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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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GOLA UND GEUIXA Blätter der fücllsclien Selbstbesinnung Unter ständiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph. Cajrlebach in Altona 1- Jahrgang ■ Beilage zum Israelit Frankfurt am Main ■ Nummer S Thora im Derech-Erez Vom Eigenwert der gesetzestreuen judenheit Deutschlands* Von Ari Wohlgemuth in Riga. Diese Blätter sollen der Selbstbesinnung dienen, also auch der, Besinnung auf das Wertvolle in uns, auf das, was uns Gunst finden läßt in den Augen G'ttes und der Menschen. Umschichtung und Auswanderung, Verfemung und Bemitleiden, das ganze Hin und Her unserer Tage erzeugt eine Unsicherheit in uns selbst, versetzt uns dauernd in Spannung, die einer rechten Erkenntnis dessen, was wir sind und sollen, abträglich ist. Vor allem ist das Verhältnis der deutschen Judenheit zum Gesamtjudentum arger Mißdeutung ausgesetzt, ja, man kann das Urteil hören: das deutsch-jüdische Schicksal wäre verdient, da ja „alle" deutschen Juden, einschließlich der Gesetzestreuen ,,Assimilanten" gewesen seien. Was der Mensch verdient, beurteilt G'tt; zudem erscheint ,ein solches Urteil im Munde derjenigen besonders eigenartig, die ihren eigenen Aufguß aus Kindheits-Reminiscenzen, sozialer Einstellung und nationaler Haltung als einwandfreies Judentum ausgeben. Sei dem, wie ihm sei — wenn die Masse der in Deutschland bleibenden Juden ihren Stolz und die Klarheit über die Wegrichtung nicht verlieren will, wenn die Auswandernden — auch die nach Erez Jisroel — wohl sich anpassen, ihre Mitarbeit leisten, aber sich nicht aufgeben wollen, so tut es not, sich über den Eigenwert der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands klar zu werden. Dabei kann, wer draußen stehend, aus der größeren Perspektive die inneren Verhältnisse Deutschlands übersieht, 'mehr helfen, als wem sich im engeren Raum der Sinn verengt. Es ist klar, daß es sich bei einer Darstellung, was das eigentlich Wertvolle der deutschen- Orthodoxie im Rahmen des Weltjudentums ist, um Abstraktionen handeln muß, um Skizzierung von idealen Typen, denen man (bei bösem Willen) genug gegenteilige gegenüberstellen kann. Aber es kommt ja nur darauf an, daß jeder Wissende die Grundzüge als wahr erkennt, jeder Ahnende sich durch solche Skizzierung bewußt wird: ja^ das ist es, was ich mir unter dem Muster eines Gesetzestreuen Deutschlands vorstelle! I. Samson Raphael Hirsch, mit dem jede Betrachtung über das gesetzestreue Judentum in Deutschland mit Recht beginnt, kann und wird bei unseren Gegnern nicht die Würdigung finden, die ihm geistesgeschichtlich zukommt. Kastein und Wiener sehen in ihm einen Geiger roit umgekehrten Vorzeichen; denn für beide bricht die jüdische- Geschichte eigentlich mit Mendelsohn und;der Haskala ab, sie übersehen geflissentlich für Ost- und Westeuropa die Fäden, die vom 18. durchs 19. zum 20. Jahrhundert führen. Die nationale Erneuerung (zweifellos ein Ereignis von ewiger, aber nicht ausschließlicher Geltung!) ist der aus der Asche des verwesenden Judentums erstehende Phönix. Ich bezweifle, ob sich diese Forscher die;Mühe gemacht, die wissenschaftlicher Ernst verlangt, und den Pentateuch-Kommentar S. R. Hirschs gründlich studiert, ihn auch nur gelegentlich etwa mit dem — an sich unvergleichlichen — Malbim konfrontiert haben. Sie hätten dann erkennen müssen, daß der Problemengehalt, das dem Denken Aufgegebene der Bibel bei S. R. Hirsch so hervorleuchtet, wie es nur bei ganz großen Führern des Judentums der Fall ist, daß er, abgesehen von Sprache und Stil, seiner Zeit nicht mehr Tribut zollt als die mittelalterlichen Exegeten der ihrigen. Hier ist ein Führer, der nicht eine Verbindung zweier Kulturkreise zustande gebrächt, sondern das Wesentliche im geistigen Bilde seiner Zeit, das Erbe des deutschen Idealismus, so herauszuschälen wußte, daß es ihm Ausdrucksmittel für ganz andersgearteten Geist, daß ihm „Zeit" zu dem wurde, was es großen Führern immer ist: Ausdruck der Ewigkeit! Sein Vermögen, sich selbst von der ihm genehmen Weltauffassung zu distanzieren, steht in krassem Gegensatz zur Mentalität eines Geiger, der „sein" Weltbild „hatte" wie eine Plattform, eine Ausgangsebene. Und wie wir uns wehren müssen, das Werk unseres großen Meisters als ein Kind (wenn auch positiv zu wertender) Assimilation denunziert zu sehen, so haben wir uns auch gegen die meist von rechts kommende Mißdeutung der Devise Thora Im Derech-Erez zu wenden. Wie sehr das nötig, mag jeder aus der vor einigen Monaten im