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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 8 Der Israelit 26. Juli 1934 ihre Wünsche und Anliegen lediglich den Orthodoxen, den hiesigen Sachwaltern der Kollelim vorlegen können. Und was den Klall Jisroel betrifft, so wären wir neugierig, zu wem die armen Juden aller Länder kamen, wo sie als Brüder am Tische saßen, wo alle Rabbinen des Ostens verkehrten, welche Gemeinden sie empfingen, für ihre Jeschiwaus sorgten, bei allen Katastrophen ihnen helfend zur Seite traten, wenn nicht in den Häusern der Orthodoxen und speziell der angefeindeten und geschmähten „T rennungsorthodoxie"! Wo findet noch bis heute und diesen Tag jeder Jude des Auslandes den vollen Herzensanschluß aus dem Gefühl heraus, nur als Jude dem Jude gegenüberzustehen, wenn nicht in diesem verfemten Kreise! Noch vor wenigen Wochen erklärte eine führende aus dem Osten stammende rabbinische Persönlichkeit, daß die östlichen Gedaulim den Großgemeinden völlig fremd gegenüberstehen, weil sie niemals bei ihnen Freundschaft, Entgegenkommen, Verständnis und Würdigung gefunden haben. Die Dinge werden also völlig auf den Kopf gestellt, wenn man von neuentdeckter Zionsliebe oder von dem jetzt erst aufgekommenen Sinn für den Klall Jisroel bei der Orthodoxie redet. Man wird, wenn man diese Behauptungen hört, lebhaft an die Kontroverse zwischen Nordau und Achad Haam erinnert, wo dieser mit Recht und mit heiligem Zorn die Angriffe von sich abwehrt, welche ,,Juden von gestern" gegen ihn zu richten sich erkühnen. Wir sind die Letzten, die das Streben der frommen Misrachi-Jugend für einen Palästina- Aufbau auf Grund der Thora nicht würdigten und anerkennen wollten. Wir haben es, soweit unsere schwache Stimme reicht, immer zum Ausdruck gebracht, daß wir den Konflikt, den Kampf der Brüder, Misrachi und Aguda, bedauern, die doch beide schließlich der Thora auf Väterboden einen Triumph zu bereiten sich angelegen sein lassen wollen. Aber gegenüber der sich jetzt breitmachenden Ueberheblichkeit muß es doch ausgesprochen werden: selbst der Misrachi ist ohne S. R. Hirsch nicht denkbar. Sein Ziel«, die Welt in ihrer ganzen Fülle ihrer Beziehungen mit der Thora zu durchdringen, Religion und Welt in eins zu setzen, gerade «in modernes Leben im Geist der Thora aufzubauen, das verdankt der Misrachi wie das gesamte Judentum lediglich und allein der Neo-Orthodoxie, die dieses Ideal aufgestellt und zu Ende gedacht hat. Ohne diese hätten wir in der Welt nur die entsetzliche Alternative des Ostens; entweder Thora oder Weltverfallenheit. Daß es noch eine dritte Möglichkeit gibt und diese dritte Möglichkeit gar ein Kiddusch Haschern, ein Beweis der Allgütigkeit und der zukunftsträchtigen Macht der Thora sei, das hat die deutsche Orthodoxie gelehrt und bewiesen, und nur die deutsche Orthodoxie. Und wo es nicht deutsche Orthodoxe in anderen Ländern sind, die die Fahne dieses Ideals mitgebracht, ist der Westen wie der Osten von Mißtrauen und der Skepsis gegen die Devise Thora im Derech- Erez erfüllt, die einzige, welche die Tendenzen der Verweltlichung überwindet, so im heiligen Lande wie im Gallith, Das habe ich in den Jugendjahren, als ich von 1905—1908 in Palästina als Junglehrer wirkte, das in den sieben Jahren, wo ich Schuldirektor in Kowno war und in all den Jahren, seitdem mich meine Reisen nach dem Osten oder dem Westen führten, immer wieder bestätigt gefunden. Ueberall, wo man sonst thoratreue Juden trifft, gilt ein ängstlicher empirischer Traditionalismus, der Gedanke, daß man lim Himmels willen an keiner Form von Lehre und Verwirklichung rütteln dürfe, weil wir zu schwach seien zu einem „Experiment", zu einer Konfrontierung von Judentum und Welt, zu einer Erweiterung des jüdischen Lebensbezirkes. Ueberall