Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1934)
- Date
- 1934-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Juli 1934 Der Israelit Nr. 29 Seite 3 Vom geschichtlichen Erleben »(Fortsetzung von Seite 1<) .und Wohltat, verblaßt fast bis zur Unsichtbar- Jceit in einem Jahrhundert der sengenden Freiheitssonne am westlichen Himmel, wird, dadunkle Nacht den Horizont bedeckt, etwas sichtbarer. Und vieler, vieler Augen schauen aus und hinauf ■nach den Sternen der Erlösung. Thora. In allen jüdischen Kreisen macht sich heute der Drang bemerkbar, an den heiligen .Schrein, der ach so lange verschlossen stand, heranzugehen, um sich zu überzeugen, daß die .Kleinodien darin, die die Anderen mit Staub bedecken, noch so rein und schön sind wie am ersten Tage. Jüdische Menschen, von denen man .glaubte und die selber glaubten, alle Beziehungen zur heiligen Lehre gelöst zu haben, hungern heute nach Erkenntnis und Belehrung und drän- .gen sich zu den Büchern und Vortragssälen, wo sie zu erfahren hoffen, welche Bewandtnis es mit jenen Anklagen gegen Thora und Talmud habe. •Genügt das? Es genügt nicht, die Thora zu lieben, weil sie Andere hassen. Man küsse nicht erst die Thorarolle und warte nicht, ihr trauernd Ehre zu erweisen, wenn sie erst vn zu Boden gefallen ist, sondern man erweise ihr die Liebe und die Treue in Wort und Tat, so lange sie in und mit uns wandelt. Ersparen wir es unseren Kindern, daß .^ie sich auf dem Umweg über Uebersetzungen und apologetische Werke erst Klarheit über die heilige Lehre verschaffen müssen, sondern führen wir sie zu den Quellen, daß sie aus Eigenem wissen, wie es damit stehe. Wir zeugen für unsere Thora mit dem Siegesgesange aus den Lehrliäusern; ♦isnr •'sä nrwn kV *s titV i^sV rmtn htph wusm A w o d a. Unsere G'tteshäuser, so hört man, und die Feierstunden, seien mehr besucht denn je. Man ist auf das jüdische Eigenheim verwiesen und man sucht es auf. Hat man sich schon ganz ins Heim gefunden? Viele Orgeln sind in letzterer Zeit in modernen Synagogen verstimmt und verstummt — weil sie arische Organisten nicht spielen dürfen und nichtarische noch nicht in genügender Anzahl da sind. Mußte man warten, bis uns von außen gesagt wird, daß der nichtjüdische Kult und das nichtjüdische Instrument samt dem nichtjüdischen Manne, der es bedient, nicht in die jüdische Awodah hineingehören? Hat man es jetzt endlich erfaßt? Der spätere Chronist wird es stark bezweifeln, wenn er gleichzeitig zu verzeichnen haben wird, daß in einer uralten Synagoge am Rheine bei einer Jubiläumsfeier die guten und großen Geister in 900 Jahren jüdischer Geschichte mit Orgelklängen geweckt wurden, Werden sie sich aus ihrem Grabe wecken lassen, jene Männer, die in der gleichen Synagoge, mit ihrer Gemeinde dermaleinst beim letzten Gebete versammelt waren, Sterbelieder und Sündenbekenntnis weinten, indes drüben im Dome das Orgelepiludium vertönte? .. . Ein Heimsuchen nach Awodah wird zu verzeichnen sein, aber noch hat sich die Awodah, die jüdische Andacht selbst, nicht überall heimgefunden. Wohltat. Bei einem hellen Lichtpunkt wird der spätere Historiker stehen bleiben, wenn er vom Gemilus Chessed unserer Zeit zu sprechen kommt. Hat das Schicksal uns zu einer Notgemeinschaft geschmiedet, so wußte diese eine Hilfsgemeinschaft daraus zu machen, wie sie vielleicht einzig in der Geschichte dasteht. Millionensammlungen in England, Amerika und in vielen Ländern