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Der Israelit · 1934-08-02 · Heft 31 (2.8.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 31 (2.8.1934)
Date
1934-08-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 31 1934 Meister Buchbinder* . Erzählung von S. Kohn. (Fortsetzung-) Naftali Löwi besaß eine kräftige Lunge, und der Wiener mußte ein gutes Gehör besitzen, denn er war beim ersten Anrufe stehen geblieben; aber er kam dem atemlos Laufenden auch nicht einen Schritt entgegen. „Ei, ei," mußte dieser seiner Gewohnheit gemäß halblaut vor sich hinsprechen, „ich bring' dem fremden Menschen das viele Geld zurück, das er verloren — das ist ein Dienst, der doch eines Dankes, eines kleinen Entgegenkommens wert ist; — aber der Mensch rührt sich nicht vom Flecke und läßt mich laufen, als wenn ich sein Narr wäre. Gewiß benimmt er sich nur deshalb so wegwerfend gegen mich . . . weil ich ein Jude bin. Merkwürdig! Daß auch den Besten unter ihnen, vielleicht ohne daß sie es selbst wissen< ein Rest von Judenfeindlichkeit, von Geringschätzung gegen die Bekenner des einig-einzigen G'ttes anklebt!" So vor sich hinmurmelnd hatte Löwi den Reisenden erreicht. „Hier haben Sie Ihr Notizbuch, das Sie, statt es in die Tasche zu stecken, ins Gras haben fallen lassen," sprach der junge Jude vom raschen Laufe noch ganz atemlos, „es fehlt nichts, ich habe nichts daraus genommen . . . und nun leben Sie wohl, lieber Herr, ich habe mich schon verplaudert und verspätet, und werde erst nach Anbruch der Nacht in A, ankommen-" — Und bevor noch der überraschte Reisende ein Wort zu erwidern, seinen Dank auszusprechen vermocht hatte, war Löwi wieder rasch enteilt und hinter einer Hügelreihe verschwunden. II. Es war schon spät am Abend, als Naftali Löwi durch das altertümliche Tor schreitend in dem kleinen Bergstädtchen, dem Ziele seiner heutigen Wanderung anlangte. Der Mond hatte die Beleuchtung der ziemlich öden Gassen übernommen. Die Bürger und Handwerker des Städtchens saßen schon lange hinter dem Bierkruge entweder im Wirtshause oder inmitten ihrer Familie, und bloß ■einige Mägde, die am Brunnen des Marktplatzes standen, belebten denselben. Naftali Löwi mußte sich daher notgedrungen an diese um Auskunft wenden und frug bescheiden nach dem billigsten Einkehrhause im Städtchen, und da sämtliche "wasserschöpfende und wassertragende Mädchen, die um den schönen jungen Wandersmann, der ihnen ausnehmend gut zu gefallen schien, einen. Kreis gebildet hatten, mit voller Uebereinstimmung das Wirtshaus zum silbernen Hufeisen in der anstoßenden Seitengasse als die passendste Herberge für ihn bezeichneten, schlug er sofort den Weg zu diesem ein, wobei sich ihm unaufgefordert in ganz überflüssiger Weise zwei der unternehmendsten als Wegweiserinnen anschlössen. Das Einkehrhaus zum silbernen Hufeisen konnte allerdings keine allzugroßen Ansprüche auf Eleganz erheben. Es war der Sammelplatz durchreisender Handwerksburschen, Hausierer, armer Bauern, die ihre Boden- und landwirtschaftlichen Produkte in das Städtchen zu Markte brachten und ähnlicher Passanten; während die beiden andern Gasthöfe des Ortes zum „goldenen Mond" und zu den „fünf roten Ochsen" einen weit höheren Rang einnahmen. Der Letztgenannte hatte in dem letzten Dezennium schon zweimal dem Kreishauptmann, einmal sogar dem Landes- Chef, dem Oberstburggrafen, als dieser bei einer Inspektionsreise, das im Gebirge versteckte und verlorene Bergstädtchen berührte, gastlich Obdach gewährt. Naftali Löwi betrat schweren Herzens