in der ganzen Welt, wo man die gottentfremdeten thoralosen Assimilanten, ob in Palästina oder anderwärts antrifft, ob sie liberale Rabbiner oder Laien sind und eine Scheinform religiösen Daseins sich kultivieren, überall ist es ein absolutes Dogma, daß die alte Thora, die alte Tradition unmöglich, unrealisierbar, unverträglich niit den Realitäten des Lebens sei. Nur und allein die geschmähten Neo-Orthodoxen und in ihr vor allem S. R. Hirsch hatten solche Glut des Glaubens, solche unerschütterliche Ueberzeugung von der Wahrheit und der Siegkraft unserer Thora, waren so durchdrungen von Emunath Chachamim und hatten auch solches Vertrauen zum Juden der Gegenwart, daß alle Zeitmächte sie nicht schreckten und sie den Kampf mit ihnen in breitester Front aulzunehmen sich nicht scheuten. Ja noch mehr: sie fühlten die Kraft, nicht nur den Gegner niederzuwerfen und unschädlich zu machen, sondern ihn vor den eigenen Wagen zu spannen, ihn als Mittel zum Zweck der Heiligung des Namens G'ttes umzuwandeln. Ihnen war wirklich die Welt nur Material zur jüdischen Pflichterfüllung, Wo immer jüdische Menschan zu gleichem Mut sich aufraffen, die durch die Zeit gegebenen Möglichkeiten zu einer neuen Verherrlichung des Judentums nutzbar zu machen, da stehen sie auf den Schultern von B e r - nays, Hirsch, Hildesheimer, Lehmann und wie die Männer heißen, durch deren Zusammenwirken das echte sinaitische Judentum in Deutschland die Wiederauferstehung feierte. War es zur Zeit Hirschs die europäische Kultur, die man in die Arena fordern mußte, durch .deren innere Ueberwindung und Umwandlung ein neuer Lebensraum der Thora gewonnen wurde, so sind es heute andere Möglichkeiten; so ist es vor allem der Jischuw Erez Jisroel mit der durch ihn heraufbeschworenen Verweltlichung des heiligen Landes, der ins Auge gefaßt, angepackt und durch den Stab Mosches zu einem Schutzwall der Thora und Israels umgewandelt und ausgestaltet werden muß. Die Aufgaben wechseln, das Ziel bleibt dasselbe. Hirsch mußte die deutsche, heute muß man die hebräische Schule in eine j ü - d i s c h e verwandeln. Hildesheimer und seine Getreuen mußten eine thorafeindliche christliche Wissenschaft und eine halbwertige, schöngeistige Literatur bekämpfen, heute gilt es, die Bibelkritik der hebräischen Epigonen, die Schöngeisterei jüdischer Literaten, die traditionsfeindliche palästinensische Journalistik zu überwinden. Jeder, der dabei hilft, soll gesegnet sein. Und unsere ganze Liebe gilt den frommen Kibbuzim, den religiösen Schulen und den traditionsbewußten Zeitungen des heiligen Landes, Aber wenn man überhaupt von Verdienst reden will bei den Männern, die jüdisches Neuland entdeckten, die die Wagen Israels und seine Streiter waren, dann muß jeder moderne fromme Jude, der aufrechten Hauptes in und mit seiner Zeit lebt, den keine Universitätswissenschaft düpieren und keine Millionen blendende politische oder wirtschaftliche Phrase aus dem Gleichgewicht bringen kann, in stiller Ehrfurcht und in ewiger Dankbarkeit aufschauen zu S. R. Hirsch und seiner Devise: Thora im Derech-Erez. J. C. Baal Korcho jaane Amen. Der Berliner liberal-zionistische Rabbiner Dr. Max Wiener hat in seinem Buche „Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation" mit allen Mitteln versucht, der ,,Neo-Orthodoxie" und S. R. Hirsch den Ehrentitel abzusprechen, in der Periode allgemeiner Fahnenflucht und Untreue allein das geschichtliche Judentum unverkürzt und machtvoll fortgetragen zu haben. Aber wider Willen muß er die Größe Hirschs anerkennen. Wir lassen einige seiner Aussprüche hier folgen.