Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 31 D Israelit 2. August 1934 Beobachtungen eines Neuankömmlings. (Schluß.) II. Lebensgefahr in Jerusalem. Jerusalem liegt bekanntlich im Gebirge, nahezu 800 Meter hoch, und zwar steht die Stadt auf stark felsigem Boden. Das fällt jedem Neuankömmling schon dadurch auf, daß man an Stellen, wo noch keine Straßen gebaut sind — und deren gibt es in reichlicher Menge — gezwungen ist, die reinsten Kletterpartien auszuführen, denen gewöhnliches Schuhwerk gar nicht gewachsen ist. Soll eine neue Straße gebaut oder ein neues Haus errichtet werden, so müs sen zur Ebnung der Erde bezw. zur Freilegung des Fundaments regelrechte Sprengungen vorgenommen werden. Es gehört also bei der eben herrschenden erhöhten Bautätigkeit zu den alltäglichen Erscheinungen, daß man an den belebtesten Stellen der Stadt mit dem « selbstverständlichen Gefühl der Sicherheit dahergeht, um im nächsten Moment unmittelbar vor sich eine rote Fahne zu. erblicken, die ein heftig gestikulierender und schreiender Araber hinlind herschwingt. Das besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß man sich seines Lebens absolut nicht so sicher fühlen soll; denn tut man einen Schritt weiter, so kann es passieren, daß einem ein Felsblock an den Kopf fliegt, der gerade unter heftigster Detonation durch Dynamitsprengung von der Erde losgelöst wurde. Also jedem Neuankömmling zur Kenntnisnahme: ein eine rote Fahne schwingender Araber in den Straßen Jerusalems bedeutet Lebensgefahr durch Sprengung. III. Man sammelt und man gibt. Die Opferfreudigkeit ist eine der auffallendsten guten Eigenschaften der palästinensischen Juden. Die Summe, die z. B. ein Arbeiter beim Lohnempfang jedes Mal für nationale, kulturelle und soziale Zwecke abgibt, ist direkt ungeheuerlich und steht in keinem Verhältnis zur Lohnhöhe. Es dürfte nur wenige Lohnempfänger geben, die nicht ihre monatlichen Beiträge für Keren Kajemeth, Keren Hajessod, Histadruth, Habima usw. regelmäßig mit einer Selbstverständlichkeit . abführen, als gehörten diese Ausgaben zu ihrem Lebensunterhalt. Und dazu gibt es fast jeden Monat Sammlungen für außerordentliche Fonds. Und auch da wird niemarid zurückstehen, sei es, daß es sich um Sammlungen'iür die hungernden russischen Juden oder für einen Fonds zur Ansiedlung deutscher Juden handelt. Und bei all diesen Ausgaben haben die Straßensammlungen noch Aussicht auf Erfolg, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit veranstaltet werden. Man ist es schon gewöhnt, daß alle paar Tage plötzlich ein kleiner Junge oder ein junges Mädel auf einen zuspringt, irgend ein Abzeichen an den Rock heftet und mit einem „Bewakaschah" (Bitte) eine Sammelbüchse vor die Nase hält, die nicht eher weicht, bis man sie um einige Müs bereichert hat. Selbst wenn jemand glaubt, für diesen oder jenen Zweck aus prinzipiellen Gründen nichts geben zu wollen, so wird es gegenüber dem Andrang der sammelnden Jugend schwer sein, dem Prinzip zum Siege zu verhelfen. Schon mancher hat sein Prinzip aufgegeben, weil er — seine Ruhe haben wollte. Die palästinensische Jugend ist zäh und unnachgiebig! IV. Jüdische Autobusse und jüdische Chauffeure. Jüdische Autobusse verkehren in den Straßen Tel Awiws, Jerusalems, Haifas sowie zwischen diesen Städten und auf noch vielen anderen Straßen des Landes. Sie sind gemeinsamer Besitz von Kooperativen, denen die. Chauffeure -und sonstige Beamten mit einer Geldeinlage beitreten^ womit sie dann an den Einnahmen der Kooperative beteiligt sind. Durchgängig