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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 30 Der Israelit 26. Juli 1934 lichenden ,-E r 1 ö s u n g der Natur zum Reiche G'ttes, der ewigen Zukunft der Welt. Diese Weltbetrachtung, in der die Zeit nicht mehr eine apriorische Form des Denkens ist, sondern wieder Bedeutung .eines Realen erlangt hat, kann nicht in stummen mathematischen Gedankensymbolen durchgeführt werden; sie fordert ein neues, ein anderes Mittel der Erfassung und Darstellung. Das Denken entsprach einer verräumlichten, gegenständlichen Seinswelt, aber versagt gegenüber der in der Zeit werdenden, in gegenseitiger Beziehung sich auswirkenden Welt des Tatsächlichen. Diesem vermag nur die Sprache, das Sprachdenken, gerecht zu werden; denn sie, die Sprache, war von Urbeginn an geschaffen und ist in ihrer steten Neuwerdung im Moment des Sprechens das richtigste Gegenbild der sich in jedem Augenblick neu vollziehenden Offenbarung und der immer wieder aufgenommenen welterlösenden Liebestat des Menschen. Aber wenn wir so in Andeutungen uns ergehen, erfüllt uns zugleich das Bewußtsein, daß es ein wertloses Beginnen; ist, mit solch herausgegriffenen, verschwommenen Linien Grundriß und Aufriß des Systems wiedergeben zu wollen. Man muß eben das Buch von Else Freund studieren. Wir glauben allerdings nicht, daß dessen Lektüre eine leichte ist. Vielleicht hat;;die, Kürze daran Schuld, Wir hätten . gewünscht,, daß .die Darstellung noch, mehr auf einen, Durchschnittsgebildeten Rücksicht nimmt, gar keine Voraussetzungen fordert und sich ganz unabhängig macht von der Bekanntschaft und dem Verständnis anderer philosophischen Werke. Aber selbst derjenige, der keine philosophische , Vorbildung mitbringt, wird bestimmte, Partien -des Bu^n.e5sj. vor allem die herrliche Einleitung, die LJebersicht über Rosenzweigs Werke u. vi a. m. mit großem Gewinn lesen können. Bückerbesprechungen. Die Psalmenverdeutschung von den ersten Anfängen bis Luther. Beiträge zu ihrer Geschichte. Mit tabellarischen Uebersichten. Zweite Hälfte mit acht Bildtafeln. Herausgegeben in Gemeinschaft mit Fritz, Jülicher und ' Willy L ü d t k e von Hans Vollmer. Hamburg. 1 9 3 3. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion m. b. H., Potsdam. VI. und 288 S. Preis Mk. 20.—. *" Die zweite Hälfte, die das Werk vervollständigt, \at gehalten, was die erste Hälfte, die hier in Nr. 22 von Herrn Posner angezeigt wurde, versprochen hat. Der Abschnitt Volkstümlicher Gebrauch derPsalmen gibt u. a. die „nutzperkeit der psalm" (S, 12) an, d. h. ihre Gebrauchsanweisung, bei welchem Anlaß der jeweilige Psalm zu lesen ist. Weshalb Jes. 113 (= 114] beim Fischfang helfen soll, gründet sich vielleicht auf v, 5. All das ist uns nicht fremd; und wenn wir in der Vorrede zum "P salter aus Würzburg bezw. im Prolog des Heinrich von Mügeln lesen: „Es ist zu mercken das etlich psalm sein die man ploslich nach der geschafftverstet und das selbig haist leiplich verstanden, als die Juden verstien aller hailigen geschrifft mit dem munde leiplich und nit gaistlich. do von sind sie plint an den synnen und betrogen. So sind auch etlich psalm die wir gaistlich verstien sollen, thun die Juden nit" (S. 47), so lächeln wir nur; die Schreiber haben keine Ahnung davon, welche Rolle die Psalmen im Leben der Juden spielen und daß sie nicht bloß wörtlich genommen werden; freilich deuten wir sie anders als jene. — Der Zweckbestimmung einzelner Psalmen dient auch das Register des Radolt'sehen Psalterdrucks (S. 20 f.); die Entstehungsgeschichte des betr. Psalms ist freilich oft erfunden. In diesem Band interessieren uns hauptsächlich die Tabellen zu Jes. 101 (= 102), 