Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1934)
- Date
- 1934-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 29 Der Israelit 19, Juli 19341 Das Hauptproblem des thoratreuen Erziehungswesens im heiligen Lande. Anwürfe, mit denen der „Hapoel Hazair" heute, ohne Widerspruch und ohne einen Verweis von den berufenen Parteiinstanzen zu erhalten, gegen die geistigen Führer der eigenen Organisation hervortritt? Das Blatt wagt es, die Rabbinen zu verdächtigen, daß sie „von den Revisionisten mit Geld oder Geldeswert bestochen seien," vorausgesetzt, daß „jene Kundgebung nicht aus Schwachsinn oder aus dem Willen, die Histadruth zu vernichten, hervorgegangen sei". Was hier die jüdische Seele ins Tiefste verletzt, ist nicht allein die schamlose Beleidigung und Verdächtigung von Männern, mit deren politischer Haltung wir nicht in allen Fällen einverstanden sind, denen aber als '^"m von keinem die Achtung versagt werden kann. Schlimmer ist, daß der fanatische Parteihaß zu einem solchen Tiefstand der Gesinnung'in den Kreisen der jungen Arbeiter führen konnte. Die Rabbinen hätten keine konkreten Beweise für die Unschuld Stavskys. Mag sein! Aber haben die Arbeiterkollegen von der anderen Fakultät Beweise für die Schuld ihres politischen Gegners? Ist es nicht nach jüdischen und auch menschlichen Begriffen so, daß die Anklage erst begründet werden muß und die Verteidigung nur in zweiter Reihe? Wer kann es heute sagen, wie viel die Extremisten der Histadruth, die von vornherein den Mord an Arlosoroff, statt ihn unter allen Umständen zu verdammen, statt die Hoffnung zu nähren, —- solange diese Hoffnung gegeben war, — daß er nicht von jüdischen Händen begangen worden ist, stattdessen sofort und bis zuletzt zu einem Kampfobjekt der Parteien machten und betrieben, — wieviel sie mit dieser Beeinflussung der öffentlichen Meinung, mit dieser Atmosphärenbildung zu jenem unerwarteten Todesurteil beigetragen haben? Nun müssen diese Leute jedem in den Arm fallen und schrankenlos dfe Ehre abschneiden, der sich, mit Recht oder Unrecht, die Mühe gibt, jüdische Hände doch noch von der schweren Blutschuld reinzuwaschen! Der Tel Awiwer „Hajessod" fragt, was die Zionistische Organisation und der Waad Leumi, die aus ihren reichen Fonds ihren Rabbinern lange nicht das gewähren, was sie den Jungen der Histadruth zukommen lassen, was sie zu diesem unerhörten Benehmen ihrer Lieblinge gegen die geistigen Führer sagen? Es wäre dem nur hinzuzufügen, daß man auch von der offiziellen rabbinischen Seite für den Stoßtrupp sowohl auf der revisionistischen wie auf der linken Seite immer zu viel Wohlwollen und ein verstehendes Lächeln hatte. Auch die Rabbinen können mit Jesajas klagen: '•»n wps om •>n»am "»h^to o^aa Der jüdische Weg. . Von Rabb. W. S, Jacobson in Kopenhagen. Diese Wochen, die uns zu ernstem Nachdenken über unser Schicksal bringen, zu Nachdenken über Golusschicksal und Golusweg, lösen nicht nur Gefühle der Trauer in uns aus, sie sind in ihrer ganzen Bedeutung von uns erst erfaßt, wenn die Frage nach unserem Schicksal zur Frage nach unserer Schuld wird, wenn unsere Geschichte uns nicht nur zum Bericht und zum Gericht über das Vergangene dient, wenn wir sie vielmehr als Lehrmeister für unsere Gegenwart und unsere Zukunft erleben. Die Trauer um Jerusalem erleben bedeutet: teilhaben an Jerusalems Tröstung! Denn das Erlebnis löst die Sehnsucht aus nach dem rechten Weg, nach dem wahren Ziel! Das Erlebnis dieser Trauer ist schlechthin das Erlebnis unserer ganzen Vergangenheit und aus dieser Vergangenheit kommen Stimmen des Trostes zu uns, Melodien klingen in unseren Tag hinein und machen ihn heller und freundlicher, „Unsere Lehrer erzählen: Den Großen in Sephoris kamen böse Nachrichten über die Absichten der römischen Regierung. Da gingen sie zu Rabbi Elosor ben Parto: Rabbi, diese Nachrichten sind