Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1934)
- Date
- 1934-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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12. Juli 1934 Der Israelit Nr. 28 Seite 9 zügige jüdische Kolonisation in Cypern durch den aus Deutschland stammenden Plantagenbesitzer Dr. Brünn, der mehrere Jahre in Palästina gelebt hat und Orangengärten in Chedera besitzt, ausgearbeitet. Die Behörden in Cypern haben Erleichterungen für die Durchführung jüdischer Siedlungsarbeit zugesagt. Jüdische Einwanderung größeren Maßstabes wird von den Behörden angeblich als durchaus erwünscht bezeichnet. In Cypern wurden bereits erhebliche Kapitalien zur Anlage von Pflanzungen investiert. Tel Awiwer Brief. Tel A w i w , 6. Juli. Das Friedhofswesen bedeutet bei den jüdischen Großgemeinden in der Regel eine wichtige Einnahmequelle. Doch das Budget und der Bericht der Tel Awiwer Kehillah', der die heute fast 100 000 Juden Tel Awiws angehören, weiß nichts vom Tode. Der Friedhof gehört der Stadt, wie es bei einer rein jüdischen Stadt auch nicht zu verwundern ist. Merkwürdig erscheint aber das Fehlen der Synagogen in* den Berichten des stattlichen Heftes, das die Kehilla zum ersten Male ihren Mitgliedern vorlegt, trotzdem es natürlich genug Synagogen gibt. Große und mittlere Synagogen werden nur wenige in Tel Awiw gezählt, dagegen mehr als fünfzig kleine und Betstuben. Also auch in den Synagogen hat die Kehillah kein Bestimmungsrecht, denn diese haben ihre Selbstverwaltung, Am erstaunlichsten ist aber die Vernachlässigung der wichtigsten! Aufgabe einer Kehillah, des Lehrens des Judentums. Von den 15.662 Lst. Ausgaben des vorigen Jahres gehören unter dem Titel „Beiträge für Erziehungs- und Kulturorganisationen" nur 182 Lst. — und auch diese nicht ganz — in diesen Rahmen (5 Jeschiwoth, 4 Talmud Thora- Schulen, 5 andere Schulen, 5 Jugendvereinen und 4 Kulturinstitutionen wie das Theater „Habimah", die Gesellschaft zur Erforschung Altpalästinas usw.). Das heißt eine Subvention von durchschnittlich 7J4 Lsts. das Jahr. Also auch das Wohl und Wehe der 5 Jeschiwoth mit ihren 136 Bachurim, der Talmud-Thoras usw. hängt von der Privatinitiative ab, — und man braucht sich nicht zu wundern, wenn in dem wirtschaftlich bedeutenden Tel Awiw Lehrer und Schüler der Jeschiwoth ein Hungerleben führen und die Talmud-Thoras usw. aus materiellem Mangel ihre Aufgaben nur teilweise erfüllen können. Wohl besteht unter Leitung eines Rabbiners eine besondere Abteilung für religiöse Angelegenheiten und Erziehungsfragen, jedoch bewegen sich die finanziellen Möglichkeiten dieser Abteilung innerhalb sehr enger Grenzen. Diese Tatsache wirft ihr Licht auf die Budgeteingriffe des Waad Leumi bezw. der Kneseth Jisrael mit ihrer nur nationalen Mehrheit. Außer den angeführten 182 Lst. rechnen sich noch 200 Lst. für Eruw, Maaßer, Trumah, Mikwoth, Synagogen zu dieser Abteilung. Nun wird dreiviertel der Schulkinder in religionslosen Schulen erzogen. Tenach bedeutet hier nur Geschichte und Literatur, aber nicht das verpflichtende Wort G'ttes. Sollte hier nicht für die Kehillah die Lösung ihrer größten Aufgabe gegeben sein? Es soll hier kein abschließendes Urteil gegeben werden. Diese neueste, aber interessanteste aller jüdischen Großgemeinden befindet sich sicherlich auch heute noch im Stadium ihrer Schöpfung; und viel Ungeklärtes wogt noch in ihr. Trotzdem möchte man mehr Kraft und mehr Richtung spüren. Auch möchte man Subventionen wie die an das Friedensgericht, da dieses sich nicht dem talmudischen Recht unterstellt und die Kehillah die Wahrerin des talmudischen Rechtes sein soll, vermieden sehen. Nunmehr sei vom Positiven der Kehillah gesprochen. Die Kräfte des Räbbinats werden neben der Ueberwachung des Kaschruth (Schechitah 10.111 Lst. Einnahmen, 3660 Lst. Ausgaben) hauptsächlich in seiner richterlichen Funktion als B e t h - D i