Europas, in Deutschland selbst ein Werk für Hilfe und Aufbau, das die Bewunderung der Welt erregt. Die Großgemeinden in den Städten leben und bestehen und erhalten ihre Schulen und ihre Institutionen, Wie durch' ein Wunder ... Aber das Wunder geschieht und wirkt weiter, wenn auch in den Kleingememden der schon früher begonnene Auflösungsprozeß sich nun leider vollendet. Wir werden uns des dritten Sterns wenigstens in der jüdischen Trikolore unserer Zeit vor unseren Kindern, vor der Geschichte nicht zu schämen brauchen. ♦ ♦ .* Und noch eines, woran der spätere Historiker unserer Zeit nicht wird vorübergehen können: die Hinwendung zu Erez Israel, die in keiner Notzeit unserer-Geschichte so stark und einheitlich, so behindert und erschwert und dennoch so rege und schöpferisch war, wie heute. Ob der Erfolg die Mühe, die Ernte die Tränensaat lohnt, hängt zum guten Teile von uns selber ab, Gäbe G'tt, der spätere Chronist hätte zu verzeichnen, daß unsere Zeit all diejenigen auf den Plan gerufen hat, die gewillt sind, Erez Israel als Heimat für all die guten Geister aufzubauen, die seit Titus ihre Heimat i n uns, den Heimatlosen, haben, ein Erez Israel für Thorath Israel. Wochenrundschau. Kostbare Minuten. Der Keren Hajischuw wendet sich an die thoratreuen Juden aller Länder mit folgendem Aufrufe: /mnnn ta-ynh 'ä^priV lnparv „Du bedenkst ihn mit jedem Morgen, prüfst ihn jede Sekunde" (Ijob 7, 18). Das Weltjahr 5694 nähert sich seinem Ende, ein Jahr, das mehr als irgend eines seiner Vorgänger tausenden jüdischer Brüder das Auge geöffnet hat für das geheimnisvolle Walten der Vorsehung in der jüdischen Geschichte, der Vorsehung, die ,,ihr Volk im Wandel' der Zeiten nicht losläßt und ihr Erbe, das Land der jüdischen Zukunft, r:mmermehr preisgibt." So sind denn die Augen der thoratreuen Judenheit sehnsüchtiger als je auf Erez Jisroel gerichtet und auf den atemraubenden doppelten Kampf, der sich dort abspielt um die Gewinnung des Bodens für jüdisches Volksleben überhaupt, und um den Heiligkeitscharakter dieses Lebens, der ja allein seinen Bestand und seine Dauer gewährleistet, Erez Jisroel wartet auf unsere, der Thoratreuen Tat, die Zeit kann uns gehören, sie kann aber auch über uns hinwegschreiten. Jede Sekunde ist kostbar in diesem großen Ringen für G'tt und sein Gesetz und für jede ungenützte Sekunde werden wir Rechenschaft abzulegen haben vor dem richtenden Weltenkönig, da das Jahr zu Ende geht. Diesem Bewußtsein•■ ernster Verantwortlichkeit für Zeitablauf und Zeitgeschehen möchte Agudas Jisroel durch eine große symbolische Tat in den letzten 2 4 Stunden des Jahres 5694 Ausdruck verleihen, durch eine Tat der Gemeinschaft, die das Andenken der in ihr sich einenden jüdischen Einzelnen geeint emportragen wird zum Throne des Barmherzigen, Dem Aufbau des Keren Hajischuw, des Fonds der Siedlung G'tt dienender jüdischer Arbeiter auf heiligem Boden, gilt diese Tat, und der tatbereiten Verbundenheit der jüdischen Diaspora mit dem heiligen Lande soll sie an der Schwelle des neuen Jahres neuen, gewaltigen Auftrieb verleihen. Die 24mal 60mal 60 gleich 86 400 Sekunden, aus denen sich der letzte Tag des Jahres 5694 zusammensetzt, sollen 86 400 jüdische Individuen zu einer großen Mizwohtat im Dienste von Jischuw Erez Jisroel vereinigen; jede dieser Sekunden wird für Shilling 1—75 Pfennig bezw. den ungefähren Gegenwert in den verschiedenen Ländern, verkauft. Vom Abend des 