Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1934)
- Date
- 1934-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450836--80586-2538427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
26. JulM934 Der Israelit Nr. 30 Seite 3 Der Anruf der Geschichte. ^Fortsetzung von Seite 1.);G'ttesvolkstura so ewig sein muß wie G'tt ewig ist. Er sagt in dieser Hinsicht; „Unsere Väter: sind auserwählt worden unter allen Menschen, nicht'wegen ihrer besonderen Würdigkeit — waren sie doch von sich aus nicht mehr und nicht weniger wert als die Kuschim (Arnos 9, 7} —, sondern -sonder Verdienst, G'ttes Stimme zu hören, der mit ihnen einen Bund geschlossen hat. Und in den Einsetzungsworten am Sinai heißt es: „Nicht mit euch .allein schließe ich diesen . Bund, sondern mit dem, der hier mit uns steht heute, wie mit dem, der nicht mit uns ist heute." ( B. M. 29, 13/14}. Dieser Bund umschließt also auch uns noch heute. Er ist nicht 'aufhebbar und ist nicht kündbar, von keiner Seite her. Es kommt auch gar nicht darauf an, ob einer das glaubt oder nicht, für sich anerkennt oder nicht. Selbst das Leugnen' hilft hier gar nichts, denn es ist ein objektives Ereignis, das sich so wenig leugnen läßt, wie daß jeder geborene Mensch seit Adam einen Vater hat. Wer seinen Vater ignoriert, versteht das Wunder seiner Herkunft nicht, kann sich •wohl seines Daseins erfreuen, aber den Sinn und den Ursprung seines Daseins versteht er nicht mehr. :Nur als Glied in der Kette versteht der Mensch sein Sein im Hier und Heute, in seinem Gewordensein und in der Zukunft seines Geschlechts. Darum heißt es in : der Pessächi-Hagada, daß . wir den Auszugsbericht so lesen und leben sollen, '< als seien wir selber mit dabei gewesen, als zögen wir heute undjedes Jakr aufs neue aus Aegypten- Ostern feiert die Kirche ein entscheidendes Datum in der Erdenexistenz ihres Stifters, von dem nach christlichem Glauben das Heil seinen Ausgang nimmt; Pessach feiert die Judenheit ihre völkische Geburtsstunde, das Fest unserer Befreiung, daß wir ein Volk geworden sind. Aber .am Sinai wurde aus einem Volk das eine Volk. Niemand kann Pessach ohne Schewuaus begreifen, so wenig wie Schewuaus ohne Pessach. Was soll der Horeb ohne Mizrajim und was Mizrajim ohne den Horeb? Nur Zionisten können es sich leisten, Pessach losgelöst zu betrachten als völkische Geburtsstunde, sofern sie Israel mit den Völkern verwechselt haben, und nur Liberale können es sich leisten, Schewuaus losgelöst zu betrachten als Geburtsstunde der jüdischen Religionsgesellschaft, sofern sie Israel mit einer bloßen Konfession verwechselt haben. Der Jude in seiner wahrhaftigen Gestalt aber weiß: Pessach und Schewuaus gehören unlöslich zusammen, denn nicht umsonst ist alle Jahrhunderte Omer gezählt worden. In dieser Doppelheit also steht jüdische Existenz. Jüdische Existenz hat zwei Wurzeln, ist bipolar. Der Sinai hat nicht einem Nomaden- und Kriegervolk einen Nationalkult, eine Volksreligion gegeben, der Ewige ist eben nicht der Baal von Peor oder Sichern, nicht Jupiter, Apollo oder Wotan, sondern owinu malkenu, unser aller Vater und Herrscher. Der Sinai hat aber auch nicht das Volkstum jener, die aus Aegypten gezogen waren, ihre Blutsgemeinschaft und Stammesart aufgehoben oder ins Spirituelle verflüchtigt,*) sondern der Samen Abrahams, 600.000 Mann stark, wurde in Dienst genommen und auf die Bundessatzung verpflichtet als „Volk von Priestern, ein dem Herrn geweihter Stammleib". Entspricht somit grundsätzlich die hier festgehaltene Mittelstellung zwischen ungeschichtlichem Konfessionsjudentum und ebenso ungeschichtlichem biologischem Nationalismus durchaus der historischen Tradition des Judentums wie sie die Orthodoxie — im Gegensatz zu Liberalismus und Zionismus vertritt —, so entfernt sich Schoeps doch in den S chlußfolger u n g e n aus seiner Prämisse weit von der Thorawahrheit und endet infolgedessen in vollendeter geistiger Hilflosigkeit gegenüber der Aufgabe, die er sich selber gestellt hat, Seine Betrachtung des Seienden unter dem Gesichtswinkel dessen, was sein