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Der Israelit · 1934-08-02 · Heft 31 (2.8.1934) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 31 (2.8.1934)
Date
1934-08-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 31 Der Israelit 2. August 1934 und seinen Quellen finden. Die Zusammenfassung bildet dann der Siddur Derech hachajim von R. Jakob Lissa (um 1820). Gehen wir nun zum eigentlichen Gebiete des Minhag über. Minhag kommt vom Verbum nohag führen, leiten, verfahren, verhalten. Minhag bedeutet also Brauch, Gebrauch, Verhalten in religiösen Dingen. Wir finden diesen Ausdruck schon in der Bibel dse öfteren verwendet: In Ex. 3, 1 -man-ins ]Ksn jik an:)'V ,,Er führte die Schafe nach der Wüste"; in Deut, 28, 37 nnv 'n ■pnr' ups. „Wohin dich der Ewige führt"; Kön. II, 9, 20 sin' inaaa jniani ae> trin on'Vy ny sa :-\asb nasn m •ani,> iisspa »a 'wm p Hier wird das Substantiv gebraucht: „Das Verhalten" (Minhag) ist gleich dem Verhalten Jehu Sohn des Nimsi (der sich unsinnig aufführte). Minhag bedeutet also die Gewöhnung und das Festhalten einer religiösen Uebung bezw. eines religiösen Brauches im g'ttesdienstlichen, häuslichen oder im Leben der Gemeinde, wofür in der Halacha jegliche Bestimmung fehlt. Es waren sogar nach dem Talmud in ältesten Zeiten die damals entstandenen Minhagim grundlegend bei der Festsetzung der Halacha. Im paläst. Talmud (Peah VII, 5, Maaser Scheni V, 2, Jebamoth VII, 3) lesen wir: na»o na jnv rs psi n'aa nssn «Tip nai>n »jnw jnn naxn na nsn „Wenn das Bes din in Sachen einer Halacha schwankt, so daß du nicht weißt, wie die Halacha entscheidet, so gehe hin und beobachte das Verhalten der Gemeinde in dieser Sache und richte dich danach." Und ähnlich finden wir im babylonischen Talmud (Berachoth Bl. 45): „Wie bleibt die Halacha? Gehe hin und schau' wie der Volksbrauch ist!" •13T say 'tm »in wb nax?»sa sna^n Die hohe Bedeutung des Minhag im religiösen Leben kennzeichnen noch zahlreiche andere Stellen im Talmud. . Pesachim paläst. IV, 3: *m -iay dk rvbnb ponpp dbo •Dipan anian b? nay dm po:ni? p rnn ]a Kinip „Wegen Nichtbeachtung eines Minhag wurde in gleicher Weise Strafe verhängt, wie bei der Nichtbeachtung eines Din oder (Baba mezia VII, 1) /na't>nn m bvm jman :ma».K mi n'yenn an nas „Der Minhag hebt die Halacha auf". Nachalas schiwo 27, 9 (Samuel ben David Halevy): BiTaa Kbsta bumvb pn» pa D»y-iv nrsw Dmai fisn »ay i^'ssi Tb ]->-\mz -rmya ksib V»m n»aw iaT m -icwa "ndbn npiy inaa» ■mm '-iio'xa iV'ss Selbst Ignoranten und unwissende Menschen, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden können, führen häufig das Wort im Munde: „Der Minhag hebe die Halacha auf," wie dies leider so oft an Orten ist, an denen man es selbst mit biblischen Vorschriften nicht genau nimmt. Im Hinblick auf den gleichen Satz schreiben einige der G'dolim: Dann wird Minhag zu dem Verhängnis, das man erkennt, wenn man das Wort Minhag rückwärts liest. „Gehinom"-Hölle. Masseches Sofrim 14, 17: Und so ist auch der allgemeine Minhag, denn eine Halacha wird erst dann festgesetzt, wenn für die Sache bereits ein Minhag bestand. anaa na^n ^tsaa ania naa«? im anaa sap'^ iy nyapi na^n •nym Vip'wa nyiaa xb& u'» nnnna n'«n >'xt> anaa bas ^pTi Nur mit Rücksicht hierauf ist gesagt: „Der Minhag hebt die Halacha auf"; das besagt, nur ein solcher Minhag, der von frommen Gelehrten eingeführt ist, hebt die Halacha auf. Dagegen ist jeder Minhag, dessen Grundlage nicht die Thora ist, nichts anderes als ein Irrtum in Bezug auf die richtige Auffassung. Die Bedeutung des Minhag erklärt