Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1934)
- Date
- 1934-07-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 30 1934 Meister Buchbinder. Erzählung von S. Kohn. (Fortsetzung.) „Diese Stelle findet sich in dem so vielfach verschrieenen Talmud, vor?" frug der Reisende überrascht. : : „Gewiß, denn mein Vater bestätigte das Zitat des geistlichen Herrn, und jener hatte sich während'seiner Knaben- und Jünglingszeit ausschließlich mit dem Studium des Talmuds beschäftigt.'' ,,Was hatte Ihr: Vater auf des Pfarrers Vorschlag zu erwidern?";;•' „Vor allem den berechtigten Zweifel,, ob ein zünftiger Meister einen jüdischen Lehrknaben aufnehmen wird, ob dieser je Geselle oder gar Meister werde, werden körine; —- aber der Herr Pfarrer wußte seine Bedenken siegreich, aus dem Felde zu schlagen. Was einen Lehrherrn anbelangte, wollte er selbst sich um einen passenden für mich bemühen; er kenne einen Buchbindermeister in einem - kleinen ,p&hrisphen _ S&^Sh^ii' den er als Waisenknaben -unterstützthatte; : der ihm daher vielen Dank schulde. Dieser würde ganz gewiß einen anstelligen LehrknaBfen, '' riamentlich einen,.solchen, de.r einen gewissen Grad von Bildung besitzt, gerne aufnehmen; auch wenn dieser ein Jude; — die Bttdhbi'nderler;wäre nicht allzuschwer zu erlernen.'.V^L ^yier .\Jahren; als' Geselle könnte ich. schon;.so yiejl erwerben, um mich allein zu erhalten,: die Welt ^sei groß genug, und es würde ja nicht ' überall so große Intoleranz herrschen! — wenn ich das Meisterrecht erlangt habe, so könnte ich bei meinen Glaubensgenossen ausreichende Arbeit finden; — und endlich," fügte der Pfarrer scherzend hirizü; „würde ich mit den Büchern, die ich liebgewonnen, doch in irgend einer Berührung bleiben,'und ich muß es gestehen,; daß dieses Argument^ mir; riiehr Liebe für die Buchbinderei als zu . irgend einem andern Handwerke einflößte."; •> . „Ja, es ist ein recht schönes Gewerbe," schaltete der Reisende ein, „aber nicht gar so leicht, wie der Pfarrer zu glauben schien. Bedenken Sie nur, was ein tüchtiger Geselle alles kennen und lernen muß: Planieren, Falzen, Schlagen, Pressen, Heften, Abformen, Beschneiden, Besprengen, Vergolden, Deckel ansetzen, Ueberziehen usf. Ich sag' es Ihnen, einen schönen, netten Franzband mit feinen äußeren Verzierungen herzustellen, ist keine leichte Arbeit, das laß' ich mir nicht sagen,!." Der Geselle blickte freudig zu dem Fremden auf, der so warm von seinem HandweVke sprach, und sagte höflich: r i . „Ja, lieber Herr! mäh sieht, daß Sie ein tüchtiger Buchbinder sind. Sie müssen gewiß ein sehr schönes Meisterstück geliefert haben, die ehrsame Wiener Buchbinderzunft wird bestimmt große Ansprüche an ihre Meister stellen." „Wir wollen ja nicht von m i r sprechen," meinte der Wiener mit einem leichten Anfluge von Ungeduld, „erzählen Sie weiter!" und Löwi fuhr fort: „Ich trat zu, .Meister Martin Domba in die Lehre; die Kost hatte., ich in einem jüdischen Hause, am Samstag war ich frei." „Wurden Sie gut behandelt?" frug der Reisende. „Der Meister war kein übler Mann, auch mochte er Rücksicht gegen meinen und seinen Wohltäter, den Herrn Pfarrer, nehmen; die rohen Gesellen versuchten es anfänglich, mich zu necken, ja sogar zu mißhandeln; aber da ich gleich bei dem ersten Versuche, ihnen mit ruhigem Ernste erklärte, gerne meine Pflicht zu tun, aber Ungebührliches nicht zu ertragen, ihnen durch meine früh entwickelte Körperkraft