". Bundeskanzler Schuschnigg bekräftigt den Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Wien, 2. August, In einer am 2, August in Wien abgehaltenen. Pressekonferenz betonte der neue österreichische Bundeskanzler Dr, Schuschnigg,. daß, der verfassungsmäßig verankerte Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz für die Regierung; auch weiterhin maßgebend sein werde. Auf die Frage des ITA-Vertreters, ob isch dieser Grundsatz auch auf die Juden beziehe, antwortete der Bundeskanzler: „Selbstverständlich!" und fügte hinzu, daß die Gleichheit vor dem Gesetz für alle diejenigen Geltung haben soll, die sich an das Gesetz halten. Provisorischer jüdischer Wahlvorschlag zu den Stadtrats wählen in Jerusalem. Jerusalem, 6, August. Für die bevorstehenden Wahlen zum Stadtrat, von Jerusalem ist eine provisorische jüdische Einheitsliste von sechs Kandidaten zusammengestellt worden. Für die Wahl werden vorgeschlagen A. Elmaleh (Sephardi), J. Ben Zwi (Arbeiterpartei),. Bankdirektor Josef Hachmäschwili. (Sephardi, Agudath Israel), Rechtsanwalt Daniel Auster (Allgemeiner Zionist), Samuel Eden (Agudath Israel) und eine noch zu benennende Persönlichkeit. Wie es heißt, wird die Arbeiterpartei sich: an der Einheitsliste nicht beteiligen, falls ihr nicht ein zweiter Vertreter zugestanden wird. Friedensbemühungen, Jerusalem, 7. August. Auch die Palästina-Exekutive der J e w i s h? A g e n c y hielt eine gemeinsame Beratung mit den zionistischen Mittelparteien über die Möglichkeiten einer Beilegung des Parteikampfes. zwischen Arbeiterpartei und Revisionisten ab. Vertreter der letzteren beiden Parteien nahmen an der Beratung nicht teil, Paris, 7. August. Die Welt-Union der Zionisten-Revis i o n i s t e n veröffentlicht jetzt den vollen Wortlaut der von ihr an die jüdische Arbeiterpartei Palästinas gerichteten Einladung zu einer Beratung zwecks Milderung des Parteikampfes, Der Brief weist auf die politischen Gefahren hin, die aus dem geplanten Legislative Council und aus der ganzen allgemeinen Lage erwachsen und schlägt vor, in einer europäischen Stadt eine Zusammenkunft zu veranstalten, da die palästinensische Einwanderungsordnung es für die Mitglieder der revisionistischen Partei schwierig machte* nach Palästina zu kommen. In ähnlicher Weise hat auch die in Deutschland bestehende Partei der „Staatszionisten" eine Aufforderung an die Histadruth gerichtet. Offizielle Erklärung zu den Ausschreitungen in Constantine. P ar i s , 8. August. Generalgouverneur C a r d e erklärte vor seiner Abreise nach Algerien dem ITA-Vertreter, gegen die verbrecherischen Elemente würden die schärfsten Maßnahmen getroffen werden. Wenn die Unruhen nicht sofort unterdrückt werden konnten, so sei dies darin begründet, daß das alte Ghetto ein wahres Labyrinth sei, in dem sich die Araber strategisch besser zurecht fänden als die neu angekommenen Truppen. Eine vollständige Liste der Verwundeten und Toten ist bisher von den Behörden noch nicht zu erlangen. Es wird angenommen, daß die Mehrzahl der auf etwa 100 geschätzten Getöteten Juden sind. Es heißt,, daß das Judenviertel zum großen Teil in Trümmern liegt. Stellungnahme gegen jüdische Warenhäuser-