Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1934)
- Date
- 1934-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 30 Der Israelit 26. Juli 1934 Beobachtungen eines Neuankömmlings. Von Dr. —b in Erez Isroel. I. Eine Stadt „zieht um". Es gibt in Erez Jisrael gewisse Gepflogenheiten, die zu verstehen nicht so einfach sind. In der Sprache der Halacha würde man sie als „Minhag Stuß" bezeichnen, da auch nicht das Geringste für Aufrechterhaltung dieser Einrichtungen spricht, diese im Ger genteil das Leben jedes einzelnen erschweren und unbequem gestalten. Und doch hält man an ihnen mit einer Zähigkeit fest, als gelte es, die heiligste Tradition zu retten und zu wahren. Eines dieser unumstößlichen Gesetze ist der „Mucharam". Mucharam ist ein arabischer Monat. Dieser macht so viel von sich reden, daß jedes kleinste Kind in Erez Jisrael, speziell in Jerusalem, das Wort „Mucharam" zu seinem ersten Wortschatz zählt. Und dabei unterscheidet er sich kalendarisch durch nichts von den übrigen arabischen Monaten, deren Namen man hierzulande kaum kennt. Was hat es nun mit diesem „Mucharam" für eine Bewandtnis? Nun :— Muchaarm ist der Monat, zu dessen Beginn sämtliche Jerusalemer Mietverträge abgeschlossen werden, und zwar laufen diese Mietverträge immer von Mucharam zu Mucharam, also nur auf ein Jahr, besser gesagt, auf ein Jahr weniger 11 Tage; denn der Mucharam fällt im Vergleich zu unserem Kalender jedes Jahr 11 Tage früher als im Vorjahre, wandert also mit der Zeit durch das ganze Jahr hindurch. Die Tatsache, daß die Mietverträge nur auf e i n Jahr abgeschlossen werden, wäre nun nicht einmal so schlimm, wenn die Verträge von Jahr zu Jahr erneuert würden. Dieses wird aber in den meisten Fällen nicht gemacht, und es gehört schon zum guten Ton, daß man zu Mucharam „umzieht". Man stelle sich also vor: etwa 70 Proz. aller Einwohner ziehen im Laufe von 2 bis 3 Tagen jährlich um, und man wird sich ein Bild machen können, wie die Stadt Jerusalem in diesen Tagen aussieht. Die Transportmittel reichen natürlich zur Befriedigung dieses Umzugsfimmels bei weitem nicht aus, und doch werden selbst diejenigen „vernünftigen" Menschen, die das Jahr über den Unfug dieses Mucharam-Umzugs bekämpfen und beteuern, daß sie selbst selbstverständlich niemals so etwas mitmachen würden, im letzten Moment von der Epidemie erfaßt, und keine Unbequemlichkeit ist ihnen zu groß, um dann wenigstens sagen zu können: auch wir sind umgezogen. So ein Umzug wird hier nicht, wie wir es aus Europa gewöhnt sind, in eigens hierzu bestimmten Möbelwagen vorgenommen, sondern, wenn man ganz vornehm ist, oder über einen vollgefüllten „Lift-Haushalt" verfügt, mit Lastwagen, in den weitaus meisten Fällen jedoch mit Hilfe von „Sabalim", d. h. Lastträgern, meist sefardische oder jemenitische Juden, ausgestattet mit einer Kraft und Geschicklichkeit, die man niemals hinter diesen schmächtigen Gestalten vermutet. Diese „Sabalim" haben also zu Mucharam ihre Saison, und diese verstehen sie auch auszunutzen, so daß auch nur die Meistbietenden bedient werden. Die anderen mögen sehen, wie sie ihren Umzug bewerkstelligen. — So ein Sabal ist in seinem Fach ein Künstler. Es ist für ihn eine Kleinigkeit, einen halben Haushalt auf seinem Rücken unterzubringen und ihn vom einen Ende der Stadt zum anderen zu befördern. Daß allerdings bei dieser Beförderungsmethode sich kaum eine Versicherungs-Gesellschaft finden dürfte, die eine Transportschaden- Versicherung abschließt, kann man ganz gut begreifen. Wenn schon das Jahr über in punkto Pünktlichkeit hier so manches zu wünschen übrig bleibt, so natürlich erstrecht in dieser Zeit des Hochbetriebs! So kommt es vor, daß der auf 8 Uhr Morgens bestellte Lastwagen nach Vertröstung von einer halben Stunde zur anderen glücklich Abends um 8 Uhr eintrifft, so daß nichts anderes