sich auch daraus, daß man ihn stillschweigend als Bestandteil des mündlichen Gesetzes anerkannt hat. Die Arten der Minhagim sind grundverschieden. Es gibt: Landesbräuche, Ortsbräuche, Bräuche der Schicklichkeit und des Anstandes, Bräuche frommer keuscher Frauen, Bräuche der Frommen, Bräuche der Väter, Bräuche der Propheten usw. Auf Grund dieser Einteilung möchte ich die Quellen sprechen lassen, die im Talmud, in der Mischna, im Midrasch und in den zahlreichen Sifre Poskim wie Sifre haminhogim enthalten sind und von denen ich nur natürlich eine Auslese bringe: Landesbräuche: Taanis 28, S, 2: p'a wj'piDBX^ nao am» p-ia K^n np npn ininn ^aa^> vbpx an ,]n»T3 Dn'niaK arun m»a vnv nas »Ji^n luVia xpn srm Raw kam einst von Palästina nach Babylon. Es war an einem Rosch chodesch. Da merkte er, daß man das Hallelgebet verrichtete. Er wehrte nicht, um nicht zu stören und wartete ab. Als er nun merkte, daß man nur Halbhallel sprach, da nahm er von einem Einspruch Abstand, mit dem Bemerken: ich sehe jetzt, daß die G'ttesdienstbesucher einen Brauch ihrer Väter beherzigen. Ortsbräuche: M'iri nnbv p ama 1249—1306: in der Einleitung zu seinem Buche Mögen owos: Jede Gemeinde hat die Pflicht, an dem Brauch der Väter und ihrer frommen Thoragelehrten festzuhalten. Kein später nachkommender Thoragelehrte darf an diesen Bräuchen zweifeln oder sie gar teilweise oder ganz abschaffen. Vielmehr hat jede Gemeinde und jedes Volk und jede Provinz den niedergeschriebenen oder mündlich durch Tradition überkommenen Minhag genau einzuhalten und bestehen zu lassen. 'iWa bbzrmb xVen nwn wtnn 'io»aa mbb rrn *nso '»is •nis ns-i na»a »a-n »m» px irwsv ria->K »asa wsin Maharil, Jakob Halevy 1365—1427 Worms: Nachdem wir sagen, daß man sich immer nach dem Brauch der Provinz richten soll, der Brauch an jedem Flusse jedoch verschieden ist und kein Ort ausreicht, um an ihm alle Ströme zu sammeln und dazu nicht einmal das Weltenmeer ausreicht, darum gehe hin und schaue, wie das Volk spricht. Moed koton 82 laipa amaa oa'Vy aibv, Friede komme über Euch, wenn Ihr den Brauch Eures Ortes wahrt. Baba mezia 86 nrian amaa $>an/Alles richtet sich nach dem Brauch der Provinz. Pesachim 4: Bezügl. der Arbeit am Vormittag des Erew Pessach werden hier die Bestimmungen des Örtlichen Minhag besonders gewürdigt. Bräuche der Schicklichkeit und des. Anstandes: mb bw nrmb nty nun nnrc arunn jn tnsn mw b& nbwb ■arib iVa«i naaV in» n-npn »axVai Baba mezia. 86, S. 2: Man ändere nie den Brauch, denn Moses stieg zu den Himmlischen und aß nach deren Weise kein Brot und die Engel G'ttes stiegen hinab zu den Sterblichen und aßen nach der Art derer Brot, Bereschis rabbo 48 noia»3a "pn SftlpV nbv>Kommst du in eine Stadt, richte dich nach ihren Bräuchen bezw. Sitten. naan ja: ^>a nnan 'aj by nana naa :D'Wn»a n»n Vns anaa ny •D'oaal D'miKn i»s nsan np^noi D'ojaa Dennis nons Baba basra 93: In Jerusalem konnten Arme nur so lange in das Haus gehen, als ein Teppich über die Türschwelle ausgebreitet war. Aus Hilchos Derech erez suto 5: 'D-wn pa ^iy m« an' nb Schlafe nicht im Kreise Wachender, /3'-wn ]»a ]e>» Wache nicht im Kreise Schlafender, ,0-pmffn pa naia «Vi Weine nicht im Kreise Lachender, •o'aian ]»a pnw s^n Lache nicht im Kreise Weinender, .o-nniyn ]»3 3E?t> Stehe nicht im Kreise Sitzender, /D-wi'n )»a iaiy s^i Sitze nicht im Kreise Stehender, »D»nipn 7's s*)ip t6i Lies nicht im Kreise Lernender, /D'K-npn ]->a naiw sVi Lerne nicht im Kreise Lesender! •nvian sniaa oisn bx nai bv iVVa Beherzige vielmehr den Grundsatz: Aendere nicht den Brauch der