Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 31 Der Israelit 2. August 1934 Trauerkundgebung der Obersten Agudaleitung Wien für Bundeskanzler Dr. Dollfuß. Wien, 29. Juli, Die in Wien domizilierenden Mitglieder des G. A. der Agudas Jisroel traten sofort nach Bekanntwerden der Todesnachricht zu einer Trauersitzung zusammen. Der Vorsitzende, Herr Wolf Pappenheim, gab in schmerzbewegten Worten seiner tiefen Anteilnahme Ausdruck, würdigte die großen Verdienste, die der Bundeskanzler sich nicht nur um das Wohl unseres Vaterlandes, sondern um die Kultur der ganzen Menschheit erworben hat. Besonders innige Worte fand der Vorsitzende für den mannhaften Kampf, den der Bundeskanzler für die Ideale der Religion geführt, denen er erneut erhöhtes Lebensrecht in der Verfassung und im öffentlichen Leben verschafft hat. Die österreichische Judenheit, die durch ihn von der Welle des Antisemitismus verschont geblieben, wird dem großen, edlen, aufrichtigen, tapferen, religiösen Menschen ein ewig währendes Andenken bewahren. Es wurde beschlossen, der Bundesregierung wie auch der Witwe des Heimgegangenen den Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme an dem unersetzlichen Verlust zu übermitteln. Belgien. Auswanderung. Antwerpen, 29. Juli. In der letzten Zeit hat sich die Ausreise aus Deutschland ausgewanderter Juden, die sich bisher in Belgien aufhielten, nach verschiedenen überseeischen Ländern, vor allem nach Brasilien, bedeutend verstärkt. Das belgische Hilfskomitee konnte in Zusammenarbeit mit der Antwerpener Emigrations- Gesellschaft „Esra" in letzter Zeit etwa 400 Auswanderer nach Uebersee abfertigen. Nach Palästina wurden auf Grund von Sonder-Zertifikaten für aus Deutschland ausgewanderte Juden Hunderte von Auswanderern weitergeleitet, zum größten Teil Arbeiter und Handwerker. In die Vereinigten Staaten und die südamerikanischen Länder sind, ehe die verstärkte Auswanderung nach Brasilien in letzter Zeit einsetzte, nur wenige Familien ausgewandert. Polen. Der Urheber des Attentats gegen den Bruder des Gerer Chassidimrabbis vom Blitz erschlagen. Warschau, 25. Juli. Der vor kurzem nach Verbüßung einer zweimonatigen Kerkerstrafe aus dem Gefängnis entlassene nationalradikale Urheber des während der antisemitischen Unruhen im Mai auf den Rabbiner von Pabjanic, Rabbi Mendel Alter, einen Bruder des berühmten Gerer Chassidim Rabbis, verübten Attentats wurde, als er auf dem Ring-Platz eine antisemitische Hetzrede hielt, vom Blitz erschlagen. Die Ueberschwemmungs-Katastrophe in Polen, Warschau, 25. Juli. Ein nach den Ueberschwemmungsgebieten entsandter Sonderberichterstatter der ITA. teilt mit, daß erst jetzt, nachdem die Hochflut in den Oberläufen der Flüsse bereits zurückgegangen und die schwerste Gefahr für diese Gebiete vorüber ist, die furchtbaren Verwüstungen zutage treten, die die Ueberschwemmung angerichtet hat. Die jüdischen Städtchen sehen wie ausgestorben aus, und es ist nicht zu erwarten, daß sich in nächster Zeit diese Verhältnisse wesentlich besern werden. Denn die Straßen und Wege sind vollkommen zerstört, ihre Wiederherstellung wird Monate in Anspruch nehmen. Die Dorfbevölkerung ist völlig mittellos geworden und damit fallen die Käufer für die Landkrämereien in den jüdischen Städtchen fort. Die Behörden treffen Maßnahmen, um der Gefahr des Ausbruchs von Epidemien infolge Verunreinigung des Trinkwassers durch aufgeschwemmten Schmutz und die vielen bei der herrschenden großen Hitze rasch verwesenden Tierkadaver vorzubeugen. Die Jüdischen Gemeinden und Wohlfahrtseinrichtungen werden mit Hilfsgesuchen bestürmt. Zahlreiche jüdische Organisationen haben sich in den Dienst der Hilfsaktionen gestellt. Der Verband polnischer Juden in Amerika hat