*) ,,Von der gemeinsamen Ebene der ethischen Ziele (die Hirsch mit seinen Gegnern gemein hat) versteht man aber, wie die Rettung aus der Gefahr der alles Besondere glättenden Nivellie- *) Die Sperrungen im Druck rühren von uns. r u n g in der unermüdlichen Betonung der religionsgesetzlichen Stellung gesucht werden mußte . . . So kämpft er mit allen Waffen gegen jede Erweichung dieses Prinzips, höhnt die aufkommende jüdische Wissenschaft des Judentums, daß sie das Judentum zu erforschen suche, wie der Anatom einen Xeichnam seziert, und ist überall darauf bedacht, jedem Angriff gegen die traditionelle Praxis zu begegnen. Dabei ist er selbst in schärfster Abhebung von dem alten Rabbinat vom Geiste zeitgenössischer Bildung durchtränkt. Und man müß wohl urteilen, daß er sie aus innerstem Herzen willkommen heißt und mit ihn verschmilzt. Das geschieht viel inniger, viel organischer, als Mendelssohn es getan, es wohl auch nur gewollt hat. Was dort in der Beschränkung des Judentums auf das geoffenbarte Gesetz unbegreifliche abstrus anmutende Willkür G'ttes war, .das wurde hier einem einheitlichen System eingeordnet. In Gefahr war vor allem die religionsgesetzliche Praxis. Deswegen ist Hirschs Theorie vom? Sinn der Gesetze vor allem auch unter religionspädagogischem Gesichtspunkte zu beurteilen. Den Menschen um ihn herum ist ihre Uebung nichts weniger mehr als selbstverständlich, wie sie wohl noch dem Geschlechte Mendelssohns gewesen . . . Hirsch steht in Deutschland auch nicht so weit vom Schuß wie der einsamere Luzzatto, der von ferne den Ereignissen zusieht. Der Kampf tobt vielmehr um ihn herum ... So pflanzt sich Hirsch streitbar mitten im Kampfplatz auf. Er ist die einheitlichste, geschlossenste Persönlichkeit dieses Zeitraums. Und da ihm das Judentum ganz klar das Dasein-gemäß dem Lebensgesetz der Thora ist . . ., so entfaltet sich seine Religiosität ausschließlich im Raum der Mizwot. Sie spornen ihm das Denken an, wie es nach der ererbten Weise des Thoralernens verständlich ist. Aber er bringt ein Neues hinzu: die gefühlsmäßige Hingabe an das Gebot, die nicht eigentlich in rationalistischer Bewunderung seiner Weisheit beruht, sondern in beseligendem Gehorsam gegen das darin sich aussprechende der Gemeinde Israel gespendete Wort G'ttes. Dieser Standpunkt ist weit entfernt von der alten Selbstverständlichkeit, der gleichsam naturhaften Geltung des Gesetzes. Es unterscheidet sich aber ebenso von kalter Vollziehung der Vorschrift als einer zur Erfüllung aufgegebenen juristischen Form . . . Sondern er" sucht, durch Sinndeutung und Auswertttng, in denen immer Sinngebung und Hochwertung beruht, bewußt und wachsam das Geseiz zu verlebendigen. ... Er durchseelt den bloßen korrekten Vollzug durch das Gefühl der Gewißheit, daß hier eben der einzige Weg gehe, den G'tt seinen Jisroel- Menschen schreiten lasse." (S. 79/80,) Für Hirsch scheint die Emanzipation positiv und in ihrer eigentlichen Bedeutung viel mehr eine Angelegenheit der andren zu sein, die sie dem Judentum verleihen, als eine Sache, die dieses angeht. Er glaubt, daß in dem nunmehr vom Druck befreiten Leben ungehemmt das Bekenntnis zur jüdischen ' Wahrheit und die Erfüllung des Thoragesetzes erblühen könne. Aber wenn auch sein Blick die mögliche Gefahr streift, daß der weitere' Lebensspielraum Israel zu dem verabscheuten Besitz- und Genußstreben verführen könne, so ist das eben doch nur ein Moment, das pädagogische Maßregeln notwendig machen könnte." (S. 73.) ,,Was seiner Phantasie Farbe und Fülle verleiht, das ist nicht die Idee, sondern vielmehr die Freudigkeit in der Erfüllung der Mizwot, die seiner ganzen Haltung dem Religionsgesetz gegenüber eine wunderbare Beschwingtheit, ein wahres Glücksgefühl verleiht, namentlich, wenn man. seine Stimmung mit jener Grämlichkeit und Leere vergleicht, die die Männer auf der Gegenseite der ererbten Lebensordnung gegenüber empfinden." (S. 77.)

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