n in Anspruch genommen. Im vergangenen Jahre schlichtete es 473 Rechtsangelegenheiten, brachte 385 Fälle zum Urteil, vollzog 913 Trauungen und 242 Ehescheidungen. Bemerkenswert ist die Tätigkeit der Kehillah in nationaler und sozialer Hinsicht. Die Abteilung für Einwanderung gab täglich eine Fülle Informationen und bearbeitete und leitete an die Regierung 820. Gesuche wegen Verwandte und Kapitalisten. Auch stand ihr Anwalt denjenigen, die Schwierigkeiten wegen weiteren Aufenthalts hatten, hilfreich zur Seite. Die Abteilung Einbürgerung erledigte 376 Gesuche um die palästinensische Staatsbürgerschaft. Die Armenabteilung verausgabte 6395 Lst. In ihrer Herberge fanden 12 025 Uebernachtungen statt. Die soziale Hilfe vermittelte Arbeitsbeschaffung, gewährte ärztliche Erleichterungen, Rechtshilfe und Darlehen. Die konstruktive Bank verlieh 411 Personen in Summa 3560 Lst. zur Erleichterung des Existenzaufbaus. Mehr statistisches Material hinsichtlich des religiösen Lebens wäre wünschenswert gewesen. So hat die Mikwah 495 Lst. eingenommen. Diese Zahl läßt aber noch nicht folgern, wieviele Frauen diese Institution, die eine Grundlage der jüdischen Ehereinheit bedeutet, schätzungsweise benutzt haben. Stimmt die Behauptung, daß 75 Proz. der Frauen Tel Awiws die Mikwah nicht benutzen, oder ist die Zahl zu hoch gegriffen? Wieviel Sitzplätze haben die gesamten Minjanim in Tel Awiw? Aus ihrer Summe plus. 50 Proz, ließe sich schätzen, wieviel Tel Awiwer selbst am Jomkippur eine Synagoge nicht besuchen, 90 Lst. hatte die Kehillah dem Verein „Waisenhilfe" subventioniert. Wieviel Waisen betreut der Verein, wieviel hat er mangels Mitteln nicht in Obhut genommen? Unterhält das Rabbinat irgend welche Beziehungen zu den Waisen? Welchen Einfluß hat oder übt das Rabbinat auf die jüdisch-gesetzliche Führung des städtischen Krankenhauses? Man sieht also, daß wichtige Fragen in dem Bericht der Kehillah noch beantwortet werden müßten. Jaffaer Hafenarbeiter gegen Einschränkung der Ausbootung in Jaffa. Jaffa, 8, Juli. Die Jaffaer Träger und Dockarbeiter haben sich an den Distriktskommissar von Jaffa mit einer Beschwerde über die vor kurzem vom Einwanderungsamt der Palästinaregierung verfügte Einschränkung der Ausbootung im Hafen von Jaffa gewandt. Das Einwanderungsamt hatte angeordnet, daß in Zukunft jüdische Einwanderer, die die dritte und vierte Schiffsklasse benutzen, zwecks Zentralisierung der Visum- Kontrolle nicht mehr in Jaffa, sondern in Haifa an Land gehen sollen. Dadurch fühlen sich die Bootsleute und Träger des Jaffaer Hafens schwer geschädigt, sie drohen mit Streik, falls man die Ausbootung jüdischer Einwanderer in Jaffa nicht wie bisher zulassen sollte. In derselben Sache hat sich auch der Lloyd Triestino an den Distrikts-Kommissar gewandt. Aus der Forderung der Hafenarbeiter ist zu ersehen, daß die Interessen der arbeitenden arabischen Bevölkerung durchaus im Widerspruch stehen zu den von politisierenden Dilettanten erhobenen Forderungen nach Einschränkung oder Einstellung der jüdischen Einwanderung. Amerika. Mendel Beilis gestorben. 'New York, 8. Juli. In New York ist der aus dem ,,Ritualmord-Prozeß" im Jahre 1913 bekannte Menachem Mendel Beilis am 8. Juli gestorben. Obwohl durch die Ermittlungen der Kiewer Kriminalpolizei festgestellt worden war, daß die Ermordung des 13 jährigen Knaben Andrej Juschtschinski, um die der Prozeß ging, von einer Diebesbande begangen worden war, die unter der Führung einer gewissen Vera Tscheberiak stand, kam es auf unbeglaubigte Aussagen hin und unter dem Druck der antisemitischen Presse in Petersburg und Kiew, die unter allen Umständen einen Ritualmordfall konstruieren wollten, zur Verhaftung des damals als Wächter eines'Ziegellagers beschäftigten 37 jährigen Beilis. ' Der Justizminister Schtscheglowit o w, der Mitglied einer antisemitischen reaktionären Organisation war, griff mehrfach in