soll, im Lichte der ewigen Aufgab e des G'ttesvolkes, macht nämlich plötzlich Ha 11, wenn es sich darum handelt, die Geschichte des deutschen Judentums während des Emanzipationszeitalters kritisch zu betrachten und verwandelt sich in eine höchst unkritische Konstatierung von geschichtlichen Tatsachen, die angeblich g'ttgewollt sein sollen. *) Von uns hervorgehoben. Red. Neueste Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel. Der österreichische Export nach Palästina hat im Zusammenhang mit der Messe in den ersten vier Monaten des Jahres eine enorme Steigerung erfahren* Es wurde darum eine eigene ■ österreichisch-palästinensische Handelskammer in Wien gegründet. — Ramal- Gan (Palnews). Die Assis Ltd., die Fruchtsäfte und Marmeladen herstellt, neuerdir w auch Fruchtkonserven, wird ein neues Fabrikgebäude errichten. Der Inlandsabsatz ist über das Vierfache hinaus gestiegen. Der Auslandsabsatz geht vorerst nur nach den Nachbarländern, weil auf den europäischen Märkten Länder mit viel niedrigeren Fruchtpreisen konkurrieren. Man nimmt an, daß darin in Palästina mit dem Ansteigen der Cytrusproduktion eine Aenderung eintreten wird. Auch* auf dem Konservierungsgebiet bestehen noch vielseitige Möglichkeiten. Bisher werden Frucht- und Gemüsekonserven noch stark aus dem Auslande importiert. — Jaffa (Palnews). Die Palestine- Metal Works haben Automobilbedarfs-Artikel in ihr Produktionsprogramm aufgenommen. Autolampen werden 50 Proz. billiger hergestellt als die bisherige Importpreislage war. — Die Fabrik liefert auch nach Aegypten und Syrien. Sie beschäftigt zur Zeit 22 Arbeiter und es fehlt an Facharbeitern. — Ramat-Gan (Palnews). Die Orient Chemical-Works Ltd., die vor 7 Monaten als Filialunternehmen der polnischen Muttergesellschaft gegründet wurde, sollen durch Angliederung einer pharmazeutischen Abteilung erweitert werden. Der Absatz, bisher auf Kosmetika, Parfümerie und Toilettenseifer beschränkt, entwickelt sich zufriedenstellend im Inland sowohl als im Exportgeschäft. Der Export geht nach Aegypten, Syrien, Afrika und Neuseeland, der Import, der bisher vor allem aus Deutschland und Frankreich erhalten wurde, wird mehr und mehr durch palästinensische Erzeugnisse zurückgedrängt. Bei der Muttergesellschaft wurden im Auslande 5 Chaluzim als Facharbeiter ausgebildet. B e y r u t h (Palnews.) Die Beyruther Handelskammer fordert Herabsetzung der syrischen Zölle und ihre Anpassung an . die palästinensische. Sonst werde der Transitverkehr nach dem Irak, Persien und Arabien sich von den syrischen Plätzen Haifa und Jaffa zuwenden. — Haifa. Wie Palnews meldet, wird in Handelskreisen sehr über die Hafenpolitik der Regierung in Haifa geklagt. Statt die Gelände, wie ursprünglich geplant, zu festen Preisen zu verpachten, sollen die Plätze ducrh öffentliche Auktion an die Meistbietenden vergeben werden, obgleich sich die jüdische und arabische Handelskammer gegen diese Preistreibereimethode aussprechen. — Istambul. Der Besuch des Schahs von Persien in Ankara soll einem Einverständnis zwischen der Türkei und Persien wegen einer Eisenbahn nach Trapezunt und Täbris geführt haben. Persien will sich eins direkte Ausfallstraße für den Straßenverkehr nach Trapezunt bahnen und Syrien, Palästina und den Irak als Transitländer ausschalten. — Neue Fabrikgründungen: Eine Gruppe von deutschen Einwanderern hat ein Terrain der Nähe von Rischon L'Zion zur Errichtung einer Gerberei erworben. In Magdiel ist von polnischer Seite die Errichtung einer Fabrik von Fruchtsäften und Essenzen beabsichtigt. Im Zeitraum vom 28. Juni bis 5. Juli sind in Jerusalem 21 Aktiengesellschaften, 7 Genossenschaftä und 20 Teilhabergesellschaften registriert worden, darunter mehrere Unternehmungen für Bauld Grundstückshandel, Export und Import, ferner ein Bankgeschäft und Einzelunternehmungen folgender Branchen: Eisenwaren ind Lagerhaus, Autodienste, Erzeugung von Zementwaren und Zementröhren, Druclc- und Verlagsgeschäfte, Obstpflanzungen und Bewässerungsarbeiten, — Beyruth. Der Abschluß des neuen syrisch-ägyptischen Handelsvertrages steht unmittelbar bevor. Die ägyptische Regierung hat sich zu einer Reihe von zollpolitischen Konzessionen bereitgefunden. — Tel A w i w. Die Anglo- Palestine-Bank hat den durch die Katastrophe von Tiberias durch Vernichtung ihres Warenlagers geschädigten Kaufleuten langfristige Kredite zu 4 Proz. im Ausmaß von Lst. 7000.