Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450836--80602-2538443
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

26. Juli 1934 Der Israelit Nr. 8 Seite 3 Den Namen S. R* Hirschs! In Nr. 52 berichtet die „Jüdische Rundschau" über einen Berliner Vortrag von Dr. Ernst Simon mit dem Thema: „Die religiösen Probleme der Jugend in Erez Israel". Es heißt dort: „Eingehend wurde eine Kritik der von Samson Raphael Hirsch und der deutschen Neo-Orthodoxie herausgegebenen Parole „Thora im Derech-Erez" gegeben. Durch eine falsche Interpretation des Begriffes „Derech Erez", der nur aufgefaßt werden kann als ein Leben voller täglicher Arbeit und den Hirsch in den Begriff „westeuropäische Kultur" umgebogen hat, ist die Trennung zwischen Leben und Lehre vollzogen worden." Mit scharfen Worten geißelte der Redner die Anmaßung, die darin liegt, daß man für sich in Anspruch nimmt, jetzt die „Heiligkeit" nach Erez Israel zu bringen, in d a s Erez Israel, von dem auch diese Kreise zugeben, daß es gebaut worden ist von den Händen der zionistischen Arbeiterschaft. Diese Kreise wiederholen jetzt einen Fehler, der schon seinerzeit von ähnlichen Kreisen durch die künstliche Synthese zweier an sich nicht identischer Begriffe Thora im Derech-Erez gemacht. worden war; jetzt fügt man statt westeuropäischer Kultur den Begriff Chaluziuth der Thora hinzu. Aber nicht darum handelt es sich für die Thora wa Awoda-Bewegung, in deren Namen der Redner an diesem Abend sprach. Die beiden Seiten der Gleichung Thora wa Äwoda erscheinen in dieser Bewegung nicht als getrennte Wesenheiten, die nachher zueinander gefügt werden müssen, sondern sie bringen zum Ausdruck, daß die Lehre das ganze Leben zu durchdringen hat und daß das ganze Leben wiederum erst die Lehre wahrhaft gestaltet und verlebendigt." Man ist erstaunt über den Mut, mit welchem hier ein sonst ernster, wertvoller Denker einen Gaon wie S. R. Hirsch anzugreifen wagt. Er wirft ihm „falsche Interpretation" und Umbiegung eines für das Judentum wesentlichen Begriffes vor, wodurch angeblich eine „Trennung zwischen Leben und Lehre vollzogen worden sei." Und jetzt werde die künstliche Synthese in anderer Form wiederholt. Herr Dr. Simon entscheidet, daß Derech Erez nur aufgefaßt werden kann „als ein Leben voller täglicher Arbeit." Wir stellen zunächst fest, daß dieser Himmelsstürmer sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, auch nur in einem Mischnawerk die dort von den Erklärern gegebenen Deutungen von, Derech-Erez nachzusehen. Der Tiferes Jisroel deutet: „Das Lernen der Thora ist nur schön, wenn es mit Moral und Bescheidenheit, Mussar we'anawa, verbunden ist." Auch Taußfaus Jaumtauw bemerkt: „Da der Derech Erez, d. h. die allgemeine menschliche Moral, zeitlich der Thora vorangegangen ist — nach der bekannten talmudischen Agada — darum wird die Thora gewissermaßen als erst in zweiter Linie kommend, dem Derech Erez durch das Wort „im" verbunden." Selbst Barthenora, der an der angezogenen Stelle in den Sprüchen der Väter „Derech Erez" als bürgerliches Gewerbe erklärt, sagt in Kiduschin zu dem Satz: „Wer mit Bibel, Mischna und Derech Erez sich müht, wird nicht schnell sündigen", Derech Erez bedeute, in Freundlichkeit mit den Menschen umgehn. Ebenso deutet Maimonides in Kiduschin: „Derech Erez ist das Gemeinschaftsleben der Menschen, gute Gesellschaft, in Freundlichkeit und Zucht." Aber Ernst Simon entscheidet, daß Derech Erez „nur aufgefaßt werden kann als ein Leben voller täglicher Arbeit." Die Deutung des Barthenora, daß Derech Erez die berufliche Arbeit meine, ist schon deshalb nicht zwingend, weil nachher in derselben Mischna es heißt: „Thora ohne berufliche Arbeit wird keinen Bestand haben," so daß offenbar das „jafe talmud thora im derech erez" etwas anderes bedeutet. Aber gesetzt selbst die engere Bedeutung wäre richtig, so wäre es gerade eine dem modernen Menschen nicht zu verzeihende Engbrüstigkeit, das bürgerliche Gewerbe nur vom Gesichtspunkt der mechanischen Betätigung zu fassen, statt als das, was es