telegraphisch um genaue Berichterstattung über die Lage der von der Katastrophe betroffenen jüdischen Bevölkerung zwecks Einleitung einer größeren Hilfsaktion ersucht. Tschechoslowakei. Delegiertenversammlung der Landesorganisation der Agudas Jisroel in der Slovakei. Bratislava, 29. Juli. Während der vergangenen Monate fanden unter den Führern der Agudas Jisroel in der Slovakei Beratungen über die weitere Entwicklung der Aguda- Arbeit in der Slovakei und Podkarpatska Rus statt. Auch mit den zentralen Körperschaften der Weltorganisation wurden nach dieser Richtung Verhandlungen gepflogen. Als vorläufiges Resultat dieser Aussprachen wurde dieser Tage, im Einvernehmen mit den Mitgliedern des Landes-Thora-Rates (Rabb. Rat) der Beschluß gefaßt, die seit langem fällige Delegiertenversammlung der Agudas Jisroel für die Slowakei und Podkarpatska Rus nunmehr auf Mitte Elul d. J. anzuberaumen. Die Delegiertenversammlung wird voraussichtlich in Bratislava abgehalten werden, mit einer Tagesordnung, die sämtliche Gebiete organisatorischer und praktischer Agudaarbeit umfasen wird. Der Landesorganisation gehören derzeit ca. 35 Ortsgruppen an, abgesehen von einem weitverzweigten Netz von Jugendgruppen und einigen Frauen- und Mädchengruppen. Man hofft, daß bis zur Delegiertenversammlung die Zahl der organisierten Gruppen sich noch wesentlich vermehren wird, so daß fast überall, wo eine orthodoxe Gemeinde ist, auch eine Ortsbewz. Bezirksgruppe der Agudas Jisroel tätig sein wird. Jüdische Auswanderer aus Deutschland nach Brasilien. Prag, 29. Juli. Wie das Jüdische Hilfskomitee in Prag bekanntgibt, hat es soeben abermals 18 aus Deutschland ausgewanderten Juden die Weiterreise nach Brasilien ermöglicht. Im Laufe des Jahres hat das Komitee insgesamt 400 Ausgewanderte aus der Tschechoslovakei nach überseeischen Ländern, einschließlich Palästinas, und ungefähr 800 nach anderen europäischen Staaten abgefertigt. Rumänien. Minister Jamandi über die Stellung der Juden zu Staat und Volk Rumäniens. Czernowitz, 26. Juli. Der Staatssekretär für Inneres, Minister Jamandi, äußerte sich in Slanic-Moldova in einem Interview über die Stellung der Regierung zu den Parteien und Minderheiten, wobei er auch die Haltung der liberalen Regierung gegenüber den Juden kennzeichnete. Nachdem der Minister eingehend festgestellt hatte, daß das Land geschlossen für die demokratische und konstitutionelle Regierungsform gewonnen worden sei, führte er in Bezug auf die Politik der Regierung den Juden gegenüber u. a. folgendes aus: „Ich habe es unzählige Male sowohl im Parlament, ais auch in der Oeffentlichkeit erklärt, daß wir die Juden rechtlich als eine völkische Minderheit nicht ansehen können. Besonders die Juden aus dem alten Königreich können die Bezeichnung einer völkischen Minderheit nicht einmal formell für sich beanspruchen. Es ist wahr, daß sie rumänische Bürger anderer Religion und anderen Blutes sind, aber vom nationalen und politischen Standpunkt aus können die Juden keine anderen Ziele haben, als sie die herrschende Nation hat. Wir sind der Ansicht, daß die Juden, besonders da sie alle bürgerlichen Rechte erhalten haben, keine eigenen Parteien bilden sollten. Die Juden der angeschlossenen Gebiete müssen als rumänische Bürger Politik betreiben und entschiedene Verfechter der rumänischen Sache, mit der sie von nun an auf ewig verbunden sind, sein. Niemand, schloß Minister Jamandi, ist dagegen, daß Männer aus den Kreisen der Minderheiten markante Mitglieder der politischen Parteien werden und führende Rollen auch in der Regierung erhalten. Solche Männer müßten sich aber vollständig mit den Interessen des Landes identifizieren und sich gänzlich die politischen Ideen der rumänischen Parteien