trifft man hier ganz besonders geschickte Chauffeure an, was bei den Anforderungen, die die teils noch unbebauten Straßen und vor allem die in reichlicher Zahl vorhandenen. Kurven an die Chauffeure stellen, auch ein unbedingtes Erfordernis ist — In den Autobussen selbst herrscht > ein jüdischer Ton. Die Fahrgäste unterhalten sich miteinander (in Iwrith), und der Chauffeur mit ihnen, als würden sie sich alle ewig kennen. Es kommt vor, daß irgend ein Fahrgast ein jüdisches Lied anstimmt, allmählich beteiligen sich andere daran, bis zuletzt die ganze Autobesatzung inkl. Chauffeur einen gemeinsamen Chor bilden. Ich selbst erlebte es einmal auf einer Fahrt vom Toten Meer nach Jerusalem: Es war Erew Pesach, die feiertägliche Vorfreude kam wieder einmal in solchen gemeinsamen Gesängen zum Ausdruck. Da auf einmal stimmte einer der Stimmbegabten eine elegische Weise an, einige andere fielen begleitend ein, und ich fühlte mich plötzlich in eine Gemeinde inbrünstig Betender versetzt, die, ergriffen vom nahenden Jomtof, die Einleitungs-Tefillah zu Sefirath Ha'omer — piiai pia »ain — in ergreifender Weise emporsteigen ließen unter Führung des Chauffeurs, der dabei unbeirrt seinen Wagen die kurvenreiche Straße hinaufführte. Das Aeußere bezw. Innere eines solchen Autobusaes unterscheidet sich eigentlich durch nichts von den Wagen, diewir aus' Europa gewöhnt sind! Nur!.daß eben alle nötigen Aufschriften und Bekanhtmachun gen, die nun einmal in solchen Wagen angebracht zu sein pflegen, in hebräischer Sprache abgefaßt sind Selbstverständlich fehlt auch nicht .die Bekannt machung: 'pn^y» yiivb «6: Jjnicht rauchen und nicht spucken! Wer glaubt, daß jaiese Aufschrift tatsächlich den Zweck erfüllt, daß die Fahrgäste? imn auch ent sprechend verfahren, der irrt sich. So ein Autobus ist nämlich das reinste Rauchlokal.. (Vom Spucken unterlasse ich es lieber zu reden!) Ja, ein Chauffeu auf seinem Führersitz ohne die brennende Zigarette ist eine seltene Erscheinung. Und da sollten die Fahr gaste sich umi derartige Mahnungen kümmern?! Am Sabbat ruht der Verkehr, Ich wage nicht zu glauben, daß ebenso wie die Wagen, auch alle Wa genführer Schmirath Schabbath im überlieferten Sinne einhalten. Und doch erlebte ich es an einem Sabbat daß ein mir von meinen Fahrten her bekannter Chauffeur in der Synagoge, die ich zu besuchen pflege, vor den ,,Omud" trat, und sich als vollendeter Chasen entpuppte. (Das gleiche erlebte ich bei einem Postbeamten). Eine witzige Zunge behauptete nach her, festgestellt zu haben, daß sein „Mussaf" der Fahrtzeit Jaffator — Kerem A w r a h a m entsprochen habe. Der Weg des Zionismus, In der bekannten im Verlage von Eugen Diederichs in Jena erscheinenden unabhängigen Zeit schrift Die Tat finden wir einen für den unter richteten jüdischen Leser zwar nichts Neues bietenden, aber bemerkenswerten Aufsatz von Rudolf Goltz: ,,Der Weg des Zionismus", der eine von umfassender Sachkenntnis und Objektivität ge tragene Würdigung der Entstehungsgeschichte, des Zionismus, insbesondere Herzls und seiner Vorläufer, an die heute meist vergessen wird, enthält. In d-sm Kapitel über die Parteien des Zionismus heißt es u. a. „Rein theoretisch ist für den Zionismus Religion „Privatsache". In dieser Maxime liegt eine im Falle des jüdischen Volkes unzulässige Uebertragung eines europäischen Prinzips. : In Bezug auf die nichtjüdischen Völker hat es Sinn: es ist tatsächlich „Privatsache", welcher Religion, etwa die katholische oder die evangelische, der einzelne Staatsbürger hat. In