ist, als Dienst an der Welt. Als solche galt sie schon unserem Stammvater Jakob. Als er glücklich im Heimatlande anlangte, wollte er den Stadtbewohnern von Sichern „sich nützlich erweisen," richtet daher Kaufbuden ein und verkauft ihnen Ware billig. Nach anderen habe er sie die Münzprägung gelehrt, nach Rabbi Jochanan ihnen Badehäuser eingerichtet. Und von ihm lernte selbst Rabbi Schimon bar Jochai, der sonst die Thora als ausschließliche Lebensaufgabe des Juden betrachtete. Wenn aber das bürgerliche Gewerbe ein Dank und eine Pflicht an unsere Mitwelt ist, so sind auch alle Voraussetzungen und Bedingungen, die der Beruf mit sich bringt, zugleich zu erfüllen, also auch diejenige Kenntnis der Welt anzueignen, durch die der Mensch allererst fähig ist, in seiner Zeit und in seiner Gemeinschaft weltlichen Segen zu stiften. In diesem Sinne sagt Hirsch, obwohl er übersetzt: „schön ist Thorastudium mit bürge rl icher Geschäftstätigkeit" als Erläuterung: „Derech Erez umfaßt alles, was daraus hervorgeht und dadurch bedingt ist, daß der Mensch sein Dasein, seine Bestimmung und sein Zusammenleben mit anderen auf Erden und durch die von der Erde zu gewährenden Mittel und Verhältnisse zu vollenden hat. Daher bezeichnet es namentlich die Wege der Nahrung und der bürgerlichen Ordnung, auch die durch das Zusammenleben hervorgerufenen Sitten und Rücksichten der Höflichkeit und des Anstandes, sowie alles, was die allgemeine menschliche und bürgerliche Bildung betrifft. Der beigefügte Grund: schejegiath schnehem maschkachath awon läßt, glauben wir, erkennen, daß hier unter Derech Erez zunächst die der bürgerlichen Existenz zugewandte Geschäftstätigkeit verstanden ist." Welche Willkür also und welche Unwahrhaftigkeit, Hirsch vorzuwerfen, er habe Derech Erez als westeuropäische Kultur gedeutet! Richtig ist vielmehr, daß Hirsch die in den Ländern der Emanzipation den Juden erwachsende Pflicht, am bürgerlichen Leben beruflich teilzunehmen, ernst genommen hat, nicht auf halbem Wege stehen blieb, sondern die für die Berufsausbildung notwendige allgemeine Geistesgrundlage nicht in ihrer Isolierung belassen, sondern in voller Einheit mit der Kultur der Thora zu einem jüdischen Bildungselement umschmelzen wollte, Gerade weil er ganze Menschen und ganze Juden erziehen wollte, darum konnte er die westeuropäische Kultur, die durch den Schulzwang den Juden wollend oder nicht zu eigen wurde, nicht sich selbst überlassen, sondern mußte sie mit dem Licht der Thora durchleuchten und durchdringen, daß ihre zufälligen ethischen Mängel und thorawidrigen Elemente ausgemerzt und überwunden werden. Gerade Hirschs Auffassung sollte einer Zerreißung von Lehre und Leben entgegentreten, der Zweiseelennatur, dem ewigen Konflikt zwischen Religion und Welt. Er wollte im Gegensatz zum Liberalismus und zur Reform nicht die Thora der Zeit anpassen, sondern die Zeit thoragemäß machen, den Alltag des europäischen Menschen in die Weihesphäre des Judentums emporheben. Er fragte nicht: was fordert die Zeit von dem Juden?, sondern; was fordert die Thora von der Zeit? Er fragte: Welche inneren Wandlungen müssen die verschiedenen Lebensgebiete durchmachen, daß sie einem frommen Juden artgemäß werden, wie Gefilde heiligen Landes anmuten können? Und nur weil er von der absoluten Geltung der Thora für alles Menschliche überzeugt war; weil er Meister der Halacha genug war, um Aeußerliches von Wesentlichem, Wichtigem unterscheiden zu können; weil er Philosoph genug war, das Hohle und Schale, was der westeuropäischen Kultur anhaftet, zu durchschauen; weil er seelenkundig genug war, um das Fühlen und Empfinden des nach echter Freiheit und messianischer Weltgestaltung strebenden Menschen von aller philanthropischen Phrase, von allem Modegetue und Weltbeglückertum scheiden zu können; darum konnte er es wagen, die Allgemeinschule in eine jüdische Schule umzuwandeln, das Ideal einer messianisch-jüdischen Wissenschaft und jüdischen Literatur zu konzipieren, konnte aus den Stimmen der Völker das Zukunftsstarke, Ewige