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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 30 Der Israelit 26. Juli 1934 fen. Ja, warum denn nicht lieber versuchen, aus dieser ganzen Wirrnis eines hoffnungslosen Amhaareztums durch Lernen, meinetwegen auch einen „deutschen Schiur" „nach Rosenzweig" herauszukommen? Hier offenbart sich nun die geistige Linie, an der das politische Programm des „Vortrupps" mit der dogmatischen Position, die Schoeps verteidigt, sich begegnen. Den „bekannten Typus des deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens", wie „wir ihn aus der Vorkriegszeit her kannten", lehnt Schoeps ab — aber nicht nur deshalb, weil ihm der „Glaube" des besagten Staatsbürgers nicht genügt, sondern auch weil er sich mit bloßem Staatsbürgertum überhaupt nicht zufrieden geben will. Sein Ideal ist der Jude, der seiner ganzen geistigen Substanz nach von der deutschen Kultur ergriffen und gestaltet ist und der sich — trotz der heute einmütigen Ablehnung von seiten der deutschen Nation — durchaus als Angehöriger des deutschen Volkes, nicht nur des deutschen Staates fühlt. Diese kulturelle Assimilation erscheint Schoeps mit idealem Total-Judentum eben deshalb vereinbar, weil er zuvor dieses letztere seines gesamten Kulturinhaltes, seiner Lebensform und seines Gemeinschaftscharakters vollkommen beraubt und neben der unbewußten Tatsache der Abstammung lediglich Glaubensinhalte als Kriterium des Judeseins übrig gelassen hat. Diese theologische Verstümmelung der großen G'ttesschöpfung des sinaitischen Judentums muß die Orthodoxie ablehnen. Auch sie will die Beziehung des Golusjuden zu seinem Geburts- und Wohnlande keineswegs auf die dürre und formale „staatsbürgerliche" Verbundenheit, auf Steuerzahlung, Gesetzesgehorsam und selbstverständliche Treue und Interessengemeinschaft beschränkt wissen und hat von solcher Beschränkung nie gewußt. Unsre Väter und Mütter haben ihr Heimatland — auch wenn sie um Mitternacht bittere Tränen um das Golusgeschick des G'ttesvolkes, das Golus der Schechina vergossen — im Düster ihrer Ghettostuben in aufrichtiger Hingabe geliebt, und die Führer der modernen gesetzestreuen Judenheit, S. R. Hirsch und seine Genossen, waren wahrlich keine Heuchler, wenn sie aus dem deutschen Humanismus, aus der klassischen Philosophie des deutschen Kulturkreises, ja aus den Aeußerungen der von biblischem Geiste so vielfach beeinflußten und geformten deutschen Volksseele dem Judentum innig verwandte Klänge heraushörten und auf sie in Schule und Jugenderziehung mit aufrichtiger Einfühlung, mit wirklicher Liebe reagierten. Die Sidra spricht zu uns . . . 'n bx pnnxi „Und ich flehte G'tt" an", msnn^ ni^nn nns •pay nx- Du hast nun angefangen deinem Diener zu zeigen . . . Im Alter von hundertundzwanzig Jahren steht der Führer nach einem Leben in unmittelbarer Nähe G'ttes, erst am Anfang. Wie sollten wir uns anmaßen, in einem kurzen Leben mit unzulänglichen geistigen Mitteln alles bis aufs letzte erfassen zu wollen? ü^nwsib im Dm»wv „Hütet Euch für Eure Seelen!" „Fünfmal fordert der Psalmsänger die Seele auf, G'tt zu loben 'n n« 'e?33 'ana-Denn in fünffacher Beziehung repräsentiert sich die menschliche Seele als G'ttes ein Teil; Wie G'tt die Welt erfüllt, so füllt die Seele den Körper aus; wie G'tt, so sieht die Seele ohne gesehen zu werden. Die Seele nährt und erhält den Körper wie G'tt seine Welt erhält; aus reinstem Stoffe ist die Seele, wie G'tt selbst; wie G'tt 'vma B'nn im Weltinneren unsichtbar thront, so sitzt die Seele im Innern des Körpers. So möge denn die Seele den loben, dem sie fünffach ähnlich ist." (Talmud Brochoth 10.) Wer G'tt mit der Seele preist, hat sich aus allem Gewiß: diese aus tausendjähriger Verbundenheit erwachsene Liebe kann uns deutschen Juden auch heute niemand aus dem Herzen reißen, und sie machte und macht uns nicht zu schlechteren