das Wirtshaus. Wir wissen es, seine ganze Barschaft betrug einundzwanzig Kreuzer, und wenn der Wirt bezüglich des Preises eines Nachtlagers nicht sehr billig dachte, konnte sein Aufenthalt in A. eine empfindliche Lücke in seinen ohnehin stark gelichteten Barbestand reißen. Als er die große, niedrige, altväterische Wirtsstube betrat, verbreitete eine einzige Talgkerze ein so schwaches Licht in dem weiten Räume, daß er im ersten Augenblicke nichts erkennen konnte. Er ließ sich an einem unbesetzten Tische, der am Eingange stand, nieder und bat den Wirt, der in der Nähe auf der Ofenbank saß, um ein Glas Bier, das die Wirtin, die er erst jetzt bemerkte, vor ihm niederstellte. Als sich sein Auge an das Halbdunkel gewöhnt hatte, erkannte er, woher die lauten Stimmen aus dem obern Zimmerende herkamen. Dort nämlich saß um einen Tisch, auf dem Bierkrüge standen, eine aus drei Männern der untersten Lebensstellung, bestehende Gesellschaft, die mit der Abrechnung über ein soeben, beendetes Kartenspiel beschäftigt war. Der eine, Ferenz Maklosch, war ein vagierender Schlossergeselle aus Ungarn,der im Laufe der Zeiten das müßige Wanderleben liebgewonnen, sich demselben ausschließlich gewidmet, die verschiedensten Länder fechtend durchzogen und mit einer schönen Regelmäßigkeit allabendlich die Früchte seiner edlen Fechtkunst bis auf den letzten halben Kreuzer verzehrte, und in dieser schlauen Weise der Sorge, sich Kapitalien anzusammeln — die ihn doch bei seinem unsteten Leben nur behindert hätten — klug und weise aus dem Wege ging. Der zweite, Hans Bladdig, ein Scherenschleifer, war in der Nähe von Eger zu Hause und berührte auf seinen Geschäftsfahrten — er führte einen mit einem Hunde bespannten Karren mit sich — häufig das Städtchen, so daß er als Stammgast betrachtet werden konnte; der Dritte endlich war ein Seiltänzer, der sich, so lange er seine Reisedokumente nicht vorzuweisen brauchte, gerne als einen Italiener, namens Francesco Nowaodio bezeichnete, sich aber bei näherer Beleuchtung, als ein Landeskind aus dem tschechischen Teile Böhmens, als niemand geringerer, denn Franz Nowaczek aus Pristogin, Kaurimer Kreis, gelernter Schuhmacher, später Tagarbeiter, nunmehrigen Seiltänzer, entpuppte. Nowaczek hatte sich, bevor er seinen Spielkameraden elf Kreuzer abgewonnen, in äußerst gedrückter Stimmung befunden; und erst dieser ihm höchst erfreuliche Umstand hatte einen heilsamen, erheiternden Eindruck auf sein umdüstertes Gemüt ausgeübt. Als nun die erschöpften Finanzkräfte des Schlossergesellen und des Scherenschleifers notgedrungen einen Abschluß des Kartesnpiels herbeigeführt hatten, war der Seiltänzer über seine ursprüngliche Schwermut befragt worden, und da er die Ursache derselben mit anerkennenswerter Offenheit darlegte, sind wir in der angenehmen Lage, diese > dem geehrten Leser wahrheitsgetreu mitzuteilen. Der Seiltänzer war — so erzählte er — gleich nach seiner heute vormittags erfolgten Ankunft im Städtchen, sofort zum gestrengen Herrn Bürgermeister gegangen und hatte in loyaler Weise devotest um die gnädige Erlaubnis gebeten, mit seiner — aus seinem Weibe, einem in ganz Böhmen und auch in andern Weltteilen berühmten und hochgeachteten Affen, zwei dressierten Pudeln und seinen zwei Kindern bestehenden — Künstlergesellschaft am nächsten Tage am Marktplatze eine seiner großen Vorstellungen geben zu dürfen. Zuerst wäre er — so war Franz Nowaczek in seinem Berichte fortgefahren, — von dem Stadtoberhaupte, einem Gönner und Freunde der schönen Künste und