Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1934)
- Date
- 1934-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 29 Der Israelit 19. Juli 1934 welcher Loyalität Deutschland seine in Wien eingegangenen olympischen Verpflichtungen zu halten gewillt ist." Tscbechoslovakei. Die Rabbinerkonferenz in Korytnica. Bratislava, 16. Juli. Die am 26. und 27. Juni in Korytnica abgehaltene Rabbinerkonferenz, hat, wie jetzt gemeldet wird, Wichtiges für die slowakische Orthodoxie geleistet. Hauptgegenstand der Beratungen war das Thorastudium. Es wurde allgemein darüber geklagt, daß die Thora-Lehranstalten mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen müssen. Es wurde eine sechsgliedrige Kommission gewählt, welche unter der Aegide der Rabbinerkommission und der Leitung der Zentralkanzlei einen Modus dafür finden soll, daß aus dem Verkauf der Ritualien auch ohne Preiserhöhung ein gewisses Einkommen den Jeschiwoth und den Talmud-Thora-Schulen gesichert werde. Die Konferenz beschäftigte sich ferner eingehend mit der H e c hscher-Frage. Zwecks Aufhebung gewisser Anomalien wurde der Beschluß gefaßt, daß ein Rabbiner-Rat gebildet werde, bei dem sämtliche Hechscherim anzumelden sind. Es wurde ferner beschlossen, daß in solchen Orten arbeitende Fabriken, in welchen keine orthodoxe Gemeinde besteht, koschere Ware nicht erzeugen können, auch dann nicht, wenn sie einen Hechscher und Maschgiach hätten. Eine eifrig erörterte Frage war die Kongruafrage. Der Staat macht bekanntermaßen nur jenen Geistlichen unter diesem Titel eine Gehaltsergänzung flüssig, die vier Gymnasialklassen absolviert haben. Da die orthodoxen Rabbiner in ihrem überwiegenden Teil nur vier Klassen der Bürgerschule besucht haben, sind sie de facto aus dem Genuß der staatlichen Unterstützung ausgeschlossen, obzwar sie meistens infolge ihrer ungünstigen materiellen Lage darauf überaus angewiesen sind. Man beschloß diesbezüglich bei der Regierung Schritte zu unternehmen. Um den orthodoxen Charakter der Rabbinate zu wahren, wurde ein Vorschlag unterbreitet, wonach Abiturienten keine Hathoro, kein orthodoxes Rabbinerdiplom, sollen erreichen können. Die Beratungen haben sich auch mit der Frage der Rabbinerwahlen beschäftigt. Wegen des neuen Industriegesetzes, welches drei bis vier Jahre Lehrlingszeit und zwei Jahre Praxis vorschreibt, wird eine Deputation beim zuständigen Minister vorstellig werden. Man hofft, daß man den Absolventen der Jeschiwoth die Lehrlingszeit entsprechend reduzieren wird. Oberrabbiner Schreiber, Bratislava, hielt ein eingehendes Referat über den Kolel. Der Nitraer Raw, Rabbi U n g e r , wurde beauftragt, einen Aufruf an die orthodoxen Juden zu richten, diese zur Einhaltung der altherkömmlichen, heiligen Sitten und Glaubensvorschriften zu ermahnen und insbesondere auf die Gefahren der neuen Modeauswüchse (Strand usw.) aufmerksam zu machen. Es wurde schließlich von der Konferenz festgelegt, daß die Reduktion der Gehälter der Rabbonim und der Gemeindeangestellten nur auf Grund eines Din-Thora-Beschlusses erlaubt ist. England. Zehn christliche Jugendbünde Englands nehmen den Kampi gegen den Antisemitismus aui. London, 15. Juli. Hier hat eine bedeutsame von Delegierten von zehn maßgebenden christlichen Jugendbünden besuchte Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus stattgefunden. Besondere Wichtigkeit wurde der Erziehung der Jugend zum richtigen Verständnis des jüdischen Volkes beigemessen. In Anbetracht der in verschiedenen Ländern immer stärker werdenden antisemitischen Welle wurden die Führer der verschiedenen lokalen Gruppen verpflichtet, mindestens eine Versammlung einzuberufen, wobei in Referaten auf den wahren Charakter des jüdischen Volkes und des Judentums hingewiesen werden soll. Wenn