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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 8 Der Israelit 26. Juli 1934 11. Das erzieherische Ethos ist es, das die letzten der 19 Briefe S. R. Hirschs durchzieht, was man als magna charta aller Thoratreuen Deutschlands bezeichnen kann. Lassen wir es deutlich werden durch die Konfrontation mit seinen Gegnern: dem jüdischen Snobismus und dem Batlanuth! Der jüdische Snobismus ist ein Erzeugnis Deutschlands und ist aus dessen Zionismus hervorgegangen. Seitdem die nationale Bewegung Liebe für die Werte der Tradition in den Herzen derer entfacht, denen ein jüdisch-liberaler Religionsunterricht gewollt und ungewollt alles Jüdische ins Kosmopolitische verflüchtigt hatte, gibt es auf dem geistigen Markte des deutschen Judentums — „Mezioth" zu kaufen und zu verkaufen. Oft in literarisch hochwertiger Aufmachung, meist reich in philosophischer Gedankenführung und nicht arm an neuartigen Ausblicken werden Bearbeitungen von jüdischen Problemen in Wort und Schrift angeboten, deren jüdische Fundierung oft genug — eine Meziah, ein Zufallsfund auf dem weiten Felde von Thora und Talmud ist. Man hängt ein schönes Gemälde an einen Nagel, beschaut es interessiert, fühlt sich bereichert —- geht aber von dannen, ohne sich im Geringsten „verpflichtet" zu fühlen. Die Bedeutung solcher Aufklärungsarbeit für entwurzelte Glaubensgenossen soll nicht mißachtet, Belehrung, die auch wir im Hinblick auf Fragen der Zeit empfangen, nicht unterschätzt werden. Wir haben uns hier nur dagegen zu wenden, daß man den jüdischen Snobismus dieser Menschen, ihre ganz unzeitgemäße Scheu vor Ein- und Unterordnung übersieht und Eroberungen bei denen zu machen hofft, die auf graden oder krummen Wegen, in Vornehmheit oder Unfeinheit alles Traditionelle zu achten, zu respektieren, zu genehmigen bereit sind, nur das Eine, Schlichte, Schwere nicht: den Alltag des jüdischen Gesetzes und die mit ihm gesetzte Verantwortung des Einzelnen vor sich selbst, seiner und seines Volkes Zukunft! Eben das zielstrebige Verantwortungsgefühl der Thoratreuen Deutschlands! Eine mangelnde Grenzziehung hat es zu Wege gebracht, daß namentlich Jugendliche am Problematisieren zuviel Gefallen finden, daß dem individuellen Deuteln und Reden „über" die Dinge (anstatt des: „wedibarta bam") mehr Raum als berechtigt gewährt wird, daß darum auch Kritik an rabbinisch Gebildeten, an wirklichen Autoritäten mit jener Leichtfertigkeit, mit jenem Obenhin geübt wird, das den Snob kennzeichnet. Zur Thoratreue gehört aber in erster Reihe; Vertrauen zu der Führung, und jeder jugendliche Gesetzestreue sollte von den geistigen Aristokraten unserer deutschen Kehilloth lernen, wie man einem Raw und einem Gadol bathora zu begegnen hat. Bathlanuth ist der Gegner des erzieherischen Ethos, der im Osten groß geworden, aber auch in Deutschland in Erscheinung tritt. Man trifft Bathlanuth bei Thorakundigen und Thoraunwissenden, bei Verantwortungsbewußten und Gleichgültigen. Ist es bei den Minderwertigen überhaupt eine Lethargie, ein in den Tag Hineinleben, so bei den wertvollen Typen eine Saturiertheit, die sich hinter Thorawissen verschanzt. Das Jüdisch-Leben so zu nehmen, wie es ist, hält man für das Aufgegebene, Richtige; jede Zielsetzung für etwas, das nach allen Richtungen hin zu prüfen ist — bis ihm der Lebensodem ausgeht. Ein ewiges Unentschieden kennzeichnet den Batlan, wenn er gut ist. Man fühlt sich der jüdischen Zukunft verpflichtet, man mochte dem religiösen Zusammenbruch Einhält gebieten, man möchte überhaupt „unendlich viel tun", aber es muß doch alles genau überlegt werden: ob wir auch können, was wir wollen? Genau gesehen dürfen wir's nicht, ganz genau