übrig bleibt, als den Umzug bei Nacht und Dunkelheit1 vorzunehmen. Bei all diesen Widerwärtigkeiten atmen naturgemäß all die Umziehenden auf, wenn sie glücklich bezw. unglücklich ihr Hab und Gut in der neuen Wohnung untergebracht haben, und alle schwören es sich zu, den Rummel nicht mehr so schnell mitzumachen. Die Konsequenz aber ist: — zum nächsten Mucharam wird wieder gezogen! (Fortsetzung folgt.) Trost- Auf drei Wochen der Trauer folgen s i eben Wochen des Trostes. „Eine Weile habe ich mein Auge von Dir abgewendet, aber mit großem Erbarmen nehme ich Dich wieder auf," ist in einer dieser Trost-Haftoroth zu lesen. Mit einem doppelten tarn wird diesen Sabbat die Reihe der Tröstungen eingeleitet. Wie der Prophet das geschlagene Volk trösten wollte, glaubte dieses Volk, es sei nur menschlicher Trost und ließ sich nicht trösten. So mußte der Prophet wiederholen: DD'pl^N naiT ianj< „Den Trost bringe ich meinem Volke im Auftrage eures G'tte s." Es ist nicht menschlicher, sondern g'ttlicher Trost! Doch, was ist das, g'ttlicher Trost im Gegensatze zu dem Tröste, den Menschen bringen? Der Dubner Maggid hat dafür ein reizendes Gleichnis: Stand da ein kleiner Junge und weinte bitterlich. „Was ist Dir passiert, Kind?" fragte ein Vorübergehender. „Ich habe meinen Groschen verloren," jammerte der Kleine. „Ich schenke Dir einen anderen Groschen," sagte der gute Mann. Der Kleine steckte die Münze ein, hörte aber nicht auf zu weinen. „Und warum weinst Du denn jetzt noch?" fragte der Fremde. „Hätte' ich meinen Groschen nicht verloren, so hätte ich doch jetzt zwei Groschen," jammerte der Junge. So sieht menschlicher Trost aus. Menschen können Ersatz schaffen, sie schaffen Freude neben dem Schmerze, aber der Stachel bleibt. Ein anderer Fall: Ging da ein Landmann mit einem Sack voll Weizen über das Feld und der Sack ging auf und all die Weizenkörner lagen nun verstreut da. Er war sehr betrübt über diesen Verlust, denn an ein Einsammeln der weitver? streuten einzelnen Körner war nicht zu denken. Wie er aber im Frühling an die gleiche Stelle kam, sah er aus jenen verstreuten Körnern ein ganzes Weizenfeld aufblühen. Wie ungemischt war des Mannes Freude! Er konnte nicht mehr an jenen kleinen Verlust denken, nachdem doch der Verlust selbst zu Quelle dieses Segens geworden ist. Wenn uns G'tt seinen g'ttlichen Trost angedeihen läßt, so läßt er uns erkennen, daß das Heil aus dem Schmerze selbst hervorgegangen ist wie jenes Weizenfeld aus den zerstreuten Körnern. — Und das ist das Besondere des g'ttlichen Trostes. Wie es auch in den Psalmen heißt: „Du verwandelst meine Klage mir (Klage selbst) in einen Reigen, Du lösest meinen Sack und umgürtest mich mit Freude . . ." * An anderer Stelle und zwar im Zusammenhang mit den Tröstungen, die Joseph nach dem Tode des Vaters für die ängstlichen Brüder hat, erzählt uns der gleiche Erklärer zur Veranschaulichung des g'ttlichen Trostes eine andere hübsche Geschichte: Ein König hatte einen Ring, wie es keinen schöneren und wertvolleren auf Erden gab.. Es war der Stolz seines Lebens. Da entdeckte er eines Tages zu seinem großen Schmerze eine kleine Scharte am Ringe. Man berief alle großen Goldschmiede des Landes, daß sie den Fehler ausbessern. Aber keiner von ihnen wußte ein Mittel, den Schaden gutzumachen, ohne daß der Ring an Wert und Schönheit, dabei etwas einbüßte. Da kam ein großer Künstler aus weiter Ferne. Er nahm das Kleinod in die Hand und meinte, der Ring habe einen großen Fehler. Die Scharte? Nein, es fehle Namen und Wappen des Königs darin. Sofort wollte er dieses nachholen. „Und," stellte er plötzlich mit Freuden fest, „hier ist ja schon der Ansatz dafür, die kleine Scharte, wo man am besten mit dem Griffel ansetzen kann." So wird der Schaden selbst zum Ausgangspunkt des höchsten Glückes . . . Das ist g'ttlicher Trost! . . . Ein