Respekt einflößte, endlich da sich auch der Meister auf meine Seite stellte, so blieb ich ferner unbehelligt." ' „Sie sind ein kluger und energischer Mensch," unterbrach ihn der Reisende wieder. „Sie gehören ganz gewiß in eine andere Lebensstellung." Der Buchbindergeselle zuckte leicht die Achsel und fuhr fort: . \ „Nach vier Jahren wurde ich freigesprochen; an demselben Tage;' an dem ich Geselle wurde, empfing ich durch 'einen Boten die Nachricht, meines Vaters Kränklichkeit hätte sich sehr verschlimmert, er sehne sich darnach, mich zu sprechen; wenn ich ihn lebend finden wollte, so müßte ich nach Hause eilen." „Ich fand meinen guten Vater noch bei völleiri Bewußtsein, trotzdem aber doch schon in den letzten Zügen; einige Glaubensgenossen waren anwesend, um die Gebete bei dem Sterbenden .abzuhalten. Als ich in sein ärmliches' Kran- ,;kenziinmer trat,:''überflog ein freudiges Lächeln die Züge des Sterbenden. „Ich bin glücklich," sprach er, „Dich noch vor meinem Scheiden zu sehen; noch Abschied von Dir nehmen zu können . . . ich laß Dich allein zurücksahen dcr.< allmächtige, allbarmherzige G'tt •ist ei'ri Sfeh'ützerMer'Waiiäen, er'^wird'mit Dir sein; . , Y sei brav, ein redlicher Mensch,' ein frommer Jude" . . .. und G'tt segne Dich!" „Ich l war tief erschüttert an sein Lagery niedergesunken, er tastete mit seinen erkaltenden erstarrenden Händen nach mir, und legte;sie segnend auf mein Haupt, dann sank, er zurück, clie Agonietrat ein . eine Viertelstunde . später stand ich allein, verlassen, ohne Freund in der Welt!" , ' ' Wieder hielt Naftali Löwi tief bewegt, inne. „Ich bedaure Sie aufrichtig," meinte der Wiener, „wie erging es Ihnen weiter?" „Ich habe nicht viel' mehr zu erzählen; — nach Verlauf des Trauermonats trat ich die'Wanderschaft an, auf der ich mich nun schon durch dreiviertel Jahre befinde; die Resultate derselben, haben Sie aus meinem laütgeführten Selbstgespräche erfahren; — ich habe bis jetzt noch keinen Buchbindermeister gefunden, der mich zum Gesellen mochte. Ich will noch versuchen, bis nach Sulzbach in Bayern zu kommen, wo ein jüdischer Buchbindermeister eine Werkstatt halten soll, nimmt mich auch der nicht als Geselle, — so muß ich denn doch zu etwas anderem greifen." „Wie wäre es, wenn Sie zu Ihrem Lehrherrn — ich glaube Martin, Domba haben Sie ihn genannt — zurückkehrten?;— der würde Sie vielleicht aufnehmen."' ■■■>'■ „Ich hatte schon vor^ drei Monaten daran gedacht und ihm deshalb geschrieben; -—.aber er ist total verarmt und muß in seinen alten Tagen selbst in fremder Werkstatt als Geselle arbeiten." „Wie haben Sie sich die lange Zeit ohne Ar-; beit erhalten können?" frug der Fremde nach einer kurzen Pause wieder, „da müssen Sie sich wohl stark aufs „Fechten", wie man das Betteln der Handwerker nennt, verlegt haben?" Naftali Löwi errötete. „Lieber Herr!" entgegnete er bescheiden; ' aber gekränkter Stolz zitterte doch durch seine Stimme, „ich glaube, Ihnen vor wenigen Minuten, als ich Ihr großmütiges Darlehen zurückwies, den Beweis erbracht zu haben, daß ich kein Bettler bin. Ich habe während meiner neunmonatlichen Wanderschaft keinen Menschen um eine Gabe angesprohen. Ich hatte in meines Vaters Nachlasse ein . kleines Säckchen Geld gefunden, das — wie mich ein von seiner Hand geschriebener, beiliegender Zettel belehrte, von ihm mühselig zusammengespart worden war, um die Kosten zur Erwerbung meines Meisterrechtes zu