auch eine solche Konferenz an sich ein erfreuliches Novum ist, so ist sie doch nur als eine charakteristische Erscheinung der in englischen Kreisen vorherrschende Stellungnahme zum jüdischen Volke, dem man auch heute noch größten Respekt entgegenbringt, aufzufassen. Die Verachtung vor allem, was mit Rassen- oder Religionsunterdrückung im Zusammenhange steht, ist in letzter Zeit besonders gestiegen und auch ein Mann wie Sir Oswald M o s- 1 e y, der kein ausgesprochener Antisemit, wohl aber teilweise judenfeindlich angehaucht ist, hat die für ihn bittere Erfahrung machen müssen, daß für Politiker, die es mit den Prinzipien der Humanität und Freiheit nicht so ernst nehmen, in England kein Platz ist. Sein Prestige und die Bedeutung seiner Partei haben in den letzten Wochen erheblich abgenommen, und im Augenblick rechnet hier kein vernünftiger Mensch damit, daß er das Los der politischen Bedeutungslosigkeit jemals wird von sich abschütteln können. E. St. Griechenland. Die Judentragödie in der europäischen Türkei dauert an. Saloniki, 13. Juli. Jüdische Flüchtlinge aus Thrazien, die in Saloniki eintrafen, erzählen, daß entgegen den offiziellen Mitteilungen der türkischen Regierung, daß die aus Türkisch,Thrazien vertriebenen Juden in ihre Heime zurückgeführt werden sollen, von einer solchen Wiedergutmachungs-Maßnahme bisher gar nichts zu merken ist, sondern daß im Gegenteil weitere jüdische Massen aus Thrazien flüchten, weil sie unter dem dort herrschenden antisemitischen Terror nicht leben können. Die antijüdische Aktion ging auf zweierlei Weise vor sich. Einerseits gingen die Behörden "in manchen Orten mit der restlosen Austreibung der Juden vor, andererseits hetzten antisemitische Agitatoren die Bevölkerung in den Orten, in denen eine offizielle Judenaustreibung ni&h nicht ausgesprochen worden war, gegen die Juden auf, so daß diese dem gegen sie entfesselten gefährlichen Terror freiwillig wichen. Der Stamm der Bachi-Bouzouks und die in die Städte strömende Dorfbevölkerung griffen jüdische Passanten in den Straßen der Städte unter dem Rufe „Tod den Juden.'" an. Zahlreiche Juden, Männer, Frauen und Kinder, wurden schwer mißhandelt. Den flüchtenden Juden wurden die Habseligkeiten und das Bargeld geraubt. Es kamen auch zahlreiche Vergewaltigungen vor, mehrere jüdische Mädchen wurden verschleppt, ihr Schicksal ist unbekannt. Jüdische Kinder, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden, irren in den Wäldern Thraziens umher. Palästina. Aguda für Einwanderungs-Erleichterung für Rabbiner. Jerusalem, 16. Juli. Vergangene Woche hatte der Führer der palästinensischen Aguda, Rabbi Moses Blau, eine längere Unterredung mit dem Einwanderungskommissar Mr. Müs wegen verschiedener Erleichterungen für Rabbinerzertifikate. Mr. Müs versprach, das überreichte Memorandum einem eingehenden Studium zu unterziehen und den Wünschen der Aguda weitmöglichst nachzukommen. (AJPB.) Misrachi wieder umgefallen. Jerusalem, 13. Juli. In einer dieser Tage abgehaltenen Konferenz des Rates der Misrachi-Organisation Palästinas wurde eine Entschließung gefaßt, in der erklärt wird, daß der Misrachi zwar nicht in der Lage sei, an der Wahl der Exekutive des Waad Leumi teilzunehmen und für eine Vertretung des Misrachi in der Exekutive sich einzusetzen, daß er aber seinen Mitgliedern die Teilnahme an den Sitzungen des Waad Leumi bis zu einer weiteren Erörterung und Entscheidung der schwebenden Fragen im Hinblick darauf gestattet, daß der Waad Leumi vorgeschlagen hat, auf seiner nächsten Sitzung eine Unterkommission zu wählen, die die Möglichkeit einer Vertretung aller Elemente des Jischuw in der höchsten legislativen Körperschaft der palästinensischen Judenheit untersuchen soll, und daß auch andere grundsätzliche Fragen