Großer stirbt. Ueber den Tod von Rabbi Jochanan ben Sakkai, der uns mit der Schule zu Jabne das Heiligste aus dem Zusammenbruch von Tempel und Staat gerettet hat, wird im Talmud Brachoth berichtet: Die Schüler kamen ins Krankenzimmer und fanden den Meister in Tränen aufgelöst. „Leuchte Israel, rechte Säule und starker Hammer, warum weinst du?" fragten die Jünger. Und der Meister: „Wie sollte ich nicht weinen. Stellte man mich vor den irdischen Richter, dessen Zorn und dessen Macht ja nur flüchtig sind, den man vielleicht auch mit Worten oder mit Geld bestechen kann, könnte ich dann ohne Angst vor ihm erscheinen? Nun ruft mich der König aller Könige, gelobt sei Er, vor dessen Wahrheitsspruch kein Vorwand, keine Ausrede, keine Täuschung noch Selbsttäuschung mehr gilt, wie sollte ich da nicht weinen?" „Und überdies: Ich sehe, wie sich' zwei Wege meinem Auge a.uftun, der eine führt ins Paradies, der andere zum Strafgerichte, und ich weiß nicht, welchen Weg man mich führen wird, wie sollte ich da nicht weinen?" „Rabbi, segne uns!" baten die Schüler. „Möge die Furcht vor G'tt euch so erfüllen, wie die vor Menschen." „Ist das alles?" flehten die Schüler.' Und der sterbende Rabbi: „Es ist viel, meine Söhne, es ist alles. Wie viele schauen sich doch um bei der Begehung einer unrechten Tat, ob sie nicht von Menschen gesehen werden, wie wenige aber denken dabei, daß sie G'tt im Himmel sieht?!" Und da die Minuten des Abschiedes nahten, sprach der Rabbi: „Traget die Geräte aus dem Zimmer, daß sie nicht unrein im Totenzelte werden und holet einen Sessel für C h i s k i j a h , den König Judas, den . ich kommen sehe, um mich zu holen." Kurze Erklärung. Die drei Titel, die die Schüler für den scheidenden Rabbi haben, dürfen wohl der dreifachen Aufgabe dieses Meisters entsprechen. Er war der große Lehrer, der in die Tiefen des Wissens geleuchtet hat, darum: Leuchte Israels. Er war der geniale Führer, der das Volk der Thora in all seinen Teilen unter der Fahne zusammenhielt, darum: Rechte Säule. Er war aber auch mutiger Kämpfer, wenn es sein mußte: gegen die Sadduzäer, gegen die G'ttesleugner aller Art, gegen die Uebermütigen, die sich mutig dünkten, wenn sie den ungleichen, von G'tt nicht gewollten Kampf gegen das mächtige Rom aufnahmen. Darum nennen sie ihn zuletzt * Starker Hammer, Hammer, der zerbrechen, aber noch mehr schmieden kann. An diesen drei Bezeichnungen könnt Ihr das Wesen und zugleich die ganze Lebensgeschichte Rabbi Jochanans ben Sakkais erkennen und verfolgen. Daß gerade C h i s k i j a h , der König von Juda, kommt, um die Seele des Rabbis abzuholen, kann man verstehen, wenn man diesen König aus Bibel und Talmud kennt. Nicht kriegerische Machttaten werden ihm nachgerühmt, sondern daß die Thoralehre zu seiner Zeit im Lande in höchster Blüte stand; so sehr, daß man „von Grenze bis zur Grenze kein Kind finden konnte, das nicht bewandert war im Gesetze". An seinem Grabe, heißt es weiter, erhob sich eine Jes c h i w a , eine Thorapflanzstätte. Damit ergibt sich die starke seelische Verwandtschaft des Königs Chiskijah mit Rabbi Jochanan ben Sakkai von selbst. Hebräisches Worträtsel. Das Wort mit j? darfst Du nicht üben, Willst Du nicht das mit v trüben. Setzst Du stattdessen ein n, hören wirs gern, Scheint es uns auch noch etwas fern. Briefkasten. B. K. in H. Wenn Sie uns vorhalten, daß wir im Gegensatze zu einem anderen jüdischen Familienblatte so wenig über die „jüdischen Qualitäten" P a 11 e n - b e r g s gebracht haben, so sei Ihnen mitgeteilt, daß nach Wiener Zeitungsmeldungen die Leiche Max Pallenbergs am Sabbat, den 30. Juni 1934, im Krematorium der Stadt Wien um l/2 12 Uhr vormittags eingeäschert worden ist. Die Verbrennung wurde auf Veranlassung seiner, in jenem Blatte ebenfalls äls gut jüdisch geschilderten Witwe, Frau Fritzi Massary , vorgenommen.