Geschöpfe. (Fortsetzung folgt.) Von der Ausbildung von Hilfsvorbetern. Von Lehrer Schloß in Flehingen. Der G'ttesdienst in den einzelnen Gemeinden kann nur durch ausgebildete Vorbeter gewährleistet werden. In größeren Gemeinden befinden sich überall fest angestellte Kultusbeamte, die mit diesem Amte betreut sind. Doch die bereits führer- und lehrerlosen Gemeinden sind auf Hilfsvorbeter aus ihrer Mitte angewiesen, welche diesen Dienst ehrenamtlich verrichten. Wohl der Gemeinde, in deren Mitte sich noch solche Hilfsvorbeter befinden! — Die meisten Kleingemeinden sind nämlich — besonders jetzt — finanziell so schwach geworden, daß sie aus eigenen Mitteln, sei es auch nur für die hohen Festtage, keinen Hilfsvorbeter sich zu verschaffen vermögen. Und auch die Zentralkasse kann für diese Belange nicht mehr sorgen, da sie kaum für die allerwichtigsten Aufgaben noch Deckung aufweisen kann. So sollen und müssen diese Hilfsvorbeter aus den Reihen unserer Gemeinden erstehen, die nötigen geeigneten Kräfte geweckt und erkoren Warden. Das kann nur eine Aufgabe unserer Jugendbildner, unserer Religionslehrer und Kantoren sein und werden. Diese Aufgabe ist durchaus nicht leicht, sie liegt aber bereits vor unserer Türe und verlangt die Tat. Vorbeter ausbilden heißt in erster Reihe, sich in den Weinberg (talmudischer Aüsdruck für Lehrhaus) der Jugend zu begeben, um dort1 die gesunden, später fruchtbar werdenden Schößlinge auszusuchen und in fachmännische Fürsorge und Obhut zu bringen; es gilt die Kräfte zu suchen, zu wecken und zur Entfaltung zu bringen. Und das schon bei den jüngsten Jahrgängen der Schüler, beim Beginn des 3. oder 4. Schuljahres. Vielleicht wird mancher Sachverständige diesen Gedanken absurd finden, denn diese Jahrgänge müssen eigentlich doch noch oren, beten lernen. Und doch: wenn sie oren, eigentlich nur lallen können, beginne ich mit meinen „lustigen Burschen" kantorale Gesänge, wie Lecho Dodi, Kiddusch usw. einzuüben. Und wie gerne begeben sich meine Lieblinge in dieses ihnen. anfangs fremde, aber lockende Gebiet. Gelegentlich der diesjährigen Schulprüfung stellte sich in meiner Schule'ein 8jähriger Schüler mit dem „Kiddusch" vor und ich darf, wenn auch unbescheiden, hier konstatieren, daß er sich seiner Aufgabe meisterhaft entledigte. Dieser Junge trägt zu Hause an jedem Schabbos Kiddusch und Hawdoloh selbständig vor, da das Schicksal ihm früh den Vater nahm. Diese Uebungen veranstalte ich im Rahmen meines Stundenplanes anstelle von Lese n. Denn nichts ist mehr geeignet, das Lesen zu fördern, als diese „Gebetsübungen" im wahren Sinne des Wortes. Das jüdische Haus mit seinen jüdischen Weisen muß notgedrungen heute in der Religionsschule schon dem Schüler vor Augen geführt werden. Und der Schüler, der bereits auf diese Weise in die Riten und Töne unserer Gebete eingeführt ist, und wurde, dem bedeutet das Gebet keine tote Sache mehr. Voraussetzung für solche Schulexperimente ist und bleibt ein geordneter G'ttesdienst; wo der aber fehlt, muß das jüdische Haus, der Vater, mithelfen. Auf diese Weise habe ich Schritt für Schritt 11—12jährige Schüler so weit herangebildex, daß sie selbständige Vorbeter, sowohl für die Werktage als auch zum Teil für die Gebete des Sabbats zu sein vermögen; auch können sie bereits die Sidro im Chumesch vortragen, ebenso auch die Haphtara, sogar ziemlich fehlerlos, ich meine, unter Beachtung der vorgeschriebenen Tonzeichen. An Stelle des sonst oft monotonen leblosen Religionsunterrichts tritt hier eine belebende, erfreuende Abwechslung, welche die Schüler bei