Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 31 Der Israelit 2. August 1934 einzustecken. Ein Geschäft allein, ohne französische Beteiligung zu eröffnen, war bei der mehr oder weniger großen Unkenntnis der Verhältnisse ein Wagnis, das sich leider nur zu oft als ein falscher Schritt herausgestellt hat. — Dazu kamen, wie gesagt, die Skandale und die allgemeine Baisse, die einen Kampf um jeden Franc notwendig machten. Daß es aber wirklich um jeden Franc und nicht um Hundertfrancscheine ging, das mußten die trotz aller Vorsicht noch viel zu großzügigen Emigranten, die nach deutschen Gesichtspunkten arbeiten wollten, erst von den so bedeutend ökonomischeren Franzosen lernen. Es gibt viele, die sich glücklich preisen, weil sie nicht die Möglichkeit gefunden haben, ihr Geld zu investieren, da sie auf diese Weise wenigstens nichts verloren haben außer dem Teil ihrer Mittel, den sie aufgegessen haben. — In einem Jahr ist es natürlich nicht möglich, das hineingesteckte Kapital wieder aus einem Unternehmen herauszuholen. Aber man ist sich heute nur zu klar geworden, welcher Anstrengungen und Kämpfe es bedürfen wird, um schließlich Erfolg zu haben. Das Heer der Mittellosen: Wieviele Tragödien sich hier nicht nur in den Fällen, wo ganze Familien dem Nichts gegenüber angekommen sind, abgespielt haben, davon werden nur ab und zu Einzelfälle bekannt. Wer nach Palästina auswandern wollte, dem wurde durch das französische Palästina-Amt Gelegenheit dazu geboten; soweit die Untersuchungskommission positiv entschieden hatte. Für alleinstehende Frauen war es ein Leichtes, sich über Wasser zu halten. Sie konnten sofort eine Stellung als Kinderfräulein, Dienstmädchen oder Köchin finden unter Aufgabe der persönlichen Freiheit, denn normalerweise ist außer einem freien Nachmittag in der Woche nur jeder zweite Sonntag zur persönlichen Verfügung. Aber sie konnten sich ernähren. Für die Männer gilt, was in früheren Zeiten einmal für die schwarzen Schafe der Familie, die nach Amerika geschickt wurden, die Losung war; arbeiten um jeden Preis, auf jedem Gebiet, gleich ob als Zeitungsverkäufer, als Stadtreisender oder als Nachttransportarbeiter in den Hallen. (Der einzige Posten, der ohne Arbeitskarte angenommen werden darf.) Notwendig ist es für jeden, der in die Fremde hinaus geht, sich keinen Illusionen hinzugeben, Mut und Optimismus nicht zu verlieren und zu kämpfen. Dann wird er letzten Endes doch schließlich Sieger bleiben. IL DieLage der Emigration in Sp an i e n. N. Barcelona im Juli 1934. Nach den offiziell bekanntgegebenen Ziffern sind nur etwa 1000 Emigranten nach Spanien gegangen. Diese Zahl erscheint sehr niedrig, ist aber schwer nachzukontrollieren, da Auslandsdeutsche in beträchtlicher Menge hier leben. In Madrid zählt die deutsche Kolonie 4—5000 Köpfe, in Barcelona sogar mehr als 20.000 Dazu kommen die zahlreichen deutschsprechenden Schweizer. Außer dem kastilianischen und catalanischen Spanisch hört man in Barcelona kaum eine andere Fremdsprache als deutsch. Im Allgemeinen ist es in Spanien nicht möglich, etwas zu beginnen, ohne die spanische Sprache auch nur einigermaßen zu beherrschen. Erschwerend kommt hinzu, daß fast in jeder Provinz andere Vokabeln, Grammatik und Syntax gebraucht werden. Mit dem Hochspanischen, dem Kastilianischen, das in Madrid gesprochen wird, kann man sich durchaus nicht überall verständigen. Die spanischen Behörden kontrollieren genau und streng, wovon der Einzelne lebt. Unterstützungen werden nicht gewährt. Der Mittellose wird bald wieder zum Verlassen des Landes gezwungen. Einigen Dutzend der ersten Ankömmlinge konnte man zu einer bescheidenen