gesehen: steht alles bei G'tt! Man hofft auf Wunder, und weiß im Grunde, daß man das nicht darf. Nichts von erzieherischem Mut und dem Ethos der Tat! Der Rückzug auf die Welt der Jeschiwoth, die uns G'tt als Quellen ständiger Regeneration erhalten möge, mag in unserer Not-Epoche ein rechter Weg sein. Daß der Osten aber diesen Rückzug ständig von neuem antritt und dennoch für die Draußenstehenden „Vorwärts" ruft, ohne sie wirklich ansprechen und ihre Fragen beantworten zu können, ist ein beklagenswerter Zustand, Ihm darf das Thora-Judentum Deutschlands die frohe Gewißheit entgegenstellen, daß es seinen Weg kennt. Ja, mehr als dies: daß dieses Judentum, so wie es ist, war und geworden ist, für die Tatsache Zeugnis ablegt: es gibt ein jeden einzelnen umspannendes, lebendig-tätiges, werbend-wirkendes Judentum der Tradition! III. Wenn wir die Grundzüge dieses Judentums näher beschreiben wollen, so läßt sich vielleicht Folgendes sagen: das die Totalität von Thora und Massora bejahende Judentum Deutschlands ist in seiner Zielstrebigkeit traditionsbewußt, gegenwartsbereit, zukunitsbedacht. Traditionsbewußt in dem Sinne, daß die Thoratreuen sich zunächst im Geiste familiärer Pietät die Verantwortung lebendig zu machen wußten, die sie als Söhne, und Enkel zu tragen haben. Oft verständnisarm-konservativ, aber immer mit dem Motiv persönlicher Verpflichtung, nicht als So-Sein, sondern als So- Sollen! Gerade aus diesem elementaren Verpflichtungsbewußtsein heraus hält man die Kenntnis der Umwelt, eine bis an die Wurzeln der zeitgenössischen Kultur vordringende kritische Betrachtung für nötig, um das So-Sollen in dieser Zeit und in dieser Umgebung voll und ganz zu ermöglichen. Man will Anker werfen, ehe ein Sturm anbricht, oft vielleicht auf seichtem Grunde, aber immerhin — ein Anker! Auf daß der Boden fest und stark werde, wird das Studium der Thora eifrig gefördert, damit das Tradierte verstanden — und bewußt werde! Und wenn die heimischen Institutionen nicht den Ansprüchen genügen, wird der Osten aufgesucht. Gegenwartsbereit in dem Sinne, daß der Gegnerschaft nicht ausgewichen, sondern ehrlich begegnet, problematische Naturen nicht autoritativ bezwungen, sondern begrifflich-gemüthaft überzeugt werden. Wer das Glück hatte, Männer wie David Hoffmann s. A. und von den Lebenden Esra Münk, Josef Wohlgemuth u. a. m. von der Nähe zu kennen, wer weiß, wie ein heiliges Feuer in ihnen entzündet ward, wenn sie die Tradition angegriffen sahen, eben, weil sie durch und durch teleologisch empfanden, weil sie bange unablässig die Frage stellten: was kann, und was soll daraus für unsere Thora werden? — der weiß auch, daß sie eben um des angestrebten Erfolges wegen das Feuer zu meistern verstanden, auf daß es nicht flackere, der weiß auch, daß sie Sachlichkeit über alles stellten und durch die objektive Ruhe des sich mühenden Kämpfers — überzeugten! Die Offensive galt ihnen als die beste Defensive, je stärker sie aus einem heiligen Traditionsbewußtsein ersteht, um so mehr werden solche Führer Gegner schlagen und die eigenen Reihen immer von neuem stärken. Zukunftsbedacht in dem Sinne, daß man die Jugend als Trägerin der Zukunft, nicht nur als Objekt betrachtet, dem man das Seinige überliefert, damit es zum Ihrigen werde. Man kennt hier nicht jenes traurige Entweder-Oder einer Jugend, die entweder das ihr Ueberkommene unverarbeitet weiterspinnt, im Letzten unehrlich und dem Frohsinn jugendlichen Lebens abgewandt, die Thora auch nicht wahrhaft lebendig gestalten kann — oder vom Alter, das für diese Arbeit an der Jugend zu bequem, sich selbst überlassen bleibt und damit einem Ungewiß ohne Ziel und Zweck entgegensieht, um der Thora ganz zu entsagen. | Streng