Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-07-19 · Heft 29 (19.7.1934) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 29 (19.7.1934)
Date
1934-07-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450835--80577-2538417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

19. Jüli 1934 Der 1 s r a -e \ i .t Nr. 29 Seite 7 Polen. Sonderzertifikate für Bräute von Palästina- Wanderern, Warschau, 13. Juli. Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden „Ose" hatte vor einiger Zeit mit Unterstützung englischer -Abgeordneter die Aufmerksamkeit der Palästinaregierung darauf gelenkt, daß die englischen Konsulate in letzter Zeit die Erteilung von Touristen- Visen an junge Mädchen mit der Begründung verweigern, sie könnten in Palästina heiraten und dauernd im Lande bleiben. Die Gesellschaft wies auf die sozialen und gesundheitlichen Gefahren hin, die diese Maßnahme mit sich bringt. Die Bemühungen vom „Ose" haben nunmehr dazu geführt, daß das Warschauer englische Konsulat zunächst die Ausgabe von 64 Sichtvermerken an junge Mädchen, deren Verlobte nach Palästina ausgewandert sind, bewilligt hat. Verlobte junge Mädchen werden künftighin Einreise- Erlaubnis erhalten, wenn die Jewish Agency die Bürgschaft dafür übernimmt, daß keine Scheinverlobung vorliegt. Die erste Gruppe von 22 mit Palästina-Pionieren verlobten jungen Mädchen hat durch das Warschauer Palästina-Amt bereits die notwendigen Reisepapiere erhalten. Die glücklichen Bräute haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, in der Absicht, ihre Hochzeit in Palästina gemeinsam zu feiern. Die polnische Regierung für Abraham Stavsky. Warschau, 16. Juli. Der polnische Außenminister Fürst Lubomirski empfing eine Abordnung des Revisionistischen Verbandes und erklärte, es komme evtl. eine Intervention der polnischen Regierung beim englischen Gesandten zu dem Zweck in Frage, daß dem polnischen Generalkonsul in Jerusalem teelgraphisch der Auftrag erteilt werde, Schritte bei der., zuständigen Behörde zu unternehmen, ferner wäre die Beistellung eines polnischen Verteidigers durch die polnische Regierung möglich, sowie eine Intervention des polnischen Gesandten in London. Aus dem Verlauf des Gesprächs empfing die Delegation den Eindruck, daß das Außenministerium alles Erforderliche veranlassen wird, um einen günstigen Ausgang des Prozesses für den polnischen Bürger Abraham Stavsky herbeizuführen. Die Abordnung wurde auch von dem Leiter des Rechtsbüros Advokat Simon Rundstein, einem der bedeutendtsen Kenner des internationalen Rechtes, empfangen. Adv. Rundstein gab der Delegation eine Anzahl von Anregungen in Bezug auf die Verteidigungsaktion des Komitees. Nach Berechnungen des Warschauer Palästina- Amtes ist zu erwarten, daß in, den Monaten August, September und Oktober 4000 Auswanderer aus Polen nach Palästina gehen werden. Ein Groß-Warschau mit einer kleinen jüdischen Minderheit. Warschau, 15. Juli. Im heutigen Warschau leben etwa 350.000 jüdische Seelen, die 30 Pröz. der allgemeinen Bevölkerung der Hauptstadt ausmachen. Trotzdem ist ihr Einfluß klein; in der städtischen Beamtenschaft z. B. machen die Juden nicht viel mehr als 1 Proz. aus. Nunmehr wird die Schaffung eines Groß-Warschau vorbereitet, das alle Ortschaften im Radius von 40 Kilometern um die Hauptstadt einschließen und die Zahl der hauptstädtischen Bevölkerung verdoppeln wird. Da in den einzubeziehenden Ortschaften nur wenige Juden wohnen, wird der Prozentsatz der Juden in Groß-Warschau kaum noch die Zahl 15 erreichen. (ITA.) Keine Einheitsvertretung der polnischen Judenheit, Warschau, 13. Juli. Im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat in den letzten Tagen eine Beratung polnisch-jüdischer Führer stattgefunden, deren Ziel es war, eine autoritative Repräsentanz der gesamten polnischen Judenheit zur Vertretung der jüdischen Interessen in Polen in dieser Zeit jüdischer Not zu schaffen. Einberufen wurde die Konferenz