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Der Israelit · 1934-08-02 · Heft 31 (2.8.1934) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 31 (2.8.1934)
Date
1934-08-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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oflo o o—o o o o rat Ha una Lettre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands Jlöäöjöjo—Öj[Ö]iQ](Ö][ H ][ H Verantwortliche Schriftleitung : L. Kaufmann, Sprendl ingen (Kreis Offenbach) Nussach, Schmu j, Minhag. Von Oberkantor R. M. Eschwege in Würzburg. Nussach kommt von Nossach s ausreißen, vertreiben, entnehmen, und findet seine Verwendung an den verschiedensten Stellen der Bibel, so in: Deut. 28, 63 nmxn bvn Dnnqjr„Ihr werdet vertrieben werden; von dem Erdboden." Spr. 15, 25 'n no> Q'sa n'a „Das Haus der Stolzen reißt G'tt ein." Psalm. 52, 7 ino'i bn&n „Er wird Euch aus dem Zelte vertreiben." Esra 6, 11 sn'a tö nojn'„Es soll das Gebälk aus dein Hause gerissen werden." So verstehen wir also unter Nussach, von etwas Bestehendem etwas entnehmen, zuweilen für das Entnommene Ersatz bieten. Für Nussach wird zuweilen der aram. Ausdruck Nusscho verwendet, welcher von den verschiedensten Grammatikern mit „Abschrift" übersetzt und als fast identisch bezeichnet wird mit „Haätokoh" Abschrift. Denken wir an die Stelle in Gen. 12, 8, so finden wir diesen Ausdruck in anderer Form verwendet: „Er rückte von dort ab nach dem Gebirge zu." mnnüttapwv Damit wird die Bedeutung des Wortes Nussach eigentlich ain. besten und ganz vortrefflich gezeichnet. Ich mochte also definieren: Nussach heißt von einem bestehenden Schriftsatz abrücken und zu einer neuen Lesart gelangen, oder kurz „Lesart". Das Original bezw. der Urtext wäre' mit Nussach und die Abänderung mit Nusscho acharino zu bezeichnen. Wir finden in den rabbinischen Schriften Ausdrucksweisen gesagten Inhalts mit Verwendung des Verbum Nossach: hissiach dato seine c Gedanken von etwas abwenden, oder jassiach dato mid'worim acherim er schlage sich andere Dinge aus seinem Kopfe. Der Ausdruck Nussach wird vornehmlich auf dem Gebiete der Gebete und für biblische Stellen gebraucht. Raschi und die Tosafisten verwenden statt Nussach die Ausdrücke „Girso" oder „Lischno", welche ebenfalls mit „Lesart" übersetzt werden. Wenden wir uns nun dem Gebiete des Nussach zu und beschränken ihn in der . Hauptsache auf die Gebetsordnung. . - Rabbi Jehuda ben Nachmeni folgert aus dem Schriftvers (Exod. 34, 27): „k'sow l'cho es häd'worim hoejleh, ki al pi häd'worim hoejleh" schreibe diese. Worte des Gesetzes auf, denn auf Grund.der mündlichen Uebertragung dieser Worte", daß das schriftliche Gesetz niederzuschreiben ist, während es verboten sei, das mündliche Gesetz schriftlich niederzulegen. Masseches Sofrim betont: ••pana nson ima nwinni san ubwb phn ti v>» aman. „Wer das mündliche Gesetz niederschreibt, geht des jenseitigen Lebens verlustig; wer es aber, an Hand des schriftlichen Gesetzes lehrt und erklärt, der ist des g'ttlichen Segens sicher." ... Der Talmud (Sabbat Bl. 115, S. 2) erwähnt: mmaip nain nw'j'yai ov bv• wroK dVd w'w's''57K y>saprn nisian •min 'Biwa maia »ariia inair fxaa np'^nn »Jsa jms p^'xa y>x „Schriften, welche Gebete bezw. Segenssprüche enthalten, darf man am Sabbat vom' Verbrennen nicht retten." Daraus geht hervor: „Wer Gebete niederschreibt, vergeht sich so, als würde er die Thora verbrennen." Wir haben also durch diese Quellen den Nachweis erbracht, daß das Verbot, die mündliche Lehre niederzuschreiben, in ältesten Zeiten auch auf die Gebete übertragen wurde. Der Vater sollte das Kind die Hauptgebete mit Liebe, Hingebung und Gefühlswärme in tiefer religiöser Ueberzeugung lehren. Etwa im 6. Jahrhundert, erst wurde es gestattet, gleich dem mündlichen Gesetz auch die Gebetordnung zu notieren, um, weil die Natur ..und die ganze Lebensweise des jüdischen Menschen, sich gegen früher geändert hatte, sie vor Vergessenheit zu schützen. Eine eigentliche Gebetordnung findet sich im Talmud und in der. Mischna nicht. Lediglich werden die Hauptgebete skizzenhaft angedeutet. Masseches