Juden, solange die alles beherrschende geistige Macht in unsrem Denken, Fühlen und Wollen G'ttes Lehre und Gesetz bleibt, solange das Kultursystem der Offenbarung in seiner aktiven Assimilationskraft für homogene geistige Werte und in instinktiver Abstoßung aller fremdartigen unser ganzes Sein beherrscht und nicht bloß das nackte credo einer lebensfernen Dogmatik. Läßt aber diese aktive Assimilationskraft auch nur einen Augenblick nach, so werden umgekehrt die assimilierenden Kräfte der Umweltkultur wach und beschwören die ungeheuren geistigen Gefahren für die Substanz des Judentums herauf, denen alles emanzipierte Judentum, auch das auf dem sogenannten „Thora im Derech-Erez"-Prinzip aufgebaute — Herr Dr. Schceps hat von diesem allerdings eine ebenso dürftige Vorstellung wie seine Gegenspieler Ernst Simon, Gerhard Scholem und tutti quanti — auf seinem geschichtlichen Wege von Antiochia und Alexandrien bis nach Cordova und Frankfurt oft genug begegnet ist. Wenn darum heute von deutscher Seite die Gleichungsformel „Staat gleich Nation gleich Kultur- und Blutgemeinschaft" mit größter Energie als programmatisches Bekenntnis des neuen deutschen Staatsrechtes verkündet wird, so scheint es uns nicht nur dem guten Geschmack zu widersprechen, als verschwindende Minderheit sich diesem für uns gesperrten nationalen Lebensraum mehr oder minder aufzudrängen, sondern wir erblicken in dieser unverdienten Aussperrung aus der deutschen Kulturgemeinschaft einen deutlichen Warnung s ruf der g'ttlichen Vorsehung an ihr Volk. Die Gefahren der Kultursynthese, von denen wir sprachen, sind nicht spurlos an uns vorübergegangen, auch nicht an der Orthodoxie. Das geniale synthetische System Samson Raphael Hirschs, an dem billige historische Kritik zu üben heute das Privilegium kleiner Parteigeister und ins Gelehrtenkostüm verkleideter zionistischer Politiker ist, war seinem Grundgedanken nach gewiß richtig und seine prinzipielle innere Wahrheit kann durch zeitgebundene Erlebnisse nimmermehr erschüttert oder widerlegt werden. Aber bei der Ausführung des Hirsch'schen Grundgedankens, bei seiner Uebersetzung in die | Erdenjammer in Seinen Bereich geflüchtet, wohin ihm Not und Sorge nicht folgen können. vav, dieses wichtigste und bekannteste aller Gebete ist in seinem ersten Teile in unserer Sidra beheimatet. (Kap. 6, 4.) Abudraham, der spanische Gebetekommentator aus dem 14. Jahrhundert deutet: yne? ergibt in seinen Initialen die Aufforderung unserer Haftora (Jesajas 40) narry ans ixe? „Erhebet Eure Augen zur Höhe!" Zu wem? Zum jrwc?/ nämlich zum \vbv >~\bn ,"W (Allmächtigen, König, Höchsten). Wann? ynw» nämlich am rva-iy ,nmn ,rvinw (morgens, nachmittags und abends.) y»atf rückwärts gelesen ergibt n">nE> niobn biv- Die Rückwirkung der täglichen G'tteshuldigung durch Wort und Bekenntnis zeigt sich im Leben durch willige Unterordnung unter das höhere Diktat des himmlischen Vaters. Liegt nicht in diesen Erklärungen schon eine Fülle von Trostmomenten, die den inna-Ruf des Propheten verständlich machen? Taurohwissen im Berufsleben. (Aus einer Lehrstunde.) Seit Jahr und Tag pflegte Gemüsehändler A. allmorgendlich den Handkarren seines benachbarten Glaubensgenossen B. gegen eine sofort zu entrichtende Gebühr von 30 Pfg. für die Stunde zu mieten, um frisches Gemüse für den begonnenen Tag von der Markthalle zu holen. Eines Tages versuchte ein Reisender A. zur Anschaffung eines eigenen Handkarrens zu animieren. Der Wagen, erklärte der Reisende, sei zusammenlegbar und nehme sehr wenig Platz in Wirklichkeit des Gesellschaftslebens und der Schulerziehung haben ganz andere Faktoren Pate gestanden als der reine Genius des Thoravolkes: Die Dutzendmenschen der Alltags-Bildung und des bourgeoisen Erwerbslebens, staatliche Schulbehörden und pädagogische Routine — eine Zeitlang, bis zum Beginn der Aera Rabbiner Salomon Breuers V'XT un^ der