im letztlich Entscheidenden des Gesetzes,, verständigungsbereit im Alltäglichen, aber immer hellhörig und hellsichtig für das, was die Jugend will, das ist die rühmenswerte Zielstrebigkeit des thoratreuen Judentums in Deutschland, weil hier unablässig die erzieherische Frage gestellt, weil hier ununterbrochen gebangt wird und Opfer des inneren Selbst (nicht nur die des Geldes!) tagaus tagein gebracht werden — „damit, die Kinder fromm bleiben." IV. Diese gegenwärtig so gefährdete thoratreue Judenheit Deutschlands wäre schlecht beraten,, wenn sie nur das Tradierte, das ins System Gebrachte, das durch deutsche Voraussetzungen Form-Gewordene als das Wesentliche, Ablösbare und anderwärts Einzupflanzende ansähe — und nicht vielmehr ihr geistig-seelisches Verhältnis zur Tradition, die Fähigkeit, zu wählen und zu ordnen, kurz; die Zielstrebigkeit. Schon in der Vergangenheit waren Bedenken zu äußern, wenn das Systematisieren, die Liebe für die Ideologien überhand nahm und vom schlichten Judesein abführte. Wenn man sieht, wie zur Zeit die thoratreue Jugend von Deutschland aus die geistige Welt des werdenden Palästina zu umschreiben unternimmt, wenn man diesen nicht zu. erschütternden Glauben an den Wert von System und Ideologie, sowie den darauf basierenden Geltungsanspruch thoratreuer Jugend in unserer alles erschütternden Zeit überdenkt, dann muß man. stark bezweifeln, ob sich diese Jugend im Klaren ist über Grenzen und Möglichkeiten ihres eigenen Tuns, vor allem über Sein und Sollen des¬ Judentums der weiten Welt! Das Kehilla-Leben. Deutschlands, die Klarheit jüdisch - politischer- Prinzipien, die Systematik und Diktion im Religiösen — all das sind Güter, die schon immer gewisse Kreise der Orthodoxen Deutschlands in Ueberspannung des Milieu-Wertes, ohne den gehörigen Respekt vor der Ehre der Thora, die anderwärts beheimatet, und ohne Liebe zum jüdischen Volksganzen, das keine juristische Person, sondern ein heiliges Etwas ist, als für alle thoratreue Judenheit ausschließlich geltend anpriesen. Die Thora aber ist „breiter als der Ozean", das Thora-Wissen' unserer Jugend gegenüber dem. Ostjudentum viel zu bedeutungslos, die unserem ewigen Volke bei allen seinen Galuth-Mängeln gebührende Liebe zu heilig, als daß man sich unterfangen könnte, Direktiven von außen her zu geben, und sei es auch nur für die persönliche Lebensgestaltung inmitten der neuen Umgebung. Es wäre sehr bedauerlich, wenn nicht dem Rufe unserer Freunde, die schon länger in Erez Jisroel Fuß gefaßt, Folge geleistet wird, dem Rufe zum Sich-Bescheiden, zum stillen, zielstrebigen Beobachten und dann erst zum Mitarbeiten! Möglichkeit und Wert solcher Beobachtung und Mitarbeit wird immer von der jüdisch gebotenen Ehrerbietung abhängig sein, die man einer anderen Form des Thora-Judentums als der bisher gewohnten entgegenzubringen versteht. Das wird aber auch in gleicher Weise davon abhängig bleiben (nicht nur für den, der nach. Erez Isroel geht!), ob man es in Deutschland versteht, sich — zu sich selbst zu führen, sich die Kräfte bewußt zu machen, die das Beständige in der Erscheinungen Flucht garantieren. Diese Kräfte sind es, die wir zu skizzieren versuchten, sie sind es, die jeder thoratreue Jude Deutschlands, in- und außerhalb der Grenzen, in Treue zu sich selbst und zu seinem Volke durch den Born der Thora gewissenhaft pflegen sollte. Diese Kräfte sind es, die ihn in der Not der Zeit bescheiden und stolz zugleich machen, bedacht und tapfer, wenn er nur bedenkt: „von wannen er kommt, wohin er geht und vor wem er einst Rechenschaft abzulegen hat: vor dem, der König über Königen ist — vor dem Heiligen, gelobt sei Er!"

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