Bezug auf das jüdische Volk aber gibt es nur eine Alternative: jüdische Religion oder gar keine. Denn der Jude, der sich taufen läßt, sagt sich dadurch inplicite vom jüdischen Volk los^ Kein Zionist würde. und das mit Recht — auf den Gedanken kommen, die christliche Religion seines Volksgenossen als „Privatsache", als unerheblich für die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, aufzufassen. Der Jude, der geschichtlich denkt — und der Zionismus muß, wenn er Judentum als Volkstum begreift, geschichtlich denken! — er begibt sich damit gleichzeitig auf eine religiöse Ebene, mag er die Forderungen der Religion nun anerkennen oder nicht, denn jeder jüdisch-nationale Gedenktag ist gleichzeitig ein religiöser, weil die Nationalgeschichte Israels gleichzeitig sein® Religionsgeschichte ist. Aus dieser Beziehung resultieren die durchaus komischen Situationen, denen diejenigen Zionisten, die — etwa aus marxistischen Affekten heraus — programmatisch antireligiös, aber dennoch national eingestellt sind, ständig ausgesetzt sind." Der Orthodoxie als Gegnerin des Zionismus widmet der Verfasser einen besonderen Abschnitt, wobei er zunächst von der wohl zuweilen von zionistischer Seite geltend gemachten, aber objektiv unrichtigen Behauptung ausgeht, die süddeutsche, insbesondere von Frankfurt ausgehende „Neuorthodoxie" habe durch geistige und anationale Deutung der religiösen Gesetze einen Weg zu finden gesucht, der sowohl die traditionellen Bedürfnisse befriedigen, als auch den Eintritt in die'neue .Welt sichern könne. Das ist in-; sofern unrichtig, als man bei S. R. Hirsch, der ja hier gemöint ist, niemals auch nur die Spur eines Versuches finden kann, den nationalen Charakter der religiösen SymKöle und Institutionen etwa durch Allegorien im Stile Philos zu vermenschlichen. Im Gegenteil herrscht in den Gesetzeserläuterungen Rabbiner Hirschs ein hundertprozentig nationaler Geist. Richtig ist nur soviel, daß Hirsch und seine Nachfahren den ganzen jüdischen Nationalismus selber ganz in dem Sinne, wie es der Verfasser auch tut, als ein durch und durch religiöses Faktum aufgefaßt und von allen Nationalismen der Völker unterschieden haben, Ueber die „Agudath Israel" schreibt der Verfasser folgendes: „Die nichtzionistische Orthodoxie, die sich 1912 in den Weltverband Agudath Israel zusammengeschlossen hat, führt aus vielen Gründen einen sehr ^heftigen Kampf gegen den Zionismus.. Ihr scheint 'das „Primat des Nationalen" untragbar und unvereinbar mit dem Totalitätsanspruch des g'ttlichen absoluten Gesetzes.; Ihr ist der einzig historisch:Ibegründete Kulturinhalt des jüdischen Volkstums — das als solches nicht bestritten wird — das Religiöse. Ohne die Thora als die zentrale Lebensidee hat für die Agudath Israel ein jüdisches Volkstum seinen Sinn verloren, das zu erhalten sich nicht lohnen würde. Die Juden sind eine „Religionsnation" (Breuer), Abgesehen von dieser ideologischen" Trennung ist die durch' den Zionismusherbeigeführte" Säkularisierung Palästinas der Agucla'. ein Greuel. Während bisher die Aguda dem Palästinawerk keine besondere'Aufmerksamkeit zuwandte, . wird sie allmählich , durch die. wachsende zipnistische Konkurrenz zu einer palästinozentrischen. Haltung gezwungen. Tatsächlich macht sich in der letzten Zeit eine erhöhte Einwanderung agudistischer Juden nach Palästina bemerkbar. Eine solche Einwanderung, die mit der Spitze gegen den Zionismus gerichtet ist, kommt natürlich'indirekt dem Zionismus letzten Endes zugute, denn bei aller innerjüdischen feindseligen