Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450834--80565-2538404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Nr. 28 Der Israelit 12. Juli 1934 Unwissenheit; —■ wenn die Menschen nur erst gebildeter an Herz und Geist geworden sind; dann wird der Glaubenshaß erlöschen -müssen wie eine Flamme, die keine Nahrung hat . . . aber, junger Mann, ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können; ich bin nicht aus dieser Gegend, ich befinde mich nur zufällig auf einer Reise hier, — ich bin aus Wien." „Ja so!" entgegnete der Geselle im Tone der bittersten Enttäuschung, „so weit kann ich allerdings mit meiner geringen Barschaft nicht kommen," dabei griff er unwillkürlich in die Tasche nach dem Lederbeutelchen, das sein ganzes Vermögen enthielt. (Fortsetzung folgt.) Moritz Stern, Eine Würdigung zu seinem 70. Geburtstage. Es wurde bereits einiges über Werdegang und erste Wirksamkeit Sterns in Fürth und Kiel gesagt. Mit all dem wirkte Stern segensreich in lokalen und provinziellen Kreisen. Das wurde anders, als ihn auf Grund seiner wissenschaftlichen Vorbildung und ungemein großen Literaturkenntnisse die Berliner Gemeinde 1905 zu ihrem Bibliothekar wählte. Die kleike erst kurz vorher (1902) errichtete Bibliothek sollte zu einem Institute für ganz Deutschland und darüber hinaus werden. Dazu schien der rührige Kieler Gelehrte besonders geeignet. Auf Vorschlag des religiös-liberalen Professors Ludwig Geiger trat der thoratreue Rabbiner, der seine Zugehörigkeit zur Adaß Jisroel betonte, sein Berliner Amt an. Er hat alle Erwartungen glänzend übertroffen und aus der kleinen Berliner Sammlung eine bedeutende Bibliothek geschaffen. In planmäßigem Wirken und mit nie erlahmender Arbeitskraft hat er das Berliner jüdische Bibliothekswesen zu einem v/ohlgeordneten Institut mit Hauptbibliothek, Filialbibliothek, sieben Zweigbibliotheken und einer Kunstsammlung ausgebildet, die für Juden und Nichtjudeu eine segensreiche Quelle der Belehrung geworden sind. Die an und für sich reichen Bestände der Preußischen Staatsbibliothek und die wertvollen Sammlungen des Berlinre Rabbinerseminars und der theologischen Lehranstalten in Berlin, Breslau, Wien und Budapest fanden in der Berliner Gemeindebibliothek auf dem Gebiete der Hebraica und Judaica ihre überreiche Ergänzung. Das wird von allen Geistesarbeitern auf dem Gebiete jüdischen Wissens anerkannt und aufs höchste geschätzt. Besonders wichtig sind einzelne große Unterabteilungen, wie Bibel und Talmud, Halacha, Geschichte, Belletristik und jiddische Literatur. Ein Kleinod besonderer Art ist die von Stern geschaffene und von ihm besonders gepflegte Handbibliothek des großen Lesesaals in der Oranienburgerstraße. Die 1300 Bände dieses Lesesaales bilden die Quintessenz der gesamten jüdischen Literatur und finden im Verein mit den zahlreichen Sprachlexicis immer von neuem Lob und Dankbarkeit aller Berliner Benutzer. Eine Neuschöpfung ist die an historischem, liturgischem und autographischem Material reiche Handschriftensammlung und vor allem die Kunstsammlung, die aus der von Albert Wolf in Dresden geschenkten Stiftung Stern Jahre hindurch in allen Abteilungen der Altertümer, Kultusgeräte, Münzen, Medaillen, Plastik, Graphik, Gemälde, sachverständig und mit großem Geschick ausgebaut hat, und die nunmehr in neuen Räumen sich als jüdisches Museum präsentiert. Wie Vielen hat Stern in seinen vier großen Ausstellungen und seinen allmonatlichen Führungen durch die Kunstsammlung die Kenntnis jüdischer Vergangenheit erschlossen, v/ie Viele durch seine beseelte Vortragsweise zum Judentum zurückgeführt! Welch großen gewinnenden Eindruck machte die Moses Mendelssohn-Ausstellung, die er für die Berliner Gemeinde 1929 mit 516 Drucken und Handschriften Mendelssohns