28. Elul an bis zum 29. Elul abends, dem Rüsttag zu Rausch Haschono 5695, wird die Leitung des Keren Hajischuw eine über Tag und Nacht sich erstreckende, vierundzwanzigstündige n^VTA m»tP»einrichten, während deren die Namen aller Sekundenkäufer in Anwesenheit mehrerer vom Rabbinat ernannter Notare verlesen werden, indessen eine Sekundenuhr den Ablauf des letzten Tages dieses Jahres mißt. Der Träger desjenigen Namens, der bei der Verlesung mit dem Beginn der letzten Sekunde jeder Stunde zusammentrifft, erwirbt eine Erez Jisroel -Reise, wird also, um das Opfer von einem Shilling, das Glück haben, als Bote und Repräsentant seiner Brüder und Mizwa-Genossen den Boden des heiligen Landes zu betreten und zu bereisen. Die Landesorganisationen der Agudas Jisroel und die Keren Hajischuwkommissariate in allen Ländern sind von der Palästina-Zentrale mit allen nötigen Materialien und Instruktionen ausgerüstet und stehen allen Brüdern, die sich an diesem großen Gemeinschaftswerke beteiligen wollen, mit Auskünften jederzeit zu Diensten." Der von den obersten Instanzen der Agudas Jisroel unterzeichnete Aufruf, der, wie uns scheint, in wunderbarer Weise die innerste Verknüpfung des wahren, altjüdischen Erez Jisroel- Gedankens mit der religiösen Weihe und Heiligung der ganzen jüdischen Lebenstat zum Ausdruck bringt, wird gewiß lautesten Widerhall, vor allem in den Kreisen der religiösen Jugend aller Länder finden. In ihrer Hand wird es liegen, durch eifrige Werbung die Aktion praktisch durchzuführen und damit die Grundlage für die Ansiedlung einer thoratreuen jüdischen Arbeiterbevölkerung auf dem Boden von Erez Jisroel zu schaffen. „Die Söhne, die sie groß gezogen.. Das an diesem Sabbat wieder aktuelle Wort des Propheten Tl^Ta (JDie Söhne, die ich großgezogen habe, lehnten sich gegen mich auf," drängt sich uns auf, wenn wir die Beschimpfungen in der palästinensischen Arbeiterpresse gegen die dortigen Rabbinen, insbesondere gegen Oberrabbiner Kuk lesen; alle Geister und Ungeister aus dem unseligen Kulturkampfe der Haskalah erwachen zu neuem Leben, Im offiziellen ,,Hadawar" ist es der sattsam bekannte Herr Steinmann, der mit mäßlosen Anklagen gegen die Rabbiner hervortritt, die die „Forderung der Zeit" nicht verständen, soll heißen: nicht gewillt sind, die von ihnen vertretene Lehre den neuen Offenbarungen der Histadruth anzupassen. Zahm und harmlos muten jedoch diese AnrGlnpelull^en an im Vergleich zu den hemmungslosen Ausfällen des „Hapoel Hazair" gegen Oberrabbiner Kuk und seine Kollegen im Rabbinate. Es geht immer noch um die leidige Stavsky - Angelegenheit. Es mag sein, daß dieser aus der revisionistischen Schule des Birjonim-Häuptlings Achimeier hervorgegangene Jüngling an dem Morde selbst unschuldig ist, und wir haben alle den Wunsch und auch die Hoffnung, daß er begnadigt wird, um seine Rehabilitierung, wenn er sich wirklich unschuldig fühlt, abwarten zu können. Er ist auf Grund von Indizien verurteilt worden, nach jüdischer Anschauung schon an sich eine bedenkliche Sache, und manches Indiz schien uns mehr als lückenhaft. Trotzdem hätten wir das starke Engagement des Oberrabbinates mit. Rabbi Kuk an der Spitze für den Angeklagten, das schon lange vor der Urteilsfällung mit großem Apparat und unter Aufrüttelung der öffentlichen Meinung eingesetzt hat, nicht erwartet. Auch wir haben diesen Uebereifer beanstandet. Allein rechtfertigt das jene gemeinen Anfälle und