2—8, Jes. 138 0= 139) und von den C a n t i c a , d. h. den Gesängen und Gebeten, die in der Liturgie verwendet wurden, z. B. Canticum des Mose (Exod. 15), Gebet des Jesaia (Jes. 12), Gebet der drei Jünglinge (Dan. 3): das Gebet der Anna (I. Sam. 2, 1—10). Diese Tabellen, die jetzt nicht in einem besonderen Heft beigegeben sind, sondern den größten Teil des Buches selbst bilden (SS. 73—264), zeugen von der außerordentlich fleißigen Arbeit, die der Verfasser geleistet hat. Von Ps. 101 haben wir 64, von Ps. 138: 38, von Canticum Annae: 29 Versionen, und zwar von der Vulgata über Notker (St. Gallen, 10.111.. Jahrhundert) bis Luther. Es gewährt einen eigentümlichen Reiz, die verschiedenen Uebersetzungen, bezw. Uebertragungen und Auslegungen zu vergleichen. Schade, daß der hebräische Urtext nicht an die Spitze gesetzt ist; der Vergleich wäre dann noch nutzbarer und wirkungsvoller. Der Verf. führt ja selbst in seinen Erläuterungen zu einigen Stellen das Hebräische an. — Auf Einzelheiten einzugehen, müssen wir uns versagen. Die Tabellen sollen erweisen, daß Luther mannigfach aus den früheren Verdeutschungen geschöpft hat; aber sein Verdienst wird dadruch keineswegs geschmälert. „Es bleibt wirklich genug Großes an seiner Tat, auch wenn man objektiv anerkennt, was vor ihm geleistet wurde und was er andern verdankt" (S. 69). Eine höchst willkommene Beigabe sind die schönen acht Tafeln, z. B. Tafel V, das Idyll aus Ms. graec. der Pariser Nationalbibliothek, namentlich Tafel II und III mit ihrer Wiedergabe der Initialen. Ihre Deutung finden wir S. 25 ff., teilweise in Anlehnung an das Werk von Ad. Goldschmidt: „Kunstgeschichtliche und literargeschichtliche Forschung müssen Hand in Hand gehen, um die Befruchtung unserer Kutlur durch die Bibel zu erfassen" (S. 70). Diese Tafeln, wie überhaupt die Ausstattung des Werkes, zeugen von der Leistungsfähigkeit des Verlages, Ich möchte ihier darauf hinweisen, daß in der Akademischen Verlagsgesellschaft Athenaion auch das Handbuch der Literaturwissenschaft erscheint, in Großqüarto, mit reichlichen sinnvollen Illustrationen, darin Drie Althebräisc-he Literatur und ihr Hellenistisch-Jüdisches Nachleben von Johannes Hempel; vier Lieferungen liegen bereits vor. Das Glossar zu beiden Hälften, nämlich die alphabetische Aufzählung 'der altdeutschen Wörter, sowie das Stellenregister ierleichtern den Gebrauch des Werkes und erhöhen seinen Wert, Sehr bedauerlich ist, daß' ein Schreibfehler sieb, durch diesen ganzen Band zieht (S. 1, 57 f., 198 ff. 285); das Canticum Annae I. Sam. 2, 1—10 wird stets unter I. Reg. 2, 1—10 angeführt. Josef Caro.*) Die kosmologischen Probleme der Physik. Von Arthur ,(- H a a s , i Dr. phil.,'Professor für Physik'• an. derii Universität in Wien. Mit-6-Abbildungen. L e i p- - zig. 1 9 3 4.-.. Akademische Verlagsgesellschaft.; 124 Seiten. ' Auf dieses wenig umfangreiche Büchelchen in' Kleinoktav päßt dieBezeichnung riwsn 3iv nuon oyn und dies um so mehr,) wenn man berücksichtigt, daß seine zweite Hälfte .jder relativistischen, Kosmologie fewidmef ist, bei der-es. natürlich ohne mathematische ormeln nicht abgeht. 'Diese mag der mathematisch nicht interessierte'Leser ruhig beiseite lassen; er findet dafür in der-ersten Hälfte des. Ueberraschenden eine solche Fülle und zwar in so klarer Darstellung und leicht Verständlicher, flüssiger Sprache, daß er das Büchlein mit hoher ästhetischer Befriedigung und reichlicher Belehrung genießen wird. Es handelt sich hier um -einen zusammenfassenden Ueberblick über die Physik des Weltalls, die uns immerhin einen schwächen Schimmer von der unfaßbaren Unendlichkeit seines Schöpfers vermittelt. Man versuche nur 'einmal, bloß