palästinensischen „Hahed" veröffentlichten Diskussion über die Rabbinerfrage und die deutsche Orthodoxie ersehen. Mit Recht ist dort darauf hingewiesen worden,. daß die Fehlurteile eigentlich nur durch die totale Unkenntnis ostjüdischer Kreise über das in Deutschland Geleistete zu erklären sind. David Hoffmann und sein Kampf gegen die Bibelkritik, Salomon Breuer und seine Jeschiwa, das Vereins¬ und Religionsschulwesen unserer Gemeinden, das, nebenbei bemerkt, von den viel potenteren liberalen Juden zögernd kopiert wurde, der unermeßliche literarische Schatz, der in den 17 Bänden des alten und in den 17 Bänden des neuen ,, Jeschurun" aufgespeichert liegt — das alles und vieles andere, was von einem zahlenmäßig so kleinen Kreise geschaffen, ist selbst in den Kreisen des Ostens kaum oder gar nicht bekannt, die sich der deutschen Orthodoxie verbunden fühlen. Daran ist vor allem die deutsche Sprache schuld, die jeder Jude wohl notdürftig versteht, aber nicht so beherrscht, wie es für literarische Studien nötig ist. Daraus folgt, daß die deutsche Orthodoxie es der Gesamtjudenheit schuldet, .durch eine geeignete Auswahl und Bearbeitung der wichtigsten ihrer Abhandlungen imHebräischen für Verbreitung und Erhaltung deutsch-jüdischer Leistung Sorge zu tragen. Doch die Würdigung all dieser Leistungen fordert eine besondere Behandlung. Hier sollte nur darauf hingewiesen werden, daß Schnelligkeit und Oberflächlichkeit des Urteils schwinden müssen, daß man die Idee, nicht schlechte Vertreter desselben zur Grundlage für das Urteil »u nehmen hat. Ueber Art und Umfang der Legierung Thora Im Derech-Erez sind sich führende Köpfe des gesetzestreuen Judentums in Deutschland selbst nicht einig, wohl aber einte sie, daß 5ie das Judentum stets teleologisch sahen, daß ihnen eine Zielstrebigkeit zueigen war und ist, die mir das Wertvollste am deutschen Judentum thoratreuer Richtung zu sein scheint. Die schlichte Frage ist es: zu welchem Maße von Sicherung der Tradition führte die Hirschische Einstellung? Antwort: Die Sicherung derTraditionbeherrscht alles, sie ist auch aus abstrakten Deduktionen und unsachlichen Kontroversen immer wieder herauszuhören: jene Bangigkeit, die unserem Vater Jakob zueigen war, ob seine Kinder G'tt treu bleiben werden, jenes ständige Sorgen, das ihm so unendlich gelohnt wurde. „Damit meine Kinder fromm bleiben" — das ist das A und 0 des thoratreuen Juden in Deutschland. Dieses erzieherische Ethos schuf das jüdische Milieu im frommen deutschen Kreise, das so einmalig jüdisch ist und so fruchtbar wie nur je ein jüdisches Milieu. Seine Schwächen bestanden doch nur darin, daß Milieu Milieu bleibt. Also darin, daß die relativ guten wirtschaftlichen Bedingungen, deren sich das gesetzestreue Judentum im allgemeinen erfreuen durfte, eine Geborgenheit in Gemeinde und Familie spendeten, dessen der arme Osten entraten mußte, eine Geborgenheit, die dem Spießertum und den Saturierten Auftrieb gab. Ferner darin, daß man zuviel absteckte und abgrenzte, daß man die Weite der Thora zu eng, den Pulsschlag des jüdischen Volkskörpers zu schwach empfand. Aber wie sehr ist man sich dieser Schwächen bewußt geblieben! Dem Spießer und Amhaarez sagte vor allem die Jugendbewegung erfolgreich den Kampf an; der jüdisch-nationale Gedanke, der Gedanke an Erez Jisroel schlug tief Wurzeln, und durch die Aguda wurde eine starke Bindung an das Thora-Judentum des Ostens vollzogen. Das beste Symptom: der Besuch der Jeschiwoth wuchs und wuchs! Ja, bis zur Selbstaufgabe ging dieser Anschluß an das, was jüdisch dargeboten wurde, das daheim Gewordene hielt man für klein. Gerade in dieser Aufgeschlossenheit der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands zeigt sich, daß ihre milieubildende Kraft; etwas Urwüchsiges, etwas wahrhaft Jüdisches war. Wenn ein Wolf Jawitz s. A., Gaon und historischer Deuter zugleich, dessen ehrwürdig-gütiges Wesen auf uns Berliner Kinder einen unvergeßlichen Eindruck gemacht, nur mit Wehmut seinen Aufenthalt in der B erlinerAdaß- Jisroel-Gemeinde aufgeben konnte, einer Gemeinde und einer Atmosphäre, die er als id. eal-jüdisch bezeichnete; wenn einer der größten Rabbinen des Ostens, der einmal in Hamburg weilte, mir noch vor kurzem erklären konnte: „Ich hatte mir immer vorgenommen, wenn ich einmal mein Rabbinat niederlegen werde und nicht nach Erez Jisroel übersiedeln kann, meinen Lebensabend nur in der Hamburger Kehilla zu verbringen" — nun, so sprechen solche Urteile von solchen Männern mehr als alle Abhandlungen über den Wert der deutschen Orthodoxie!

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