Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr« 31 Der Israelit 2, August 1934 und Tränen und Blut düngen die Saat, die am Ende der Tage zur G'ttespflanzung emporwächst. •nsnw^ nax nta nt pari» o^wn niais^a ,,Im Völkerkampf harre des Heiles." Harre des Heils — das ist die Donnerbotschaft, die aus dem Sturmgebraus des Tages an das jüdische Ohr, ins jüdische Herz dringt. Der Alltag versinkt, alle künstlichen Stützen von Menschenmacht und Menschengröße brechen zusammen; elend und kleinlich erscheint, was die Interessensphäre des Individuums erfüllte, und das Gefühl der Nichtigkeit alles Einzelwollens, der Gebrechlichkeit aller Volkesgröße erzwingt mit furchtbarer Allgewalt das Bekenntnis, daß nicht nur l1? D^W riW^n die Gänge der Welt in Seiner Hand liegen, sondern daß auch Hiobs großes Lebensfazit für jeden Einzelnen eine Wahrheit ist: odki nssra -»nann oxaK p brt „Nicht Staub und Asche, nicht das äußere Glück des Individuums, kann der Endzweck des Geschehens sein, das sich hienieden in dieser Zeitlichkeit abwickelt." Und wenn nun dennoch dem jüdischen Bewußtsein verbrieft und versiegelt die Tatsache ist, daß einst wiederum die Herrlichkeit G'ttes im schwellenden Aufblühen irdischer Glückseligkeit sich offenbaren wird, wenn in allen jüdischen G'tteshäusern jetzt Jesajas Flammenwort das hohe Lied der in inniger Harmonie und äußerem Gedeihen vereinten Menschenwelt in die Herzen hineinsingt, so ist eben der Gedanke des ,,Golus Schechina" die Lösung des scheinbaren Widerspruchs. Die ganze Weltgeschichte ist nichts anderes als die große Leidensschule für die Wiederkehr der G'ttesherrlichkeit in den Kreis der Menschheit. ,.Tröstet, tröstet, mein Volk!" Die ganze Menschheit bedarf nun des Trostes — und der G*tt, der Israel in seinen Golusnächten zur Seite gestanden, der es um großer Menschheitsziele willen über Not und Graus hinweggehoben und mitten in allen Drangsalen lebendig erhalten hat, Er wird auch jetzt, da das Golus Schechina seinen Höhepunkt zu erreichen scheint, der armen Menschheit nahe sein: »m» ■»an. itiw nnum wmk nwn „Du lässest entartete Menschheit bis zur Vernichtung zurücksinken und rufst dann: Kehret wieder, Menschensöhne!" Die Sidra spricht zu uns . , . i. rmnn bz — das „ganze Gebot", das Gebot in seiner Allheit, das ich dir heute gebiete, sollt Ihr hüten, zu erfüllen, damit Ihr lebet, und Euch vermehret und kommet und in Besitz nehmt das Land, das G'tt Euren Vätern zugesch'woren. (Kap. 8, V. 1.) Die 248 Gebote des g'ttlichen Gesetzes entsprechen nach der Ueberlieferung bekanntlich den 248 Organen des menschlichen Körpers; wie diese eine Einheit, einen einheitlichen Organismus bilden, so auch die Gesamtheit der Thoragebote. Du kannst Dir nicht eine Auswahl nach Laune und Geschmack treffen. Einer schneidet sich in den kleinen Finger und schreit auf vor Schmerz — welch* schlechter Trost, wenn ihm der Arzt sagen wollte: „was jammerst Du, genügt es nicht, daß Du 247 schmerz freie Organe und Glieder hast? Der Schmerz des kleinsten Körperteils trifft den Mittelpunkt des Zentralnervensystems; das kleinste Gebot, das Du verletzest, zerbricht den einheitlichen Organismus der G'ttesweisung für den Menschen! (o"nn nut)« II. „Kindersegen, Leben, Nahrungserwerb hängen nicht vom sittlichen Verdienst ab, sondern vom bin, von Um die deutschen Kleingemeinden. Die besondere geistige und materielle Not der in Kleingemeinden, in Dörfern und Städtchen, zersplitterten jüdischen Brüder hat eigentlich seit Jahren, lange ehe die große Wende des jüdischen Schicksals in Deutschland eintrat, die Verbände und Organisationen, mit denen wir ja immer reich gesegnet waren, auf ihren Tagungen stark beschäftigt, und auch die jüdische Presse hat -diesem