heraushören, konnte das Größte zu Werke bringen, das überhaupt einem Menschen gelingt: ein vollgehaltiges jüdisches Milieu innerhalb einer fremden Welt zu schaffen. Gerade dieses Milieu, von dem auch schon der voraufgehende Aufsatz Wohlgemuths in so treffenden Worten spricht, ist all den vorlauten Kritikern Hirschs, die gemeindepolitische Voreingenommenheiten und Animositäten nicht abtun können, niemals bekannt geworden. Sie beurteilen es nach den ihnen über den Weg laufenden Outsidern, wie wenn jemand das polnische Judentum nach seinen halb- und viertelassimilierten Auswanderern oder die deutsche Volksseele nach einem von Deutschland stammenden internationalen Allerweltstyp werten wollte. Milieu kann nur in der breiten Masse, an den schlichten Gemütern studiert werden, die sich dem Genius eines Führers erschließen und seine Persönlichkeit ganz und voll in sich auswirken lassen. Das Hirschische Milieu wußte von Assimilation, d. h. von Aufgabe jüdischer Werte zugunsten eines wurzellosen Europäertums schlechterdings gar nichts: in Kleidung und Haltung, in Sprache und Gebärde, in Wohnart und Berufsbetätigung, in Denken und Fühlen, in Freud und Leid war es von ausschließlich jüdischen Impulsen beherrscht, hatte etwas ganz Spezifisches, Eigenes, weithin Erkennbares, was dem ganzen Menschen eine Prägung gab, und zwar eine jüdische Prägung. Das wird dadurch nicht geändert, daß einige Reiche und Vornehme, die nur locker mit diesem Milieu zusammenhingen, eigentlich nur das Band mit ihm nicht reißen lassen wollten, weil sie seine Bedeutung widerwillig anerkennen mußten, sich damit begnügten, einige äußere Formen beizubehalten, aber sich in allem übrigen dem Strome der großen Welt preisgaben. Diese gerade als die wahren Repräsentanten der Orthodoxie aufzuführen, sind Hirschs Kritiker um so weniger berechtigt, als sie selbst, ganz Kinder ihrer Zeit, ohne die tiefgründige Kenntnis und die seelengestaltende Einfühlung in das Wesen des Judentums von außen her sich ein Urteil bilden. Diejenigen, die heute das Ideal verkünden, daß die Thora das ganze Leben zu durchdringen hat und das ganze Leben wiederum erst die Lehre wahrhaft gestaltet und verlebendigt, sind gerade in diesem Punkte nur die Schüler S. R. Hirschs und hätten, wenn sie nicht mit seinem Kalbe gepflügt hätten, sein Rätsel nicht gefunden. Ebenso unsinnig und der Wahrheit nicht entsprechend, ist die in dem gleichen Vortrage erwähnte Polemik „gegen die neu entdeckte Zions liebe der organisierten Trennungsorthodoxie" und der sonst oft gehörte Vorwurf einer den Gesetzestreuen Deutschlands angeblich erst jetzt vermittelten Liebe zu K 1 a 11 J i s r o e 1. Es ist das eine aus Eitelkeit und Hochmut geborene, heute von all den neuen Propheten verkündete Lehre, die bezüglich Palästinas auf der Auffassung beruht: kochi we'ozem jadi aßa Ii eth hachajil hase, wir haben durch unsere Kraft all dies Große geschaffen." Sie vergessen aber: schon 1914 gab es 90 000 Juden in Palästina, heute ca. 200 000. Es gab schon 1908 322 qkm jüdischer Siedlung, heute 767 qkm. Also ist die Kolonisation Palästinas zu einem wesentlichen Teile vor der Balfour-Deklaration erfolgt, und zwar fast ausschließlich unter den allertrostlosesten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen durch die Orthodoxie der verschiedenen Länder. Innerhalb dieser Orthodoxie hat die „Trennungsorthodoxie" Ungarns und Deutschlands einen bedeutsamen Faktor dargestellt. Die ersten Kolonien waren auf den Namen Esriel Hildesheimers eingetragen, das Krankenhaus Schaare Zedek ist eine Schöpfung der Frankfurter Religionsgesellschaff, und die ungarische Kolonie war schon, als ich 1905—1908 in Palästina war, ein integrierender Bestandteil der Jischuwim in den Hauptstädten des heiligen Landes. Es hat kein Haus in der „Trennungsorthodoxie" gegeben, wo man nicht schon achtzig Jahre vor der Entdeckung des Zionismus in jeder Woche in die Erez Jisroel-Büchse seinen Beitrag gab, und die palästinensischen Rabbonim haben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.