Differenzierung ist. die außenpolitische Frontstellung gegen die Engländer und die Araber notwendigerweise die gleiche, so daß an diesem Punkte auchein agudistischer Zuwachs als ein Positivum der zionistischen, Politik anzusehen ist. Im übrigen . werden ständig; zwischen den Zionisten und der Aguda Verhandlungen über die Möglichkeiten einer Kooperation geführt, die bisher allerdings noch keine nennenswerten Fortschritte gemacht haben." Ausführlich und mit ziemlicher Genauigkeit schildert Goltz die Rolle der sozialen Frage in der ■ innerzionistischen Differenzierung, und schließt mit der Gegenüberstellung der marxistischen und faschistischen Tendenzen, wie sie die Histadruth hoowdim. und der Revisionismus in Palästina repräsentieren. Hierbei wird stark unterstrichen, wie unnatürlich und widerspruchsvoll der ganze Marxismus der „Histadruth hoowdim" ist. Die materialistische Geschiehtstheorifc»- d'es Marxismus wird durch nichts mehr ad absurdum geführt wie durch die Poale Zion selbst, die wahrhaftig nicht aus ökonomischen Gründen ausgerechnet nach Palästina gingen. Der ganze Marxismus des Histadruth ist also nur eine Form bewußt antireligiöser Haltung. Frankfurter Vereinskalender. Verein Mekor Chajim. Samstag morgen nach Schul im Hörsaal: Dinim, Herr R.-A. Dr. E. Posen — 11 Uhr im Vereinslokal (ebenso Sonntag morg. 8 Uhr) Gemoro, Herr J. Softer- — Mikroschiur des Herrn Rabbiner H. Mayer Schabbos 3/4 Stunde vor Mincho im Vereinsl'okal. —: Eine Stunde vor Nacht, Midrasch 'Herr Dr. S. Ehrmann. Sonntag und Mittwoch morgens nach Schul, Dis "n, Sonntag vorm. 9 Uhr, im Vereinslok. „Mögen Awrohom",. Herr R.-A. Dr. Schlesinger. Montag morgen nach Schul (auch Donnerstag): Mischna- Mitgliederlernen, abends 7 Uhr im Vereinslokal (auch Mittwoch) Gemoro Herr Rabb. Dr. Jos. Breuer- Dienstag!(auch Donnerstag) abends 6 Uhr Gemoro, Herr R.-A- Dr. E. Posen: Dienstag (auch Freitag) nach Schul: Mischna. Herr R.-A- Dr. E. Posen. Jahrzeitsstiftungen., , Schabbos, 4. August : Nesanael Hess-Stiftung- ,, .4. „ Samuel Speier- „'•-•_ „ 4. „ Abraham Stein- >, Montag, 6- „ Leopold Lob- Donnerst. 9. „ Rosa Seckel geb. Schottenfels-St, Freitag, 10- „ Isac Bier-Stiftung. Beshamidrasch D^nn Mian Samstag, anschließend nach Mincho (5.20), Schwanen-- straße S, Vortrag des Herrn J. Tayer: „Irrtümer im. Wege". Gebetzeiten. apy nav Freitag abend 7.25 Samstag n»3»n 6.35 Samstag morg. 7.45 Predigt- Trauerfeier für den Reichspräsidenten von Hindenburg Samstag nachm. 1.00 und 5.00 Samstag abend 9.00 Wochengpttesdienst:, Morgens 6 30- , . ' Nachmittags 7.15; Tefillinlegen am Morgen 4.05 Das Anschaffen von Herrengarderobe ist wegen des zu beachtenden Kaschrusgesetzes in den letzten Jahren für den Mittelstand zu einer schweren Sorge geworden. Daher ist es sehr anzuerkennen, daß (siehe Inserat) Herr Diplom-Schneidermeister A, J, Neugebauer, Ostendstr, 14, das Seine dazu beiträgt, diese Schwierigkeit zu beheben. Herr Neügebauer betreibt seine Schneiderei bereits seit dem Jahre 1920. Es hat sich durch seine große Gewissenhaftigkeit in der Verarbeitung schon häufig ergeben, daß man hn in Zweifelsfällen zu Rate zog. Angefertigt werden _enau so preiswert als Mäntel und Anzüge aller Art. auch Barmizwoh-Anzüge. Ueber die Qualität der Arbeit sind erstklassige Referenzen vorhanden. Das neue Heft des Hamb u r g e r V e r e i h s zur Förderung ritueller Speisehäuser, ist rschienen. Da auch diesmal Neueintragungen vorgenommen wurden, empfiehlt es sich vor Beginn der Reise, dasselbe als Wegweiser zu Rate zu ziehen.