eingelangt, sollen wir uns zur Flucht vorbereiten? Er fürchtete, ihnen offen und unverblümt zur Flucht zu raten, darum Im Rahmen einer außerordentlich instruktiven Artikelserie über das palästinensische Erziehungswesen, die Rabbi Mosche Blau im Jerusalemer „Kol Jisroel" während der letzten Wochen veröffentlicht hat, äußert sich der Autor u. a. auch über die besonderen Aufgaben, die den Gedaule Hathauro in Erez Jisroel heute angesichts der starken Einwanderung und der ganzen Gestaltung der Dinge in den neuen Siedlungen, in Tel Awiw, Haifa und den Kolonien, auf dem Gebiete der Erziehungspolitik erwachsen. Der Aufsatz zeigt ein so erfreuliches Verständnis für die Notwendigkeiten der neuen Lage überhaupt und für die pädagogischen und religiösen Bedürfnisse des neuen Jischuw, daß wir diesen Teil der Aeußerungen eines führenden Vertreters des alten Jischuws zu dieser Frage hier im Wortlaut wiedergeben möchten. Es heißt da: ,.Einem Erziehungsausschuß der orthodoxen Judenheit Erez Jisroels würde aber insbesondere eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe zufallen, über die man in diesem Augenblick nicht hinweggehen kann. Ich meine die Frage der Lehrplangestaltung in den Talmud Thora-Schulen der Orthodoxie. Das Leben in Erez Jisroel hat, das ist nun einmal eine Tatsache, in der letzten Epoche vielfach einen profanen Charakter angenommen. Neunzig Prozent der Eltern in den gesetzstreuen Kreisen begnügen sich nicht mit dem rein religiösen Unterricht, der in den Talmud Thora-Schulen der Orthodoxie vom alten Schnitt und Stil erteilt wird, ja man muß sogar zugestehen, daß es schwer ist, heute von einem jüdischen Kaufmann, der nach Erez Jisroel einwandert, be'sonders, wenn er aus den westeuropäischen Ländern kommt, zu verlangen, er solle sich mit dem Talmud Thora-Ghinnuch in seiner heiligen Reinheit begnügen ohne jede Beimischung einer profanen Disziplin. In erster Reihe ist diese Frage wichtig für die gesetzestreuen Juden in den Städten des neuen Jischuw: inTelAwiw, in Haifa, wo es überhaupt keine Juden gibt, die sich ganz und gar dem Thorastudium widmen, die moderne Handelsstädte sind im ausgesprochensten Sinn und in denen das weltliche Leben in aller Kraft pulsiert. Dort würde es zuviel verlangt sein, sogar von den gesetzestreuen Juden zu fordern, daß sie ihre Kinder in Talmud Thora-Schulen schiksagte er andeutungsweise: Mich fragt ihr: Fraget doch Jakob, Moses und David! (Von allen berichtet die Schrift, daß sie vor der Gefahr flohen!) Da ruft G'tt den Großen von Sephoris zu: „Und wenn diese auch alle flohen in Stunden der Gefahr, denkt doch daran, daß ihr 40 Jahre in der Wüste wäret — Feinde, ringsum, ihr flüchtetet nicht vor ihnen, ihr kämpftet mit ihnen und — siegtet, weil Ich mit euch war! Schlangen und Skorpione ringsum, sie schädigten euch nicht, weil Ich mit euch war! Darum sprach G'tt zu Moses: Schreibe nieder die Wüstenwanderungen Israels, damit sie wissen, wieviel Wunder Ich ihnen erwies im Wüstenbrand, im Feindesland!" Wenn dieses Midraschwort in uns ist, in diesen Wochen, wenn es in uns ist, in Zeiten der Not und des Schreckens, wenn es uns begleitet in den Trauertagen des Aw, wenn die 40 Jahre des Wanderns durch die Wüste entgegen dem Lande der Verheißung uns zum Spiegel werden für unser Wandern durch die Zeiten entgegen den Tagen der Erlösung, dann ist kein Tag uns zu schwarz und kein Schicksal uns zu beschwerlich! Dieser Weg durch die Wüste! Unsere Weisen werden nicht müde, ihn uns in allen Farben zu schildern! Sie knüpfen an an das Wort des Paslmisten:! pnsi nva T>a i»y ]Nsa n»rn „Du führtest wie Schafe Dein Volk, durch Moses und Aharon! J7r''rrrj: aus den Anfangsbuchstaben dieses Wortes lesen sie die Etappen des Wüstenweges, des jüdischen Weges. >aab nm nnfl onb wtp d' onb nm D"rT anay wvy d">d3 so deutet Rabbi Elieser! niainn aria nntöin in' am rwbv «j« ynfl an'SJwa tv>vy nnmJ rtsmVy rr>D3 ken, in denen nur Thora und Religion gelernt, wird, wie es in Jerusalem der Fall ist. Ja, es. würde erfolglos sein, wenn sich auch Männer fänden, die an die Juden in Tel Awiw und Haifa, diese Forderung richteten. In diesen Städten muß die Frage positiv gelöst werden und wenn das orthodoxe Judentum sie nicht in Verantwortungsbewußtsein löst und. wenn die Führer des orthodoxen Judentums den Weg zu einer zweckmäßigen Lösung der Frage nicht bahnen und nicht zu den gesetzestreuen Juden in Tel Awiw sagen: „So, in dieser- Weise geht vor, bis dahin ist es erlaubt, von da an und weiter ist es v e r b o t e n ", dann wird die Frage eben von selbst durch das Leben mit seinen Zwangsnotwendigkeiten gelöst und wenn: nun der gesetzestreue Vater auf diese Weise das Problem auf seine eigene Art lösen muß, sehr häufig unter unmittelbarem Zwang der Notwendigkeit, und wenn er sieht, daß er keinen Weggehen kann, der religiös einwandfrei ist, wenn ergezwungen ist, Konzessionen zu machen, von denen er selber fühlt, daß sie ihn vom graden Weg abführen, dann gibt er sich schließlich nicht einmal mehr die Mühe, die Grenzen zu wahren und er gibt sein Kind schließlich ganz preis. Eine Lösung, die durch das Le b e n selbst herbeigeführt wird, oder sogar durch, weltliche Führer ohne Zutun der Gedaule Jisroel,. und für die die anerkannten Führer der Orthodoxie nicht die Grenzen und Einschränkungen festsetzen, ist außerordentlich gefährlich und raubt uns von Jahr zu Jahr Tausende von Seelen. Sie reißt die heranwachsende Generation aus dem Leben der Thora und Emunah heraus und gefährdet die ganze Zukunft des heiligen Landes. Nur der Umstand, daß man diese Dingedurch das Leben selbst lösen läßt, hat es dazu: gebracht, daß nur noch eine sehr kleine Zahl von Eltern den erlaubten Weg festhält und 90 Proz. der Willkür überliefert sind. Nur diese Lage hat es dazu gebracht, daß es keinen graden mittleren Weg gibt, auf dem die jungen Menschen: ein gewisses Maß der notwendigen Lebenskenntnisse in sich aufnehmen, ohne dem „freien" Chinnuch in die Hände geliefert zu werden. Es ist kein Geheimnis, daß die Führer desorthodoxen Judentums in dieser Frage vor einer eisernenMauer stehen. Es sind dies die Grenzen und Beschränkungen, welche die ^—i—^^mi so empfindet's Rabbi Akiba! DV3'»n arm ms?n onp' arm ran a'Ton ,ana mayn a'waJ ,ann mnyn so begriffen es unsere Lehrer! Und immer und immer: pfwi n»n by> all dies, weit Moses und Aharon sie führten. Dieser Weg durch die Wüste, er wurde zu sicherem Schreiten, er wurde zu einem aufrechten und stolzen Gehen, er zog den weisen Jisrau in unseren Kreis und versetzte den kriegsgewohnten Balak in Angst, weil G'tt mit uns war und weil Moses und Aharon als die Verkünder Seines Wollens uns vorangingen. Es war ein wunderreicher Weg, der Pfad der Wüste wurde ihnen zum „Pfad des Lebens", die Natur wurde ihnen auf G'ttes Geheiß willig, indem' das Meer sich spaltete, die Wahrheit wurde ihnen kund, da G'tt ihnen hier, mitten in der Wüste, die- Lehre gab: es war ein Weg, der Israel G'ttes schützende Hand, Israels Feinden G'ttes strafenden Arm: in mannigfacher Gestalt zeigte — es war ein Weg, der Israels beste Kräfte zur Entfaltung, Israels größte- Menschen zum Wirken brachte: Propheten, Fromme, Redliche, Untadlige, das Wüstenschicksal löste ihre- Gaben, ihre Tugenden aus! Weil G'tt mit ihnen war, weil Moses und Aharon: ihnen vorangingen, weil sie, willig wie die Herde dem. Hirten, diesen Führern folgten auf allen Zügen! Glauben wir, aus eigener Kraft unsern Weg bestimmen zu können, glauben wir, der g'ttgewählten Führer entraten zu können, ist die Sorge um die gesicherte Zukunft unser erstes Anliegen, ist das feste Haus unsere oberste Sorge, dann ist unser Weg, scheint er uns auch noch so geebnet, ein Wandern in der Wüste, — lebt aber felsenfest in uns der