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Der Israelit · 1934-07-12 · Heft 28 (12.7.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 28 (12.7.1934)
Date
1934-07-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 28 1934 Meister Buchbinder. Erzählung von S. Kohn.*) i Es war ein freundlicher Herbsttag des Jahres 1779; auf dem öden Wege zu dem Städtchen A., der sich von der das nordwestliche Böhmen durchschneidenden Kaiserstraße abzweigt, schritt ein wandernder Handwerksbursche, Es war dies ein ungewöhnlich hochgewachsener, kräftiger Mensch von 18 bis 19 Jahren. Sein Gesicht war ein wohlgeformtes, er hatte schöne große schwarze Augen, das lange, glänzende, gleichfalls schwarze Haar, ringelte sich in reichen Locken unter einer allerdings zerlumpten Mütze hervor, über die frischen, roten Lippen wölbte .sich ein von der Hand des Barbiers noch unberührter kleiner Schnurrbart, und wenn er jene öffnete, zeigten sich zwei so herrliche Zahnreihen, daß wenn ein Tausch möglich, manche reiche alternde Dame dem jungen Menschen für diese, nebst ihrem lädierten Gebisse gerne ein -kleines Vermögen geboten hätte. Selbst, die außerordentliche Dürftigkeit seiner Kleidung konnte den angenehmen Eindruck, den seine anjnutsvolle Persönlichkeit hervorrief, nicht verwischen. Er trug einen leinenen Kittel, dessen ehemalige Farbe jetzt schwer erkennbar war, und hätten sich selbst gewiegte Kenner abgetragener Kleider mit scheinbar gleich hohem Grade von Berechtigung eben so gut für grün als für Mau auszusprechen vermocht. Der Mütze haben wir schon gedacht, und durch das ihr erteilte wenig schmeichelhafte Prädikat, das wir ihr beilegten, unsere Ansicht über diese rückhaltlos und unumwunden ausgesprochen. Wenn wir nun noch wahrheitsgemäß mitteilen, daß die grauen Tuch- Beinkleider, die in ihren guten Tagen keine unbedeutende Rolle spielen mochten, jetzt schon ganz verschossen und unten hochgradig zerfranst waren — daß bei den Stiefeln der Zusammenhang zwischen Ober- und Sohlenleder ein so loser war, daß die Fußzehen, wenn auch bescheiedn und schüchtern, hervortraten, — endlich das Ränzchen am Rücken von erschreckender Magerkeit war; so haben wir alles getan, was man billig von einem gewissenhaften Erzähler zu fordern berechtigt ist, und können es nun beruhigt dem geehrten phantasievollen Leser überlassen, sich das äußere Bild des Handwerksburschen richtig herzustellen. Der junge Mensch schien ermüdet, er ging, sich auf seinen Stecken stützend, immer langsamer, endlich blieb er stehen und warf sich auf ein Fleckchen Gras, das am Wege unter einem Baume wucherte. Er war längere Zeit nachdenkend traurig dagesessen, endlich machte er seinen Gedanken in Worten Luft: „Müde bin ich, Hunger und Durst habe ich ganz genug, nur Geld habe ich zu wenig;" er zog ein kleines Lederbeutelchen aus der Tasche, schüttete dessen Inhalt auf den Ranzen, den er neben sich niedergelegt hatte, und nahm die äußerst einfache, wenig zeitraubende Cassa-Revision vor. Sein Barschatz belief sich auf nicht mehr als einundzwanzig Kreuzer! „Einundzwanzig Kreuzer!" meinte er kopfschüttelnd, als wenn er jetzt erst durch die allzu- *) Die Erzählung aus der Geburtszeit der Emanzipation aus der Feder des bekannten Verfassers des „Gabriel", die zum erstenmal im Jahre 1880 erschienen ist, gewinnt heute in mancher Beziehung von Neuem Aktualität. bescheidene Mäßigkeit seines Fonds überrascht würde. „Das steht in keinem Verhältnis zu meinem kapitalen Hunger! Gesteh' dies nur ganz ohne Scheu, mein lieber Naftali Löwi, — Du bist kein