Existenz verhelfen. Diese Möglichkeiten sind aber längst erschöpft. Heute ist es ohne Arbeitskarte nicht erlaubt, eine Stellung anzunehmen. Lediglich Leute mit Spezialkenntnissen haben Aussicht, die zum Arbeitsantritt erforderliche Genehmigung zu erhalten. Alleinstehende Frauen werden auch hier als Kindermädchen ohne besondere Arbeitserlaubnis leicht ein Unterkommen finden können, sind aber in ihrer Bewegungsfreiheit außerordentlich beschränkt. Bis zu 95 Proz. der in den Städten lebenden Emigranten gehören dem Kaufmannsstande an. Angehörige anderer Berufsgruppen trifft man nur ganz vereinzelt. Mit einem relativ geringen Kapital haben viele einen Handel beginnen können, Möglichkeiten gibt es nun zwar in dem aufnahmefähigen Spanien genug, erforderlich ist es aber, genügend Geldmittel zu besitzen, um sich durchzusetzen trotz dem Konservativismus des Spaniers, der den alten teuren Lieferanten einem neuen vorzieht, der ihm eine bessere Qualität zu billigerem ' Preise liefern will. Die bedeutend niedrigeren Kosten für den Lebensunterhalt erleichtern die Situation, aber nur denen, welche sich selbst verpflegen können. Wer in Pensionen wohnt oder auf den Besuch von Restaurants angewiesen ist, wird kaum weniger verbrauchen, als in Deutschland. Möbel werden mit hohem Zoll belegt, der nach zweijährigem Aufenthalt zurückgezahlt wird. Man kann jedoch mit etwa 50 Mark sich schon bescheiden Von A. Mannheimer in Dettelbach. Wir stehen im Zeitalter intensivster Körperkultur. Was die Vergangenheit auf diesem Gebiet versäumte, wird mit verdoppeltem Eifer nachgeholt. Die Erfolge sind sichtbar und nicht abzuleugnen. Hochgewachsene Jugend beiderlei Geschlechts, wettergebräunte Gesichter, Arme und Beine, trainierte straffe Muskeln, denen man ganz andere Leistungen zumutet und zutrauen kann als etwa vor 25 oder 30 Jahren. Auch die jüdische Jugend wurde vom Zeitstrom ergriffen und ließ sich mitreißen. Sie hat sich in ihrem Kreis zu Spiel und Sport zusammengeschlossen und in jüdischen Zeitungen für ihre Fachinteressen sich eine laufende eigene Publizistik geschaffen. Es soll heute nicht Zweck dieser Zeilen sein, auf die Gefahren und Auswüchse einer übertriebenen Körperkultur hinzuweisen. Bereits vor Jahren haben da auch nichtjüdische Kreise warnend und mahnend ihre Stimme erhoben. Und wo spezifisch jüdische Werte und Interessen zu Schaden kamen und kommen, ist oft genug in diesen Blättern auch schon das Nötige gesagt worden. Wir beschränken uns nur auf die Frage: Soll jüdische Jugend heutzutage wandern? Das Wandern bildet eine besondere Sparte jugendlicher Ertüchtigung. Seelische Momente und leibliche Erziehungsideale treffen hier zusammen. Was ersteres anlangt, so ist zu bemerken, daß wir um G'ttes herrliche Schöpfung, seine Meisterwerke, bewundern zu dürfen, nicht erst tagelang wandern brauchen. Uns hat die Religion uns haben die Weisen s. A. lebendigen Natursinn eingepflanzt. Mit einer rD13 begrüßen wir die ersten Baumblüten im Lenze; eine pcn haben wir beim Glänze des Regenbogens, beim Zucken des Blitzes, beim Grollen des Donners, beim Dufte einer Blume, beim Anblicke der Bergriesen, des Weltmeeres, schöner Geschöpfe usf. In der täglichen Morgenandacht ist der Sonne, den Himmelskörpern in sinniger Betrachtung ein breiter Raum gewidmet. Wir sind einfach systematisch dazu erzogen, nicht gedankenlos oder stupide durch die herrliche Natur zu schreiten. Kommt das nationale Moment hinzu: Land und Leute, die deutsche Heimat kennen zu lernen. Es ist nicht unsere Schuld, wenn hier eine kühle Reserve Platz greift. Nachdem man ein eigentliches Heimatsrecht uns offen abspricht, nur ein Gastrecht ein