die verhältnismäßig harmlose Größe des L i c h t j a h res "sich deutlich vorzustellen, also eine Strecke, zu deren Zurücklegung der Lichtstrahl, der eben mein Auge trifft, sich genau vor einem Jahre d. h. vor 31 Million 336 Tausend Sekunden auf den Weg gemacht und in jeder dieser vielen Sekunden die Kleinigkeit von 300 000 Kilometer hinter sich gelassen hat.; Da die in der Wissenschaft übliche irdische Längeneinheit das Zentimeter ist, so beträgt das Lichtjahr' nicht weniger als .1018 cm, d. i. 1 Trillion; cm. Seitdem die Astronomie ihr Forschungsgebiet auch auf die Metagalaxis erstreckt, d. i. auf den Raum außerhalb des Milchstraßensystems, sind ihr Entfernungen geläufig, die mit vielen Tausenden von Lichtjahren anzugeben sind. Kugelförmige Sternhaufen reichen bis zu 200.0ÖÖ Lichtjahren, der' Andromedanebel mit seinen 850.000 Lichtjahren Entfernung liegt, also weit außerhalb unseres Stern.-. Systems. Noch weit mehr übersteigt unsere Vorstellungskraft die Entfernung Von 200 Million Lichtjahren, bis wohin das gegenwärtig vollkommenste Fernrohr der : Mount-Wilsdn-Sternwarte reicht. Aber auch dieses Teleskop wird bald übertroffen .werden vpn einem im Bau;begriffenen mit doppelt so großer Reichweite, Als obere Grenze für den Radius der inneren Metagalaxis ergibt sich etwa 100 Milliarden Lichtjahre und diesen unfaßbar großen Raum füllt eine endliche Zahl von Sternen entsprechend dem rnaia D'aais^ naoa des Psalmisten. Es mag mit diesem kurzen Hinweis auf die Reichhaltigkeit des Haas'schen Büchleins sein Bewenden haben. Leser unseres Kreises werden mit besonderer Befriedigung auf S. 60 einen Satz von dem Londoner Professor Mi 1 n e aus einer Vorlesung des vorigen Winters finden, der sich mit unserem Bekenntnis im täglichen Morgengebet vollkommen deckt: vmn nusn jrwinn neya mn bv boi- Er meint: wenn man unter „Schöpfung" das kosmologische Alter null versteht, *) Diese Besprechung ist wohl eine der letzten schriftstellerischen Arbeiten des heimgegangenen Verfassers gewesen; auch sie legt Zeugnis ab von seiner unvergleichlichen Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit und ehrt sein Andenken. Red. könnte man sagen, daß Schöpfung nicht ein einmaliger; Vorgang, sei, sondern daß sie unaufhörlich der unendlich .dichten Schichte an der Grenzfläche als einem unerschöpflichen Reservoir entquillt. Kalifeins. 21. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft für das Jahr 1934. Heidelberg. Carl Winters Universitätsbuchhandlung. Das neue Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft macht, um dies von vornherein festzustellen, einen äußerst erfreulichen Eindruck insofern, als es ganz in der Sphäre objektiver Wissenschaft verharrt und dem Zeitgeschehen und den Zeittendenzen nur ganz von ferne in leisen Untertanen Zugeständnisse macht. Das gilt auch für die umfangreichste Arbeit der philosophischen Abteilung des Buches, die Studie von Georg Stock in Berlin „Schopenhauers Grundlehre und die Wege der neuen Rechtsphilosophie." Allerdings wissen wir nicht, ob die Interpretation, die Stock den Anschauungen des Regierungsrats Nicolai gibt, den Intentionen dieses Rechtsgelehrten selbst vollkommen entspricht. Stock hebt aus den Nicolai'schen Ausfuhr! runden jedenfalls mit Recht hervor, daß auch er anerkennt, es gebe „wertvolle und verdienstvolle Nichtarier", sowie daß es bei der Führerauswahl allein auf die Leistung der Einzelperson und nicht auf die Erbtauglichkeit des Geschlechtes . ankomme. Stock betont mit größter Schärfe, daß der Staat sich unter die Rechtsidee zu stellen habe und bestreitet dem Staate auch das Recht, Volks- und Schicksals^ ' genossen das Zugehörigkeitsgefühl, zur Volksgemeinschaft