glücklicher Mensch. Mein würdiger Vater hat für mich keine glückliche Standeswahl getroffen, er hätte den Rat des guten Herrn Pfarrers, mich ein Handwerk lernen, mich Buchbinder werden zu lassen, nicht befolgen sollen. Jetzt bin ich in der miserabelsten Lage. Neun Monate wandere ich schon und habe noch keinen Meister gefunden, — der einen jüdischen Gesellen aufnehmen möchte. Buchbinder sein, wäre recht, mein G'tt! Es muß ja auch Buchbinder geben; — aber Buchbinder und Jude zugleich sein — das ist für einen Menschen zu viel; das sind zwei einander widerstrebende Elemente, — Bei siebenzehn Meistern habe ich angefragt, fünfzehn haben geradezu erklärt, daß sie keinen Juden aufnehmen, der sechszehnte hat den Toleranten gespielt, gesagt, er für seine Person möchte sich nichts daraus machen; aber seine Gesellen möchten um keinen Preis mit einem „Hebräer", wie er sich ausdrückte, in einer Werkstatt sitzen; — der allerletzte, ein armer Teufel, der keinen Gesellen, nicht einmal einen Lehrjungen hatte, der schien nicht abgeneigt, mich aufzunehmen; aber als er hörte, daß ich Samstag nicht, dafür aber Sonntag doppelt arbeiten will, hatte ich alle Gunst bei ihm verloren ... Es geht eben nicht! Ich will noch den einen Versuch machen, mich nach Bayern, nach Sulzbach, durchzuschlagen, dort soll ein jüdischer Buchbinder sein; —■ tut mir der liebe Herrg'tt das große Wunder, daß ich unverhungert dort anlange, und der jüdische Meister mich aufnimmt, will ich Buchbinder bleiben, — wenn aber nicht — werde ich wohl nie mehr ein Buch in die Hand nehmen; höchstens eines zu lesen, wie da meinen Tröster, den Virgil, dessen Bukolika ich stets bei mir trage, und an dessen Lektüre ich mich zu erheitern trachte, wenn ich mit meinen traurigen Gedanken allein nicht fertig werden kann! — Versuchen wir auch seine Kraft!" So sprechend hatte der junge Mann aus der Brusttasche seines Staubhemdes ein abgerissenes Büchlein herausgezogen, legte den Kopf vom Arme unterstützt auf den Ranzen, versuchte es, sich in eine möglichst angenehme Lage zu bringen, und wollte zu lesen beginnen, als er in seinem Vorhaben gehindert wurde; er fühlte eine Hand an seiner Schulter, und als er überrascht in die Höhe sprang, erblickte er einen Mann, der hinter dem Baume stehend, sein Selbstgespräch belauscht hatte. Naftali Löwi schämte sich, seine geheimen Gedanken in einer, wie er glaubte, so kindischen Weise, vor einem Fremden, ganz Unbekannten preisgegeben zu haben. — Die hohe Purpurröte, die sein Gesicht überflutete, stand diesem ganz gut, und er murmelte beschämt: „Ich habe die dumme Gewohnheit, wenn ich allein bin, laut zu sprechen, das kommt daher, weil ich schon lange ganz allein in der Fremde herumirre und keinen Freund, keinen Bekannten gefunden habe; — es liegt in der Menschennatur, sich auszusprechen; — und wenn man tagelang allein geht und gar niemanden findet, dem man sein Leid klagen kann, so tut man es endlich vor sich selber — „es gewährt das doch eine kleine Erleichterung." „Sie haben in der Tat nichts gesprochen, dessen Sie sich zu schämen hätten," entgegnete der Fremde freundlich. Der Klang der Stimme berührte den jungen Menschen eben so angenehm, als die ungewöhnlich höfliche Sprachweise des Fremden. Er hatte ihn „Sie" angesprochen, ihn, einen armen zerlumpten Handwerksburschen, den jeder Meister „Du", alle Welt sogar „Er" anredete; diese überraschende Höflichkeit mußte er doch wohl nur seiner Bekanntschaft mit Virgil zu danken haben! Er betrachtete den Fremden etwas genauer. Es war dies ein Mann in der zweiten