Zimmer einrichten, muß aber damit rechnen, daß schwer kleinere als 5—6-Zimmerw.ohnungen. zu finden sind. Solche kosten mit Fahrstuhl, elektrisches Licht, Gas, . Bad usw. allerdings nur etwa 50—70 Mark monatlich. Zum gleichen Preise kann man' außerhalb der Stadt eine kleine Torre (Landhaus) mit Garten mieten. Die Art und Weise der Lebensführung und des Klimas ist im übrigen so verschieden von der deutschen, daß man niemandem raten kann, ohne genaue vorherige Erkundigungen seinen Wohnsitz nach Spanien zu verlegen. Die Ueberraschungen sind sonst später zu groß. In kleinere Orte der Mittelmeerküste und auf die Balearen haben sich eine Anzahl Künstler, Schriftsteller und Akademiker zurückgezogen. Pensionen, Restaurationsbetriebe, Läden mit Artikeln, wie sie in jedem Badeort zu finden sind, wurden eröffnet. Die teilweise noch unerschlossene, freilich landschaftlich sehr reizvolle, Gegend harrt zwar noch auf zahlreicheren Fremdenbesuch. Die Zahl der Gäste reicht aber in manchen Fällen schon aus, um selbst über die tote: Zeit im Winter hinwegzukommen. Die Umstellung vom geräuschvollen städtischen Leben auf ein abseitiges stilles Dasein, wird auf die Dauer allerdings nur naturverbundenen Menschen möglich sein, die in der spartanischen Einfachheit eines unkomplizierten täglichen Einerleis unter Verzicht auf alle ehrgeizigen Prätensionen Ruhe finden wollen. uns zugesteht, kann nur eine seelische Depression die Folge sein, die die natürliche Heimatlust zu ersticken droht wie der kalte Reif die junge Frühlingspracht. Unser korrektes Verhalten in all unsern bürgerlichen und allgemein menschlichen Pflichten wird dadurch in nichts tangiert. Kamen wir im Hinblick auf die seelischen' Momente für jüdische Jugendwanderung zu einem negativen Resultat, so erst recht, wenn fachliche Motive und realpolitische Erwägungen in Betracht kommen. Man muß kein Sportsmann sein, um zu wissen, daß die körperliche Ausbildung junger Menschen vornehmlich stationären Charakter hat, sie ist örtlich gebunden und verankert und kann es kaum anders sein, trotz aller Zentralisierung und organisatorischen Zusammenfassung. Wandern spielt da eine untergeordnete- Rolle. Nicht in ihm ruhen die Haupterrungenschaften und hohen Ziele einer guten Körperkultur. Die Hauptarbeit wird in der lokalen Tätigkeit geleistet. Was aber besonders den ablehnenden Standpunkt bezüglich des Jugendwanderns rechtfertigt, ist der. nüchterne Gedanke, daß wir in einer Zeit hoher politischer Spannung leben. Erst vor wenigen Wochen wurde uns von hoher amtlicher Seite nahegelegt, mehr Zurückgezogenheit zu wahren. Wir zeigten uns wieder in der Oeffentlichkeit so, als ob inzwischen gar nichts vorgefallen wäre. Sollte das nicht zur Vorsicht gemahnen? Wir Juden haben uns stets weit innerhalb der Grenze des Erlaubten zu halten. Ist es klug und ratsam, daß jüdische Jungens oder Mädels als Wandervögel in die Ferne ziehen? Auch das taktvollste Auftreten und Verhalten, auch die bescheiden kleine Zahl einer Gruppe bietet keine Gewähr gegen unangenehme Zwischenfälle seitens Uebelgesinnter. Nicht immer bleibt es da bei Plänkeleien des Spottes und schmähender Zurufe. Selbst im wohlbekannten Heimatsorte wird man klugerweise Wege und Straßen meiden, auf denen man bei Spaziergängen vielleicht nicht gerne gesehen ist oder unangenehm auffallen könnte. Und da sollte man in corpore sich in unbekannte Fernen wagen? Das Risiko unangenehmer Erlebnisse läßt frohe Wanderlust nicht aufkommen, gedrückte Stimmung aber bringt nicht Kraft und Erholung. Nicht Griesgrämigkeit und spießbürgerliche Mentalität raten der jüdischen Jugend vom Wandern ab, Soll jüdische Jugend wandern?