durch eine in der Zeit der schlimmsten antijüdischen Ausschreitungen der jetzt verbotenen Nationalradikälen geschaffene „Vierer-Kommission". In der Beratung haben die Sprecher aller jüdischen Gruppen in Polen in ^Erklärungen die Notwendigkeit der Schaffung einer gesamt jüdischen Repräsentanz im Hinblick auf die ungewisse und bedrohliche Lage der polnischen Juden betont. Einige Redner wiesen darauf hin, daß nicht allein die wirtschaftlichen Positionen, sondern auch die elementarsten Bürgerrechte der polnischen Juden bedroht sind und daß man durchaus nicht sicher sein könne, ob sich nicht die traurigen Ereignisse der jüngsten Zeit wiederholen werden. Die Woche. Frankfurt a. M. Wie der „Frankfurter Zeitung" aus Bad Kissingen mitgeteilt wird, ist dort kürzlich durch Anschlag bekanntgegeben worden, daß der Besuch des städtischen Schwimm-, Luft- und Sonnenbades durch Juden nicht erwünscht ist, Berlin. Der Rechtsanwalt ' am Landgericht Berlin, Dr. Ernst Frankenstein, wurde zum „Kommandeur des Ordens der italienischen Krone" ernannt. Frankenstein gilt als einer der besten Kenner des italienischen Rechts in Deutschland und ist eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiet des internationalen Privatrechts. Warschau. In einer Versammlung der sogenannten „Judenstaatspartei" kam es zu einem blutigen Zwischenfall. Ein Mitglied des revisionistischen „Brith Trumpeldor" stach im Laufe einer Auseinandersetzung einen Angehörigen des sogenannten „Brith Hakanaim" nieder, so daß er in bedenklichem Zustande ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. — 30 junge Revisionisten aus Polen, zu denen auch zwei Mädchen gehören, haben dieser Tage eine Fußwanderung nach Palästina angetreten. Die Wanderung geht über die Tschechoslowakei, Oesterreich, Balkan, Türkei und Syrien. Czernowitz. In Radautz wurden auf dem jüdischen Friedhofe entsetzliche Verwüstungen und Grabschändungen begangen. Die Behörden haben strenge Untersuchung eingeleitet. London. Das Palästina-Anleihegesetz hat nun •auch die Genehmigung des Königs und tritt in Kraft. Mantua. Die Königliche Akademie der Wissenschaften (Reale Accademia d'Italia) hat den jüdischen Sanskrit-Forscher Dr. Umberto N o r s a in Anerkennung seiner Leistungen durch. Uebersetzung wertvoller Sanskritschriften und von Werken der klassischen ungarischen Literatur ins Italienische durch Verleihung eines hohen Geldpreises ausgezeichnet. Dr. Umberto Norsa, der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mantua ist, hat bestimmt, daß diese Geldsumme an die Armen der Stadt Mantua verteilt werde. Jerusalem. Im Monat Mai sind 2035 Juden in Palästina eingewandert, die nichtjüdische Einwanderung betrug nur etwa 80 Seelen. 355 waren sogenannte „Kapitalisten" mit einem Minimum von 1000 Pfund. — Für den 16. Juli, da das Berufungsverfahreh im Stavskyprozeß beginnt, hat Oberrabbiner Kuk angeordnet, daß in den Synagogen nach dem Morgengebete Psalmen für die Rettung Stavskys gebetet werden. Die Petitionsschrift für Stavsky hat bis jetzt 7000 Unterschriften erbracht. — „Doar Hajom", „Hajarden" und „Iton Mejuchad" wurden wegen ihrer scharfen Kritik an dem Stavsky-Urteil zu Geldstrafen von 75 bis 35 Pfund verurteilt. — An einer Bialik-Ehrung in Jerusalem sah man u. a. den High Commissioner und den anglikanischen Bischof unter den Teilnehmern. — Es wurde beschlossen, die an der Haifa-Bucht auf Boden des Keren Kajemeth geplante Siedlung für deutsche Juden als „Kirjath Bialik" (Bialik-Stadt) zu benennen. Tel Awiw. Die Irijah bemühte sich bei Gericht um eine Verschiebung des zweiten Stavsky-Prozesses, um die Begräbnisfeierlichkeiten für Bialik, die für den gleichen Montag angesetzt sind, nicht zu stören. Montreal. Zum Minister für das städtische Wohlfahrtswesen wurde David A. C r o 11 ernannt. Minister Croll, der 34 Jahre alt ist, war bisher Bürgermeister von Windsor. New York. An dem Begräbnis von Mendel B e i 1 i s haben etwa 4000 Personen