aneignen. Sie müssen, wie es in England, Frankreich, Amerika, Italien usw. geschehen ist, — wo Männer, obwohl anderer Religion und Abstammung, die Geschicke ihrer Länder mit Glanz und Erfolg leiteten — die Interessen Rumäniens über jedes andere Interesse stellen. Bulgarien. Die jüdischen Schulen in Bulgarien im neuen Schulsystem des Staates. Sofia, 24. Juli. Die neue Regierung Bulgariens hat die Organisation und die Ziele des Schulwesens grundlegend geändert. Anstelle der bisher gewählten Schulausschüsse wurden Ausschüsse eingesetzt, die als beratende Organe fungieren werden. Eine Delegation des Zentralkonsistoriums der Juden Bulgariens besuchte den Unterrichtsminister Prof. Mollow, um sich bei ihm über die Stellung des jüdischen Schulwesens im neuen System zu erkundigen. Der Präsident des Konsistoriums, Haim Farchy und die Mitglieder Moritz Nadler und Jacques Pardoff überreichten dem Minister ein Memorandum, in dem die Erfordernisse des jüdischen Schulwesens dargelegt sind. Der Minister erklärte, die neue Ordnung werde das private Schulwesen, zu dem auch die jüdischen Schulen gerechnet werden, nicht tangieren. Die Verwaltung dieser Schulen bleibt unverändert, ebenso das Lehrprogramm. Der von der Organisation der bulgarischen Juden erstrebten vollen Hebraisierung der jüdischen Schulen steht also nichts im Wege. Der Minister versprach auch, daß die im diesjährigen Budget vorgesehene Summe für die jüdischen Schulen zur Auszahlung gelangen wird, nachdem mehrere Jahre hintereinander diese Schulen keine Staatsbeihilfe erhielten. Für das von der Delegation unterbreitete Projekt zur Gründung eines hebräischen Gymnasiums in Sofia bekundete der Minister Interesse, doch wurde die Angelegenheit einer späteren Besprechung vorbehalten. Frankreich. Oberkommissar Macdonald bei den Ausgewanderten in Paris. Paris, 29. Juli. Der Oberkommissar für Auswandererfürsorge, James G. Macdonald, erschien unangemeldet in den Räumen der Comite National in der Rue de la Durance in Paris, hatte zunächst eine Unterredung mit dem Leiter der Fürsorgestelle, Herrn Lambert und begab sich dann mit diesem in die «■ große Abfertigungshalle, in der Hunderte von Personen versammelt waren. Einer der Unterstützungsbedürftigen hielt eine improvisierte Ansprache, in der er auf die wirtschaftliche und seelische Verfassung der in Paris lebenden Auswanderer hinwies, wobei er betonte, daß das Elend noch weit größer sei, als es sich dem Oberkommissar hier darbiete. Ganze Familien seien so entkräftet, daß sie nicht einmal mehr in den Räumen des Comite National erscheinen könnten, wo die meisten doch vergeblich auf Milderung ihrer Not warten. Es sei ein Gebot der Menschenpflicht, endlich etwas zu tun, um den Ausgewanderten den Aufbau einer neuen Existenz zu ermöglichen. Oberkommissar Macdonald erwiderte: „Unglücklicherweise stellen mir weder der Völkerbund noch die Regierungen der einzelnen Länder Geld zur Verfügung/ Ich bin vollständig auf das angewiesen, was ich von privater Seite erhalte. Ich habe schon immer das Bedürfnis gehabt, mich persönlich von der Lage der Auswanderer in Paris zu überzeugen. In New York und in London wurde verhandelt, um Geld für Paris zu bekommen. Zwei Aufgaben sind heute zu bewältigen: Erstens muß den Ausgewanderten die Möglichkeit gegeben werden, wieder zu Arbeit und Brot zu kommen, in Frankreich selbst oder durch Auswanderung nach überseeischen Ländern, und zweitens muß versucht werden, die Ausgewanderten bis zur Erreichung dieses Zieles über Wasser zu halten. Denn alle Projekte wären sinnlos, wenn diejenigen, für die sie geschaffen wurden, inzwischen verhungerten. Mit meinen Freunden und Kollegen zusammen werde ich alles tun, um zu versuchen, schnellstens Hilfe zu schaffen."