Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2. August 1934 Israelit Nr. 31 Seite 3 Das Problem der jüdischen Auswanderung aus Deutschland. (Fortsetzung von Seite L) ^chen Juden in ungewöhnlichem Maße überaltert sind, daß die gute Hälfte von ihnen über 40 Jahre ■alt, ist, ein Alter, das für die Auswanderung im eigentlichen Sinne kaum mehr in Frage kommt. Die vom Standpunkt . des Alters Auswanderungsfähigen, das sind die?! unter 30jährigen, werden heute etwa auf 120 000 geschätzt. Nimmt man selbst. an, daß alle, diese Menschen ins Ausland gehen, und daß von ihnen bereits die Hälfte Arbeit sucht, während die andere Hälfte als Kinder und nichtberufstätige Frauen'^a. betrachten sind, so, wären 60 000 Arbeitsplätze :zü suchen. Niemand wird.wohl glauben, daß in absehbarer Zeit, also sägen wir mal während des laufenden und des kommenden Jahres, in solchem Maße eine Auswanderung eintreten wird. Andererseits freilich darf man nicht verkennen, daß bereits etwa 70 000 deutsche Juden Deutschland verlassen haben, von denen erst der kleinere Teil einen einigermaßen befriedigenden Wirkungskreis gefunden hat. Nimmt man nun für einen Augenblick an, daß für die bereits im Ausland befindlichen, aber noch nicht untergebrachten deutschen Juden und für jene, die noch auswandern wollen, insgesamt 60 000 Arbeitsplätze zu suchen wären, — was ungefähr einer Auswanderung von 120 000 Menschen gleichkommt^ da im allgemeinen nur jeder zweite einen Arbeitsplatz sucht —, so klingt das vielleicht im ersten Augenblick noch recht hoch. Das Problem wird aber in dem Augenblick erheblich einfacher, wenn man einen Bleistift, ein Stück Papier und ein geographisches Buch zur Hand nimmt und nun auf dieses Blatt Papier die für die Auswanderung in Frage kommenden Länder der Reihenfolge ihrer Bedeutung nach niederschreibt und sich ungefähr vorstellt, wie viele Arbeitsplätze dort für. deutsche Juden wohl zu finden wären. Das Ergebnis ist dann erheblich beruhigender. Kahn stellt alsdann eine Art Verteilungsplan zusammen, der die auswanderungsfähigen und auswanderungswilligen, deutschen Juden über die ganze Erde zersprengt, wobei auf Palästina 16 000, Frankreich 11 000, England 2300, Vereinigte Staaten 7000, Holland und Polen je 4500 usw. bis zu Ziffern von 50 (Japan) entfallen und begründet dieses Zerstreuungs-System dann auch noch von der psychologischen Seite wie folgt: ,,Man mag an diesen Ziffern soviel mäkeln wie man will, je nach persönlicher Auffassung wird man die eine oder andere Zahl entweder zu hoch oder zu niedrig finden, aber niemand wird behaupten, daß diese Ziffern etwa phantastisch sind. Und damit scheint mir eigentlich das Resultat des Auswanderungsproblems gegeben zu sein. Die Lösung ist nun, ob man will oder nicht, nur in einer radikalen Zerteilung oder, wenn man will, Zerstreuung zu finden. Die deutschen Juden sind Individualisten und nicht wie Kulis als Massen anzusiedeln. Das ergibt auch die Lösung, wie der oben skizzierte Verteilungsplan in die Praxis umzusetzen ist. Ich erwarte sehr wenig von politischen Verhandlungen und organisatorischen Maßnahmen. Wenn irgendwo das Wort „Organisation" für mich einen üblen Beigeschmack hat, dann ist es bei der Emigration. Die Idee, deutsche Juden, von denen jeder einzelne eine Individualität ist, wie Ware zu verschicken, ist für mich absurd. Die Dinge müssen sich vielmehr im weitgehendsten Maße im Wege der Selbsthilfe und der gegenseitigen Hilfe vollziehen. Alles kommt darauf an, daß zuerst einmal