Sonderproblem der fortschreitenden „Verstädterung" der jüdischen Bevölkerung Deutschlands so manche Spalte mehr oder minder tiefdringender Betrachtungen gewidmet. Besser geworden ist die Lage dadurch nicht, auch wenn vielleicht durch Subventionen der Verbände, zum Teil auch des Staates, manches kleine Gemeindebudget balanciert und hie und da eine Kultusbeamtenstelle gehalten werden konnte. Der Auflösungsprozeß schritt und schreitet immer weiter fort und zu den Faktoren, die seit Jahrzehnten wirksam waren, sind neue verhängnisschwere Erlebnisse hinzugekommen, die den Restbestand des' ländlichen Gemeindelebens aufs schwerste bedrohen. Demgegenüber sucht man von seiten der verschiedensten Organisationen eine neue Betreuung der ländlichen Gemeinden durch geistige und moralische Mittel durchzuführen, wobei neuerdings neben die Religion mit ihren altbewährten Methoden auch — die Kunst tritt, die der „Kulturbund" den Dorfgemeinden zu bringen versucht, um sie über die Schwere ihrer Situation hinwegzuheben. In einem recht veraünftigen Aufsatz, der in dem jetzt zum „Gemeindeblatte" umgewandelten Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes erschienen ist, macht ein schlesischer Kultusbeamter darauf aufmerksam, daß alle Palliativmittelchen, auch die stärksten einmaligen religiösen oder künstlerischen Erlebnisse, nichts nützen werden, wenn es nicht gelingt, das Gemeindeleben selbst, das heißt den gemeinsamen G'ttesdienst zu erhalten. Hierauf, mit anderen Worten auf die Bildung kleinsterKultusbezirke, die von einem Beamten wirklich mehrmals wöchentlich betreut werden können, ist alle Anstrengung zu konzentrieren, auch Bezirksrabbinate mit 50 Gemeinden nützen nichts. Selbst wenn, so möchten wir hinzufügen, kein Mi n j a n mehr vorhanden ist, lohnt es sich doch, G'ttesdienst abzuhalten, wofür die „Freie Vereinigung" schon vor fünfundzwanzig Jahren einen religionsgesetzlichen Wegweiser der Konstellation der Lebensumstände," sagt der Talmud. Hier aber, im ersten Verse des achten Kapitels unsres Wochenabschnittes sichert uns G'tt durch Mosche das Höchste zu —: daß die gewissenhafte Erfüllung der Thora als „Allheit", msan bi> die Gewalt der natürlichen Vorherbestimmung, der Naturgesetzlichkeit, des bin< bricht und daß — wie einst bei Vater Abraham, dem die Natur Kindersegen dauernd versagt hatte, und dem dennoch in Jzchok Samen ward — g'ttlicher Segen, über alles bin hinaus, gerade die drei Güter schenkt, die grundsätzlich vom bin abhängen: ]i»nn ]sa> damit Ihr lebet Leben onun und Euch vermehret Kindersegen fixn ns anen-M das Land besitzet Nahrungserwerb •(o"»nn n«) III. •msn '»n» 'n 's «sin bs by '3 msn 'TT nal» mbr\ by xb »3 Kap. 8, V. 3. „Er ließ Dich darben, ließ Dich hungern, gab Dir das Mon zur Speise, das Du nicht kanntest und Deine Väter nicht kannten, um Dir zum Bewußtsein zu bringen, daß nicht vom Brot allein der Mensch lebt, sondern von jedem Hauche aus G'ttes Mund lebe der M e n s c h." Müde, hungrig, ermattet sitzest Du da und fühlst Dich vor Hunger und Schwäche unfähig, zu denken. Ein Stück Brot gibt Dir Kraft und damit auch Denkfähigkeit wieder. Glaubst Du wirklich, das Stück Brot als Brot, die Kombination von Mehl und Wasser, habe dieses Wunder der geistigen Wiederbelebung zustande gebracht? Nein, nur der 'n 's xsffl' der G'tt es - hauch, der G'ttesatem gleichsam, der in allem, herausgegeben hat. Und aus dem gemeinsamen: G'ttesdienst, dem sich regelmäßig ein gemeinsamer Lehrvortrag anschließen müßte, wird den: auf gefährdeten Posten Ausharrenden Kraft zum. Weiterleben als Juden zuströmen. Zur palästinensischen Schulfrage. Wir haben vor drei Wochen einen beachtenswerten Artikel Rabbi Mosche Blaus im „Kol Isroel" wiedergegeben, in dem mit