Sofrim ist die erste Quelle,' welche uns aus dem 6. Jahrhundert bereits die Gebete,. die sich um die K'rias hat'öroh, haftoroh u m'gillos gruppieren und über Bestimmungen des Kaddisch vor Borachu, nach dem 18-Gebet und nach der Thoravorlesung USW., Texte vermittelt, Auch erfahren wir hier bereits von einem Kaddisch, das während der 7 Trauertage nach dem Abschluß des Mussafgebets am Schluß eines Lehrvortrags gesprochen wurde. Die 1. Gebetssammlung des Gaon Natronai aus.dem Jahre 860 wurde erst vor etwa 30 Jahren gefunden und veröffentlicht von Ginzberg. Um das Jahr 850 etwa entstand das Gebetbuch des Gaon Amram ben Schechna, genannt Jessod haamramii das wiederholt und zwar in Warschau und im Jahrbuch der jüdischliterarischen Gesellschaft gedruckt wurde. ' Etwa um die gleiche Zeit gab Saadjah (892—942) sein' Gebetbuch heraus, das verloren gegangen war und erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit wiedergefunden, aber noch nicht vollkommen veröffentlicht wurde. Einige Jahrhunderte hindurch war es Sitte, daß große Gelehrte 'ihre Gebetordnungen selbst verfaßten, einschließlich einer Pijutim-Sammlung, nebenher auch eine Kinos- und S'lichossammlung. Die eigenen Gedanken der verschiedenen Rabbinen veranlaßten Aenderungen mannigfacher Art, so daß seit dieser Zeit die verschiedensten Nusschos (Lesarten) sich ergaben. Die bekannteste der letzterwähnten Gebetssammlurigen ist das Machsor Vitry von Simchoh ben Samuel, welches um die Zeit und im Kreise Raschis, welcher ja selbst auch Takonos und Erklärungen zu den Gebeten verfaßte, erschien. Die Herausgabe des Machsor Vitry ist in Berlin im Jahre 1889/93 von S. Hurwitz und 1922 in Nürnberg von Bulka erfolgt. Zunz spricht, von ca. 60 Riten dieser Zeit, welche sich aber naturgemäß nicht alle erhalten konnten. Ursprünglich unterschied man lediglich zwischen Nussach bawli und Nussach j-ruschalmi, oder — was gleichbedeutend ist — zwischen Minhag b'ne m'nadchoi und Minhag b'ne maarowi oder zwischen babylonischem und palästinensischem Ritus. An dieser Bezeichnung erkennen wir schon, daß bei den Gebeten häufig statt des Wortes Nussach auch der Begriff Minhag gebräuchlich ist; Es war eben in den verschiedenen Ländern und Orten ein gewisser Nussach gebräuchlich und daher zum Minhag geworden. r Grundlegend für den palästinensischen Ritus sind neben den bereits erwähnten Werken Masseches Sofrim und Siddur Sadjah die Fragmente aus der Genisah in Kairo, deren Veröffentlichung erst am Anfang dieses Jahrhunderts erfolgt ist. Zur palästinensischen Ritusgruppe zählen: a) der. deutsche und polnische Nussach. Die Grenze zwischen beiden bildet die Elbe. Der 1. Druck des; Minhag aschkenaß geschah um 1490 in Italien, der des Minhag Polen in Prag um 1520. Mit, dem Minhag aschkenaß ziemlich ähnlich ist 1 der altfranzösische Nussach des Machsor Vitry. Letzterer kam durch die Vertreibung der Juden aus Frankreich 1240 fast gänzlich außer Uebung und er hielt sich nur in den Gemeinden AFM Asti,: Fossano und Monc'sslvp in Italien. . i b) Der Minhag Jtaliano oder Minhag;, b'ne .Romi, auch Ritus der Wälschen, auch Minhag haloasim ' findet sieh im, Machsor b'ne. Romo von S. D. Luzzatto, jLivorno 1856. Dieser Ritus blieb auf. Italien und einige Gemeinden, der Türkei beschränkt. ,t i c) Der romanische, rumelische oder griechische Ritus, auch Minhag erez jowon oder Minhag romanio war früher in den Balkanländern verbreitet. Heute finden wir ihn fast nur auf Korfu beschränkt. Auch der babylonische Ritus blieb in seiner ursprünglichen Reinheit nicht erhalten. Sein ältester Vertreter ist der . bereits erwähnte Raw Amram, gest. 875, der schon vom Text des ba-; bylonischen Talmud wesentlich abrückt. Wir finden diesen Nussach verbreitet über ganz Spanien. als den Minhag Sephard. Er wird als der wesentlichste Zeuge der babylonischen Gebetordnung bezeichnet, war nicht zu allen Zeiten und in allen Gemeinden gleich geblieben, sondern machte viele Veränderungen „Schinujim" mit. Das 1, spanische Gebetbuch erschien 1524 in Venedig. Unter der Regierung der Königin Isabella wurden , die Juden im Jahre 