eine beschränkte Anzahl von Menschen verhältnismäßig gut und sinnvoll untergebracht wird; dann wird das weitere in der Weise erfolgen, wie immer Auswanderung vor sich geht. Der einzelne wird viel besser den ihm persönlich Bekannten und Verwandten Möglichkeiten nachweisen als eine Organisation, die nach äußeren Merkmalen und nach immer schemätischen und sehr, häufig irreführenden j Verzeichnissen orientiert ist. Selbstverständlich bedeutet das nicht eine Ablehnung der Organisationen; im Gegenteil, sie haben natürlich eine ungewöhnlich wichtige und verantwortungsvolle und segensreiche Hilfsarbeit zu leisten. Sie müssen die gesetzlichen Möglichkeiten,! die evtl. Erleichterungen feststellen, müssen über die Möglichkeiten der einzelnen Länder Bescheid wissen, müssen vor einem Land wärnen, zu dem" anderen ermutigen, sie müssen sehen, daß überall ortskundige Komitees und Menschen die Neuankömmlinge beraten, sie werden auch in. dem einen oder anderen Falle Geldmittel aufzubringen , haben und vieles dergleichen mehr. Das Entscheidende aber auf dem uns beschäftigenden Gebiet ist die Selbsthilfe. Freilich, zuerst einmal müssen die ersten 5000^-10 000 Menschen ordentlich untergebracht sein, für den Rest ist mir dann nicht mehr bange." So viel Wahres an diesen Ausführungen ist, so wird ihnen doch das natürliche jüdische Gefühl einen starken inneren Widerstand entgegensetzen, müssen. Wohl hat uns die Vorsehung in ihrem von'Thora und Propheten klar genug vorausgesagten unerforschlichen Ratschluß hinausgestreut unter die Völker als eine, nicht überall gern gesehene, aber gewiß nimmermehr dem Zufall preisgegebene G'ttesstaat — aber soweit es an itns liegt, sollten wir dieser Tendenz des, D'liil TlTS mit ihren furchtbaren Gefahren für, die geistige Substanz des Judentums nicht noch weiteren Nachdruck verleihen. Wenn Kahn für Palästina,die Ziffer, 16 000 einsetzt, so daß 40 000 für alle anderen Länder übrig bleiben, so bedeutet es keine unerlaubte illuaion, an eine weitere Etnwicklungsmöglichkeit der keineswegs auf Landwirtschaft beschränkten jüdischen Siedlung in Erez Isroel selbst nicht nur, sondern auch in. Syrien, Transjordanien und bis ZU einem gewissen Grade allmählich auch im Irak zu glauben und diese Ziffer auf mindestens das Doppelte zu, erhöhen. Kommt f ür uns dabei als entscheidender Faktor die pH aw» mXö bei Palästina und Transjordanien in Betracht, so wird man auch vom allgemein jüdischen Standpunkte, die Konzentration, soweit sie irgend möglich ist, der immer weiter fortgesetzten Diffusion jüdischer Kraft und jüdischen Geistes vorziehen müssen. Wochenrundschau. Nach zwanzig Jahren. Zwanzig Jahre sind verflossen seit jenem unheilschwangeren Tischo beaw, dem Tag so mancher geschichtlicher Katastrophenwende, der auch damals wieder eine unendliche Periode des Leides einleitete für die Menschheit, für das jüdische Volk. Daß dieses Volk das Herz der Menschheit ist, daß es seit den Tagen Abrahams und der Sinai-Offenbarung, in seinem nationalen Geschick bis in die letzten Fasern verknüpft und verstrickt ist mit dem weltgeschichtlichen Auf- und Niedergang der Nationen der Erde — kaum je eine andere Periode der Geschichte hat es so greifbar vor Augen geführt wie der Verlauf dieser zwei Jahrzehnte. Die Auferstehung Erez Isroels aus dem Grabe weltgeschichtlicher Vergessenheit und der überall wie nie zuvor aufflammende Völker haß gegen das VMp tpns roVaa - Haß ist ja nur Liebe mit umgekehrtem Vorzeichen — sie sind die nah d.g