neuerlich aufgerollt werden sollen. Durch diese Entschließung ist der vor kurzem gefaßte Beschluß des palästinensischen Misrachi, aus dem Waad Leumi wegen unüberbrückbarer Gegensätze zur Mehrheit auszuscheiden, wenigstens für eine Zeit außer Kraft gesetzt worden. . Bialiks letzte Rede. Tel A w i w , 12. Juli. Bei der letzten Oneg Schabbat-Veranstaltung in Tel Awiw vor der Abreise Bialiks nach Wien hielt der Dichter eine Abschiedsrede, die heute von den Blättern als ein ahnungsschweres Dokument letzter Mahnungen wiedergegeben wird. Bialik sagte u. a.: „Ich trete eine Reise nach dem Ausland an, um Genesung für meine Krankheit zu suchen. Aber ich fühle, daß auch Tel Awiw, wie überhaupt der jüdische Jischuw zur Zeit schwer krank sind. Die Krankheitssymptome zeigten sich zunächst in den Beziehungen des Jischuw und der Stadt Tel Awiw zu unsern Brüdern, die aus Deutschland und anderen Ländern zu uns geflüchtet sind. Statt ihnen Haus und Obdach, und wäre es auch nur ein Nachtasyl, zu schaffen, beuteten wir ihr Unglück zu Geldzwecken aus. G'tt sagte Amalek „Kampf an von Geschlecht zu Geschlecht", weil er die Heimatlosen überfiel. Ganze Völker werden als minderwertig erklärt, weil sie uns nicht mit Brot und Wasser entgegenkamen, als wir aus Mizrajim zogen. Und wie nahmen wir unsere Brüder auf, die sich aus Not und Tod zu uns retteten? Wir steigerten den Mietspreis für die Wohnungen und brachten sie um ihre letzten Spargroschen." Das zweite Krankheitssymptom sieht er in dem in Tel Awiw sich ausbreitenden Makler- und Spekulantenunwesen. Als schwere Krankheit bezeichnete er ferner die Flucht aus dem Dorf in die Stadt, wo es höhere Löhne gibt. Damit verbunden zeigt sich als vierte Krankheit die Abnahme der jüdischen Arbeit und das Beziehen fester jüdischer Arbeitspositionen durch Araber. Die letzte und vielleicht schwerste Krankheit zeige die innere Zerrissenheit, der fanatische Parteihaß, der zu einer innerlichen Zerstörung führe. „Der Jischuw ist krank," schloß Bialik seine erschütternde Mahnung, ,',und auch Tel Awiw kränkelt. Ich fahre mit dem heißen Wunsch von dannen, daß wenn ich gesund wiederkomme, ich auch in Tel Awiw und im Jischuw die Symptome einer Wiedergenesung vorfinden möchte." Dieses zu erleben, war dem Dichter leider nicht mehr vergönnt. Personalien- Rabbi Zirelsohn zum Oberrabiner von Jassy gewählt. Jassy, 10. Juli. In der vergangenen Woche erschien bei Oberrabbiner Zirelsohn eine Deputation aus J a-s s y , bestehend aus den prominentesten Persönlichkeiten der Jassyer jüdischen Bevölkerung, und überreichte demselben eine Urkunde, beinhaltend die einhellige Berufung Oberrabbiner Zirelsohns zum Oberrabbiner von Jassy. Die Judenheit Kischinews dagegen ließ dem Oberrabbiner gleichfalls durch eine Deputation die innige Bitte unterbreiten, die Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit nicht zu verlassen. Zum Schluß wurde ein Modus gefunden, wonach Oberrabbiner Zirelsohn seinen Wirkungsbereich als Landesrabbiner von Beßarabien und Oberrabbiner von Chisinau beibehält und gleichzeitig die Berufung zum Oberrabbiner von Jassy annimmt. Da die Städte räumlich nahe beieinander liegen, läßt sich die Tätigkeit in beiden Städten vereinbaren. Oberrabbiner Zirelsohn, der bei Juden und Nichtjuden gleich hohes Ansehen genießt, war früher Senator im rumänischen Parlament und kurze Zeit Bürgermeister von Kischinew. Er war Präsident der ersten und der zweiten Kenessio Gedaulo. (AJPB.) Hust (Slovakeij, 15. Juli. Das durch den Wegzug des hiesigen Oberrabbiners nach Jerusalem freigewordene Rabbinat der Huster orthodoxen Gemeinde ist durch die am Sonntag stattgehabte Wahl des Herrn Rabbiner Jehoschua G r ü n w a l d , des derzeitigen Besdin-Vorsitzenden der Gemeinde Ungvar, wieder besetzt worden.