in den Räumen der Preußischen Staatsbibliothek veranstaltete! Wer erinnert sich nicht besonders der feinsinnigen, von Wärme erfüllten Vorträge, durch die Stern die Mendelssohn-Ausstellung damals erläuterte! Stern ist eben kein trockener Gelehrter. Er ist ein jüdischer Mensch, der im persönlichen Verkehr mit dem Publicum in steter Hilfsbereitschaft aus dem großen Schatze seines Wissens einem Jeden ganz selbstverständlich und gern reiche Belehrung spendete. Als der beliebte Beamte infolge Altersgrenze seinen Dienst einstellen mußte, haben ihn Verehrung und Dankbarkeit aller Interessenten, ohne Unterschied der politischen und religiösen Stellung in den wohlverdienten Ruhestand begleitet. Sein Name und seine Schöpfungen sind unverwischbar in die Annalen der Berlin er Gemeindegeschichte eingetragen. Die Stimme des Rabbiners ist jedoch noch nicht erloschen. Alijährlich steht er an den cpst); zzi-w auf der Kanzel, um das alte Judentum zu lehren und aus warmem Herzen zur Teschuwa aufzufordern. An diesem ~"~> kann er auf eine 30jährige Berliner Predigertätigkeit zurückblicken. Nur Einiges aus Sterns literarischem Wirken sei hier hervorgehoben. Seine kleine Erstlingsschrift ,,Zwei patriotische Kundgebungen" (separat aus Lehmanns Volkskalender) waren aus dem Israelitischen Gemeindearchiv zu Halberstadt mitgeteilt. Solchen archivalischen Arbeiten ist Stern sein ganzes Leben hindurch treu geblieben. Sie waren jedoch nicht gelegentlicher Art. Stern war — und das,ist seine Bedeutung — der erste und bisher der einzige, der systematisch seit 1887 alle deutschen und italienischen Ai-chive nach Dokumenten zur jüdischen Geschichte durchforschte. Ihm war die klare Erkenntnis aufgegangen, daß nur auf Grund der Quellen die Geschichte unserer Vergangenheit neu aufgebaut werden könne. Es ist ein Irrtum, wenn in der Encyclopaedia Judaica VIII, 139 gesagt wird, daß die Berliner „historische Kommission zur Geschichte der Juden in Deutschland" als erste jüdisch-wissenschaftliche Institution in Deutchland die Archive bereisen und das dort befindliche Material durchforschen ließ und auf diesen Forschungen M, Sterns damalige und spätere Arbeiten beruhten. Die historische Kommission hat keine Archive bereisen lassen. Was der junge Student Stern tat, war eigenes privates Unternehmen, zu dem ihn niemand anders als die in ihm brennende Liebe zum -Judentum veranlaßte. Mit den 200 Mark, die er als Honorar für die Herausgabe des Kölner Judenschreinsbuches erhielt, ging er 1888 nach Köln und von dort aus in die anderen rheinischen Archive, dann seit 1889 nach Süddeutschland und Oesterreich. Nur die Ferien standen ihm hierfür zur Verfügung. Keine Kommission, keine Gesellschaft unterstützte ihn, das Verständnis für solche systematischen Arbeiten war damals noch nicht vorhanden. Bevor er sein Kieler Amt antrat, unternahm er 1891 eine dreimonatige Studienreise nach Tirol und Italien — er hat den Süden noch zweimal von Kiel aus aufgesucht — um von Ort zu Ort ziehend, alles aufzuzeichnen, was zu seinem Forschungsgebiet gehörte. Als erster jüdischer Forscher betrat er, von Prof. Ludwig Quidde, dem damaligen Vorsteher des Kgl. Preußischen Historischen Instituts in Rom, geleitet, das päpstliche Geheimarchiv. Dort fand er die Prozeßakten, die 1476 vom Trieniiner Bischof Hinderbach an das römische Kardinalskollegium in Sachen der bekannten Trieniiner Blutbeschuldigung gesandt worden waren. Daß Stern sich mit dem Trienter Fall nicht begnügte, war selbstverständlich. Das Geheimarchiv bot ihm eine reiche Fülle Materials für seine anderen Forschungen. Er ergänzte diese in den übrigen Archiven Roms und Italiens. Es war erschütternd, später zu hören, wie Stern fast ohne Geldmittel hungernd gearbeitet hat. Das konnte nur jemand, der mit