1492, im Jahre der Entdeckung Amerikas durch Columbus, aus Spanien vertrieben. Viele von ihnen wanderten nach Portugal aus. Hier entwickelte sich der portugiesische Nussach. Die portugiesischen Juden waren auf die strikte Einhaltung ihres Ritus selbst nach ihrer Abwanderung nach anderen Ländern — Holland, Hamburg, Emden, Nordairika — äußerst bedacht. Sie haben den alten orientalischen Ritus, der sich an den babylonischen anlehnte, völlig verdrängt. Eine Unterabteilung des portugiesischen Nussach bildete der jemenitische, der in seiner Gebetssammlung „Techalel" stark von Maimonides beeinflußt ist. 1901 erschien, in Jerusalem eine solche jemenitische Gebetsordnung. Einen charakteristischen Uebergang zwischen Minhag bawli und Minhag maarowi bildet der provenzalische Ritus, der sich hauptsächlich in den 3 Städten Avignon, Carpentras und Montpellier findet, „Akum", Keine dieser Gebetssammlungen reicht weiter zurück als über das 12. Jahrhundert. Wir haben aus den gemachten Angaben feststellen können, daß die Entwicklung der Stammgebete verhältnismäßig nicht alt ist. Aus dem Mittelalter besitzen wir eine vollkommene Gebetördnung des .Rämbam im Anschlüsse an sein Werk „Mischne thora". Va now ,vipn noii »pn^oi n^sna rvima nou >nmn bz mban *no vasan pran nana no-o /»nn non ,wysaKn maian Aus derselben Zeit stammt „Manhig haolam" des Abraham ben Nathan aus Lunel, kurz genannt „Iwen hajarchi". Auf seinen Reisen durch Nordfrankreich, und Spanien hatte er die verschiedensten Bräuche und Gebettexte kennengelernt und in seinem Werke hierüber Mitteilung erstattet. Nicht ungenannt bleibe hier auch der Kommentar des Abudraham um 1340 zur T'filoh, der uns interessante Minhagim mitteilt. Unter anderem verlangt er im alltäglichen Morgengebet vor „uwo I'zijon" ein Gebet für die Regierung zu sprechen. S. 74, 1 \sv i'a'iK V? inxaK'i vnry>p avb bbsnr\bi..-\bi3n /ik -pai» wnai ■"im T»n "bv m icn-n ain? Ein ähnlicher Brauch besteht ja in den Frankenländern Bayerns, in denen man alltäglich nach dem Nachmittagsgebet den Psalm 21 spricht. 1300 erschien der Orchos chajim des Aharon hakohen aus Narbonne und 1330 der Orach chajim des Jakob ben Ascher in Toledo (1. Teil der 4. Turim); Bei der kurzen Zeitspanne, die mir heute zur Verfügung steht, möchte ich nur noch auf folgende Werke hinweisen, die uns über den Nussach des letzten Jahrhunderts sehr dankbare und interessante Nachweise liefern. Das beste und ausgiebigste Material liefert uns der Sidur „Awodas Jisroel" von Dr. S. Baer-Biebrich, erschienen 1868 in Frankfurt a. M. Dieses Werk ist für den Kantor unerläßlich, weil er ganz besonders sich für das Gebiet der Gebetsforschung und für das absolute Verständnis der Gebetssprache sowohl, wie fürdie' Grammatik der : Gebetsprache interessieren : muß. : :.. 'Nach ihm verdient besonders, hervorgehoben zu werden der -Ozar hat'filos aus Wilna, erschienen während der letzten Kriegsjahre ' 1916/17'bei Rom-Wilna. "Wer irgend etwas über das Gebet, über'die gesetzlichen Vorschriften des Gebets, über die geschichtliche Entwicklung des G'ttesdienstes und der Gebete, wie überhaupt über irgend eine Frage, die nur im geringsteni wenn auch nur indirekt, mit dem Gebete in Verbindung steht, erfahren will, der greife zu diesem Werk, das übrigens auch die bis dahin erschienenen Gebetsammlungen an den verschiedensten Stellen erwähnt. Nicht unterlassen will ich es, auf die Bedeutung Wolf Heidenheims für die Erhaltung einer .-geordneten Gebetssammlung, für eine korrekte Gebetssprache, wie für eine einwandsfreie Aussprache des Vorbeters durch seine hervorragenden Drucke und Kommentare hinzuweisen. Es reicht die Zeit nicht hin, um jene Nuschoos zu erörtern, die Textvarianten darstellen und die einmal, später behandelt werden können. Die Festigung des Nussach führte zum Minhag, zum festgewordenen Brauch. Dieser feste Brauch wiederum wurde nach seiner Einbürgerung zum Din, zum feststehenden Gesetz. Dadurch entstand im Laufe der Zeit um das Gebet ein besonderer Dinimkomplex, wie wir ihn vor allem im Schulchan oruch

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