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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Franz Rosenzweigs philosophisches Lebenswerk. Von Joseph Carlebacli in Altona. Es ist unsere persönliche Ueberzeugung, daß in der jüngsten Gegenwart das philosophisch Tiefste, was über das Judentum gesagt worden ist, das Lebenswerk Franz Rosenzweigs ist. Wir glauben, daß. er unserer Zeit-, der Zeit des Unglaubens, den Weg zum Judentum zurück wie kein anderer weisen kann. Sein Hauptwerk „der Stern der Erlösung" hat nur einen Fehler: es ist zu schwer geschrieben. „Verständlichkeit ist die Höflichkeit der Gelehrten", sagt Arago. Diese Höflichkeit hat Rosenzweig nicht immer bewiesen. Er, der Vollgehaltige, kannte die Bildungsarmut, vor allem die philosophische unserer überbeschäftigten Gegenwart nicht. Der Fünfundzwanzigjährige kam aus der Schule Hermann Cohens nach einer Aufsehen erregenden Dissertation über Hegel, ganz erfüllt von der Problemenwelt der abendländischen Philosophie. Alle diese Kenntnisse ebenso wie seinen umfassenden Ueberblick über die Bildungswelt unserer Zeit, die er aus seinem kulturgesättigten Milieu von früher her mitbrachte, setzt Hosenzweig in seinem Werk als bekannt voraus und vermutet, daß seine Leser ihm auf diesen seinen hohen Standpunkt ohne weiteres folgen können. So ist, abgesehen von der Schwierigkeit ■der Materie an sich, von der komprimierten Darstellung einer neuen unbekannten Gedankenwelt auch schon die Fülle des als bekannt Vorausgesetzten, über die hinweg der Leser gewissermaßen den Standpunkt, des Verfassers erfliegen muß, eine zu große Schwierigkeit, als daß das Werk Rosenzweigs Popularität gewinnen könnte. Der Wunsch, daß uns ein Werk geschenkt werde, durch das der Zugang zum Gedankengebäude der Rosenzweig'schen Philosophie erleichtert wird, ist daher in weiten Kreisen verbreitet. Aber bisher fehlt es daran. Ich selbst habe mich einmal daran versucht, die ersten Andeutungen eines Verständnisses zu vermitteln. Rosenzweig selbst schrieb mir zwar damals:: er hoffe, daß durch diese volkstümliche Darstellung der ,,Reisberg durchgegessen sei, der das Schlaraffenland seines Systems umgibt." Aber nur den Weg zum Paläste konnte ich weisen, keinen Ariadnefaden zur Orientierung im Labyrinth seiner inneren Gemächer geben. Vielleicht muß noch ein Zwischenstadium überwunden werden: nämlich erst müssen einmal rein wissenschaftlich die Fundamente und Linien seines Systems beleuchtet und in ihren historischen Voraussetzungen geklärt werden, ehe sie der großen Allgemeinheit zugänglich werden. Das ist jetzt in der vollkommensten Weise geschehen. Im Verlag von Felix Meiner in Leipzig hat Else Freund eine derartige Arbeit unternommen: „Die Existenzphilosophie Franz Rosenzweigs", ein Beitrag zur Analyse seines Werkes: „der Stern der Erlösung". Ihre Leistung verdient die größte Anerkennung und Bewunderung. Sie gibt mehr, als wie sie versprochen. Es ist nicht bloß eine Analyse des Sterns; es stellt das Hauptwerk in Verbindung mit seinem gesamten literarischen Schaffen und gibt so einen Ueberblick über die Einheitlichkeit und innere Geschlossenheit aller uns von diesem Genius hinterlassenen Schriften. Es deckt den Zusammenhang Rosenzweigs mit seinen philosophischen Vorläufern auf. Es zeigt insbesondere, wie S c h e 1 - 1 i n g , der philosophisch viel umstrittene, immer neue Aspekte enthüllende, dunkelklare Denker der größte Anreger Rosenzweigs gewesen, weil auch sein Schaffen immer um das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung, von Wissen und Glauben, von Denken und Erfahrung kreist. Vor allem aber ist ihre Arbeit darin' meisterhaft, daß sie den gesamten Gehalt von Rosenzweigs philosophischen Positionen ausschöpft, ebenso klar wie taktvoll die Problemenlage und ihre Lösung formuliert und dadurch die Bedeutung wie die Grenze seiner Weltanschauung herausstellt. Die Methode Else Freunds ist dabei ganz überraschend. Sie gibt in der Einleitung bereits eine solch erschöpfende Darstellung, als wenn mit dieser Einleitung allein die Arbeit zu Ende geführt wäre. Dann unternimmt jeder einzelne Abschnitt des Buches es wieder von neuem, die