unerschöpflicher Arbeitskraft begabt, eine höhere Sendung in sich fühlte. Von dieser getrieben, hat Stern bis zum heutigen Tage gearbeitet und ein Quellenmaterial angehäuft, das, soweit er es nicht noch selber veröffentlicht, künftigen Generationen zum Nutzen und Segen gereichen wird. Stern ist als Historiker ein Schüler Weizsäckers und Breßlaus. Seine Darstellungsweise ist klar und phrasenlos. Von seinem ersten Zeitschriftenaufsatz in Geigers Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland „Kleine Beiträge zur deutschen Geschichte aus jüdischen Quellen" (1887) bis zu seinem letzten in der Wormser Festschrift (1934) über den Wormser Reichsrabbiner Anselm ist eine gerade Linie. Alles für die Dauer gearbeitet und urkundlich belegt. Seine Quellenpublikationen sind im Geiste seiner Lehrer kritisch und in der Darbietung vollendet. Welche Prachtarbeit ist seine Schrift über König Ruprecht von der Pfalz in seinen Beziehungen zu den Juden (1898)! Jüdische und christliche Welt dankt ihm für seine Bullen der Päpste über die Blutbeschuldigung" (1893 und 1900), die ins Russische und . Französische übersetzt wurden, für seine Mitarbeit an Stracks „Blut" und Hildesheimers „Simon von Trient", für seine Auffindung von Andreas Osianders Schrift über die Blutbeschuldigung (1893) und des Friedländer-Mendelssohn'schen Lesebuches für jüdische Kinder (1927). Ein Kiddusch haschem ist seine Studie über den Regensbursjer Blutprozeß 1476—1480 im Haft 5 seiner „Israelitischen Bevölkerung" (1932). Sterns Bedeutung ist mit der des Gelehrten, Abwehrschriftstellers und Kunsthistorikers — seine Kataloge der Kunstsammlung und seine Aufsätze in der Zeitschrift „Ost und West" fanden den ungeteilten Beifall aller Freunde der Jüdischen Kunst —. nicht erschöpft. Als Student gab er mit gleichgesinnten Freunden 1SS9—1890 die Mendelssohnbibliothek, eine Reihe von Schriften über jüdische Geschichte, Literatur und Religion, heraus, die in Nachahmung der Reclambücher zu billigen Preisen zu kaufen waren, ebenso „Gemeinverständliche Schriften zur Kenntnis israelitischer Vergangenheit und Gegenwart". In der „Bibliothek" Nr. 13 schrieb er unter dem Pseudonym „Frida Bach" (in der dritten Auflage unter eigenem Namen) den „Heldenkampf der Makkabäer, der israelitischen Jugend zum Chanukahfeste erzählt, mit drei Vollbildern". Es wardie erste illustrierte Jugendschrift, die den rechten Ton traf. Dem gleichen Zweck diente in Nr. 15 der genannten Bibliothek Sterns Zusammenstellung „Chanukah, ausgev/ählte Gedichte". In dem mit der Mendelssohnbibliothek verbundenen „Deutschen Israelitischen Volkskalender Mendelssohn" (1889) veröffentlichte Stern einen Aufruf „Was soll das werden? Ein Weckruf an die deutschen Juden", der in flammender Begeisterung zur Verbreitung von populär geschriebenen billigen Schriften, über Israels Vergangenheit aufforderte. Sterns Aufruf, der in Tausenden von Exemplaren verbreitet wurde, war nicht umsonst. Er hat den Anstoß zur Gründung der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur gegeben (1890), die durch Vorträge jüdisches Wissen in die Gemeinden trugen. Im Berliner Verein hielt Stern selber eine Anzahl von Vorträgen über Geschichte und Literatur der deutschen Juden, auch in die Vereine am Rhein, in Posen und Ostpreußen trug Stern seine Belehrung. In derselben Richtung der Popularisierung liegen Sterns „Tabellen zur Geschichte der Juden und ihrer Literatur" (1896), die in 5.