Hälfte der Dreißig stehend, in einer anständigen Kleidung, wie sie etwa ein reicher Bürger jener Zeit trug. Er war mittlerer Größe) in seinem regelmäßig gebildeten Antlitz, mochten wohl vor allem die großen herrlichen blauen Augen und eine hohe gewölbte Stirne auffallen, von den frischen, etwas starken Lippen, trat die untere etwa um eine Linie hervor; er war, wie dies damals allgemein Sitte war, ganz glatt rasiert, sein Haar gepudert, und er trug einen Haarbeutel; an der einen behandschuhten Hand hielt er einen Stock, auf den er sich stützte; die linke war bloß, und der Wandersbursche, ein scharfer Beobachter, bemerkte, daß diese ungewöhnlich weiß, schmal, wie man sich in neuerer Zeit auszudrücken pflegt, eine „aristokratische" war. — Es war eine kleine Pause eingetreten, unwillkürlich strich sich der Wandersbursche das reiche, widerspenstige Haar unter seiner Mütze zurecht, strich sieh den Staub und das anklebende Erdreich von seinen dürftigen Kleidern; als wolle er es versuchen, sich anständig zu präsentieren; dann schob er beschämt und von neuem errötend, den Virgil, dessen Besitz dem armen, wandernden Buchbindergesellen in dem Momente als Ueberhebung erschien, in die Brusttasche. „Sie sind, wenn ich recht gehört habe, Buchbinder, nicht wahr?" begann der Fremde von neuem und als der Bursche bejahend nickte, fuhr jener lächelnd fort: „dann stehen wir uns ja nicht gar so ferne. Ich bin eigentlich auch ein Buchbinder . . ." Der Geselle ward außerordentlich angenehm überrascht; er hatte, wie wir aus seinem Selbstgespräche erfahren, außer seinem Lehrmeister noch siebzehn andere Buchbinder, diese allerdings nicht von der schönsten Seite kennen gelernt; — aber keiner hatte einen so günstigen Eindruck auf ihn gemacht als dieser, der ihm in der halben* Wildnis urplötzlich herabgeschneit kam. Damals herrschte in allem strenge, militärische Disziplin; Strenge war die Signatur jener Zeit, ein Geselle hatte auch vor einem fremden Meister seines Gewerbes Respekt, und Naftali Löwi richtete sich in strammer Haltung empor und nahm neuerdings seine Mütze vom Kopfe, diese nun fortwährend in der Hand haltend. „Herr Meister!" sprach er und seine Stimme zitterte vor Erregung, „ich suche neun Monate lang einen Platz und kann keinen finden — offen gesprochen, weil ich ein Jude bin . . - eben kurz vorher, bevor ich Ihrer, Herr Meister, ansichtig wurde, dachte ich daran, daß ich wohl mein Metier werde aufgeben müssen . . . Sie lieber Herr! sehen mir gar nicht danach aus, daß Sie einen arbeitsamen, fleißigen Menschen, der Ihnen gerne treu und redlich dienen möchte, aus dem Grunde zurückweisen, weil er ein Jude ist, . . . nehmen Sie mich in Ihre Werkstatt auf, lieber Herr! Ich gelobe es Ihnen, Sie werden mit mir recht zufrieden sein, ich verlange nicht, gar nichts als einen ganz geringen Lohn; mit Kost werd' ich mich schon allein versorgen . . . ja, noch eins, lieber Herr Meister, damit ichs gleich frei heraussag' und mir dadurch spätere Verdrießlichkeiten erspar': — ich halte fest an meinem Glauben, — das sag' ich Ihnen gleich, werter Herr Meister, am Samstag arbeit' ich nicht, dagegen will ich gerne am Sonntag um ein paar Stunden noch länger arbeiten, — da kommt doch der Herr Meister nicht zu Schaden!" Der Handwerksbursche richtete sein brennendes feuriges Auge erwartungsvoll auf die Züge des freundlichen Fremden, Dieser lächelte. „Sie haben vollkommen recht," sprach er, „ich verabscheue die Intoleranz, sie ist nur eine Tochter der Roheit und

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