teilgenommen. Die Trauerrede.' hielt Rabbiner Jdelson, der erklärte, der Name Beilis sei allen Juden heilig. Die Vertreter der Agudas Jisroel, des Misrachi, der Volkspartei, der Revisionisten, der Judenstaatspartei und der wirtschaftlichen Verbände erklärten ihr bedingungsloses Eintreten in die Repräsentanz. Der Sprecher des Zionistischen Zentralkomitees betonte ebenfalls die dringende Notwendigkeit der Schaffung einer gesamt-jüdischen Repräsentanz und erinnerte daran, daß vor 15 Jahren anläßlich der Entstehung des selbständigen polnischen Staates die Zionisten die Initiative zur Schaffung eines Jüdischen Nationalrates ergriffen haben, in welchem alle jüdischen Parteien und Richtungen vertreten sein sollten. Heute aber, erklärte der zionistische Sprecher, müssen die Zionisten als Voraussetzung für ihr Eintreten in die geplante jüdische Repräsentanz die Bedingung stellen, daß dieser Repräsentanz nur diejenigen Parteien angehören sollen, die nicht an außerjüdische Faktoren gebunden sind. Der Redner machte es klar, daß er eine Mitbeteiligung der Agudas Jisroel ablehnen würde, da die auf das Programm der Aguda gewählten Sejm-Deputierten sich der Regierungsfront angeschlossen haben. Er, der Redner, zweifle nicht daran, daß die Aguda subjektiv eine rein jüdische Politik führen wolle, da die Aguda jedoch an den Regierungsblock gebunden ist und schon aus diesem Grunde in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt ist, werde sie lähmend auf die Aktionen der gesamtjüdischen Repräsentanz wirken, die zweifellos im gesamtjüdischen Interesse oft gezwungen sein wird, einen Kampf gegen den Regierungsblock zu führen. Der Redner appellierte an die anwesenden Aguda- Vertreter, sich von der Vormundschaft des Regierungsblocks zu befreien, um den Weg für die Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz zu ebnen. Der Sprecher der Aguda erwiderte in einer feierlichen Erklärung, die Agudas Jisroeh war nie und ist auch jetzt njeht fremden Einflüssen unterworfen. Die Aguda sei nicht gewillt, ihre Abgeordneten aus dem regierungstreuen Klub zurückzuziehen. Die Sprecher der oppositionellen zionistischen Gruppen (Revisionisten und Judenstaatspartei) versuchten in ihren Reden, die Aguda dahin zu beeinflussen, sich einer jüdischen Repräsentanz, der die offiziellen Zionisten nicht angehören sollen, anzuschließen. Die Aguda-Vertreter erklärten aber, daß eine jüdische Repräsentanz ohne die Zionisten eine ungenügende Basis haben und ohne Einfluß und Wirkung bleiben würde. Die Bemühungen zur Schaffung einer Repräsentanz der polnischen Juden wurden vorläufig aufgegeben. Zionisten, Aguda und Volkspartei lehnten es ab, Vertreter in eine von den übrigen Gruppen geschaffene Kommission zur Fortführung dieser Bemühungen zu entsenden. Frankreich. Die Teilnahme von Juden an der Berliner Olympiade, Paris, 15. Juli. Dr. Carl D i e m , der Generalsekretär des deutschen Olympischen Komitees, hat einem französischen Journalisten folgendes über die Teilnahme von Juden an der Berliner Olympiade 1936 erklärt: „Das Rassenprinzip besteht nicht mehr für die Vorbereitung und die Organisation der Spiele. Ich kann nur wiederholen, was. Dr. Lewald in Wien und in Athen feierlich erklärt hat. Alle deutschen und ausländischen Sportsleute und Athleten, die die olympischen Bedingungen erfüllen, werden in Berlin willkommen sein. Wir haben z. B. den jüdischen Sportsmann Rudi Ball zum offiziellen Mitglied der deutschen Eishockeymannschaft berufen. Ferner haben wir vor Monaten schon die gegenwärtig in Kalifornien studierende Helene Mayer davon verständigt, daß sie an die Spitze unserer weiblichen Fechtmannschaft gestellt werden soll. Schließlich haben wir eben erst sechs hoffnungsvolle athletische Begabungen eines jüdischen Sportklubs ausgewählt, die an den demnächst beginnenden olympischen Vorbereitungskursen für Deutschland teilnehmen werden. Sie sehen also, mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.