decken; dann verkaufte ich auch sein Mobiliar und die Hauseinrichtung, so daß ich hundert Gulden auf die Wanderschaft mitnehmen konnte. Von dem Kapitale habe ich bis heute gelebt; ich habe, das werden Sie mir glauben, lieber Herr, nicht glänzend gelebt —• aber ich habe wenigstens bis heute noch keines Menschen Hilfe angesprochen." „Brav!" rief der Wiener fast unwillkürlich . .. „Was ist das nächste Ziel Ihrer Wanderung?" „Das Bergstädtchen A.; ich glaube dasselbe in einer Stunde zu erreichen." „So? Da glaube ich morgen einzutreffen; •— Sie schlagen den geraden Weg dorthin ein, während ich einen Umweg mache . . . ich werde auf der Hauptstraße von meinem Reisewagen erwartet. Es; würde mich freuen, Sie morgen dort, zu sehen — übrigens, will Ich mir doch Ihren Namen und Geburtsort notieren."; „Naftali Löwi aus'Neuhof in Mähren," wiederholte der Geselle. .. Der Wiener nahnr das Notizbuch, dasselbe, in welches er das Papiergeld wieder eingesteckt hatte, aus, ..der Tasche, - sährieb ' den Namen; ein und schob es wieder an seinen Ort zurück. „Wie gesagt, ich hoffe, daß wir uns morgen in A. sehen; jedenfalls wünsche ich Ihnen recht -.viel Glück!" Er lüftete den Hut und schritt nun rasch, der Kaiserstraße zu/;':r,)':- ';">I:i Wir kennen-nun schön Naftalf LöWi's Gewohnheit, seine Gedanken laut auszusprechen; — auch als . der Fremde sich verabschiedet hatte, fiel er dieser anheim und sprach laut: ':' „Schade5, daß der Mann da sein Handwerk ausgegeben, na'tfich v-bin!eberi - kein Glückskind, ,der erstje Meister, den ich finde, der mir gefiele, und der mich vielleicht"-als Geselle*''aufnehmen möchte, hat das. Geschäft^ aufgegeben . . eigentlich bin ich doch ein ganz gehöriger .Dummkopf,',', fiel es;Naftali Löwi jetzt urplötzlich ein; — „ich. hab' mich von dem lieben guten Herrn so gründlich ausfragen lassen, und habe ihn nicht um seinen Namen gebeten . . . bah! es kann mir doch vollkommen gleichgültig .sein, wer er ist! Aber jetzt bin ich; gehörig ausgeruht, ich muß doch schon ans Weitergehen denken!" Löwi hob seinen Ranzen auf, um ihn sich auf den Rücken zu schnallen. „Herr G'tt im Himmel! —. was ist das?" rief er erschrocken, „da liegt ja ein Notizbuch; das hat der Wiener Büchbinder, als er es in die Tasche zu stecken glaubte, fallen lassen!" Mechanisch öffnete er dasselbe, es lag eine große Summe Papiergeldes darin, so daß es Löwi vor Schreck ganz heiß überrieselte; — er warf einen Blick auf die Notizen, hoffend, aus diesen die Adresse des Reisenden zu finden; aber er fand nur Namen, darunter auch seinen eigenen, bei denen einige Worte in einer ihm unbekannten Chiffreschrift standen. „Da bleibt mit nichts anderes übrig, als dem ungeschickten lieben Manne nachzueilen," meinte er, „ich komme zwar aus der Richtung, aber der Mann, wenn er auch ein sehr reicher Bürger zu sein scheint, wird doch heftig erschrecken, wenn er bemerken wird, daß er einen so großen Haufen-Geld verloren hat . . - ich glaube, er hat den zur Kaiserstraße führenden Weg'eingeschlagen!" Naftali Löwe.setzte sich nun in raschem Trabe und er war kaum einige hundert Schritte gelaufen, als er schon in einiger Entfernung den Reisenden gemächlich der Haüptstraße zuschreiten sah. „Herr Meister! Lieber ■ Herr!" schrie Löwi aus Leibeskräften und schwenkte dabei das Notizbuch in der hocherhobenen Rechten, um dem Reisenden anzuzeigen, um was es sich handle. „Sie haben Ihr Geld verloren!" (Fortsetzung folgt.)