Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1934)
- Date
- 1934-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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I Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 29 1934 Meister Buchbinder- Erzählung von S. Kohn. (Fortsetzung.) „Das allein würde keine allzugroße Schwierigkeit darbieten," meinte der Wiener, „ich könnte Ihnen ja einen Vorschuß von zehn Gülden geben, da könnten Sie doch bis Wien gelangen." „Gewiß, lieber Herr," entgegnete der Handwerksbursche, „es ist zwar von hier ein großes Stück Wegs; aber ich bin ein tüchtiger Fußgänger, in zwölf Tagen bin ich dort . . . mit zehn Gulden da könnt' ich ja wie der Kaiser leben . . . zehn Gulden sind zu viel, lieber Herr! Ich brauche nur sechs Gulden — wenn ich nur sicher weiß, daß Sie mich als Gesellen aufnehmen, so nehme ich den Vorschuß mit innigem Danke an. Ziehen Sie mir denselben dann in mäßigen wöchentlichen Raten vom Lohne ab." Der Wiener zog eine Brieftasche aus seinem Rocke und reichte dem Wanderburschen einen Zehn-Gulden-Banco-Zettel. „Ich borge Ihnen zehn Gulden; aber ich will Sie nicht täuschen," sprach er, „aufnehmen kann ich Sie nicht." Der Wandersbursche hatte schon die Hand ausgestreckt, die Note zu ergreifen, nun ließ er sie wieder entmutigt sinken. „Warum? Erlaubt es vielleicht die Frau Meisterin nicht, daß Sie einen Juden in Ihr Haus bringen? oder — der Herr Meister ist ja noch ein junger Mann — betreibt vielleicht noch die Frau Mutter als Witwe das Geschäft Ihres Herrn Vaters, und Sie wohnen noch bei ihr? Die älteren Leut' sind noch nicht so recht fortgeschritten, und selbst die Gescheitesten und Klügsten unter ihnen hängen zuweilen an dem Alten, auch wenn es nicht das Gute ist." Ein düsterer Zug überflog das Gesicht des Wieners. „Meine Frau kümmert sich nicht viel um mein Geschäft, aber meine Mutter, die ist ganz so wie Sie sich denken, klug, gescheit, brav, — aber sie liebt die Juden wirklich nicht besonders, sie hängt in der Tat an dem Alten, auch wenn dieses nicht immer gut ist. Aber es ist nicht so, wie Sie sichs vorstellen, es ist anders — ich habe zwar die Buchbinderei erlernt; — aber ich übe das Gewerbe nicht aus." „Ah so! Sie haben also ein anderes, ein besseres, lohnenedres Geschäft übernommen?" frug der junge Bursche neugierig. „Ein anderes . . . allerdings!" lautete die Antwort, „ob lohnender? . . . das weiß ich in der Tat noch nicht, das wird erst die Folge lehren; aber nehmen Sie die zehn Gulden, Sie können mir dieselben ja bezahlen, wenn Sie einen Platz gefunden haben werden." Der Wandersbursche schüttelte traurig den Kopf. „Ich danke, lieber Herr!" entgegnete er, „wenn ich das Geld nicht in Ihrer Werkstatt abarbeiten kann, dann weiß ich nicht, wie ich es bezahlen könnte; — dann muß ich Ihr großmütiges Anerbieten mit gerührtem Herzen dankbarst und ergebenst ablehnen." Der Wiener sah dem Wanderburschen überrascht ins Gesicht, er schien einen Augenblick zu überlegen, dann steckte er das Geld in das Portefeuille, dieses selbst in die Brusttasche seines Rockes. „Sie gefallen mir", sprach er dann nach einer kurzen Pause. ,iSie sind, darüber kann kein Zweifel obwalten, ein gebildeter Mensch. Wenn es auch zuweilen vorzukommen pflegt, daß ein lernbegieriger Buchbindergeselle aus den Büchern, die er bindet, etwas Wissen schöpft, scheint mir das Ihrige doch zu bedeutend, um auf solche Art erworben zu sein. Ihr Lebensgang muß jedenfalls ein ungewöhnlicher gewesen sein; erscheint es nicht zu unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir Ihre Biographie zu erzählen?" So sprechend, ließ sich der Wiener auf eine natürliche Rasenbank, die sein umherschweifender Blick jetzt entdeckt hatte, nieder. „Meine Lebensgeschichte bietet wenig Interessantes," entgegnete der Wanderbursche lächelnd, „aber wenn Sie es wünschen, lieber Herr, sollen Sie sie hören. Ich bin auf einem Dorfe Neuhof, in Mähren, geboren. Ich hatte das Unglück, meine liebe Mutter, die ich nie gekannt habe, frühzeitig zu verlieren; ich war ein Jahr alt, als sie einen verzweifelnden Gatten, ein hilfloses Kind zurücklassend, aus dem Leben schied. Mein Vater, nun ein ganz alleinstehender, vereinsamter Mann, übertrug seine volle, ungeteilte Liebe auf sein einziges Kind, auf mich. Ich kann Ihnen gar nicht schildern, lieber Herr, was für ein herrlicher Mann und liebevoller Vater er gewesen. Seine Lage war, als er jung verwitwet wurde, eine sehr traurige. Er ernährte sich mühselig durch Hausierhandel, und sein Beruf brachte es mit sich, daß er von Montag früh bis Freitag Abend vom Hause abwesend blieb. Wer sollte nun das junge, mutterlose Wesen, an dem sein treues Herz mit unschilderbarer Macht hing, pflegen? Am allereinfachsten erschien es, daß mein Vater zu einer zweiten Ehe schritt, die wenigen Glaubensgenossen und die Nachbarn im Dorfe, ja sogar der Herr Pfarrer, an dem mein Vater einen wohlwollenden Freund und 'Gönner besaß, redeten ihm zu, sich wieder eine brave Gattin zu suchen, und es wäre meinem Vater nicht schwer gefallen, eine solche sogar aus wohlhabendem Hause mit einer größeren Mitgift zu erlangen, und hätte ihm diese — die Mitgift nämlich — auch dadurch eine große Erleichterung gewährt, daß er sein Geschäft hätte vergrößern können, sich nicht mehr so anstrengen hätte müssen — mit einigen Worten, angenehmer und leichter hätte leben können. Sie werden darüber staunen, lieber Herr! daß ein mittelloser Hausierer ein begehrter Gatte sein soll; aber mein Vater war nicht nur ein stattlicher Mann, sondern er besaß überdies einen großen Vorzug, der ihn über viele seiner Glaubensgenossen, die vermögend, ja sogar reich waren, erhob, er war nämlich ein sogenannter Familiant. In meinem Vaterlande Mähren, ich glaube auch in Böhmen, darf sich die Zahl der jüdischen Familien nicht vermehren, es. darf nur der Erstgeborene heiraten, und da ist zuweilen der reichste Mann, der mehrere Töchter zu versorgen hat, noch glücklich, wenn er nur einen braven, wenn auch mittellosen Mann, der heiratsberechtigt ist, für seine Tochter findet. Mein Vater war ein Erstgeborener und wie ich später erfuhr, hätte er nach dem Ableben meiner lieben Mutter, eine reiche, schöne Braut bekommen, hätte ein sehr wohlhabender Mann werden, ruhig, zufrieden und glücklich leben können . . . Ihnen scheint das verwunderlich, lieber Herr?" „Durchaus nicht," entgegnete der Wiener, „ich kenne die Lage der mährischen Juden, ich habe vor einigen Jahren diese Provinz bereist und bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse des Landes näher kennen gelernt. — Warum also ergriff Ihr Vater, den Sie doch als einen klugen, verständigen Mann bezeichnen, nicht diese Gelegenheit, sich eine bessere Lebensstellung zu gründen?1' „Mein Vater war ein ungewöhnlich edler Mann," entgegnete der Wanderbursche mit Wärme, „er brachte die größten Opfer für mich. Fast alles, was er bei seinen mühseligen Wanderungen als Hausierer erwarb, wendete er dafür auf, mir eine möglichst gute Pflege angedeihen zu lassen. Während der Wochentage, wo er abwesend, war ich der Obsorge