starken Worten die Notwendigkeit orthodoxer Schulen mit profanen Bildungselementen in den Städten Tel A w i w und Haifa dargetan und ein Appell an die rabbinischen Führer Erez Isroels gerichtet wird, sich dieser Notwendigkeit nicht zu verschließen. Gegenüber einer in dem gleichen. Blatte zu Worte gekommenen gegnerischen Stimme, die keinerlei Konzessionen zulassen will, weist nun der Verfasser in einem neuerlichen Aufsatz die Behauptung zurück, daß profaner Bildungsstoff mit moil^SKI ftir» gleichzusetzen sei und betont, daß der historische Issur auf' schulmäßigen Unterricht sich naturgemäß auf den an sich einwandfreien Bildungsstoff (wegen der Befürchtung der allmählichen Verdrängung des Thora-Primats im Chinuch) bezogen habe. In Tel-Awiw und Haifa aber sei von einem Primat der Thora im Erziehungswesen leiderheute nichts mehr wahrzunehmen und Talmud- Thora-Kinder seien nicht vorhanden, für die man befürchten müßte, daß sie aus der hundertprozentigen Thora-Atmosphäre des Cheders in die religiös zuverlässige, aber durch allgemeine Bildungsfächer verwässerte neue orthodoxe Schule übergehen könnten. Hier sei also — ebenso beim Mädchen -Schulwesen auch in Jerusalem — schlechterdings nichts mehr zu verlieren. Bei dieser Gelegenheit teilt der Verfasser folgendes mit: „Ich halte es für nötig, im Zusammenhang hiermit bekanntzugeben, daß ich vor einigen Jahren von unsrem heimgegangenen Raw, Rabbi Chajim Sonnenfeld' b"m beauftragt wurde, eine an ihn gerichtete Anfrage (Kopie des Briefes ist in unsrem Besitze) dahin zu beantworten, daß nach seiner Ansicht dort, wo eine Talmud Thora alten Stiles nicht mehr vorhanden ist und deshalb alle Kinder die „freien" Erziehungsanstalten besuchen, eine Talmud Thora gegründet werden sollte Oix-O' in der auch pr o f a n e Disziplinen unterrichtet werden, da dann nichts mehr zu verlieren und alles Gewinn ist. Wo aber Talmud-Thora-Schulen bestehen und zu befürchten ist, daß durch Konzessionen auch noch der gerettete Ueberrest verloren geht, weil die Talmud- Thora-Kinder dann auch den Willen haben würden, die neuen orthodoxen Schulen mit Profanunterricht zu besuchen, dort besteht der Issur in alter Kraft." in jedem Stück Natur steckt, auch im Brote — er ist es, der Dir Leben gibt, dem Körper nicht nur, sondern auch der in den Körper gebannten Seele. (Chassidisches Wort.) (Carl Joel). Am 22. Juli ist in Wellenstadt der Baseler Philosophie-Professor Dr. Carl Joel im 71. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene stammte aus Hirschberg in Schlesien und war ein Neffe des Breslauer Rabbiners und Religionsphilosophen Dr. Manuel Joel. Seine bedeutendsten Werke sind — abgesehen von zahlreichen philosophie geschichtlichen Arbeiten — der große Dialog über die Willensfreiheit, der das Problem auf einem stark an Gedankengänge des Sohar anklingenden Wege löst, und das nach Form und Gedankentiefe hervorragende systematische Weltdeutungsbuch „Seele und Welt". Auch hier zeigen sich deutliche Einflüsse der jüdischen Mystik, die vielleicht schon in den Jugendjahren im Hause des Oheims, des Verfassers der „Religionsphilosophie des Sohar" auf Joel eingewirkt hatten. Trotzdem hat der Verstorbene in Basel wenig Beziehungen zu jüdischem Geistesleben und jüdischem Gemeinschaftsleben unterhalten. (Ein biblisches Drama Franz Werfeis: „Volk der Verheißung".) Wie in einem Wiener Blatt gemeldet wird, hat Max Reinhardt in den letzten Tagen zahlreiche Besprechungen mit dem deutschen Komponisten Kurt Weil gehabt, der die Musik zu der nächsten Inszenierung Reinhardts, dem neuesten Werk Franz Werfeis, einem biblischen Drama, betitelt „Volk der Verheißung", schreibt. Die Uraufführung dürfte voraussichtlich in der Londoner Albert Hall stattfinden;