gewissen Glanzleistungen zur Begeisterung hinreißt. Hand in Hand mit diesen Uebungen suche ich meine Zöglinge in fortschreitender Entwicklung mit der unpunktierten Druckschrift bekannt zu machen, ein schweres, mühseliges Beginnen für den Anfang, das aber den Weg für ein späteres Vortragen in der Sefer Thora freimachen soll. Vorerst noch ein frommer Wunsch von mir, der aber bei unermüdlichem. Fleiß des Schülers sich verwirklichen muß; bis hierher hat der Lehrer seine Schuldigkeit getan; hier beginnt eigentlich die intensive Selbsttätigkeit des werdenden Mannes. Gemalte Blumen riechen nicht. Es sei mir deshalb fern, aus diesen Versuchen mir ein Verdienst anzurechnen; ich will nur als älterer Lehrer meinen jüngeren Kollegen und allen denen, die Interesse an diesen Versuchen haben, zeigen, wie leicht es oft gelingen kann, aus der heranwachsenden Jugend Hilfsvorbeter heranzubilden. . Solche Jünglinge sind in meiner Gemeinde bereits zwei vorhanden, welche diesen, ihren späteren Nebenberuf vorbildlich auffassen und sich für ihn begeistern. Zur Nachahmung und zum Heil unseres Judentums wärmstens empfohlen! — Umschaltung, Auf dem Bahnhofe eines Provinzstädtchens. Ich benutze den längeren Aufenthalt dazu, die, meinem Zuge vorgespannte elektrische Lokomotive zu bestaunen. Sinnend stehe ich vor dem Ungeheuer. Der Lokomotivführer hat die Liebenswürdigkeit, von seinem hohen Stand herunterzusteigen und mir die Sache mit umständlichen Worten zu erklären: Bremse, Meßinstrumente, Umschalter, der die gegenseitige Fahrtrichtung bewirkt. Der Schaffner mahnt zum Einsteigen. Nachdenklich nehme ich in meinem fast leeren Wagen Platz, der mich von der jüdischen Metropole wieder meiner Landgemeinde zuführt. Immer wieder taucht der Lokomotivführer in meiner Vosrtellung auf, der vorne jetzt seinen Dienst versieht. Plötzlich kommt eine Verbindung zwischen dem Berufe des Mannes da vorne, und dem meinen zustande: Beide voll schwerer Verantwortung, beide haben ein Ziel im Auge, dem sie entgegeneilen, beide achten ständig sorgfältigst auf den Weg, den sie zurücklegen. Aber der vorne hat es leichter; er braucht nur auf Hebel und Knopf drücken, schon setzt sich die Maschine in Bewegung, jederzeit kann er die FahrtgescKwindigkeit ändern, bremsen, wenn es nottut, ja selbst die gegenseitige, umgekehrte Fahrtrichtung bewirken. — Wir aber müssen unsere lebenden Objekte erst studieren, vorsichtig nach den Hebeln suchen, die, wenn nötig, bremsen sollen, die umschalten, neue Lebenswege einschlagen, bei anderen wieder ermutigend wirken sollen. Ist doch jede Seelenmaschine andersartig und verschieden in der Handhabe der Hebel. Zu einem Hebel aber müssen wir heute alle vortasten: dem Hebel, der Umschaltung, Umkehr bewirkt, Rückkehr zur strengen SchabbosheiHgung, zum andächtigen Gebet, zur koscheren Küchenführung usw. Und der Mann auf hohem Stande da vorne, ist verantwortlich für die ihm anvertrauten Menschen. Niemals ist es zu spät zur „Umschaltung"! Ihr, an der Spitze der Gemeinden, die Ihr die Verantwortung für deren Führung traget, werdet nicht müde, immer und immer wieder jenen „Umschalthebel" zu suchen und somit eine Aenderung herbeizuführen: Hinwendung zum Jüdischen. — Ein schönes Schumann-Lied singt in wehmütiger Weise: „O, fänd' ich den Weg zurück." Helft jenen, die?noch ringen, den rechten Weg zu finden, greift ihnen liebevoll unter die Arme und führt sie zurück die Straße der naiwn- Möge es euch gelingen! rrntfai fb* 'n U3»ipn! Lehrer Lewkowitz, Buttenwiesen. #

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