reiflichsten Ergebnisse dieser zwei vom Weltkriege eingeleiteten Dezennien. Und hält man daneben die nur noch durch künstliche Selbstbetäubung verschleierte Erkenntnis, daß der Menschheit kein Friede und kein Heil werden wird, solange sich die Völker in ihrem nationalen Selbstvergötterungswahne weigern, sich wie Kinder um des Vaters Tisch brüderlich um den König der ganzen Erde, den G'tt der Sinaioffenbarung und der Propheten, zu sammeln; gewahrt man endlich die in steigendem Maße zum Bewußtsein kommende Erfolglosigkeit aller wissenschaftlichen Versuche, jenseits der Offenbarungsreligion auch nur irgendwelche haltbare Wertlehre zu konstruieren, die das Leben tragen könnte —• dann5 erwächst aus diesen vier geistes- und kulturgeschichtlichen Tatsachen dem denkenden Juden — bei aller verzweifelten Zuspitzung der äußeren Lage — doch die ahnungsvolle Gewißheit, daß die Katastrophe nicht umsonst über die Menschheit hinweggegangen ist, daß vielmehr -\b D^ltf mD^H' die Gänge der Weltgeschichte, trotz allem, G ' 11 e s sind und die schmerzlichsten geschichtlichen Erfahrungen zu Ihm und seiner Wahrheit hingeleiten. Wir möchten an diesem Gedenktag des Kriegsbeginns einige der Sätze wiedergeben, mit denen wir in unsrer Nummer vom 6. August 1914 (14. Aw 5674) an der Schwelle des furchtbaren Geschehens versuchten, unsren Lesern aus tastender Sinndeutung heraus Mut zuzusprechen. ,,Wie droben am Firmament die Gewitterwolken, so ballen sich auf den sommerlich durchglühten Fluren die waffentragenden Massen der europäischen Völkerheere zusammen, und angstvoll erschauernd, wie mit angehaltenem Atem, harrt die Menschheit des zündenden Blitzstrahls, der soviel stilles Menschenglück in den Hütten und soviel aufgehäuftes Kulturgut von Generationen mit einem Schlage vernichten soll. Mehr als je haben die Herzen der am neunten Aw um das zerstörte G'ttesheiligtum Trauernden den ganzen Jammer empfunden, den der Begriff des „Golus Schechina" dem jüdischen Denken bedeutet, und der immer dann in seiner furchtbaren Tragik sich offenbart, wenn die Weltgeschichte erbarmungslos hinwegschreitet über alle guten Geister irdischer Glückseligkeit. Als die Pforten des Paradieses sich schlössen und die „Schechina" die „G'ttesnähe" von der Erde sich hinweghob, um fortan als Hochziel jahrtausendelanger Entwicklung von menschlichem Ringen erstrebt zu werden, da war es das Flammen des Schwertes, das nsonnan nSnfl Daneben den G'tt verkündenden Cherubim, das den Rückweg zum Paradies für die Menschheit bewahren sollte. •D'wn ja d'diid tVa: naom «pon Das Schwert und das Buch — „fielen" — so sagt die tiefsinnige Ueberlieferung unserer Weisen — ,,inni£ vereint vom Himmel": der Sturmschritt der Weltgeschichte im Völkerkampf und das leise Wachstum des geistigen Werdens, beide sind, solange das Golus Schechina währt, von G'tt gesetzte Tatsachen des Geschichtsprozesses, in denen nur Toren und Kurzsichtige das Walten blinden Zufalls erblicken können. Eine kurze Spanne" Zeit ward Israel gewürdigt, in seinem Lande ein verjüngtes Paradies auf die Erde zu zaubern. Aber vor der Heiligkeit der G'ttesforderung an ein sündiges Volk erbebten gar bald „die Säulen der Schwellen"; aus dem Rauch des in Trümmer sinkenden TempelheiligLUins entfloh, Seraphim entgegen, die Schechina und zum zweiten Male weinte die Menschheit mit Israel — um ein verlorenes Paradies. Seitdem weilt die Menschheit im Golus, nicht Israel allein; Leid und Not arbeiten als G'ttesboten auf dem Acker der Geschichte,