-6. Auflage als „Grundriß" erschienen und demnächst in siebenter umgearbeiteter Auflage herauskommen. Einen Auszug aus den Tabellen stellen die „Zeittafeln der jüdischen Geschichte und Literatur" (dritte Auflage 1934) dar, „Als Leser sind," heißt es in der Einleitung, „in erster Reihe gebildete Laien, Christen wie Juden, gedacht; in diesen Kreisen will das Büchlein Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur verbreiten, hier zur Beseitigung von Vorurteilen, xdort zur Stärkung des religiösen und geschichtlichen Bewußtseins." Das ist Stern vorzüglich gelungen, seine Tabellen (Grundriß) sind in weite Kreise gedrungen als Schulbuch haben sie reiche Früchte getragen. Durch Angleichung an die allgemeinen Geschichtstabellen hat das Buch unsere Geschichte und Literatur als gleichberechtigt in die höheren Schulen eingeführt, insbesondere die biblische Zeit (in der fünften Auflage fünf Seiten!), die bis dahin nur in den unteren Klassen den Kleinen erzählt wurde, geschichtsfähig gemacht. Nicht vergessen wollen wir hervorzuheben, daß es auf der ersten Seite zum Jahre 1448 heißt: „Offenbarung G'ttes am Sinai, Gesetzgebung", Hätte Stern nicht mehr als seinen Grundriß geschrieben, — die fünfte Auflage reicht bis 1905, die neuen Zeittafeln bis 1933 — es hätte allein zu einer öffentlichen Danksagung anläßlich seines 70. Geburtstages genügt. Ein reiches Leben der Arbeit im Dienste der jüdischen Allgemeinheit liegt hinter ihm. Und doch rüstet der Unermüdliche bereits zu neuen literarischen Taten. Möge ihm die Ausführung in Frische und Gesundheit beschieden sein. www E. B. Eine Schrift zur Aufklärung.*) Die sogenannte „Ritualmordnummer" des „Stürmer" hat, wie zu erwarten war, eine kleine Abwehrliteratur von jüdischer Seite ausgelöst. Zwar gab es in jener Anklageschrift keinen einzigen Punkt, der nicht von Geschichte und Wissenschaft wie von den nackten Tatsachen vorher schon — die Anklagen und Anschuldigungen sind ja uralt — gründlich widerlegt worden wäre. Aber in dieser konzentrierten Zusammenstellung und durch reiches Bildermaterial noch besonders augenfällig gemacht, konnte sie ihren Eindruck auf das einfache Volk nicht verfehlen, und so schien eine Erwiderung und Klarstellung in ähnlich volkstümlicher Form unabweislich notwendig. Unter den Schriften, die zur Abwehr jener Angriffe erschienen sind, wird die hier genannte ihre eigene Bedeutung, ja ihren Eigenwert über den eigentlichen apologetischen Zweck hinaus behalten. Ein hübsches Bild gebraucht der Autor zum Schluß, das auch den ganzen Wert der Schrift charakterisiert: Man hat einem Besitzer Steine in den Garten geworfen, und indes er auf dem Boden kauert, um Schutt und Steine abzutragen, findet er einen Schatz. Es ist dem Verfasser dieser mehr aus Liebe als aus Abwehrwillen und Erbitterung geborenen Schrift weit mehr um den Schatz, als um die Steine zu tun, und darin liegt das Eigene und Besondere dieser Aufklärung. Er geht nicht an die Sache heran wie ein Arzt an eine fremde Wunde, die ihm nicht v/eh tut, sondern es ist ein Schrei aus dem verwundeten jüdischen Herzen. Einleitung und Nachwort sind flammende Appelle an die eigenen Reihen, unsere Jugend, daß sie zu den Quellen gehe und sich selber überzeuge. Und zwischen Geleit- und Nachwort die apologetischen Ausführungen sind nichts Anderes als ein Versuch, jene Quellen zu erschließen, durch einige Proben den Willen und die Lust anzuregen, sich noch mehr in die Materie zu vertiefen. Alles in allem ein Versuch zur Aufklärung in den eigenen Reihen. Der Verfasser, eine in Lehre und Leben bekannte Persönlichkeit, hat diese Broschüre nach einem von ihm gehaltenen Vortrag auf allgemeinen Wunsch niedergeschrieben, der Hermon-Verlag gab der Schrift schöne und würdige Form und die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" e. V. übernahm den Vertrieb. Reicher Absatz und allgemeines Verständnis werden ihnen die Mühe lohnen. —r. *) Mißverstandene und mißdeutete Talmud- und Soharstellen. Ein Wort zur Aufklärung in den eigenen Reihen. 1934. Herausgegeben von der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e. V.