Agudas Jisroel, auch eine allzuweitgehende Abriegelung von den originalen Quellen des talmudischen Judentums und des ostjüdischen Volkslebens. So konnte das System nur eine kleine Elite Auserwählter erzeugen, die es verstanden, die Ingredienzien wissenschaftlicher und ästhetischer Kultur völlig einzuschmelzen in ein aktiv-assimilierendes lebendiges Judesein und deren Persönlichkeitswert für die ganze Judenheit nur der blindeste Parteihaß verkennen kann. Die Masse blieb zwar — und wir wollen doch nicht vergessen, wie unendlich vielauch dasbedeutet — zum überwiegenden Teil praktisch gesetzestreu, aber sie verlor sich in ihrem Denken und Fühlen, ihren Instinkten und Lebensgewohnheiten mehr und mehr an die Umwelt und orientierte sich, ohne es zu merken, an den außerjüdischen Maßstäben der Zeitung, der Tagesliteratur und der Populärwissenschaft, Und hier scheint uns nun der gewaltsame Anruf der Geschichte, die Rücknahme der deutschen Jude n e manzip a t i o n mit ihren geistigen Rückwirkungen auf die Weltjudenheit der Ausgangspunkt einer wohltätigen Revision der populären „Thora im Derech- Erez"-Lösung in der Richtung der wohlverstandenen wahren Grundtendenz S, R. Hirschs werden zu können, nachdem diese Revision seit vier Jahrzehnten durch mancherlei historische Entwicklungen im Schöße der unabhängigen deutschen Orthodoxie ohne äußere Einwirkung sich längst organisch vorbereitet hat. Verlangt man „Dissimilation" von uns, so sollten wir darauf schon aus Gründen des Geschmacks nicht mit noch so ehrlich gemeinten Beteuerungen unserer unauslöschlichen Liebe zu deutscher Landschaft, deutschem Volksgeist und deutscher Kultur reagieren, sondern durch die Erkenntnis, daß auch wir orthodoxe Juden, von den anderen gar nicht zu reden — nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa — in der äußeren und inneren Angleichung in der Tat viel zu weit gegangen sind und daß wir auf diese Weise Europäer jüdischen Glaubens, statt totaler Thorajuden mit vollem Verständnis für die europäische Kultur herangebildet haben; Anspruch und was die Anschaffungskosten betreffe, so machten sich solche spätestens nach fünfviertel Jahr bezahlt. Frau A, war mit dem Vorschlag schon fast einverstanden, während A. ihn strikt ablehnte. Er begründete seine Ablehnung wie folgt: Eines der 613 Ge- und Verbote der Tauroh ist na» 7"" WP (Dworim 25, 15), was, nach Chausch. Mischp. 339 folgendes besagt: Leistungen, die dein Nächster für dich vollbringt, oder die du mit dem von ihm gemieteten Inventar —• unter Inventar ist, mit eventueller Ausnahme von ypip' alles verstanden, also auch Handkarren — selbst vollbringst, mußt du, sofern im Voraus nichts Gegenteiliges in gesetzlich zulässiger Form vereinbart wurde, noch am gleichen Tage wie ausgemacht bezahlen. Mit dem sofortigen Bezahlen der vereinbarten Gebühr für den Wagen, sägte A., erfülle ich also jeden Tag ein ausdrückliches Gebot der Tauroh. Soll ich etwa wegen einer Ersparnis von 70—80 Mk. im ganzen Jahr auf die Gelegenheit verzichten, Taurohgebote fürs Leben, die zwar mangels entsprechender Voraussetzungen nicht überall und immer angehen, die aber da, wo sie angehen, nach Auffassung der Tauroh (S. Bobo Mezio 112a und Sauhar z. St.) nicht weniger verpflichtend und nicht weniger bedeutungsvoll sind als beispielsweise die Mizwoh von Esrog am Sukkos, freudig zu vollbringen? Und selbst, fuhr A. fort, wenn durch die Anschaffung des Wagens es für den freigewordenen Betrag neue, bessere Verwendungsmöglichkeiten als seither geben sollte — was übrigens, vom Standpunkte der Tauroh aus gesehen, noch fraglich erscheint, zumal es sich hier um einen Vermieter handelt, der .auf die Mietgebühren des Wagens angewiesen ist und für den das nai'a •na«? mn zugleich das Gebot: ia rprnm (III. 25, 35) enthält, ein Gebot, das lt. Jaure Dea 249, 6 den *

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