Fragenkomplexe aufzurühren, von andrem Gesichtspunkt aus die Gesamtbetrachtung noch einmal zu beginnen, die Analyse zu vertiefen und die Grundthesen weiter zu verfestigen und zu klären. Vom Anfang her wird so das Ende beleuchtet, vom Ende her der Anfang. Anfang und Ende weisen auf die Mitte, und die Mitte trägt wie eine Grundsäule die anderen Teile. Und gerade dadurch sieht man die ganze Originalität des Denkers Rosenzweig. Obwohl er auf Kant, Hegel und Cohen aufbaut; obwohl Schelling sein Meister gewesen, von dem Else Freund in einem eigenen Abschnitt eine der Rosenzweig'schen Philosophie so analoge Gesamteinstellung und Methodik aufzeigt, daß man im ersten Augenblick glaubt, es bliebe für den Stern der Erlösung nichts mehr an Eigenem übrig; obwohl Buber und Victor Ehrenberg wichtige Anreger Rosenzweigs waren, ist dennoch seine Gesamtschöpfung so originell,- so eigenständig, soweit von Eklektizismus entfernt, daß schließlich doch alle seine Vorgänger in den Hintergrund, treten und seine Weltauffassung als ein neues Gebilde uns in seiner Herrlichkeit mit ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Sollen wir nun versuchen, den Inhalt von Else Freunds Darstellung wiederzugeben? Das ist im Rahmen einer Besprechung unmöglich. Denn kürzer als in den 152 Druckseiten des Else Freund'schen Buches würde es keiner Feder gelingen, das System zu umreißen. Rosenzweigs Philosophie ist Existenzphilosophie, d. h. eine Weltbetrachtung aus der Erkenntnis, daß das Sein des Menschen ein anderes ist als das Sein der Natur, und gewiß als das Sein G'ttes. Es ist eine Philosophie vom menschlichen Standpunkt aus, und zwar des Menschen in seiner Lebensnot, der die selbstherrliche Vernunft zusammenbrechen sieht, der für sein sittliches Handeln eine absolute Richtschnur verlangt, die ihm keine Vernunft geben kann, der deshalb die Offenbarung G'ttes zu vernehmen und in ihrer ewigen Geltung anzuerkennen nicht umhin kann, der daher durch des Offenbarerg'ttes Weisung erweckt, das Ziel der Welterlösung als die Sinngebung seines und des Weltendaseins ergreift. Und wie diese Philosophie die außerdenkliche Realität G'ttes aus der erfahrenen Offenbarung heraus demütig anerkennt, so lehnt sie es ab, Natur und G'tt als Erzeugungen der Vernunft zu betrachten. Die schauervoll ernste Erfahrung des. Todes, welche der Weltkrieg so grauenvoll der Menschheit gebracht hat, führt sie zum Empirismus, zur Anerkennung der Tatsächlichkeit der drei Elemente des Alls: G'tt, Natur% und Mensch. Es ist aber eine völlig andere Betrachtungsweise, ob ich rein denkend, aus Kraft der Vernunft heraus die Welt betrachte, oder auf Grund der Erfahrung, der gläubigen Erfahrung, aus dem Erlebnis der Offenbarung heraus als der seelischen Erweckung des Menschen. Es sind zwei verschiedene Seins- und Verhaltungsweisen: die rationale oder die gläubige Einstellung, die pantheistisch-heidnische des amor dei intellectualis, oder die religiöse, die nicht erkennen, sondern handeln will, die nicht fragt: was ist? sondern: was soll ich tun?, die nicht das All beschreiben, sondern die Welt erlösen will. Schelling unterschied diese beiden Einstellungen als negative und positive Philosophie. Der „Stern der Erlösung" gliedert sich in der Art Hegel'scher Dialektik in drei große Teile: I. Das Denken oder die Thesis, II. Der Glauben oder die Antithesis, III. Das gläubige Denken oder die Synthesis, die aber nicht drei Gedankenstufen, sondern drei existentielle Seinsverhaltungen der Menschen sind; Sie betrachten nicht mehr die Weltelemente G'tt, Natur und Mensch statisch wie Gegenstände, die gedanklich erfaßt und in ihrem Sein erkannt werden sollen, sondern dynamisch, in ihrem gegenseitigen Wirken aufeinander, in ihrer gegenseitigen Beziehung, als ein in der Zeit sich vollziehendes, wirkliches Geschehen, als die Einzelereignisse des großen Weltentages, der anhebt mit der Schöpfung als der vor jedem Augenblick des Denkens liegenden Vergangenheit, der sich fortsetzt in der jetzt, in jeweiliger Gegenwart erfahrenen Offenbarung, und der seine Vollendung erfährt in der von uns zu verwirk-

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