abzusprechen, weil sie einer bestimmten Rasseangehören. Geistvoll ist die Arbeit von Karl Weihe, Frankfurt a. M. „Philosophie der Technik" und die Zurückführung dieses Zweiges der Philosophie auf die- : Schopenhauör'sche Willensmetaphysik. Die Symbolik , der jüdischen Sabbatvorschriften hinsichtlich der Werkeinstellung gewinnt unter diesem Gesichtspunkt ein ganz besonderes Gewicht; Aus: " dem ' sonstigen Inhalt des Buches ist Friedrich Lipsius' Arbeit über „Schopenhauer und das Raumproblem" hervorzuheben und aus dem reichen Inhalt der biographisch-historischen Abteilung und den vermischten Beiträgen die rAnregungiermejs itälidMsch'en Philosophen äh'-'die' Ver- ~ -ehrer der Philosophie;iSchopehhauersv eine Art' Reinigung der Schopenhauer'sehen Philosophie-: von ihreff 'ursprünglichen:, später verlassenen Bindung an Kant vorzunehmen.; Unter den außerordentlich zahlreichen .LiteraturbesprechüngenV die der Band enthält; ist die eingehende Betrachtung des ■ am dieser Stelle früher bereits angezeigten bedeutsamen Buph^s von, Friedr rich Kot t j e '? „Illusionen der. Wissenschaft' aus de'p Feder von - Franz' M o lc'rau e r in'Kopenhagen selber ein wertvoller; Beitrag zur Kultur- und Wissenschäfts-' kritik der Zeit. Die Generalversammlung der-Schoh, .; penhauer-Gesellschaft hat im Oktober;in Frankfurt, ,; a. M. stattgefunden. Grübeleien, Erlebnisse und Bekenntnisse von Gustav Frenssen: Berlin. G. ■•• Gr o t e ' s c h e- Verlagsbuchhandlung.;j Diese Gedankensammlung des berühmten ehemaligen Pastors und späteren Romanschriftstellers wird in immer neuen Auflagen hergestellt und hat schon das- , dreißigste Tausend überschritten. Sie enthält in zwangloser Aneinanderreihung Ideen von verschiedenartiger Tiefe und * verschiedenartigem Werte, die in den Jähren 1890 bis 1905 vom Verfasser auf Grund seiner Alltagserlebnisse niedergeschrieben worden sind. Wo man das Buch anpackt, ist es interessant, Auch das Kleinliche und Alltägliche gewinnt unter dem geistvollen und immer in die Tiefe dringenden Blick des Verfassers einen symbolhaften Charakter und weist auf metaphysische Hintergründe des Geschehens über sich selbst hinaus. Dabei können wir nicht behaupten, daß uns die Weltanschauung Frenssens, die eigentlich diejenige eines ziemlich freidenkenden, der Kirche und der Ueberlieferung höchst kritisch gegenüberstehenden Modernen ist, besonders sympathisch wäre. Interessant ist, daß von Anfang an, also noch '■ehe politische Momente dabei mitspielten, Frenssen . von der Bedeutung des Rassegedankens und insbesondere des nordischen Rassegedankens sehr tief durchgedrungen war; freilich mildert eine liebreiche Menschlichkeit jede rassische Uebertreibung und jedes Umspringen des , eigenen > Rassegefühls in Ungerechtigkeit und Haß gegen andere. Immerhin findet man schon in den Jahren 1900 bis 1905 eine so merkwürdige Wendung wie diese: „Ich mag Tieren nicht nahegegenüberstehen, auch fremdrassigen Menschen nicht. Ich fürchte mich vor ihren Augen, als wenn eine fremde, mir unheimliche und doch mir so nah verwandte brüderliche Seele mich fragend und klagend ansieht." Eine solche Bemerkung von Seiten eines Mannes wie Frenssen zeigt immerhin, daß ein aus der Tiefe des Unterbewußtseins emporsteigendes' Rassegefühl keine politische Erfindung st, sondern als naturhafte Tatsache insbesondere bei nordischen Menschen gewertet werden muß. Wenig angenehm berührt die in dem Buche immer wieder hervorkehrende Neigung, an den sexuellen Bindungen Kritik zu üben. Wer sich ohne allzu starke geistige Anstrengung giestvoll unterhalten und anregen will, kann zu dem Buche jedenfalls mit Nutzen greifen,

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