das schwebende Verfahren ein. Gegen die vom Gericht eingeholten Gutachten, die von Vertretern der europäischen Wissenschaft geprüft und verworfen worden waren, nahm u. a. auch Prof. Hermann L. Strack öffentlich Stellung. Die im Prozeß vernommenen Sachverständigen widerlegten ebenfalls diese Gutachten. Der Prozeß rief in allen Ländern Europas und Amerikas eine Protestbewegung hervor. Beilis wurde von dem zu drei Vierteln aus Bauern bestehenden Geschworenengericht freigesprochen. Beilis, der nach seinem Freispruch Rußland verließ, hat im Jahre 1925 in New York die Geschichte seiner Leiden veröffentlicht. Die Beisetzung von Thorarollen. New York, 6. Juli. Ueber tausend Menschen sah man in Brooklyn bei sengender Hitze hinter einer schwarzbehangenen Bahre dahergehen. In der Bahre lagen nicht die sterblichen Reste eines Menschenbruders, sondern die Fetzen und Aschehäuflein verbrannter Thorarollen. Sieben heilige Rollen wurden bei einer Feuersbrunst in Brooklyn, die in der Ohew Schalom- Schul ausbrach, verbrannt, und nun brachte man die heiligen Reste auf dem Friedhof zur letzten Bergung. In der Schul ging eine Trauerfeier voraus. Der Thoraschrein stand auf und zeigte öde Leere, denn sein ganzer heiliger Inhalt war ausgebrannt. Die Reste lagen, in schwarze Tücher eingehüllt, auf der Bahre vor der heiligen Lade. Mehrere Rabbiner hielten ergreifende Trauerreden, die von lautem Schluchzen der Gemeinde begleitet waren, Appell zu harmonischem Zusammenleben der Konfessionen. Boston, 3. Juli, Anläßlich seines 50jährigen Priester-Jubiläums hielt Kardinal William O ' b o n n e 11, der höchste katholische Geistliche der Vereinigten Staaten, eine Rundfunkansprache, in der er an die „Gläubigen aller Konfessionen, an Katholiken, Juden, Protestanten und die Angehörigen der übrigen Bekenntnisse" den Appell richtete, in Harmonie zusammen zu leben und „die Vaterschaft G'ttes und die Brüderschaft der Menschen" zu proklamieren. Die christliche Welt, erklärte der Kardinal, dürfe nie vergessen, daß das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist, und daß das jüdische Volk dasjenige gewesen ist, von dem die ganze Welt jene großen Gebote übernommen hat, die Moses empfing. Sprechsaal. Krankenversorgung in Palästina. Die verschiedenen Einsendungen zu obigem Artikel veranlassen auch mich, auf eine Unterlassung aufmerksam zu machen. Als alter Landsmann des Herrn Dr. Wallach, den zu kennen und zu schätzen ich schon ca, 40 Jahre das Glück habe, weiß ich, daß ihm jede Lobhudelei zuwider ist, es ihm aber ebenso gegen den Strich geht, wenn man seine treuen Mitarbeiter nicht erwähnt, und zu diesen gehört Herr Jonas Marx, der treue Verwalter des Schaare Zedek-Hospitals seit seiner Gründung, Er stellte nicht nur seine ganze Arbeitskraft dem Spital zur Verfügung, sondern er fühlte sich mit ihm so verwachsen, daß er im Kriege, als kein Geld mehr vom Ausland hereinkommen konnte, sein Vermögen leihweise zur Verfügung stellte und so viel dazu beitrug, das Hospital über diese schweren Zeiten hinwegzubringen. Selbst seine Erholungsreisen benutzte er, um eifrig für sein Institut zu sammeln und er verstand es gut, die Geschäftsleute zu bewegen, Waren, die er für das Hospital benötigte, zu spenden. Wenn er, in seiner Bescheidenheit, auch nie von sich reden machte, so gebührt es sich doch, daß, wenn man Dr. Wallach und das Schaare Zedek-Hospital erwähnt, auch seines treuen Verwalters Jonas Marx zu gedenken, der jetzt leider durch seine Krankheit ans Zimmer gefesselt ist, Jacob Cohen aus Köln, z. Zt. München. Heißes Wasser am Sabbat, Das in Nr. 24 ausgesprochene Verbot, den Warmwasserhahn am Schabbos zu öffnen, dürfte in der dort erwähnten absoluten Form zu weitgehend sein. Es besteht nämlich die Möglichkeit, den Wasserhahn am Schabbos in erlaubter Weise zu öffnen, wenn die Leitung so eingerichtet ist, daß am Freitag vor Beginn des Schabbos d i 3