— zur Verfügung gestellt. Auch geschädigten Handwerkern wurden Kredite gewährt. (Palnews.) Tatsache ist allerdings, daß im Gefolge der Emanzipation die „Deutschheit, in die Substanz" (S. 17) des jüdischen Wesens eingegangen ist, seit hundertfüngzig,,.Jahren mindestens, ja, daß — darin gehen wir noch weiter als der Verfasser — so mancher Wesenszug, den man heute als spezifisch jüdisch bezeichnet, insbesondere die Neigung zur kritisch-rationalistischen Weltbetrachtung, wahrhaftig keine Erbschaft aus dem Orient mit seiner weltabgewandten Mystik darstellt, sondern ein Ergebnis eben jener Symbiose .ist, die sich zwischen dem arischen Europäertum der Nach-Renaissance und der jüdischen Intelligenz infolge mangelnder geistiger Widerstandskraft des „befreiten" Ghettojuden vollzog. S o und nicht aus dem Mutterschoß des alten jüdischen Volkes ist der Typus des bindungslosen, intellektualisierten Reformjuden geboren worden. ' ,,;i Aber diese Tatsache der inneren geistigen Anpassung an die Kultur der Umwelt nun als Vollzug eines G'ttesauftrages hinzunehmen und demgegenüber lediglich in dem abstrakten Glauben an die jüdischen Grundwahrheiten, an Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, die notwendige Grenze zwischen Judesein und dem völligen Aufgehen ins deutsche (oder englische, französische hellenische) Wesen zu erblicken — das geht zu weit. Wir sind mit dem Verfasser in seiner scharfen Ablehnung des „national-jüdischen Mißverständnisses" vollkommen einig und erblicken mit ihm in der Biologisierung des Judentums, in der Vergötzung des Volkskörpers und der Degradiei rung aller Glaubensinhalte durch den Zionismus die schwerste geschichtliche Gefahr, der das jüdische Volk je ausgesetzt war — aber diese Glaubensinhalte in ihrer Abstraktheit, so unentbehrlich sie als Voraussetzung alles Judeseins sind, können nicht für sich allein die jüdische Persönlichkeit und können noch viel weniger — wie Schoeps glaubt — die geschichtliche Wirklichkeit des auch im Golus zum nationalen Gemeinschaftsleben bestimmten G'ttesvolkes erzeugen. Dazu bedarf es der Totalität der Lehre und Gesetz, Sprache und Brauchtum umspannenden, die Fülle einer vom G'ttesgeist durchleuchteten Kultur schaffenden Offenbarungswortes, wie es in arDlW min und ns "?JJ3W rnirvwie in den vom Sinai bis zum heutigen Tage vorliegenden kontinuierlichen Schöpfungen jüdischen Thorageistes vorliegt. Ohne die dreifache Verwurzelung jedes Sohnes und jeder Tochter der jüdischen Golus- Gemeinschaften in diesem g'ttlichen Geistesh a t z e , in dem von ihm geschaffenen praktischen Lebens regime des Schulchan Aruch, und in dem von ihm erzeugten Gemeinschaftsleben, wäre die Weiterexistenz des „G'ttesbundes" mit Israel" auf Grund einiger abstrakter Glaubenssätze, ein leerer Traum. Aus diesem Traume gäbe es nur noch ein Hinüberschlummern in den geschichtlichen Tod, aber kein Erwachen zum Judesein. Die geistige Substanz des am Sinai konstituerten G'ttesvolkes kann — gerade im Golus nur durch intensivstes „Lernen", glutvollstes und gewissenhaftestes religiöses Tun und durch ein auf reiner Glaubensgrundlage und der Fülle jüdischen Geistes aufgebautes Gemeinschaftsleben erhalten bleiben. Warum der Verfasser gegen diese aus seinen eigenen Glaubensprämissen folgende Feststellung in einer so merkwürdigen Blindheit verharrt, dabildet nicht nur seine Kinderstube, seine offenbar anerzogene Fremdheit gegenüber der ebendigen jüdischen Tradition eine ausreichende klärung. Er verlangt nach „Jiras Schomajim" und ringt sicherlich ehrlich darum, er glaubt zu den „Ikkarim" vorstoßen zu können und hält es dabei für „hellsichtig", das ganze Thoragesetz als einen „Wust mehr oder minder unverständlicher Vorschriften und Anordnungen" ansehen zu dür-