Wissenschaften, mit großer Huld und Herablassung, und gnädigem höchst glückverheißendem Lächeln empfangen und angehört worden; aber während der Audienz war eine unerwartete Aenderung zum Schlechten eingetreten. Der Bürgermeisteramtsdiener Klaus war plötzlich mit hochgerötetem Antlitz in höchst respektwidriger Weise in das Zimmer des Bürgermeisters hereingestürzt, und hatte seinem Chef ein mit einem großen roten Siegel petschiertes behördliches Schreiben übergeben, das dieser öffnete, und dessen Inhalt offenbar einen hochaufregenden Eindruck auf ihn machte, der aber leider für den Petenten keine günstige Folgen hatte; denn ohne äußerlich erkennbaren Grund war der Stadttyrann nun gegen ihn mit maßloser Heftigkeit aufgefahren und hatte ihm mit seiner tiefsten Bierbaßstimme zugedonnert: „Daß Ihn dreitausend Teufel reiten, Er vermaledeiter Heuochse! . . . morgen wär mirs gerade recht, wenn Er mit seinem Kindergesindel und seinen verfluchten Bestien hier am Marktplatze seine abgeschmackten Lazzi treiben wollte . . .. marsch!" — was nach des Seiltänzers wohl kaum zu bestreitender Anschauung andeuten sollte, daß der Herr Bürgermeister die Audienz als beendet betrachten wollte. Die Erzählung des Seiltänzers war nicht zu bezweifeln; denn er pflegte in seinen Mitteilungen sonst stets von dem hohen Lob, das ihm von Potentaten und andern hochgestellten. Persönlichkeiten, vor denen er sich produziert haben wollte, gespendet worden war, zu sprechen, und nur die unbezwingliche Macht der Wahrhe^ konnte den ehrliebenden Mann veranlaßt haben, die erlittene Schmach in teilnehmendem Freundeskreise rückhaltslos zu enthüllen, und der Wirt — nachdem er selbst einige Zeit resultatlos darüber nachgedacht, förderte nun den Seiltänzer auf, seine unverfälschte Meinung über den Inhalt der Schrift, die das ungebührliche Betragen des Stadttyrannen gegen ihn verschuldete, abzugeben; aber der Seiltänzer zuckte bloß die Achsel, was wohl andeuten sollte, daß er sich darüber gar keine Anschauung zu bilden vermochte. Nun versuchte es der ungarische Schlosser, eine geistreiche Konjektur zum Besten zu geben, er sagte nämlich: I! wer weiß, was im Degröt standen is, aber Bürgermeister wird halt betrunkön gewösön sein! — allein diese fand bei den Anwesenden keinen Beifall, was um so verzeichnenswerter erscheint, als Ferenz Maklosch in punkto „Betrunkenseins" eine hervorragende Autorität war, und mithin seine Worte nicht so leichtsinnig in den Wind geschlagen hätten werden sollen. Bloß der Scherenschleifer lächelte höchst pfiffig und stillvergnügt, wie dies ein Mensch zu tun pflegt, der das befriedigende Bewußtsein in sich trägt, da klar zu sehen, wo die andern Menschenkinder im Dunkeln tappen. Die Wirtin interpretierte sein Mienenspiel richtig und rief: „Der Hans Bladdig tut grad so, als wenn er wüßt', was in der Schrift geschrieben steht!" „I wie werd' ichs denn nit wissen?" entgegnete der Scherenschleifer, „ich komm' ja überall herum und hör' so allerlei." „Ei schau' einer 'mal den Malefizkerl an! gleich verzählst!" schrie der Wirt und rückte sich einen Stuhl zum Tisch. Hans Bladigg tat, um sich für den voraussichtlich längeren Vortrag zu stärken, einen tiefen Zug aus dem vor ihm stehenden Kruge, wischte sich dann mit dem fettgetränkten, glänzenden Rockärmel das Bier von den Lippen und begann, im egerländischen Dialekt, den wir, wenn wir dem geehrten Leser verständlich bleiben wollen, nur leicht markieren können. (Fortsetzung folgt.)

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