einer braven, jüdischen Familie übergeben. Als ich das sechste Jahr erreicht hatte, verdoppelte er seine Anstrengungen, um so viel zu erwerben, mich so v.iel als möglich lernen zu lassen, und das bot auf einem mährischen Dorfe keine kleine Schwierigkeit. Für den Unterricht in den jüdischen Elementargegenständen war freilich in der kleinen jüdischen Gemeinde gesorgt; aber mein Vater, der erkannte, daß sich der Jude nicht von der andern Landesbevölkerung abschließen dürfe und überzeugt war, daß der Besitz allgemeinen, profanen Wissens, nicht, wie manche glaubten, der innigen Liebe zu dem angestammten Glauben Abbruch tue, wollte sein einziges Kind auch der allgemeinen Bildung teilhaftig werden lassen." „Ihr Vater war ein, für seine Stellung und seine Verhältnisse ungewöhnlicher Mensch," unterbrach ihn der Wiener lebhaft, „und es wäre ein großes Glück, wenn sich unter den Juden viele ähnliche fänden . . . doch fahren Sie fort." „Mein Vater besaß nicht die Mittel, einen Lehrer für mich zu nehmen; — ich war zu klein, als daß er mich allein in die Stadt geben konnte, und so faßte sich endlich mein Vater ein Herz und wandte sich mit der kühnen Bitte an den Pfarrer, dieser möge meinen Unterricht in den literarischen Gegenständen übernehmen, er wolle ihn dafür nach besten Kräften honorieren. Der Pfarrer hatte meinen Vater außerordentlich liebgewonnen, und . . ." ,,In welcher Weise hatte sich Ihr Vater die Zuneigung des geistlichen Herrn erworben?" frug der Wiener, ihn unterbrechend. „Es war dies eine eigentümliche Geschichte. Ein Holzfäller in einem uns nahegelegenen Dorfe war als Raubschütze ins Kriminal gekommen, und seiner Familie, bestehend aus einem alten, schwer kranken Vater, den er schon lange Zeit erhalten mußte, seiner Frau, die in Wochen lag und noch zwei kleinen Kindern fehlte der Ernährer. Mein Vater pflegte bei dem Holzfäller, der übrigens für keinen unredlichen Mensch galt, zuweilen seinen Pack Waren, um diesen nicht immer nach Hause zu schleppen, liegen zu lassen, und hatte, als er einige Zeit nach der Verhaftung des Holzfällers in dessen Hütte kam, dort den höchsten Grad des Elends und der Verzweiflung gefunden. Die junge Mutter war krank und nicht imstande, ihren Säugling zu nähren, der alte Mann, die Frau, die kleinen Kinder aus Mangel an Nahrung verschmachtend. Mein Vater hatte ein edles Gemüt, er half so weit seine schwachen Kräfte reichten; meine selige Mutter, die damals mich selbst nährte, mußte sofort zu den armen Leuten, reichte dem fremden hungernden Kinde die Brust, brachte ihnen Suppe und Speisen, die sie dort in ihrer Hütte wärmte. Aber dieser Akt der Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit hätte meinen lieben Eltern bald schlechte Früchte getragen. Ein Kaplan in der Nähe des Oertchens, in welchem die Familie des verhafteten Holzfällers wohnte, hatte in Erfahrung gebracht, daß meine Mutter ein christliches Kind nähre, hatte darüber ein großes Geschrei erhoben und einige dumme Bauern im Dorfe in so hohem Grade fanatisiert, daß diese, welche selbst nichts dazu taten, die in ihrer Mitte lebende verlassene Familie zu unterstüzten, in Feindseligkeiten gegen meine Eltern ausarteten und sie bald gemißhandelt hätten. Zum Glück erfuhr unser würdiger Herr Pfarrer noch rechtzeitig die meinen braven Eltern drohende Gefahr, und es gelang ihm, die Wütenden zu beschwichtigen; — aber er selbst riet meinen Eltern, sie mögen sich darauf beschränken, die unglückliche Holzfällersfamilie mit Geld, etwa auch mit Speis und Trank zu unter- i. Ii Ii'. T